«Die Hyperglobalisierung ist eindeutig tot»
«Has Globalization gone too far?» äusserte sich Dani Rodrik schon vor dreissig Jahren skeptisch zum Liberalisierungsschub in der Weltwirtschaft. Nach der grossen Finanzkrise positionierte er sich 2011 in «Das Globalisierungsparadox» als radikaler Kritiker der «Hyperglobalisierung», wie er den Zustand der Weltwirtschaft treffend bezeichnete. Er legte nicht nur die negativen Wirkungen offen, sondern warnte auch vor den politischen Folgen. Jetzt darf er sich bestätigt fühlen: «Die Gegenreaktion gegen Neoliberalismus und Hyperglobalisierung, die in den letzten zehn Jahren die Welt erfasst hat, war vorhersehbar.»
Die Wiederwahl des US-Präsidenten Donald Trump steht dafür. Aber auch in Europa sind die Rechts-Populisten die politischen Gewinner. Sie profitieren von den weitverbreiteten Ängsten angesichts Automatisierung, Deindustrialisierung, Globalisierung, staatlicher Sparpolitik und verlorener Jobs.
Eine neue Wirtschaft für die Mittelklasse
Die Hyperglobalisierung ist «eindeutig tot», konstatiert Rodrik in seinem neusten Buch «Shared Prosperity in a Fractured World». Der an der Harvard-University lehrende Ökonom sieht es positiv: «Wir haben die einmalige Gelegenheit, die Fehler der Hyperglobalisierung zu korrigieren und eine bessere internationale Ordnung zu schaffen, die auf einer Vision des gemeinsamen Wohlstands basiert.»
Rodrik postuliert «eine neue Wirtschaft für die Mittelklasse, für die Armen der Welt und für unser Klima», wie es ergänzend zum Titel «Gemeinsamer Wohlstand in einer zerrütteten Welt» heisst. Es brauche eine politische Agenda, die alle drei Bereiche umfasse. Sie müsse so gestaltet sein, dass Massnahmen für das eine Ziel sich für die anderen Ziele positiv auswirke.
Zwischen Neo-Liberalismus und Nationalismus
Der Anspruch ist hoch und zugleich doch nicht. Denn Rodrik entwirft kein lückenlos ausgeklügeltes Modell. Das liegt ihm fern. Sein Vorschlag bewegt sich «zwischen den Extremen von Neoliberalismus und Hyperglobalisierung auf der einen Seite und destruktivem wirtschaftlichem Nationalismus und Protektionismus auf der anderen Seite.» (Seite 6)
Das mag wie ein beliebiger Kompromiss zwischen den Polen aussehen. Doch der Schein trügt. Das zeigt sich in den auf etwas mehr als 90 Seiten langen Unterkapiteln «Die grüne Wende verwirklichen», «Eine Wirtschaft mit guten Arbeitsplätzen aufbauen» und «Wirtschaftswachstum fördern, um Armut zu verringern». Rodrik fixiert sich nicht «auf ideale Strategien», er schlägt «pragmatische Lösungen» vor. Das lehren ihn die Erfahrungen der Länder, die im Zeitalter der Hyperglobalisierung am besten abschnitten. Es sind jene, «die gegen die Regeln des Neoliberalismus verstiessen und ihren eigenen Weg gingen».
China ist das beste Beispiel dafür: Rodrik bezeichnet es sowohl als den grössten Erfolg der Hyperglobalisierungsära als auch ihr grösster Gegensatz. Es öffnete sich zum Weltmarkt, entwickelte sich zur Fabrik der Welt, errichtete aber gleichzeitig staatliche Schranken gegen ausländische Einflüsse. Es öffnete sich zum Weltmarkt, tat es aber sehr selektiv bei gleichzeitig weitreichenden staatlichen Eingriffen ins Wirtschaftsgeschehen. Das stecke hinter dem Erfolgsmodell China und einiger anderer asiatischer Länder.
Mit «belohnen statt strafen» gegen den Klimawandel
Der pragmatische Ansatz von Rodrik zeigt sich exemplarisch auch beim Vorgehen gegen den Klimawandel. Die Ergebnisse der oft als «beste Lösung» propagierten Verteuerung auf klimaschädlichem Kohlenstoff und die an Klimakonferenzen beschlossenen Hilfezahlungen der reichen an die armen Länder hätten nicht gebracht, was nötig sei. Erfolgreicher sei eine «Zweitbeste»-Lösung mittels Subventionen für eine grüne Industriepolitik.
