Kommentar
kontertext: Dichtestress – Karriere eines üblen Begriffs
Angeblich leiden wir nun alle in diesem Lande wieder an Dichtestress. Die Debatten um die 10-Milionen-Initiative haben begonnen. Oh du lieber Dichtestress, alles ist hin! Wenn Züge, Autobahnen oder Migros-Filialen überfüllt sind, entsteht, so hören wir, als Folge Dichtestress. Wenn die Mieten steigen und die Umweltbelastung zunimmt, so muss Dichtestress als Ursache hinhalten. Der Begriff ist eine Allzweckwaffe, und er ist mächtig. Er mobilisiert heftige, negative Gefühle. Wir wissen sofort: Gefahr droht uns. Und schon glauben wir: Dichte führt zu Stress! Die Sprache suggeriert eine natürliche kausale Verbindung zwischen den beiden. Der Begriff ist auch eine Nebelgranate. Er verdichtet Unzusammenhängendes und Kompliziertes zu einem diffusen Gefühl. Und weil im Nebel niemand klar sieht, kann die SVP für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme die Ausländer, Immigranten und Flüchtlinge als Sündenböcke anbieten.
Getrübte Sicht herrscht allerdings auch bei vielen Gegnern der Initiative. Sie kontern mit der alternativen Nebelgranate «Chaosinitiative», statt stärker als derzeit politische und wirtschaftliche Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme wie z.B. überfüllte Züge, hohe Mieten oder Fachkräftemangel zu propagieren und dadurch etwas Licht ins Halbdunkel zu bringen. Man könnte zusammenfassend sagen: Die Verwendung des berauschenden Wortes Dichtestress macht dicht, hackedicht.
Vorgeschichte
Recht eigentlich zum Zeitgefühl eines jeden Einzelnen sei der Dichtestress durch die Covid-Pandemie geworden, vermutet der Historiker Jakob Odenwald in einem lesenswerten Essay. Haben wir damals nicht alle gelernt, dass körperliche Nähe gefährlich sein kann?
Indes ist der Begriff älter und die dahinterstehende Idee noch älter. Bereits im 18. Jahrhundert warnte der britische Ökonom Thomas Malthus davor, dass das Bevölkerungswachstum irgendwann an die natürlichen Grenzen endlicher Ressourcen stosse. Ihm entgegnete schon Karl Marx, Armut und Arbeitslosigkeit entstünden nicht durch die naturgegebene Begrenztheit der Ressourcen, sondern durch den Kapitalismus, der eine relative Überbevölkerung produziere. Ganz der Meinung von Marx ist der «Adjunct Fellow» der marktliberalen und konzernnahen Denkfabrik Avenir Suisse, Marco Salvi: Die Thesen von Malthus hätten den Markttest nicht bestanden. Die Ressourcen seien eine gesellschaftliche und somit veränderbare Grösse. Wir hätten es eher mit «Dichte ohne Stress» zu tun, so der Titel seines Blogeintrags aus dem Jahre 2014.
Von Ratten und Menschen
Der US-Verhaltensforscher John B. Calhoun hatte an Ratten beobachtet, dass bei anwachsender Population in gegebenem Raum ab einem bestimmten Punkt die soziale Ordnung zusammenbricht. Die Tiere werden aggressiv, Weibchen wollen Weibchen begatten, Eltern fressen ihre Kinder. Seine Beobachtungen wurden vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz aufgegriffen und gingen in die Populärkultur ein. «Die Bevölkerungsbombe» hiess das berühmt gewordene Buch, das der Biologe Paul Ehrlich 1968 veröffentlichte.
In den 70er Jahren kam das Wort Stress dazu. Der deutsche Verhaltensforscher Dietrich von Holst hatte mit Tupajas Versuche zum sozialen Stress durchgeführt. Diese Baumspitzhörnchen sind ausgesprochen ungesellige und unsoziale Eigenbrötler, die Menschen dagegen sind soziale Wesen. Trotzdem wurden, einer konservativen und reaktionären Zeitströmung folgend, die Beobachtungen der Verhaltensforscher schnell aus der Biologie auf Menschen übertragen. Der Begriff Dichtestress erlebte eine erste Hochkonjunktur. 1976 rief der Spiegel den Stress zur «Krankheit des Jahrhunderts» aus. Der Biokybernetiker Frederic Vester gestaltete ein TV-Serie und publizierte das erfolgreiche Sachbuch «Phänomen Stress».
