«Wenn Rot sich falsch anfühlt» – dann fährt man halt einfach
«Wenn Rot sich falsch anfühlt»: Unter diesem Titel veröffentlichte die Fachzeitschrift «Velojournal» kürzlich einen Artikel zum Thema Rotlicht und Velo. Das Klischee lautet ja, dass Velofahrer und Velofahrerinnen die Rotlichter systematisch missachten.
Insgesamt 22 Prozent
Aus der Schweiz gibt es keine Zahlen. Aber der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat vor zehn Jahren in einer Studie festgestellt, dass Velofahrer 17 Prozent der Rotlichter missachteten und bei weiteren 5 Prozent «die Infrastruktur wechselten». In weniger beschönigenden Worten heisst das: Sie fuhren übers Trottoir, um das Rotlicht zu umfahren.

In 22 Prozent der Fälle missachteten also Velofahrer das Rotlicht. Doch für das «Velojournal» ist das alles kein Problem. Denn im Jahr 2024 seien bei insgesamt «3244 Kollisionen mit Velos lediglich 58 Unfälle auf Rotlichtmissachtung durch Velofahrende zurückzuführen» gewesen. Fazit des «Velojournals»: Damit bleibe das Phänomen vergleichsweise selten.
Abgesehen davon, dass 58 Unfälle nicht einfach vernachlässigbar sind, blendet das «Velojournal» aus, warum es möglicherweise nicht zu noch mehr Unfällen kam. Es könnte ja sein, dass Autofahrer ausgewichen sind, dass sie eine Vollbremsung gemacht haben, dass Fussgänger zurückgewichen sind.
Rotlicht überfahren ist angeblich sicherer
Stattdessen stimmt das «Velojournal» ein Loblied aufs Missachten des Rotlichts an. Rotlichter würden nämlich «nicht nur aus Effizienzgründen» missachtet. Nein, «auch Sicherheitsaspekte» würden «eine Rolle spielen». Aus drei Gründen könne das Überfahren von Rotlichtern sicherer sein als deren Beachtung:
- Velos seien im Stillstand instabil. Anfahren brauche Zeit und Kraft. «Ein vorsichtiges Weiterrollen kann als kontrollierter und sicherer empfunden werden.»
- Weil Velofahrer höher sässen und nicht von einer Karosserie umgeben seien, genössen sie eine bessere Übersicht. «Sie können oft besser einschätzen, ob eine Kreuzung gefahrlos überquert werden kann.»
- Und: Wer neben einem Lastwagen halte, laufe Gefahr, übersehen zu werden. «Die Minimierung der Zeit im toten Winkel» sei «ein Sicherheitsgewinn.»
Doch die Argumente überzeugen nicht. Viele Lichtsignalanlagen werden je nach Verkehrsaufkommen unterschiedlich gesteuert. Da hilft auch die bessere Übersicht nicht. Selbst Ortskundige werden oft überrascht. Und jeder Schüler lernt, dass er sich gar nie in den toten Winkel eines Lastwagens begeben sollte, sondern besser dahinter anhält.

Zudem stellt sich die Frage, ob die Velolobbyisten vom «Velojournal» mit ebenso viel Verständnis reagieren, wenn Autofahrer das Gleiche behaupten. Dass sie «oft besser einschätzen könnten, ob eine Kreuzung gefahrlos überquert werden kann», weil sie in ihrem SUV höher sitzen.
Der Artikel im «Velojournal» ist eine einzige Rechtfertigung des Fehlverhaltens von Velofahrern. Und argumentativ ziemlich armselig. Denn letztlich propagiert das «Velojournal», dass sich Velofahrer nur an diejenigen Regeln halten sollen, die ihnen einleuchten.
Das «Velojournal» ist mit seinen unbedachten Äusserungen allerdings nicht alleine. Die Lobbyorganisation Pro Velo Bern hatte in einem Argumentationspapier schon vor gut zehn Jahren festgehalten: «Die Glaubwürdigkeit der Regeln steigt, wenn die Regeln fürs Funktionieren des Verkehrs tatsächlich sinnvoll sind.» Und weiter: «Regeltreues Verhalten sollte nicht durch nutzlosen Zeitverlust bestraft werden, sondern als sinnvoll erlebbar sein.»

Das ist – höflich ausgedrückt – Unsinn. Viele Verkehrsregeln führen zu einem Zeitverlust: der Rechtsvortritt, die Stoppstrasse, die Geschwindigkeitsbeschränkung, die Einbahnstrasse, das Überholverbot.
Die neue Regel
Das «Velojournal» und Pro Velo zementieren mit ihren Rechtfertigungen das Klischee vom Velorowdy. Sie schaden dem Ruf der Velofahrer. Dieser leidet auch unter einer neuen Verkehrsregel, die zwar sinnvoll ist, aber miserabel umgesetzt wurde.
Seit 2021 dürfen Velofahrer auf vielen Kreuzungen auch bei Rot mit der nötigen Vorsicht rechts abbiegen – dann nämlich, wenn neben dem Rotlicht auch noch das Signal «Rechtsabbiegen für Radfahrer gestattet» angebracht ist. Nur ist das Signal sehr klein und meist unbeleuchtet. Wer nicht darauf achtet, sieht das Signal nicht.

Das führt dann häufig dazu, dass sich Autofahrer über Velofahrer ärgern, obwohl sich diese bei Rotlichtern mit Zusatzsignal korrekt verhalten. Auch das zementiert das Klischee vom Velorowdy.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Der Autor besitzt ein Auto und drei Velos. Die Velos benützt er häufiger als das Auto.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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