Macron und Merz Fliegerhorst Nörvenich

Emanuel Macron und Friedrich Merz (7. und 8. v.l.) bei ihrem Treffen letzte Woche am Fliegerhorst Nörvenich. Im Hintergrund ein Kampfjet der französischen Nuklearstreitkräfte. © Team Luftwaffe / Instagram. com

Die «alte Frage», ob Deutschland Atomwaffen braucht

German Foreign Policy /  Deutschland und Frankreich starten Übungen zur Kooperation bei Atomwaffeneinsätzen. Auch über eine deutsche Bombe wird diskutiert.

Deutschland und Frankreich haben erste konkrete Übungen für eine Kooperation bei etwaigen französischen Atomwaffeneinsätzen realisiert. Anlässlich des Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats, der am Freitag auf dem Fliegerhorst Nörvenich südwestlich von Köln abgehalten wurde, führten zwei Mirage-Kampfjets der französischen Nuklearstreitkräfte sowie zwei deutsche Eurofighter Übungen etwa in der Luftbetankung durch. Für diesen Herbst ist die Entsendung deutscher Militärs als Beobachter zu einem französischen Atomwaffenmanöver geplant. 

Grundlage ist die Strategie der «vorverlegten Abschreckung» («dissuasion avancée»), die Präsident Emmanuel Macron am 2. März öffentlich vorgestellt hat und die eine Einbindung anderer Staaten Europas vorsieht, darunter Deutschland. Allerdings dürfen die eingebundenen Staaten weder an einem etwaigen Beschluss zum Einsatz von Atomwaffen teilnehmen noch an Entscheidungen, die die Planung derartiger Einsätze betreffen. Paris behält damit die alleinige Führung. Berlin hat sich deshalb lange verweigert. Zudem wird in der Bundesrepublik weiterhin auch über eine «deutsche Bombe» diskutiert.

Die «vorverlegte Abschreckung»

Das neue Konzept der «vorverlegten Abschreckung» («dissuasion avancée») hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 2. März in einer Grundsatzrede zu den französischen Atomwaffen auf dem Marinestützpunkt Île Longue in der Bretagne vorgestellt; dort befinden sich die Atom-U-Boote der französischen Atomstreitmacht (Force de dissuasion nucléaire française). 

Macron kündigte in der Rede, in der er vom Beginn eines neuen «Zeitalters der Atomwaffen» sprach, einige Veränderungen im Bestand und in der Doktrin der französischen Nuklearstreitkräfte an. Demnach wird Frankreich die Anzahl seiner Atomsprengköpfe, die bislang mit 290 angegeben wurde, erhöhen, allerdings nicht genau beziffern, wie viele künftig in seinen Beständen lagern werden. Dies soll bei potenziellen Gegnern ebenso Ungewissheit schaffen wie die Tatsache, dass Frankreichs «rote Linien nicht ganz genau erkennbar» sein sollen [1]. 

Nach dem zugrundeliegenden strategischen Denken erhöht derlei Ungewissheit die abschreckende Wirkung. Letzteres soll auch dadurch geschehen, dass die Schäden, die ein französischer Atomwaffeneinsatz bewirken würde, nicht mehr als «inakzeptabel», sondern als so massiv beschrieben werden, dass der davon betroffene Staat, wie gross auch immer er sei, sich «nicht mehr erholen» könne [2].

Die europäische Komponente

Die europäische Komponente der neuen Nuklearstrategie sieht verschiedene Elemente vor. Zum einen sollen atomwaffenfähige Rafale-Kampfjets der französischen Nuklearstreitkräfte auf Stützpunkte in anderen Staaten Europas verlegt werden, allerdings nur zeitweise, nicht dauerhaft wie im Rahmen der «nuklearen Teilhabe» an den US-Atomwaffen. Die zeitweise Verlegung soll «das Kalkül unserer Gegner verkomplizieren», erläuterte Macron [3].

Darüber hinaus ist geplant, die nuklearen Kooperationspartner in gemeinsame strategische Debatten einzubeziehen. Nicht gewähren werde man ihnen die Mitsprache über einen Einsatz der Atomwaffen oder über dessen Planung. Auch die «vitalen Interessen», zu deren Schutz die Nuklearstreitkräfte benötigt würden, würden weiterhin ausschliesslich in Frankreich definiert. Dementsprechend könne es für die europäischen Kooperationspartner keine «Garantie im strengen Sinne» geben. 

Allerdings betreffe ein Angriff auf sie schon allein aufgrund der engen Verflechtung der europäischen Länder untereinander französische Kerninteressen. Die grundlegenden Interessen Frankreichs und damit auch seine «roten Linien» seien also mit denjenigen der anderen europäischen Staaten strukturell aufs Engste verknüpft.

Optionen aktiver Beteiligung

Zu den Optionen einer aktiven Beteiligung der europäischen Kooperationspartner an der «vorverlegten Abschreckung» erklärte Macron am 2. März, erstens komme Unterstützung bei der Satelliten- und Radaraufklärung in Frage. Es gehe darum, anfliegende feindliche Raketen zu entdecken [4]. Zweitens seien «erweiterte Flugabwehr und Schutzmassnahmen» gegen anfliegende «Raketen und Drohnen» erforderlich. Drittens gehe es darum, «Fähigkeiten für Angriffe in grosser Tiefe», weit im feindlichen Hinterland, zu schaffen. Indem all dies intensiv auf die französischen Nuklearstreitkräfte ausgerichtet wird, erhält Paris eine starke Stellung in der Hochrüstung des Kontinents. Macron zufolge soll Frankreichs «Nuklearschutzschirm» die «nukleare Teilhabe» im NATO-Rahmen keinesfalls ersetzen, sondern sie bloss ergänzen. 