Stress war für Vester zwar durchaus ambivalent, aber er scheute sich nicht vor Verallgemeinerungen und verlangte politische Massnahmen zur Stressminimierung. Er zitierte zustimmend einen Kollegen mit der Aussage: «Irgendwann gibt es für jede Gattung eine Grenze der Dichte» und erzählte dem staunenden Publikum:
«Zu manchen Aspekten des Verkehrsgewühls in unseren Grossstädten zeigt die wimmelnde Ansammlung einer überbevölkerten Mäusepopulation erschreckende Parallelen (…). Automatisch entstehen bei dieser Verkehrsdichte Gruppen von sich beissenden, verknäuelten Tieren, verendende Tiere, struppige, ungepflegte Untergebene und demgegenüber einige wenige vollgefressene der oberen Hierarchie mit glänzendem sauberem Fell.»
Der struppige Untertan gegen den dickbäuchigen Bonzen mit glänzendem Fell – das ist ein starkes, gesellschaftliche Erfahrungen nachhaltig modellierendes Bild. Gelegentlich haben Vesters Erzählungen auch ein Geschmäckle:
«In einigen afrikanischen Nationalparks hatten sich die geschützten Elefantenherden so vermehrt, dass sie drohten, ihr Revier völlig kahl zu fressen und zu verhungern. Die Behörden sahen keine andere Möglichkeit mehr, als selbst die Funktion des fehlenden Dichtestresses zu übernehmen. Sie erlaubten, den Elefantenbestand um die Hälfte zu dezimieren, damit wenigstens der Rest gesunden und überleben konnte.»
Da ist die Schweiz mal Avantgarde
Nach Vester verschwindet der Begriff Dichtestress aus der breiteren Öffentlichkeit, überlebt aber in Traktätchen am rechten Rand des Meinungsspektrums, wo die Vorliebe für biologistische Argumentationen auch hingehört. Ab den 90er Jahren jedoch kommt er mit Macht zurück, und zwar vor allem in der Deutschschweiz. Hier ist das Land mal Avantgarde und leistet Neues: Der Begriff wird mit den «Fremden», den «Ausländerinnen» verbunden und angeschlossen an die Tradition des Überfremdungsdiskurses, die über Schwarzenbach bis in die 30er Jahre zurückreicht. Den Stress verursacht nicht mehr die Vermehrung der eigenen Population, sondern der Import von Menschen. Das Resultat: Fremdenhass.
Als im Jahre 2014 zwei untereinander verwandte Volksinitiativen, die Masseneinwanderungsinitiative (Kontingente für Einwanderung) und die ECOPOP-Initiative «Stopp der Überbevölkerung» (Begrenzung der Zuwanderung auf 0,2% jährlich) zur Abstimmung kommen, steigt die Verbreitung des Wortes massiv an. Es wird auch zum Unwort des Jahres gewählt. Und der Filmer und Publizist Thomas Haemmerli publiziert im Kein&Aber-Verlag das handliche Sammelbändchen: «Der Zug ist voll. Die Schweiz im Dichtestress». Es enthält viele der hier verwendeten Zitate und einige der hier vorgetragenen Überlegungen. Es ist heute noch lesenswert.
Wieder und wieder und wieder
Genauer: es ist heute erst recht wieder lesenswert, denn die SVP lässt ja nicht locker. Sie legte über die Jahre eine einwanderungs- und flüchtlingsfeindliche Initiative nach der anderen vor. Derzeit steht ihre Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» zur Abstimmung an. Sie löst Diskussionen aus, die auch das trübe Wort vom Dichtestress wieder in die Öffentlichkeit spülen, sogar im Infosperber (siehe hier und hier). Nun ist es natürlich richtig, über die – durchaus lösbaren! – gesellschaftlichen Probleme zu diskutieren, die zu den Gefühlen und Einstellungen führen, welche die SVP mit dem Begriff «Dichtestress» synthetisiert und verfälscht. Niemand muss sich mit der dünnen Kampagne der SP zufriedengeben. Aber der Begriff selbst mit seinem biologistischen und rassistischen Erbe taugt nicht. Die Übertragung populationsbiologischer Erkenntnisse auf die menschliche Soziologie ist falsch und wissenschaftlich widerlegt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Ein etwas verwirrender Beitrag mit den Vergleichen. Es geht zur Hauptsache gegen die Bemühungen der SVP, das Einwanderungs-Chaos, die Überwucherung unseres Landes endlich zu regeln, was leider die Politiker*innen nicht verändern wollen – wer profitiert davon? Sie verweigern sogar hartnäckig die Umsetzung der Einwanderung-Initiative mit nicht eben ordentlichem Demokratieverständnis, obwohl in der BV verankert! Die SVP wird des Fremdenhasses bezichtigt, was nicht stimmt. In der Bevölkerung herrscht klar die Meinung vor, dass etwas gemacht werden muss. Leider sind Bundesamt u Behörden nahezu untätig. Es wird seit Kurzem, wahrsch im Hinblick auf die Abstimmung auf div, angebliche Massnahmen hingewiesen, zBsp.: Sonntagsblick, OZ: SEM zu Rückschaffungen «Die Schweiz zählt zu den vollzugsstärksten Staaten Europas» ZE. (wer es glaubt?) Offenbar wird versucht zu vermitteln, dass es gar nicht so schlimm sei? Unser Bevölkerungswachstum seit 75 Jahren ist einzigartig! So soll es weiter gehen?