Das sei kein Zufall. Während Preiserhöhungen und Hilfszahlungen auf dem Prinzip strafen statt belohnen gründen, setzen Subventionen für eine grüne Wirtschaft umgekehrt auf belohnen statt strafen. Es gäbe unmittelbar Gewinner statt Verlierer. Subventionen seien deshalb ein «weitaus attraktiverer Weg für den ökologischen Wandel als die Bepreisung von Kohlenstoff oder andere Ansätze, die den Interessen der fossilen Brennstoffindustrie schaden.»
Bei der Klimafinanzierung in Entwicklungsländern auf die Einsicht der reichen Länder als am meisten für die Klimaerwärmung Verantwortliche zu setzen, bringe nicht die erforderlichen Ergebnisse. Als erfolgversprechender erachtet Rodrik den Verweis auf die ur-eigenen Interessen der reichen Länder. Sie seien darauf angewiesen, dass die armen Länder die Energiewende schaffen, weil sie ansonsten schon bald mehr klimaschädliche Emissionen verantworten als die reichen Länder. Doch die für die Wende erforderlichen Finanzmittel übersteigen ihre Möglichkeiten. Deshalb müssten die reichen Länder aus «egoistischem Selbstinteresse» die finanziellen Lücken schliessen. Tun sie es nicht, tragen nicht nur die armen Länder, sondern der ganze Planet die Folgen.
Dienstleistungs-Jobs statt Industrie-Jobs
Auch bei der Bekämpfung der extremen Armut in Entwicklungsländern gelte es Abschied zu nehmen von den «Best»-Lösungen Chinas, Südkoreas und anderer asiatischer Länder, die sich in wenigen Jahrzehnten erfolgreich industrialisierten. Die Robotisierung und der neue Protektionismus würden diesen Entwicklungsweg aus der Armut verbauen. Neue Chancen biete der Dienstleistungssektor. Damit liessen sich zwar nicht mehr so hohe Wachstumsraten erzielen, doch es könnten mehr Menschen erreicht werden. Die Entwicklung führe zu weniger wirtschaftlicher Ungleichheit.
In den reichen Ländern habe die Industrie als Jobmaschine ausgedient. Über den Freihandel verlorene Arbeitsplätze liessen sich trotz Protektionismus nicht zurückholen. Das grösste Potenzial für gute Arbeitsplätze sieht Rodrik auch hier in Dienstleistungen wie Pflege, Betreuung, Detailhandel oder Reinigung. Diese Beschäftigungen gelte es aber aufzuwerten, besser zu stellen und aus prekären Verhältnissen herauszulösen.
Trumps Misserfolg als Chance
Gute Arbeitsbedingungen seien politisch dringend nötig. Wirtschaftliche Schocks und Unsicherheit seien zwar nicht die einzigen Gründe für den Aufstieg des Rechtsaussen-Populismus, meint Rodrik. Auch durch Migration geförderte Ängste seien ein Grund. Hinzu komme die wachsende Ungleichheit zwischen Reich und Arm. In der Ära der Hyperglobalisierung haben sich die Länder untereinander integriert, doch gleichzeitig intern desintegriert. Das Misstrauen gegenüber den traditionellen politischen Parteien wurde genährt, autoritäre Kräfte wurden gestärkt und die Demokratie unter Stress gesetzt.
Seit der Publikation des Buches von Rodrik hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Nichts ist mehr sicher vor den Launen des US-Präsidenten Trump. Zölle sowieso nicht, die er alle paar Tage hoch- oder niedriger setzt. Mit dem Krieg gegen den Iran, schädigt er die Welt wirtschaftlich massiv und erst recht die armen und ärmsten Länder. Handelsrouten sind gestört oder gar geblockt. Die Öl- und Gaspreise schnellten in die Höhe und sind wilden Ausschlägen ausgesetzt, noch bevor sich ihr Angebot in den Absatzländern wirklich verknappt. Zieht sich der Krieg in die Länge und gehen die angelegten Vorräte aus, werden die Energiepreise noch viel stärker steigen. Auf den Finanz- und Börsenplätzen herrscht Nervosität, die Inflation wird sich ins Wirtschaftsgetriebe einnisten, wirtschaftliche Rückschläge sich global ausbreiten.
Zuversicht zu bewahren fällt auf absehbare Zeit schwer. Doch es wird ein Nachher folgen. Trump biete – so Rodrik – die «perfekte Kulisse» für die Notwendigkeit einer wirtschaftspolitischen Wende. Er werde seine Versprechen nicht einlösen, die verlorenen Industrie-Jobs nicht in die USA zurückbringen, die benachteiligten Regionen enttäuschen. In seinem Scheitern sieht Rodrik die Chance. Sie müsse genutzt werden, ansonsten «die Welt unweigerlich zu noch tieferer Spaltung und grösseren Konflikten getrieben werde».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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