«Schlüsselpartner» sei Deutschland. Bereits Anfang März beteiligten sich darüber hinaus Belgien und die Niederlande, Griechenland, Polen, Dänemark und Schweden an der Pariser Massnahme. Im Mai gesellte sich Norwegen hinzu – ein Schritt, der als höchst bemerkenswert eingestuft wird, da Norwegen als recht stark an den USA orientiert gilt [5]. Auch in Estland wird über eine Beteiligung an der «vorverlegten Abschreckung» nachgedacht [6]. Weitere Staaten könnten nachziehen.

Nukleare Steuerungsgruppe

Bereits am 2. März unterzeichneten Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz eine Absichtserklärung, in der sie die Einrichtung einer nuklearen Steuerungsgruppe ankündigten; diese solle den «Rahmen für den verteidigungspolitischen Austausch und die Koordinierung strategischer Massnahmen» bilden. Insbesondere gelte es, für die «atomare Abschreckung» die «geeignete Mischung aus konventionellen Fähigkeiten, Raketenabwehr sowie französischen Nuklearfähigkeiten» zu identifizieren [7]. 

Schon damals war davon die Rede, es solle noch in diesem Jahr eine erste «konventionelle Beteiligung Deutschlands an französischen Nuklearübungen» geben. Zugleich waren «gemeinsame Besuche strategischer Einrichtungen» geplant.

Erste Übungen

Im Zusammenhang mit dem Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrat, der am vergangenen Freitag auf dem Fliegerhorst Nörvenich südwestlich von Köln stattfand, wurden erste konkrete Schritte durchgeführt. Am Vortag hatten zwei Mirage-Kampfjets der französischen Nuklearstreitkräfte gemeinsam mit zwei Eurofightern der deutschen Luftwaffe ihre ersten gemeinsamen Übungen absolviert, bei der sie etwa von einem französischen Tankflugzeug des Modells MRTT Phenix betankt wurden; anschliessend landeten sie auf dem Fliegerhorst Nörvenich [8]. Dort wurden sie in einem Hangar aufgestellt, in dem am Freitag der Deutsch-Französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat zusammenkam; Medien verbreiteten Fotos, auf denen Merz, Macron sowie die Aussen- und die Verteidigungsminister beider Länder neben den Kampfjets tagend zu sehen sind. 

Im Herbst sollen erstmals deutsche Soldaten in die unterirdische Kommandozentrale in Taverny bei Paris eingeladen werden, um dort als Manöverbeobachter an der viermal im Jahr abgehaltenen Übung der französischen Nuklearstreitkräfte namens Poker teilnehmen zu können [9]. Im vergangenen Jahr waren erstmals britische Offiziere zu einem Manöver der Serie eingeladen worden.

Die deutsche Bombe

Eine Einbindung in seine «nukleare Abschreckung» hatte Frankreich Deutschland mehrfach angeboten; zuletzt hatte Macron dies bereits im Jahr 2020 getan [10]. Bislang hatte Berlin das Angebot stets zurückgewiesen, weil Paris sich die Entscheidung über einen Einsatz von Atomwaffen selbst vorbehält. Macron legte am Freitag erheblichen Wert auf die Feststellung, Frankreich finanziere seine Atomstreitkräfte auch weiterhin komplett eigenständig. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil eine Kofinanzierung eine Forderung nach Mitbestimmung begründen könnte. Diese lehnt Paris kategorisch ab. 

In der Bundesrepublik wird daher weiter auch über die Beschaffung eigener Nuklearwaffen debattiert. Für den 24. Juni etwa kündigte die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung eine Diskussionsveranstaltung unter dem Thema an: «Die Rückkehr der Nuklearfrage – Braucht Deutschland die Atombombe?[11]» Diese «alte Frage», hiess es erläuternd, stelle sich nun «erneut».

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[1] Discours du Président sur la dissuasion nucléaire. uk.diplomatie.gouv.fr 04.03.2026.
[2] Chloé Hoorman: La dissuasion nucléaire française fait un grand pas vers l’Europe. lemonde.fr 03.03.2026.
[3], [4] Discours du Président sur la dissuasion nucléaire. uk.diplomatie.gouv.fr 04.03.2026.
[5] La Norvège rejoint l‘initiative française sur la dissuasion nucléaire, l’autonomie européenne s’organise. radiofrance.fr 29.05.2026.
[6] Fabrice Wolf: L’Estonie se dit prête à discuter de l’extension du parapluie nucléaire français. meta-defense.fr 10.03.2026.
[7] Joint declaration of President Macron and Chancellor Merz. bundesregierung.de 02.03.2026.
[8] Starkes Duo für Europa: Deutsch-Französischer Verteidigungs- und Sicherheitsrat. bmvg.de 17.07.2026.
[9] Michaela Wiegel, Matthias Wyssuwa: Gemeinsam abschrecken. Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.07.2026.
[10] S. dazu: Ein Nuklearschild für die EU.
[11] Konrad-Adenauer-Stiftung: Gegenwart und Zukunft der Kriegsführung. Politisches Bildungsforum Sachsen.

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