Dichte generiert Stress. Was nicht heisst, dass es ohne Dichte keinen Stress gibt. Stress heisst Belastung. Wenn die Dichte erhöht wird steigt die Belastung. Immer und überall. Manchmal ist mehr Belastung gut und führt zu neuen Lösungen. Die Folgerung, dass man die Dichte nun beliebig erhöhen könnte führt ab einem gewissen Punkt immer zu Uberlastung. Ich vermute, dass es für das Meiste ein Optimum gibt. Wenn die Ressourcen knapp werden, die Abfälle überhand nehmen und die Kriege zunehmen, dann sind dies Zeichen von Uebernutzung. Umverteilung kann den aktuellen Stress reduzieren aber nicht ursächlich lösen. Nur ‚weniger‘ bringt wirklich ‚freieres Leben‘. – Die ‚wissenschaftlichen Arbeiten‘, die dies widerlegen, möchte ich kennen lernen! Wo finde ich sie?
Die Menschen sind keine Ratten und zeigen andere Dichtestress-Symptome. Man muss nur ein Blick nach Japan werfen, um zu wissen, wie es in der Schweiz bald aussehen wird. Vorallem werden sehr wenig Kinder geboren.
Wollen Sie behaupten der Mensch sei kein Tier? Er ist eines der brutalsten Tiere. Wissenschaftlich leicht zu beweisen.
Wann entsteht eigentlich Dichtestress? Vor 1880 lebten in der Schweiz rund drei Millionen Menschen, also nur ein Drittel der heutigen Bevölkerung. Damals war der vermeintliche «Dichtestress» so groß, dass viele Menschen aus der Schweiz auswanderten. Im Vatikanstaat leben auf einem Quadratkilometer 2200 Menschen, in der Schweiz auf der gleichen Fläche 220, also nur ein Zehntel. Hört man etwas von «Dichtestress» im Vatikanstaat? Obwohl der «Dichtestress» in Monaco, bei 19.124 Einwohner pro Quadratkilometer rund 87 mal größer sein müsste, als in der Schweiz, zieht Monaco immer noch Menschen an. So schlimm kann also der «Dichtestress» in der Schweiz nicht sein.
Diese Orte sind überhaupt nicht Vergleichbar! Also Sie meinen, dass man in der Schweiz problemlos noch einige Millionen unterbringen könnte? Man könnte durchaus in den grösseren Schweizerstätten kleine «Manhattan’s» bauen? So brächte man es auf 20-25Mio Einwohner. In diesem Fall ist unsere, zurzeit laufende «Übervölkerung» ein Sturm im Wasserglas – und sowieso von der bösen SVP?
Wenn «Dichtestress» das Problem ist, dann frage ich mich, warum Menschen gerade dahin ziehen, wo der «Dichtestress» am größten ist, in die Ballungszentren wie München, Berlin, Zürich oder Basel. Eigentlich müssten die Menschen von dort fliehen, wenn sie wirklich unter «Dichtestress» leiden würden.
@Joachim Frenzel-Paal – Sie fragen sich und ich antworte: Praktisch alle wünschen sich ein Haus im Grünen. Deshalb wohnen Millionäre nicht im verdichteten Wohnblock sondern in Villa mit Park ringsum (halten sich den Dichtestress alias Volk auf Abstand). Dass Leute in der Stadt wohnen, dürfte mehr mit Sachzwängen wie Arbeitsplatz und Nähe zu Ladengeschäften und Medizin zu tun haben und weniger mit der Obsession «Bad in der Masse».
