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Sieht vielleicht nicht gut aus, kann aber Leben retten. Werbekampagne des deutschen Bundesministeriums für Verkehr. © Bundesministerium für Verkehr

Die Velo-Lobby tönt wie die Gurten-Gegner vor 50 Jahren

Marco Diener /  Mag sein, dass es gute Argumente gegen ein Helmobligatorium für E-Bike-Fahrer gibt. Doch Pro Velo liefert schlechte.

Für Fahrer von E-Bikes mit Motorunterstützung bis 45 Kilometer pro Stunde gilt schon seit 2012 ein Helmobligatorium. Nun diskutiert das Parlament darüber, ob das Obligatorium auch auf Fahrer von langsamen E-Bikes (Unterstützung bis 25 Kilometer pro Stunde) ausgeweitet werden soll. Vehement dagegen ist die Lobby-Organisation Pro Velo.

Das machte Jürg Buri, Geschäftsleiter von Pro Velo, letzte Woche in der Sendung «Forum» auf Radio SRF klar. Einige seiner Argumente erinnerten an die Debatte vom November 1980, als wir über ein Gurtenobligatorium für Autofahrer und ein Helmobligatorium für Motorradfahrer abstimmten. Damals kämpften einige TCS- und ACS-Sektionen aus der Romandie und dem Tessin gegen ein Obligatorium – jetzt ist es Pro Velo.
Doch zurück zum Pro-Velo-Geschäftsführer.

Jürg Buri sagte am Radio: «Ein Helmobligatorium wird an der Anzahl Unfälle nichts ändern. Der Unfall passiert trotzdem.»

Natürlich hat er recht. Was er am Radio erzählte ist trotzdem Unsinn. Denn kein Mensch behauptet, Helme dienten dazu, Unfälle zu verhindern. Sie sind dafür da, Unfallfolgen zu mildern. Die Argumentation kommt einem von den seinerzeitigen Diskussionen ums Gurtenobligatorium bekannt vor. Auch damals hiess es, ein Gurtenobligatorium führe nicht zu weniger Unfällen.

«Wahnsinnig teuer»

Weiter erklärte Jürg Buri: Eine Helmpflicht «schiesst total übers Ziel hinaus, weil wir heute schon eine Helmtragquote von 70 Prozent haben».

Das klang dann so, als wäre eine höhere Tragquote nicht erwünscht.

Jürg Buri: «Die Umsetzung eines solchen Helmobligatoriums käme wahnsinnig teuer.»

Buri sprach die Polizeikontrollen an, die nötig würden. Was er sagt, bedeutet allerdings, dass wir am besten auch Geschwindigkeitskontrollen bei Autos abschaffen würden. Die kosten auch viel Geld.

«Ich kenne den Weg genau»

Jürg Buri: «Nicht jede Velofahrt ist Hochrisikosport. Wenn ich mit dem Velo drei Minuten zum Beck fahre, dann ziehe ich manchmal keinen Helm an, weil ich den Weg genau kenne. Und weil es nicht gefährlich ist.»

Den Weg mag er kennen. Aber die Risiken nicht. Es kann ja sein, dass mal ein Auto aus einer Seitenstrasse schiesst. Dass ein Stein auf der Strasse liegt. Oder eine Katze über die Strasse läuft.

Jürg Buri: «Die Leute spüren genau, wo Velofahren im Alltag gefährlich ist. Dort, wo es gefährlich ist, ziehen sie den Helm an, und dort, wo es nicht gefährlich ist, ziehen sie ihn nicht an.»

Sofern sie nicht unter Selbstüberschätzung leiden. Das Argument erinnert an die Abstimmung von 1980. Unter den Gegnern eines Gurtenobligatoriums war auch der damalige Formel-1-Rennfahrer Clay Regazzoni. Sein Argument: Er könne ja Auto fahren. Später starb er auf einer Autobahn in Italien, weil er mit hoher Geschwindigkeit einem Lastwagen ins Heck fuhr.

«Nicht vergrämen»

Jürg Buri: «70 Prozent haben den Helm ja schon an. Das ist super. Und wir müssen nicht die restlichen 30 Prozent vergrämen und sie wieder vom E-Bike wegbringen.»

