Corona: Wissenschaftler ritten uns in den Lockdown
Beginnen wir mit den Stimmen, die damals den Ton setzten:
«Ich wäre sehr froh, wenn ich und all die anderen Experten total falsch liegen würden. Die Wahrscheinlichkeit ist aber leider sehr klein.» Das sagte der Berner Epidemiologie Christian Althaus Ende Februar 2020 der «NZZ».
Althaus proklamierte, dass «die Sterblichkeit [an Covid-19] bei rund einem Prozent liegt». Ohne Gegenmassnahmen hätte dies für die Schweiz demnach bedeuten können: rund 30’000 Corona-Tote innerhalb von Monaten. «Ein solches Worst-Case-Szenario ist nicht ausgeschlossen», sagte Althaus.
«Dieses Szenario ist so unwahrscheinlich, dass man es nicht einfach so in den Raum stellen kann. Öffentlich von möglichen 30’000 Toten zu sprechen, halte ich für verantwortungslos», erwiderte drei Tage später der Präventivmediziner und FDP-Politiker Felix Gutzwiller im «Blick».
Christian Althaus, der in der Schweiz als einer der Ersten davor warnte, dass Sars-CoV-2 zu einer weltweiten Pandemie führen könne, «wenn nicht starke Kontrollmassnahmen getroffen werden», war indes noch weiter gegangen: Zusammen mit zwei Kollegen und einer Kollegin hatte er an den damaligen Gesundheitsminister Alain Berset geschrieben. Denn die vier Wissenschaftler bezweifelten, dass das Bundesamt für Gesundheit das Risiko, das von Sars-CoV-2 ausging, richtig einschätzte. Drei der Verfasser wurden kurz danach zu Beratern der Schweizer Regierung.
Unrealistische Berechnungen
Althaus und seine Mitstreiter stehen auch stellvertretend für viele andere, die sich auf eine Modellierungsstudie beriefen – also eine Schätzung, die auf verschiedenen Annahmen beruht. Diese Modellierung stammte vom Team um den britischen Wissenschaftler Neil Ferguson. Ferguson schätzte, dass ein Prozent aller Sars-CoV-2-Infizierten – inklusive derjenigen ohne Symptome – sterben werde.
Schon zu Zeiten der Schweinegrippe hatte Ferguson, der die WHO beriet, für Aufregung gesorgt – und damals daneben gelegen. Anno 2009 prognostizierte er, dass ein Drittel der Menschheit in den folgenden neun Monaten am Schweinegrippe-Virus erkranken werde.
Doch was er aufgrund von mathematischen Modellierungen heraufziehen sah, «traf nie ein». Obwohl Fergusons Team in der Vergangenheit mehrmals falsch lag, «hat man scheinbar nichts daraus gelernt. Niemand schien sich daran zu erinnern», sagt die Investigativ-Journalistin Serena Tinari. Für die «SRF»-Rundschau recherchierte sie 2010 einen Beitrag zum «Geschäft mit der Schweinegrippe».
«Wir hielten es für nicht sehr realistisch»
«Man hätte eigentlich wissen können: Die liegen systematisch um den Faktor 10 oder 100 daneben. Dass man trotzdem den Berechnungen […] so ein grosses Gewicht gibt, das fand ich dann schon bald mal sehr komisch», ergänzt der Luzerner Gesundheitsökonom Konstantin Beck.
«Wir schauten uns das Modell [von Ferguson] an und hielten es für nicht sehr realistisch», sagt Anders Tegnell, Schwedens früherer Staatsepidemiologe. «Gemäss dem Modell hätten wir im ersten Frühling fast 100’000 Erkrankungsfälle haben sollen. Nach diesem Frühling hatten wir etwa 3000 Fälle. Das zeigte, wie falsch das Modell war.» Was die Übersterblichkeit betrifft, kam das anfangs in Schweizer Medien kritisierte Schweden besser durch die Pandemie als Länder mit strengeren Regeln.
