Cartoon Bénédicte Tablette statt Kuchen quadratisch

Inzwischen gibt es den Wirkstoff auch als Tablette – was die Anzahl der Menschen, die das Medikament ausprobieren möchten, erhöhen wird. © Bénédicte in «24heures»

Wie ein Pharmakonzern bei Übergewichtigen absahnt

Martina Frei /  Es winkt ein Jahresumsatz von 100 Milliarden Dollar. Die PR- und Lobbying-Maschine läuft auf Hochtouren.

«Sie könnten dieses so genannte Wundermittel lieben. Nach ein oder zwei Monaten mit 0,25 Milligramm, der typischen Einstiegsdosis […], werden Sie vielleicht feststellen, dass Ihre Jeans besser passen. Sie werden feststellen, dass alles in Ihrem Kleiderschrank besser passt, und die Waage sagt das auch: Sie haben abgenommen. Ihr Arzt erhöht Ihre Dosis und die Pfunde purzeln weiter. Freunde fragen Sie, was Sie tun. Sogar Ihre Schwiegermutter will es wissen. Nach einem Jahr «Ozempic» erkennen Sie sich vielleicht nicht wieder», beginnt ein Artikel in «The Cut». 

Frohe Botschaften wie diese kursieren seit längerem, auch in den Social Media. Der Hashtag #Ozempic sei über 350-Millionen Mal auf Social Media geteilt worden, schreibt die «Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie». «Ozempic» enthält den Wirkstoff Semaglutid. «Videos zum Thema Gewichtsreduktion durch Semaglutid [wurden] auf dem Videoportal TikTok hunderte Millionen Mal angesehen», berichtete «Der Arzneimittelbrief». Medien zählten Prominente auf, die plötzlich «erschlankten», mutmasslich wegen den «Fett-weg-Spritzen». Der Multimilliardär Elon Musk trug ebenfalls zum Hype bei, als er sein Rezept zum Abnehmen twitterte: «Fasten + Ozempic/Wegovy + kein leckeres Essen in meiner Umgebung.»

«Ozempic» ist zwar einzig für Menschen mit Diabetes zugelassen. Darauf weist auch der Hersteller Novo Nordisk hin – und bewirbt das Medikament massiv, zum Beispiel im US-TV-Spot mit dem eingängigen Refrain «Oh, oh, oh, Ozempic». Dort wird auch betont, dass mit dem Mittel die Pfunde purzelten.

Wie Novo Nordisk den Absatz fördert

Elf Millionen Dollar gab Novo Nordisk allein letztes Jahr in den USA für Marketing aus, um Ärzte mit 457’000 Mahlzeiten zu bewirten und an Fortbildungen zu den Abnehmmedikamenten reisen zu lassen. Fast 12’000 Medizinerinnen und Mediziner wurden sogar mehr als ein Dutzend Mal eingeladen, fand «Stat News» heraus. Der laut dem «arznei-telegramm» «auch durch PR-Aktivitäten des Anbieters Novo Nordisk selbst beförderte ‹Hype› um die ‹Abnehmspritze›» zeigte Wirkung: Die Semaglutid-Spritzen wurden knapp.

Seit April 2022 bestehen weltweit Lieferunterbrüche beim Diabetes-Medikament «Ozempic», weil es «off-label» Tausenden von übergewichtigen Menschen zum Abnehmen rezeptiert und als «Lifestyle»-Medikament angepriesen wird. In den USA wurde kürzlich ein Arzt erwischt, der über 30’000 Rezepte dafür ausgestellt hatte.

Im Juli 2023 appellierte die britische Regierung dringend an die medizinischen Fachpersonen im Land: Sie sollten aufhören, übergewichtigen Menschen die «Abnehmspritzen» zu verordnen, weil diese Medikamente vorrangig die Menschen mit Diabetes Typ 2 bräuchten. Schon im Mai 2022 hatte die australische Arzneimittelbehörde TGA eine ähnliche Botschaft an die dortigen Mediziner gesandt. Auch dort kam es zu monatelangen Lieferunterbrüchen, die noch bis Ende 2023 andauern werden. Bereits kursiert illegales «Fake-Ozempic» auf dem Schwarzmarkt.