Die Velo-Lobby zitiert zu diesem Thema gerne eine australische und eine neuseeländische Studie. Die neuseeländische besagt, dass das Helmobligatorium zu einer massiven Abnahme der Velofahrer und Velofahrerinnen geführt habe. Nur: Als Neuseeland 1994 das Helmobligatorium einführte, gab es noch keine E-Bikes. Die Studie betrachtet die Zeit von 1989 bis 2009. Sie ist also ziemlich alt. Und sie betrachtet eine Entwicklung am anderen Ende der Welt. Ob sie sich auf die Schweiz übertragen lässt, ist fraglich.

Die australische Studie ihrerseits ist nicht wirklich eine Studie, sondern eine Umfrage. Dass 20 Prozent der Umfrage-Teilnehmer angaben, sie würden Velo fahren, wenn es kein Helmobligatorium gäbe, ist nicht überraschend. Ob es auch stimmt, ist eine andere Frage. Und übrigens: Die australische Studie ist noch älter als die neuseeländische.

Jürg Buri: «Die Gefahr, die besteht: Wenn wir die 30 Prozent E-Biker mit einem Helmobligatorium vergraulen und sie mit Velofahren aufhören, dann hat das höhere Gesundheitskosten zur Folge.»

Das scheint unwahrscheinlich, dass E-Bike-Fahrer wegen eines Helmobligatoriums aufs Velofahren verzichten würden. Dafür ist das E-Bike viel zu praktisch.

Jürg Buri: «Das Schlimmste, was wir mit einer Helmpflicht bewirken könnten, ist, dass viel weniger Leute Velo fahren würden. Und das wiederum würde wieder zu einem verminderten Gesundheitsnutzen führen – also quasi im Endeffekt hätten wir noch höhere Gesundheitskosten mit einem Helmobligatorium als wenn wir kein Helmobligatorium hätten.»

Das klingt dann schon ziemlich zynisch, wenn wir die Folgen von Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen gegen die Folgen von Schädel-Hirn-Traumata aufrechnen.

«Helme sind nicht wahnsinnig gut»

Jürg Buri: «Wir dürfen den Helm als Sicherheitsinstrument nicht überschätzen. Helme sind auch nicht wahnsinnig gut, um im Falle eines Unfalls den Schädel zu schützen, weil sie schlecht konstruiert sind.»

Auch das tönt wie die Diskussionen ums Gurtenobligatorium vor bald 50 Jahren. Damals wurden die Gurten sogar als Gefahr dargestellt: für Weichteilquetschungen, Rippen-, Schlüsselbein- und Brustbeinbrüche, Leber-, Milz- und Darmrisse, Halswirbelsäulenverletzungen. Aber auch für den Fall, dass ein Auto im Wasser landen oder in Brand geraten würde.

Jürg Buri: «Man fühlt sich sicherer, wenn man ein solches Gerät auf dem Kopf hat, und nimmt weniger Rücksicht oder fährt schneller.»

Genau so klang es auch 1980. Die Gurten würden die Fahrer dazu verleiten, riskanter zu fahren. Doch seither sind die Zahl der schweren Unfälle, der Getöteten und der Schwerverletzten im Strassenverkehr stark zurückgegangen.

Skurril wurde die Sendung «Forum», als die Diskussionsrunde zum Thema Handy abschweifte.

Jürg Buri: «Wir müssen unterscheiden, ob ich einen ‹Panzer›, also ein Auto mit 1000 Kilo oder anderthalb Tonnen Blech fahre, oder ob ich auf dem Velo bin und einen Blödsinn mache. Auf dem Velo gefährde ich höchstens mich selber. Wenn ich ein Auto fahre und abgelenkt bin, kann ich ein Velo überfahren. Oder einen Fussgänger überfahren. Oder ein Kind überfahren.»

Natürlich ist das ein Unterschied. Aber wenn sich ein Velofahrer wegen des Handys in Gefahr bringt, dann ist das schlimm genug. Und einen Fussgänger oder ein Kind kann auch ein Velofahrer überfahren.

Vielleicht zeigt gerade die Handy-Frage ein Grundproblem der Velo-Lobby. Sie agiert ständig aus der Defensive und verteidigt ihre Klientel auch dann, wenn es nichts zu verteidigen gibt.

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1980 noch umstritten, heute selbstverständlich: das Gurtenobligatorium.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor besitzt und fährt drei Velos. Er ist Mitglied von Pro Velo.
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