«Weit weg von der Realität», fand die Modellierungsstudie auch John Ioannidis, ein weltweit bekannter Epidemiologe, dessen eigene Schätzungen viel niedriger ausfielen als jene von Ferguson und der massiv angefeindet wurde, auch von Wissenschaftskollegen. Um das Sterberisiko verständlicher zu machen, verglich Ioannidis es mit demjenigen im Strassenverkehr. An Covid zu sterben, war für die Unter-65-Jährigen in der Schweiz während der ersten Pandemiewelle demnach genauso wahrscheinlich, als hätten sie in dieser Zeit täglich 37 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt.
Ioannidis, Tegnell, Tinari und Beck sind vier von über einem Dutzend Personen, die der Berner Filmemacher Mike Wyniger in seinem Film «Der Hype» zu Wort kommen lässt.
Wyninger konzentriert sich in dem Dokumentarfilm auf das erste Pandemiejahr: Der WHO-Mitarbeiter Bruce Aylward sei zu Beginn der Pandemie begeistert von einer Reise nach China zurückgekehrt. Er behauptete, dass es das Land dank der starken Gegenmassnahmen geschafft habe, die Corona-Welle zu bodigen. Das bedeutete: Lockdown auch im Westen. Dabei waren die Erkrankungszahlen in der Schweiz einige Tage vor dem ersten Lockdown im März 2020 schon zurückgegangen, wie die spätere Taskforce-Leiterin Tanja Stadler im April 2020 ermittelte.

«Weit entfernt von den Horrorvorhersagen der Modellierer»
Im Nachbarland Österreich lief es ähnlich: Dort «haben Mathematiker dem Kanzler zu Beginn der Pandemie eingeredet, dass in wenigen Monaten 100’000 Menschen tot sein werden. Tatsächlich sind in der ersten Welle 2000 Menschen mehr gestorben als im Winter 2016/2017», erinnerte sich Franz Allerberger, früherer Leiter des Bereichs Öffentliche Gesundheit der staatlichen österreichischen Gesundheitsagentur AGES, im Interview mit Infosperber. Allerberger gehörte zur Coronavirus-Taskforce des österreichischen Gesundheitsministeriums und war Mitglied des Fachbeirats der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC.
Er sprach von «Angstmache zum Quadrat»: In Österreich seien im ersten Jahr der Pandemie 6000 Menschen mehr verstorben als sonst. «Das entsprach dem, was wir fürs erste Pandemiejahr im Voraus geschätzt hatten. Es war weit entfernt von den Horrorvorhersagen der Modellierer. Vier Jahre vor der Pandemie hatten wir im Winter in Österreich eine Übersterblichkeit von 4000 Menschen – da hat damals kein Hahn danach gekräht.»
Die WHO schürte die Angst noch
Auch die WHO jazzte Corona hoch: 3,4 Prozent, also einer von 30 Corona-Kranken weltweit sei gestorben, verkündete der WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus im März 2020. Wyniger zeigt die Szene in seinem Film.
Doch die im Mai 2020 publizierte «Heinsberg-Studie» des Bonner Virologen Hendrik Streeck kam zu anderen Schlüssen.
«Teilweise voreilige Bewertungen»
Streecks Team zählte sowohl die offenkundigen als auch die etwa fünfmal so häufigen unerkannten Corona-Infektionen, um ein Gesamtbild zu erhalten – und kam auf eine Sterberate von etwa 0,35 Prozent. Zum Vergleich: Bei der saisonalen Grippe beträgt diese Rate etwa 0,1 Prozent. In strengen Grippewintern kommen Schweizer Spitäler punktuell an den Anschlag.
In der Altersgruppe der ab 65-Jährigen lag die Covid-Infektions-Sterberate laut Streeck mit schätzungsweise 1,93 Prozent deutlich höher – aber noch immer unter der vom WHO-Direktor genannten Zahl.
«Zu Beginn der Pandemie kam es zu teilweise voreiligen Bewertungen hinsichtlich der Gefahrenlage durch das damals neue Virus», gestand 2025 die deutsche Gesellschaft für Virologie ein.
Die Mutter stirbt allein
Der Preis, den Kinder, Jugendliche, Familien und alte Menschen für die Lockdowns zahlten und noch zahlen, schien beim Entscheid dafür keine Rolle zu spielen.