Dänemark hängt am Tropf des Herstellers

Inzwischen hängt sogar Dänemarks Wirtschaft von Semaglutid und dessen Hersteller Novo Nordisk ab: Zwei Drittel des dänischen Wirtschaftswachstums letztes Jahr waren der pharmazeutischen Industrie dort zu verdanken, berichtete jüngst die «New York Times». Keine andere Firma zahlt in Dänemark derzeit so viel Steuern wie Novo Nordisk. Laut «CNBC» könnte die Pharmafirma den Luxusproduktehersteller LVHM als wertvollsten Konzern in Europa ablösen. 

Der «New York Times» zufolge sorgen sich bereits einige Ökonomen, dass Dänemark ähnlich abhängig von Novo Nordisk werden könne wie einst Finnland von Nokia. Falls die Konkurrenz Novo Nordisk als Marktführer verdränge, könnte dies das ganze Land mit in den Abgrund reissen, so die Befürchtung. 

Starke Zunahme von Semaglutid-Verordnungen in der Schweiz

Die Krankenversicherung «Helsana» gibt jährlich einen Arzneimittelreport für die Schweiz heraus. Seit der Einführung des Wirkstoffs im Jahr 2018 beliefen sich die Gesamtkosten für Semaglutid gemäss der Helsana-Hochrechnung bis Ende 2021 auf 99’184’412 Franken.

Im Report für das Jahr 2021 stand: «Bei den Diabetesmedikamenten gab es eine Kostensteigerung um +7,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Medikament mit den höchsten Kosten in dieser Gruppe war Semaglutid.» Im Report 2022 hiess es fast identisch: «Bei den Diabetesmedikamenten gab es eine Kostensteigerung um +7.0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Medikament mit den höchsten Kosten in dieser Gruppe war Semaglutid.»

Arzneimittelreport des JahresKosten für Semaglutid pro Jahr in FrankenUmsatzsteigerung gegenüber dem VorjahrAnzahl der Bezüge
20181’286’9416838
201915’718’930über 1000 Prozent, entspricht
mehr als 14 Millionen Franken
80’878
202029’251’944über 85 Prozent, entspricht
mehr als 13 Millionen Franken
162’857
202151’651’192über 70 Prozent, entspricht
mehr als 21 Millionen Franken
nicht angegeben
Hochrechnungen für die Schweiz. Quelle: Arzneimittelreports der Helsana

Anfangs wurde gespottet

Die Geschichte der Abnehmspritzen begann 2005. Damals wurden in den USA die ersten, sogenannten GLP-1-Imitatoren gegen Diabetes zugelassen. Sie imitieren ein körpereigenes Hormon namens GLP-1. 

GLP-1 wird im Magen-Darm-Trakt gebildet und immer dann abgegeben, wenn dort Nahrung eintrifft. Es senkt den Blutzucker, bremst den Appetit, verzögert die Magenentleerung und führt so zu einem länger andauernden Völlegefühl. Die GLP-1-Imitatoren sind chemisch allerdings so verändert, dass ihre Wirkung viel länger anhält als jene des körpereigenen Hormons. 

Nebst der Blutzuckersenkung bewirkten die GLP-1-Imitatoren einen leichten Gewichtsverlust von einigen Kilos. Böse Zungen spotteten damals, das liege wohl vor allem daran, dass vielen Behandelten so übel von diesen Medikamenten werde, dass sie weniger essen. Diese Nebenwirkung tritt bei den GLP-1-Imitatoren sehr häufig auf.

2008 brachte Novo Nordisk den GLP-1-Wirkstoff Liraglutid gegen Diabetes auf den Markt. Die dänische Firma konzentrierte sich bis dahin ganz überwiegend auf die Behandlung von Menschen mit Diabetes. 

Eine Erfolgsgeschichte für den Hersteller

Das änderte sich 2015, als Novo Nordisk den gleichen Wirkstoff unter dem Namen «Saxenda» ein zweites Mal lancierte, nun aber in höherer Dosis und für dicke Menschen zum Abnehmen. Damit eröffnete sich ein noch grösserer Markt.

Ein Nachteil dieses Wirkstoffs: Er muss täglich unter die Haut gespritzt werden. Dieses Manko behob Novo Nordisk 2018: Unter dem Markennamen «Ozempic» vertreibt die Firma seither Semaglutid, das nur einmal pro Woche gespritzt wird – ein grosser Vorteil. 

