Schweizerhuhn

Das Schweizerhuhn ist eine typische Zweinutzungsrasse, die zum Jahrtausendende fast ausgestorben wäre. © (unbekannt)

Tierquälerei in Schweizer Hühnerställen – es ginge auch anders

Daniela Gschweng /  Eine längere Mast wäre für Hühner schonender, sagen die einen. «Das würde zu teuer», die anderen. Stimmt das?

Ein verdeckt gefilmtes Video von «Tier im Fokus» sorgte Ende Juli für Empörung. Zu sehen ist darin, wie ein Hühnerzüchter ein schwaches Küken tötet, indem er dessen Hals an der Wasserleitung abdrückt und ihm damit das Genick bricht. Das Tier zappelt noch minutenlang.

Das ist Tierquälerei und verboten. Das Bundesamt für Veterinärwesen schreibt vor, dass das Tier zunächst mit einem Schlag auf den Kopf betäubt werden muss. Adrian Waldvogel, Präsident der Organisation «Schweizer Geflügelzüchter», die mehr als 1000 Züchter vertritt, schloss auf Nachfrage des «Blick» aus, dass ein Mitglied diese Regeln nicht kennt.

Vier von hundert Hühnern sterben bei der Mast

Wo genau das Video erstellt wurde, will die Tierrechtsorganisation nicht sagen, um die Quelle zu schützen. «Tier im Fokus» geht davon aus, dass solche illegalen Tötungsmethoden in der Schweiz häufig vorkommen. Das könnte sein. Bei einem Blick in ein Hobbyzüchter-Forum im Internet fand die Autorin dieses Artikels noch sehr viel grausamere Tipps, um Küken zu «erlösen».

Für «Tier im Fokus» (TIF) liegt der Fehler bereits im System. In der kommerziellen Pouletmast sterben täglich Küken oder müssen getötet werden. Masthähnchen sind hocheffiziente Fleischfabriken, die in ihrem kurzen Leben möglichst schnell an Gewicht zunehmen müssen, vor allem an Brust und Bein. Der Hühnerkörper kann damit nicht Schritt halten.

Unter der rasanten Zunahme leiden Knochen und Gelenke. Das Herz-Kreislauf-System macht oft nicht mit. Hühner sind von Natur aus schreckhaft, viele sterben deshalb an Herzinfarkt. Andere können am Ende der 30-tägigen Mastzeit kaum noch gehen.

1957 wog ein Poulet noch 800 Gramm

Etwa vier von hundert Güggel überleben die Mast nicht. Geflügelbauern machen mehrmals täglich Kontrollgänge, um tote und schwache Tiere zu entfernen. So oft kann keine Behörde kontrollieren.

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Hochleistungsrassen nehmen heute in der halben Zeit doppelt soviel zu als noch vor 44 Jahren.

Hatte ein Poulet um 1957 noch knapp zwei Monate Zeit, um auf 800 Gramm zu kommen, nahm es 2005 in der halben Zeit doppelt so viel zu. Die Organisation fordert «ein Ende der Qualzuchten», auch die Nationalrätin Meret Schneider setzt sich dafür ein. Hühnerrassen, die langsamer wachsen, leben gesünder, argumentiert TIF und zitiert eine Vergleichsstudie der Stiftung «Aviforum», aus der auch diese Zahlen stammen.

Die von Bund und Kantonen finanzierte Stiftung hat 2018 eine häufig verwendete und eine langsamer wachsende Hühnerrasse verglichen. Die «langsamen» Poulets brauchten eine Woche länger, um das Schlachtgewicht von zwei Kilogramm zu erreichen, dafür starben weniger Tiere während der Mast, die Hühner bewegten sich dazu mehr.

Kleine Zahlen, grosse Wirkung

Die Ausfallquote lag mit 2,8 Prozent zwar nur wenig niedriger als die der Vergleichsrasse, bei der die Marke bei 3,6 Prozent liegt. Nimmt man die Schlachtzahlen von Mai als Massstab, wären allein in diesem Monat aber etwa 50‘000 Hühner weniger an Überlastung gestorben. In der Branche gilt eine Ausfallquote von vier Prozent als Faustwert.