Die Angehörige einer sterbenden Frau in einem kanadischen Pflegeheim erlebte es so: «Meine Mutter war so dehydriert, dass sie den Rufknopf in der Hand hatte und versuchte, aus der Klingel zu trinken. Ich wusste, dass sie im Sterben lag, und ich wusste, dass sie mich bis zu den letzten Stunden nicht reinlassen würden. Bis zu den letzten Stunden … Das Einzige, was wir tun konnten, war, an das Fenster zu klopfen.»
Dabei hatte sich beispielsweise in Frankfurt schon im Frühling 2020 gezeigt, dass Ausbrüche selbst in Altenpflegeheimen rasch in den Griff zu bekommen waren. Die Voraussetzung dafür: Geschulte Mitarbeitende, welche die Hygiene hochhielten und jeden Covid-Verdachtsfall sofort meldeten. Regelmässiges Testen aller Bewohner war dafür gar nicht nötig.
Und: In Frankfurt war die Übersterblichkeit während der Grippewelle 2022 höher als in allen Corona-Wellen insgesamt.
Auch spätere Studien zeigten, dass die WHO zu hoch gegriffen hatte. Einer österreichischen Studie zufolge, an der Ioannidis beteiligt war, lag die Infektionssterberate je nach Zeitpunkt und Virusvariante während der ganzen Coronapandemie anfangs bei 0,61 Prozent und fiel im Verlauf auf 0,04 während der Omikron-Phase. (Für Menschen, die nicht im Heim lebten, habe sie anfangs 0,36 Prozent betragen und später 0,04 Prozent.) Nur ein einziges Mal, kurz vor Beginn der Impfkampagne, betrug sie demnach etwa ein Prozent.
«Ein Albtraum»
Doch war die Corona-Pandemie 2020 wirklich ein «Hype», wie Wynigers Filmtitel vorgibt?
Wer mit Menschen sprach, die damals «an der Front» waren, bekam einen anderen Eindruck: «So etwas möchte ich nicht wieder erleben», sagte beispielsweise eine Hausärztin, die sich – noch vor der Maskenpflicht – Anfang 2020 mit Sars-CoV-2 ansteckte.
«Ich war am Anschlag» bekennt ein Intensivpfleger, der auf einer Covid-Intensivstation arbeitete und anonym bleiben möchte. Er sei nicht mehr nachgekommen mit der Arbeit, im Stress seien auch Fehler passiert. «Das hat mich alles persönlich sehr belastet.»
Im Altersheim, in dem sie arbeitete, seien in der ersten Welle fast die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner gestorben. «So eine heftige Infektionswelle hatten wir vorher nie», erinnerte sich eine Pflegerin im Gespräch unter vier Augen. Unter den Verstorbenen seien etliche gewesen, von denen sie gedacht habe, sie hätten unter anderen Umständen noch ein paar Jahre leben können.
«Ein Albtraum», sagte der Chefarzt der Intensivstation des Berner Inselspitals Anfang Dezember 2021 zu «SRF». Sein Team sei ausgelaugt, es fehle an Unterstützung. «Wir müssen jetzt alle Formen von Lockdown diskutieren.»
In der zweiten Corona-Welle seien die Särge knapp geworden. Es sei schrecklich gewesen, sagte ein Bestatter. Er habe inständig gehofft, dass der Bundesrat einen weiteren Lockdown verhänge. «Als der dann kam, wusste ich: Jetzt dauert es noch etwa 14 Tage – und dann entspannt sich die Lage.»
«Alle auf der Intensivstation behandelt»
Wie passen solche Aussagen zu den Intensivbetten-Statistiken, die Wyniger in «Der Hype» abbildet? Nichts deutet dort auf eine übermässige Belegung hin. Repetitiv zeigt der Filmemacher Szenen aus einem Video, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geburtsklinik am Universitätsspital Zürich mit offensichtlicher Freude gemeinsam zu «Jerusalema» tanzen.
Es habe Zeiten gegeben, da sei es selbst auf der Corona-Intensivstation «langweilig ruhig» gewesen, sagt ein Pfleger, der anonym bleiben möchte. In den stressigen Phasen dagegen seien andere Abteilungen heruntergefahren worden. Die Angestellten dort mussten dann bei den Covid-Patienten mit anpacken. Man habe keine Zeit gehabt, um sie einzuarbeiten.