Kurz danach gesellte sich ein weiteres Plus hinzu: Bei Patienten mit Diabetes und Schäden an den Arterien – einer häufigen Begleiterkrankung – kam es bei Behandlung mit Semaglutid zu weniger Schlaganfällen. Doch wegen der Nebenwirkungen sprach der deutsche «Gemeinsame Bundesausschuss», der für die Krankenkassen Medikamente bewertet, Semaglutid 2019 nur einen geringen Zusatznutzen zu.

Rund 15 Prozent leichter geworden

Im Jahr 2021 stellte sich heraus, dass auch «Ozempic», wenn man es etwas höher dosiert als bei Diabetes, übergewichtigen Menschen beim Abnehmen hilft: Nach 68 Wochen hatten die Anwenderinnen und Anwender damit durchschnittlich rund 15 Prozent ihres Körpergewichts verloren. In den Studien sei «Ozempic» damit deutlich wirksamer als andere Mittel zum Abnehmen gewesen, stellte das pharma-kritische «arznei-telegramm» fest.

Daraufhin lancierte Novo Nordisk 2022 «Wegovy». Der Wirkstoff ist derselbe wie bei «Ozempic», wird aber höher dosiert als bei Diabetes und ist speziell für Menschen mit starkem Übergewicht zum Abnehmen zugelassen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA liess diese Spritzen letztes Jahr sogar für Kinder ab zwölf Jahren zu.

Erhebliche Interessenkonflikte

In den britischen Medien fand eine «orchestrierte PR-Kampagne» zu «Wegovy» statt, deckte der «Observer» auf. So lobte beispielsweise der britische Universitätsprofessor Jason Halford «Wegovy» vor einem Millionenpublikum im «BBC»-Radio – erwähnte dort aber nicht, dass er zugleich Präsident der «European Association for the Study of Obesity» ist, die vom «Wegovy»-Hersteller im Verlauf dreier Jahre über 3,6 Millionen britische Pfund erhielt, und dass er Novo Nordisk früher als Berater diente. 

«Das britische Science Media Centre hat sich in dieser Sache auch nicht mit Ruhm bekleckert», schreibt der «Pharma-Brief» und zitiert die Eigenwerbung des «Science Media Centre» (SMC): «Der Öffentlichkeit und Politiker*innen präzise und evidenzbasierte Informationen zu Verfügung stellen.»

Journalisten beliefert das «Science Media Centre» gratis mit Stellungnahmen von Wissenschaftlern, die dann vielerorts in den Medien zitiert werden. Zu «Wegovy» veröffentlichte es «fünf Statements von Wissenschaftler*innen […]. Die meisten kritisierten, dass Semaglutid nur zwei Jahre verschrieben werden darf. Zwei der Befragten gaben Interessenkonflikte mit Novo Nordisk an. Wobei es bei Professor Nick Finer zunächst nur hiess, dass er bis Juli 2022 Angestellter der Firma war. Erst nachdem der Observer nachfragte, ergänzte das SMC zwei Tage später, dass er Chefwissenschaftler von Novo Nordisk war. Da hatte die Tagespresse Finers Aussage, dass Wegovy ein ‹Game Changer› sei, schon gedruckt», so der «Pharma-Brief.

Finer besass laut dem Observer auch Aktien von Novo Nordisk. Der Aktienkurs der Firma stieg in den letzten fünf Jahren um fast 300 Prozent.

Die Geschichte der Medikamente zum Abnehmen verzeichnete schon einige Fehlschläge:

Person mit Übergewicht auf Waage
  • Beim Appetitzügler Fenfluramin stellte sich heraus, dass er zu Lungenhochdruck, Herzklappenfehlern sowie Herzschwäche führen kann. Er wurde 1997 wegen Sicherheitsbedenken vom Markt genommen.
  • Der Appetitzügler Sibutramin führte unter anderem zu Herzrasen und Todesfällen. Er wurde wegen Sicherheitsbedenken 2010 vom Markt genommen.
  • Das Schlankheitsmittel Rimonabant erwies sich als schlafstörend, angststeigernd und depressiv machend, bis hin zum Suizid. Es wurde 2008 vom Markt genommen.
  • Beim Appetitzügler Lorcaserin gab es vor der Zulassung Hinweise, dass er das Krebsrisiko bei Ratten erhöht. Nach der Zulassung in den USA stellte sich heraus, dass dies auch bei Menschen der Fall war. Er wurde 2020 wegen Sicherheitsbedenken vom Markt genommen.