Diese Leute, die zu uns kommen, empfinden keinen Dichtestress! Entweder verdienen sie hohe Löhne, vielmehr als zu Hause, oder sie werden bestens mit allem versorgt und können bleiben, trotz abgelehntem Gesuch. Und die Wenigen, die nicht in Ballungszentren ziehen geniessen die «noch» schöne Landschaft! Und so soll es weitergehen?
@Joachim Frenzel-Paal, Blieskastel – Sie haben gut reden. Blieskastel liegt im Zentrum des Biosphärenreservats Bliesgau. Einwohnerzahl im Jahre 2000 (23.149) und im Jahre 2024 (20.197).
Der Begriff wird – wie so viele andere – von Parteien mißbraucht, die damit ihr Süppchen kochen. Aber Dichtestress gibt es auch bei Menschen. Bei den Amisch beispielsweise gibt es eine Obergrenze für die Gemeindegröße; wird diese überschritten, wird eine neue Gemeinde abgetrennt, die sich anderswo ansiedeln muss. Evolutionsbiologisch waren wir bis vor einigen tausend Jahren in kleineren Gruppen von ca. 300 Menschen unterwegs, die sich an gewissen Plätzen mit anderen Gruppen trafen, auch zum Zwecke der Fortpflanzung. Es gibt kein urtümliches Volk – die San, Aborigine-Gruppen, Nenzen, Ewenken usw. – die in großen Gruppen eng beieinander leben. Schon im antiken Rom wurden der unerträgliche Lärm, Überfremdung, Gestank, Teuerung, Kriminalität usw. immer wieder wortreich beklagt. Der reiche Römer zog sich daher gern aufs Land zurück. Daran hat sich nichts geändert.
Ich finde den Artikel von Felix Schneider falsch. Ich erlebe Dichtestress in der Schweiz, insbesondere Immissionen (Lärm, Luft) beim Wohnen – Zeitschrift Beobachter berichtete mehrfach, dass besonders Empfindliche (Vulnerable) gesetzlich nicht geschützt sind -, und ich sehe Menschen sehr betroffen in meinem Umfeld, ebenso gemäss meinen Recherchen in Medien, Foren, Internet.
Auch die Menge Abgase, toxischen Reifenabrieb, Pestizide, abnehmende Trinkwasserqualität, Wald (Pro Natura 12.6.2025: Unnötiger Systemwechsel gefährdet Schweizer Wald: weg von 150-jährigen Tradition, hin zu dessen Dezimierung) finde ich deprimierend. Die Linken in der Schweiz sind für Nachhaltigkeit, aber gegen die Nachhaltigkeitsinitiative (10-Millionen-Schweiz). Norwegen ist etwa 9 mal so gross wie die Schweiz, etwa 5.6 Millionen Einwohner. Norwegen zählt konstant zu den glücklichsten Ländern der Welt, belegte 2017 Platz 1 im UN-World Happiness Report. Schweiz ist Mobbing-Europameister (Quelle: Beobachter 2022).
bpb 10.05.2025: «Bevölkerungsentwicklung.. Um 1800 lebten rund eine Milliarde Menschen auf der Welt, hundert Jahre später waren es 1,65 Milliarden und 1950 bereits 2,5 Milliarden. Seit 1998 leben mehr als 6 Milliarden, seit 2010 mehr als 7 Milliarden und seit 2022 mehr als 8 Milliarden Menschen auf der Welt (2023: 8,09 Mrd.).»
Der Globus wird bald 10 Milliarden Menschen beherbergen und die Schweiz bad 10 Millionen Menschen. Je mehr Menschen es gibt, desto höher wird die Geburtenrate. Möglich, dass es Zeitgenossen geben könnte, die einen Zukunftsstress haben, und könnten davon ausgehen, dass die Bevölkerungsentwicklung nicht gestoppt werden kann und so könnte wohl der Begriff «Dichtestress» entstanden sein, weil auch aus Ratlosigkeit.
Gunther Kropp, Basel
Mit Recht weist Felix Schneider auf die inhaltlich extrem schwache Abstimmungskampagne der Gegner der 10-Millionen-Initiative hin. Leider macht er es selber nicht besser. Anstatt darzulegen, was denn die Vorteile eines fortgesetzt rasanten Bevölkerungswachstums sein sollen, arbeitet er sich auf einem Nebenschauplatz ab. Politische Schlagwörter waren noch nie ein Beispiel an Präzision und Differenziertheit. Das sind sie auf der linken Seite nicht, und man sollte sich nicht aufregen, wenn sie es auf der rechten Seite ebensowenig sind.