Ein anderer sagt: «Wir haben in dieser Zeit alle schwer kranken Patienten auf die Intensivstation genommen» – auch solche, die zu anderen Zeiten aufgrund ihres hohen Alters und ihrer geringen Überlebenschancen gar nicht mehr auf die Intensivstation aufgenommen worden wären.
Mobbing unter Wissenschaftlern
Wyniger lässt in seinem Film sowohl Stimmen zu Wort kommen, die bisher öffentlich kaum gehört wurden, als auch solche, die in der «corona-kritischen Szene» bekannt sind, wie beispielsweise der St. Galler Infektiologe Pietro Vernazza (der auch für Infosperber schreibt). Stimmen aus dem Lager, das für strenge Massnahmen, für «Zero Covid» und für Lockdowns plädierte, fehlen hingegen in dem fast dreistündigen Film.
Zu den kaum Gehörten gehört der Wissenschaftler Taulant Muka, der in seinem (in englisch erschienenem) Buch «Akademisches Mundtot machen und Mobben» verarbeitet hat, was ihm am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern widerfuhr. Mukas einstige Kollegen waren Christian Althaus und der frühere Leiter der Covid-Taskforce, Matthias Egger. Wyninger bat auch Egger um ein Interview. Erfolglos.
Dabei wären gerade Eggers Argumente und Beweggründe interessant. Warum verkaufte die Taskforce unter Eggers Leitung die Bevölkerung für dumm, was das Maskentragen in der Öffentlichkeit betraf? Warum lieferte Egger später eine Studie ab, die angeblich zeigte, dass in Regionen, in denen das Covid-Gesetz abgelehnt wurde, mehr Menschen an Covid starben – obwohl es – wenn überhaupt – umgekehrt war?
«Gegen alles Totalitäre«
Mit seinem sehenswerten Film, der gestern in Bern Premiere hatte, will Wyniger einen «längst fälligen Anstoss für eine sachliche Aufarbeitung» der Corona-Pandemie geben und «Fakten liefern, die man den Leuten nicht gesagt hat». Vor allem aber solle sein weitgehend mit Eigenmitteln finanzierter Film möglichst vielen Menschen Denkanstösse geben, ob sie die anstehende Gesetzesrevision des Epidemiengesetzes wirklich wollen. Mehrmals weist der Film auf Widersprüche hin, die beispielsweise das Bundesamt für Gesundheit oder Matthias Egger betreffen.
Anders Tegnell, Schwedens ehemaliger Staatsepidemiologe, habe während der Corona-Pandemie «nie etwas anderes als Empfehlungen herausgegeben. Das ist für mich der Weg, den man gehen muss», sagt Wyniger. Die geplante Reform des Epidemiengesetz sei jedoch «der gegenteilige Weg». Er stemme sich «gegen alles Totalitäre».
Dazu zählt Wyniger auch die aus seiner Sicht teilweise «völlig irren», von oben angeordneten Massnahmen während der Corona-Pandemie – wobei er im Gespräch klarstellt, dass er beispielsweise das Maskentragen im medizinischen Rahmen für sinnvoll hielt – nicht aber unter freiem Himmel. «Der Hype» soll dazu beitragen, Ähnliches in Zukunft zu verhindern. Deshalb will Wyniger den im Verlauf von eineinhalb Jahren weitgehend mit Eigenmitteln finanzierten Film für jedermann frei zugänglich machen.
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Ab 21.5.2026 abends wird der Film unter www.der-hype.ch online zu sehen sein. Ausserdem wird er an folgenden Terminen in Kinos gezeigt: 22.05. Herisau, 18 Uhr, Kino Cinetreff, mit Wolfgang Wodarg und Mike Wyniger / 26.05. Thun, 18 Uhr, Kino Rex, mit Nationalrat Andreas Gafner und Mike Wyniger / 02.06. Basel, 19 Uhr, Neues Kino Basel, mit Mike Wyniger / 28.05. Bern, Kino Movie, genaue Zeit bitte erfragen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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