«Ebenso wichtig wie das Ausmass der Gewichtsabnahme ist ihre Nachhaltigkeit und die Langzeitsicherheit einer Intervention», betonte «Der Arzneimittelbrief». 

Durch die Hölle gegangen

Für den Hersteller ist der Wirkstoff Semaglutid eine Goldgrube. Allein in den USA erfüllt einer Studie zufolge mindestens die Hälfte der Bevölkerung die Kriterien, welche die US-Arzneimittelbehörde vorgab, damit er verordnet werden darf. Laut dem «Pharma-Brief» schätzen Marktanalysen die jährlichen Umsätze mit den neuen Schlankmachern auf 100 Milliarden US-Dollar.

Folgendes geht in dem Hype unter:

  1. Die erfolgreiche Behandlung war in den Studien immer verknüpft mit mehr Bewegung und Kalorienreduktion.
  2. Bisher ist die Wirksamkeit von Semaglutid für eine Dauer von zwei Jahren bewiesen. «Daten zur Nachhaltigkeit der Gewichtsabnahme und zur Langzeitsicherheit von Semaglutid – bekanntlich die Achillesferse aller Medikamente zum Abnehmen – liegen nicht vor», gab «Der Arzneimittelbrief» 2021 zu Bedenken.
  3. Der Effekt verpuffte, sobald das Medikament gestoppt wurde. Die überwiegende Mehrheit der Studienteilnehmenden nahm wieder zu. Ein Jahr nach dem Absetzen hatten sie zwei Drittel des mit Semaglutid erzielten Gewichtsverlusts schon wieder wettgemacht. 
  4. Die Schattenseiten der «Abnehmspritzen» werden nicht oder nur am Rand erwähnt. «Die Verträglichkeit von Semaglutid war mässig: Knapp jede/r Zehnte brach die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. 15 Prozent klagten während der gesamten Behandlungsdauer über Übelkeit». Das berichtete «Der Arzneimittelbrief» 2021. Um diese Nebenwirkung zu mildern, wird Semaglutid schrittweise bis zur Maximaldosis gesteigert.  
    Zu den schwerwiegenden Nebenwirkungen gehören laut dem «arznei-telegramm» Schäden an der Augennetzhaut, Kopfschmerzen, Haarausfall, Fatigue, selten auch Bauchspeicheldrüsenentzündung, Unterzuckerung, schwere Magen-Darm-Störungen mit Magenlähmung, möglicherweise auch erhöhte Suizidalität oder bestimmte Tumoren. Zudem sei «eine relevante Verbesserung der Lebensqualität nicht belegt.» Das Fazit des pharma-unabhängigen Ärzteblatts: «Derzeit reichen die Daten zu Nutzen und Sicherheit [für Semaglutid zur Gewichtsabnahme] unseres Erachtens für eine Empfehlung nicht aus.»
    «The Cut» berichtet von einer 42-Jährigen in New York, deren Arzt sie vor der Behandlung mit Semaglutid gewarnt habe: «Es wird kein Spass werden.» Was dann folgte, sei die Hölle gewesen. Innerhalb einer Woche «hatte ich keine Energie, ständige Übelkeit und das, was ich Power-Kotzen nenne», schilderte sie den Verlauf – und bat ihren Arzt dennoch um die nächsthöhere Dosis. Als alles noch schlimmer wurde, brach sie die Behandlung ab.
  5. Der Preis, den das «arznei-telegramm» für «völlig inakzeptabel» hält. 3925 Euro koste eine Jahresdosis «Wegovy» in Deutschland, rechnet es vor. Das sei doppelt so teuer wie gleich dosierte «Ozempic»-Spritzen mit demselben Wirkstoff – ist aber immer noch ein Schnäppchen im Vergleich zum Preis in den USA: Laut «Politico» können die «Ozempic»-Spritzen für Selbstzahlende dort etwa 16’000 Dollar jährlich kosten.

