Kommentar

kontertext: Muslime und Schwule  

Felix Schneider © zvg

Felix Schneider /  «NZZ» und «Le Monde»: zwei entgegengesetzte Weisen, über das Attentat in Berlin zu sprechen.

Kaum war das schreckliche Attentat auf den Berliner Christopher Street Day vom Samstag bekannt geworden, veröffentlichte die NZZ am Montag früh schon einen wütenden Kommentar. Oliver Maksan, Stellvertretender Chefredaktor der «NZZ Deutschland», verurteilte die Reaktionen der Politiker als hilfloses Mantra, während er selbst natürlich genau weiss, was zu tun ist. Jedenfalls weiss er genau, wer die Feinde sind, nämlich die Migration, der Islam und alle Parteien links der AfD. 

Migration bringt Islam bringt Gewalt

Sicherheitskonzepte müssten zwar diskutiert werden, sagt Maksan. «Letztlich muss man das Problem aber an der Wurzel packen. Dazu gehört eine restriktive Migrationspolitik, die diesen Namen verdient.»

Er sieht unsre Lebensweise in Gefahr: «Sie hat sich durch den infolge von Migration eingeführten Islam schon längst verändert, lange unterhalb der Schwelle solcher Gewalttaten. Juden, Homosexuelle und Frauen bekommen es als Erste zu spüren.» Die Ablehnung und Bestrafung der Homosexualität sei «tief in den Quellen des Islams verankert».

Man könnte auf die Idee kommen, Oliver Maksan sei ein U-Boot, ein heimlicher Agent des Islamischen Staats (IS). Wie der IS ist er der Auffassung, terroristischer Islamismus und Islam seien ein und dasselbe. Wie der IS vermutet er in allen Migranten potenzielle Radikale. Wie der IS lehnt er die Integration sowohl des Islam als auch der Muslime in unsere Gesellschaft ab.

Dass der mutmassliche Attentäter vom Sonntag die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist ihm ein sicheres Zeichen für das Versagen der deutschen Behörden. Wie der IS setzt er auf Spaltung, auf dumpfe Wut gegen «die» deutschen Politiker, auf Unversöhnlichkeit. 

Gegen Ende seines Kommentars bemerkt er, in der Schwulenszene sei längst klar, wer ihre Freiheit und ihr Leben bedrohe, «nur tun die offiziellen LGBT-Verbände noch immer so, als wäre das grösste Problem der Aufstieg der AfD. Mag die Partei auch den öffentlichen Bekenntniszwang zur Vielfalt ablehnen, unmittelbare Gefahr geht von ihr für die queere Szene wohl kaum aus.»

Nun ist es raus! Der Mann plädiert für die AfD. Sie ist ihm kein Problem. Das Problem ist ihm eher die Vielfalt, zu der sich zu bekennen, er als Zwang bezeichnet.  

Eine Alternative 

Ebenfalls am Montag nach dem Attentat konnte man erleben, was intelligenter und fortschrittlicher Journalismus ist: Deutschland-Korrespondentin Cécile Boutelet berichtete für «Le Monde» aus Berlin. Sie ist zu den Trauernden hingegangen, hat sich mit ihnen unterhalten. Sie lässt einen Tunesier zu Wort kommen, der ihr schildert, dass er täglich diskriminiert wird für das, was er ist, nämlich Moslem und Gay. Er möchte, sagt er, die beiden Aspekte seiner Identität miteinander versöhnen und nennt Berlin die queerfreundlichste Stadt der Welt.

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Cécile Boutelet von «Le Monde».

Die französische Journalistin erinnert des Weiteren daran, dass in Deutschland der Wahlkampf schon begonnen habe und zitiert die Stellungnahme des grünen Abgeordneten Konstantin von Notz. Auch damit bietet sie ein Gegengewicht zu Maksans Versuch, den Schwarzen Peter der Attentatsursachen den Linken und Grünen zuzuschieben. 

Welcher Journalismus hilft?

Zwei komplett verschiedene journalistische Haltungen und Methoden zeigen sich hier. Der «NZZ»-Kommentator nutzt das Attentat, um vorgefasste Meinungen zu bekräftigen. Er setzt auf Vereinfachung und Repression. Der Bericht in «Le Monde» deutet, eher zurückhaltend und vorsichtig, die Komplexität des Geschehens an, ohne die Verhältnisse zu verharmlosen. Boutelet erinnert uns an eine mögliche Verbindung von Islam und Homosexualität. Der eine regt zum Durchgreifen, die andere zum Nachdenken an. Nun kann man sagen, wenn es darum geht, Menschenleben vor dem IS zu schützen, muss ohne Zögern gehandelt werden. Sicher. Nur: Wie? 

Mir scheint, ganz im Gegensatz zu der «Weg mit»-Haltung, müsste die Integration von Islam, Muslimen und Musliminnen ebenso wie die Auseinandersetzung mit dieser Religion intensiviert werden. Ohne Repression wird man nicht auskommen, den Islamismus kann man nicht mit Freundlichkeit bekämpfen. Aber islam- und migrationsfeindliche Aktionen stärken nur die Bereitschaft zur Radikalisierung bei jungen Menschen. Unklar bleibt, was unternommen werden kann gegen die Radikalisierung im Netz und gegen die internationale ökonomische und politische Krise, die für viele Menschen den Islamismus attraktiv macht. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.

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