«Die Branche wäre eigentlich bereit, die Rassen anzupassen», sagt Tobias Sennhauser von «Tier im Fokus» und bezieht sich dabei auf einen anonymen Insider. Der Bundesrat will davon nichts wissen, «das vorgeschlagene Verbot würde voraussichtlich zu einem erhöhten Bedarf von – kostengünstigerem – importiertem Geflügelfleisch führen», weil Poulet damit teurer werde, wie er eine Motion von Meret Schneider kommentiert hat. Im Ausland gälten teilweise weniger strenge Tierschutzstandards.

Das Dreieck Tierwohl, Portemonnaie, Margen

«Aviforum» hat in seinem Versuch Produktionsmehrkosten von 20 Rappen pro Kilogramm Lebendgewicht errechnet. Eine Pouletbrust wiegt etwa 200 Gramm. Würde die Mastdauer gesetzlich angehoben, was einige Länder bereits getan haben, könnten auch die Hühnerställe grösser und damit die Zersiedelung umfangreicher werden.

Oder die Margen kleiner. Der «Kassensturz» verglich 2020 die Preise von Bio-, Label- und konventionell produzierter Pouletbrust und wer daran verdient. An die Produzenten, stellte sich heraus, geht nur ein kleiner Teil dessen, was die Kundschaft bezahlt.  

Kassensturz 2020 Margen Pouletfleisch
Detailhändler kassieren hohe Margen am Pouletfleisch, fand der «Kassensturz» 2020.

Dass die Konsumentinnen und Konsumenten trotzdem eher nicht bereit sind, die Mehrkosten zu tragen, hat das Pandemiejahr 2020 gezeigt. Im vergangenen Jahr wurde in der Schweiz zwar eine Rekordmenge einheimisches Poulet gegessen, gekauft wurde dieses aber vorwiegend beim Discounter (Infosperber berichtete «Da leiden ja die Hühner»).


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Kuh

Landwirtschaft

Massentierhaltung? Bio? Gentechnisch? Zu teuer? Verarbeitende Industrie? Verbände? Lobbys?

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3 Meinungen

  • am 13.08.2021 um 10:52 Uhr
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    Und stets haben sie ein grosses Maul, ein Teil der Bauern, deren Verbände und Lobbyorganisationen und die politischen VertreterInnen :Wir haben in der Schweiz ja ein ach so gutes Tierschutzgesetz. Mag ja stimmen, nur, wieviele halten sich daran ?

    3
  • am 14.08.2021 um 15:41 Uhr
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    Um was geht es in diesem Artikel? Geht es um den Bauern der Tierquälerisch handelt? Geht es um die falsche Hühnerrasse die angeblich zu schnell wächst? Geht es darum, dass die Zwischenhändler zu viel verdienen an der Arbeit der Bauern? Oder geht es ganz einfach darum eine ganze Branche schlecht zu machen die uns täglich ernährt?

    Meine Meinung:
    Tierquälern muss das Handwerk gelegt werden! Die Hühnerrasse zu tauschen ist nicht einfach da es Europaweit keine anderen Rassen gibt die man einsetzen kann! Schlussendlich ist es auch eine Güterabwägung! Längere Mastdauer = mehr CO2 Ausstoss, viel höherer Ladenpreis und mehr importiertes Fleisch! Was wollen wir Konsumenten?
    Bauern sollten endlich besser über das Produkt entlöhnt werden und nicht über Direktzahlungen diese gehen auf kurzen Umwegen sowieso zu den Verarbeitern und Zwischenhändlern!

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  • am 15.08.2021 um 15:27 Uhr
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    Es sollte differenziert werden statt einseitig der Landwirtschaft die Verantwortung zugeschoben werden. Die gravierendsten und meisten Tierquälereien finden in der Schweiz ausserhalb der professionellen Landwirtschaft, im Privatbereich, in der Hobbytierhaltung und bei überforderten oft auslaufenden Kleinbetrieben statt. Ob das Video ohne Quellenangabe aus der Schweiz stammt bezweifle ich.
    Ich teile deshalb weitgehend die Meinung von Christoph Büschi. Die Polemik von Ruedi Basler hingegen bringt den tatsächlichen Tierschutz kein einziges Schrittlein vorwärts.

    Felix Lang, Altkantonsrat Grüne Lostorf

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