Tabletten statt Spritzen werden «noch viel mehr Menschen erreichen»

Novo Nordisk macht unterdessen vorwärts. Der neueste Coup des dänischen Pharmaherstellers ist «Rybelsus» – Semaglutid als Tablette anstelle der Spritze. 

Bisher ist «Rybelsus» nur für Menschen mit Diabetes zugelassen, doch wer den bisherigen Verlauf kennt, ahnt, was nun kommt: Am Kongress der US-amerikanischen Diabetes-Vereinigung (ADA) im Juni 2023 wurden Studienergebnisse mit höherer Dosis bei Übergewichtigen präsentiert: «17 Prozent Gewichtsverlust, das ist viel mehr als das, was derzeit kommerziell erhältlich ist», kommentierte der wissenschaftliche Leiter des Kongresses, Robert Gabbay, in der US-Ärztezeitung «Jama». Es gebe viele Menschen, die sich mit den Spritzen nicht anfreunden könnten, sagte Gabbay. In Tablettenform dagegen könne Semaglutid «viel mehr Menschen erreichen.» 

«The Washington Post» veröffentlichte kürzlich eine Grafik, die das Wachstum der neuen «Fett-weg-Medikamente» bei Menschen ohne Diabetes in den USA eindrücklich zeigt: 

Grafik Verordnungen GLP-1-Analoga in den USA an Nicht-Diabetiker
Die Anzahl der Verordnungen von neuen Medikamenten zum Abnehmen, die Menschen ohne Diabetes in der USA ausgestellt wurden, überstieg letztes Jahr die Fünf-Millionen-Grenze. Die drei Medikamente von Novo Nordisk verzeichneten enormen Zuwachs. «Mounjaro» (Hersteller Eli Lilly) kam 2022 neu dazu. Es enthält den Wirkstoff Tirzepatid.

Im August 2023 gab Novo Nordisk in einer Pressemitteilung bekannt, dass Semaglutid auch bei übergewichtigen Menschen mit Herzgefässerkrankungen das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle um 20 Prozent senke. Absolute Zahlen nannte der Hersteller in der Pressemitteilung aber nicht. Sollte sich diese Meldung bestätigen, wäre dies ein weiteres Plus – auch bei den Kostenverhandlungen mit den Krankenversicherern.

Lobbying bei der US-Regierung

In den USA lobbyiert Novo Nordisk derzeit dafür, dass die staatliche Krankenversicherung Medicare für Senioren die Abnehmspritzen für übergewichtige Menschen bezahlen soll. 4,6 Millionen US-Dollar liess der Konzern sich die Lobbyarbeit letztes Jahr kosten, 1,3 Millionen Dollar in den ersten drei Monaten 2023, berichtete «Politico». Sechs Firmen würden sich im Auftrag von Novo Nordisk für das Lobbying bei der US-Regierung einsetzen. Würden sich die 41 Prozent der stark übergewichtigen über 60-Jährigen mit der Abnehmspritze behandeln lassen, kostete dies laut einer US-Studie fast 27 Milliarden Dollar zusätzlich. In Grossbritannien leben laut dem «British Journal of General Practice» 15 Millionen Menschen, die für eine Behandlung mit einem GLP-1-Imitator in Fragen kämen. Bei einer Behandlungsdauer von zwei Jahren ergäbe das Kosten von etwa 45 Millionen britischen Pfund.

Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. 

Schnappatmung im Kongressaal

Denn auch die Konkurrenz möchte einen Teil des Kuchens. Am besagten Kongress der ADA gaben nebst Novo Nordisk weitere Firmen ihre Studienergebnisse zu neuen Wirkstoffen zum Abnehmen bekannt. Als die Resultate zum Wirkstoff Retatrudid (Hersteller Eli Lilly) präsentiert wurden, habe es «buchstäblich einen Aufschrei im Saal gegeben», berichtete Gabbay. 

Fast ein Viertel ihres Körpergewichts verloren die übergewichtigen Studienteilnehmenden, welche die höchste Dosis Retatrutid erhielten. Mit der niedrigsten Dosis wurden sie im Verlauf von 48 Wochen immerhin rund neun Prozent leichter – auch dies ein deutlicher Gewichtsverlust, verglichen mit der Placebogruppe, die nur etwa zwei Prozent ihres Gewichts verlor. 

