Screenshot

«Aneignen und ausbeuten»: Journalistin Karen Hao erklärt bei «Democracy Now!», wie das KI-Imperium funktioniert. © Democracy Now!

Das Imperium hat eine Adresse

Daniel Ryser /  Was kostet die KI, und wer bezahlt? Über Rechenzentren, kenianische Nachtschichten und ein geräumtes Camp bei Schaffhausen.

Wir reden über künstliche Intelligenz, als wäre sie ein Gespenst. Hat der Minister seine Rede von der Maschine schreiben lassen? Der Chefredaktor seinen Leitartikel? Die Studentin ihre Arbeit? Es sind Fragen eines Feuilletons, das die Geister befragt und die Fabrik übersieht. Denn die KI ist kein Gespenst. Sie hat eine Adresse: Beringen, Kanton Schaffhausen, zum Beispiel. Dort entsteht ein Rechenzentrum, gegen das in den vergangenen Tagen protestiert wurde.

Die Protestierenden nennen solche Anlagen «Brandbeschleuniger für die Klimakrise». Ihr Camp hiess «KI kurzschliessen», auch wenn die Protestierenden dann natürlich gar nicht gezündelt haben, sondern gesund gekocht, wie Fotos im Chat der Gruppe zeigen. Geräumt wurden sie trotzdem. Man muss ihnen überhaupt nicht in allem Politischen folgen, um zu sehen, dass sie eine ziemlich zentrale Frage gestellt haben. Nicht also, was die KI denkt oder ob Benjamin von Stuckrad-Barre seine Bücher noch selber schreibt, und auch nicht, ob Bachelor-Arbeiten überflüssig geworden sind. Sondern: Was verbraucht die KI und wer bezahlt?

Aneignen und ausbeuten

Karen Hao, früher Journalistin beim «Wall Street Journal» und bei der «MIT Technology Review», hat für das alles ein Wort gefunden: «Imperium». Ihr Buch heisst «Empire of AI», Untertitel «Dreams and Nightmares in Sam Altmans OpenAI», und bei «Democracy Now!» hat sie in einem Interview erklärt, was damit gemeint ist, nämlich Imperien neuen Typs. Also keine Kanonenboote und offene Gewalt, aber dieselbe Bewegung, derselbe Griff, «seize and extract», aneignen  und ausbeuten: die Arbeit von Künstlerinnen und Autoren, die Daten von Milliarden Menschen, das Land, die Energie, das Wasser. Alles hinein in die Rechenzentren, alles hinein in die Supercomputer, alles für eine Vision von künstlicher Intelligenz, über die gar niemand abgestimmt hat.

Das letzte Wasser, das allen gehörte

Hao präsentiert Fallgeschichten aus Jahren der Recherche. Chile: Google sucht sich für ein 200-Millionen-Dollar-Rechenzentrum im Grossraum Santiago ausgerechnet jene Gemeinde aus, die – eine Anomalie aus der Diktaturzeit, in der Chiles Wasser fast vollständig privatisiert wurde – noch über eine öffentliche Trinkwasserreserve verfügte. Das letzte Wasser, das allen gehörte. Genau dort. Die Bewilligung kam Anfang 2020, geplanter Verbrauch: 7,6 Millionen Liter Trinkwasser pro Tag in einem Land, das seit 15 Jahren in einer beispiellosen Dürre steckt und 2022 Wasserrationierungen verhängte. Die Bewohner klopften an Türen, verteilten Flugblätter, eskalierten den Streit bis ins kalifornische Mountain View, dem Google-Hauptsitz, von wo Vertreter anreisten, die kein Wort Spanisch sprachen, zogen vor das Umweltgericht und blockierten das Projekt vier, fünf Jahre lang. Am Ende knickte Google ein: Luftkühlung statt Grundwasser, das Projekt war zurück auf Feld eins. Man kann gewinnen gegen ein Imperium. Man braucht nur fünf Jahre, ein Umweltgericht und sehr viel Geduld.

Zwei Dollar pro Stunde

Kenia: Auftragsfirmen von OpenAI liessen Arbeiter durch die Abgründe des Internets waten – detaillierte Beschreibungen von sexueller Gewalt, Kindesmissbrauch, Folter, Selbstverletzung, teils aus den dunkelsten Ecken des Internets zusammengekratzt, teils von den Modellen selbst generiert. Lesen, beschriften, einordnen, Text für Text, Kategorie für Kategorie, damit der Filter lernt, was er blockieren soll. Bezahlung: ein bis zwei Dollar die Stunde. Gratis hinzu gibt es Traumata. Währenddessen, gleiches Modell, anderer Kontinent: Forscher im Silicon Valley beziehen für ihren Beitrag Millionenpakete. Es gebe, sagt Hao, keine Philosophie, die diese Differenz begründe, sondern nur eine Geographie: Der eine sitzt in Kalifornien, der andere in Nairobi, und die Bezahlung folgt nicht der Arbeit, sondern der Landkarte: «Das ist die Logik des Imperiums.»