Retatrutid war aber bloss einer von mehreren neuen Wirkstoffen gegen Übergewicht. Einige davon werden nächstes Jahr bereits auf dem Markt sein, prophezeite Robert Gabbay. Das dürfte dann auch bei Ökonomen, Investoren und Krankenkassen für Schnappatmung sorgen.

Mehr als 700 Millionen Menschen weltweit hungern

Im Juli 2023 veröffentlichten fünf UN-Organisationen einen Bericht zur Ernährungssicherheit. «Demnach sind derzeit rund 735 Millionen Menschen von Hunger betroffen. Multiple Krisen wie die Covid-19 Pandemie, Wetterextreme und Konflikte haben dazu geführt, dass die Zahl seit 2019 um 122 Millionen Menschen gestiegen ist», schreibt das Kinderhilfswerk Unicef auf seiner Website. «Seit 2019 ist die Zahl der Menschen, die mit Hunger konfrontiert sind, von 613 Millionen auf 735 Millionen gestiegen. Dies entspricht einem Anstieg von 122 Millionen Menschen. Während sich in Asien und Lateinamerika Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers beobachten lassen, nahm der Hunger in Westasien, der Karibik und in vor allem Afrika weiter zu. Am verheerendsten ist die Situation nach wie vor auf dem afrikanischen Kontinent: Hier ist jeder fünfte Mensch von Hunger betroffen – mehr als doppelt so viele wie im weltweiten Durchschnitt.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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5 Meinungen

  • am 8.09.2023 um 11:29 Uhr
    Permalink

    Wir leben in einer unglaublichen Pharma-Welt. Dazu auch interessant die Netflix-Serie «Painkiller», die einen Teil der Ursachen der Opioid-Katastrophe in den USA darstellt. Ich denke, es wird gelegentlich dann auch Serien über die Machenschaften von z.B. Pfizer im Rahmen der Covid-Impfungen geben 😉
    Da gibt es sicher noch einiges aufzudecken. Wie kann es sein, dass ein völlig neuartiges Arzneimittel innert Monaten Milliarden von Menschen verimpft wird? Dass andere, konventionelle Impfungen keine Chance hatten, zeitgerecht eingeführt zu werden? Etc. etc. Ich bin froh, wenn Martina Frei am Ball bleibt.

  • am 8.09.2023 um 12:07 Uhr
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    Man muss schon irgendwie krank sein, wenn man Übergewicht als Krankheit betrachtet. Dann wäre ja die Hälfte der US-Bevölkerung krank.

  • am 8.09.2023 um 12:15 Uhr
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    Jetzt wird also dann zweimal verdient. Zuerst mit dem Verkauf von Nahrungsmitteln mit viel zu hohem Kaloriengehalt, zu viel Zucker, Fett etc., oft noch durch den Staat subventioniert wie beim Fleisch oder Zuckerrübenanbau (vom Foodwaste sprechen wir nicht), dann beim Verkauf der Pharmaka zum Abnehmen. Auch hier von der Gemeinschaft «mitgetragen» über höhere Prämien. Das ist Kapitalismus in Reinkultur, was will man mehr….

  • am 8.09.2023 um 14:21 Uhr
    Permalink

    Vielen Dank für dies Informationen. Selber Zuckersüchtig, halte ich trotzdem mein Idealgewicht durch Verzicht auf Essen zwischen mindestens 17h und 8h jeden zweiten Tag. Hunger habe ich nie, jedoch «Gluscht». Ausserdem folge ich den Ratschlägen von Jessie Inchauspé im Buch «Der Glukosetrick», um Glukosespitzen and somit Heisshungerattacken zu vermeiden: Zuerst Ballaststoffe wie Salat und Gemüse essen, Süsses erst am Schluss, Zurückhaltung bei Industrienahrung und süssen Getränken, etwas Essig in Wasser vor einer Mahlzeit, usw.

  • am 10.09.2023 um 12:13 Uhr
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    Die Gewichtszunahme hat mit dem Ungleichgewicht zwischen der Energie-verbrauchenden Bewegung und Kalorieneinnahme zu tun. Unter den (körperlich tätigen) Bauersleuten in meiner Umgebung – Frau oder Mann – ist kein einziger dick im Unterschied zur Bevölkerung der Agglomerationen.

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