Laut einer McKinsey-Prognose, die Hao anführt, muss in den nächsten fünf Jahren zusätzliche Energie ans globale Netz, das Zwei- bis Sechsfache dessen, was der Bundesstaat Kalifornien pro Jahr verbraucht, die viertgrösste Volkswirtschaft der Welt. Und woher kommt der Strom? Vor allem aus fossilen Quellen: Kohlekraftwerke, längst zur Stilllegung vorgesehen, laufen weiter, und neben den Serverhallen schiessen unlizenzierte Gasturbinen aus dem Boden. Dazu eine Bloomberg-Analyse, ebenfalls von Hao zitiert: Zwei Drittel der neuen Rechenzentren weltweit entstehen in Regionen, in denen das Wasser jetzt schon knapp ist.

Der umgekehrte Zentaur

Cory Doctorow, der Aktivist und Science-Fiction-Autor, hat derselben Sendung wenige Tage zuvor eine ökonomische Diagnose geliefert. Sein Bild vom «umgekehrten Zentauren» geht so: Der Zentaur ist ein Mensch, der eine Maschine lenkt – Kopf oben, Pferdekraft unten. Der umgekehrte Zentaur ist ein Mensch, den die Maschine lenkt: der Lagerarbeiter, dem der Algorithmus das Tempo diktiert, der Radiologe, der im Sekundentakt die Befunde eines Chatbots abnicken soll und haftet, wenn jemand stirbt. Dahinter steht eine Branche, die nach Doctorows Rechnung rund 1,4 Billionen Dollar investiert hat, bei kaum 50 Milliarden Jahresumsatz – eine Industrie also, die mit jedem neuen Kunden mehr Geld verliert und ihre Rendite deshalb dort suchen muss, wo sie am meisten zerstört: bei der Ersetzung gut bezahlter Arbeit durch minderwertige Automaten und bei unserer Bereitschaft, minderwertige Produkte zu akzeptieren.

Doctorow erzählt aber auch von der Gegenbewegung: Im kalifornischen Monterey Park haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger den Bau neuer Rechenzentren per Urnengang dauerhaft verboten. Die Hollywood-Autorenschaft hat die KI am Arbeitsplatz nicht mit mehr Urheberrecht zurückgedrängt, sondern mit kollektiver Verhandlungsmacht.

Willkommen im Mutterland

Und wo stehen wir in der Schweiz? Wir halten uns gern für die Ausnahme, und die Zahlen scheinen uns zunächst recht zu geben. Rund 40 Gramm CO₂ produzieren wir pro Kilowattstunde Strom – nur Norwegen und Schweden sind sauberer, die USA wiederum liegen, wenig überraschend, fast beim Zehnfachen.

Eine Studie von Allianz Trade, über die die «Netzwoche» Ende Juni berichtete, zeigt, warum die Sache komplizierter ist, auch für die Schweiz: Weltweit stiessen die Rechenzentren 2025 rund 286 Millionen Tonnen CO₂ aus – so viel wie ganz Frankreich –, 57 Prozent mehr als bisher angenommen, weil man Gewichtiges zu zählen vergass: die Herstellung der Server, der Halbleiter, den Beton der Gebäude. Und genau dieser Teil der Rechnung entzieht sich dem sauberen Schweizer Strom: Die Hardware wird anderswo gebaut.

Bis 2030 könnte allein die Hardware die Hälfte des Fussabdrucks ausmachen, und der Wasserverbrauch könnte sich mehr als verdoppeln. Der saubere Strommix entlastet die Schweiz also weniger, als sie glaubt. Und er verdeckt eine zweite, unbequemere Wahrheit, die Algorithm Watch in einer grossen Rechenzentren-Recherche herausgearbeitet hat: Das energieintensive Training der grossen Modelle findet offenbar vor allem im Ausland statt, wo Strom und Land billiger sind, während in Zürich die Forschungsbüros von OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft residieren. Hier die Wertschöpfung, dort die Emissionen. Im Imperium, das Hao beschreibt, sind wir nicht die Ausgebeuteten. Wir sind das Mutterland und halten uns, wie jedes Mutterland, für ziemlich unbeteiligt.

Die andere Hälfte der Rechnung

Die eigentliche Aufgabe der Medien wäre, diese Technologie nicht als gegeben hinzunehmen. Die Frage nach den Jobs, die sie kostet, ist richtig gestellt. Sie ist nur unvollständig, solange die andere Hälfte der Rechnung fehlt: das Kobalt und das Kupfer, der Beton und das Grundwasser, die kenianischen Nachtschichten und das Schaffhauser Ackerland.

Die Zelte des Schaffhauser Protestcamps sind ein Anfang, so klein er ist. In Monterey Park, ebenfalls lokal, in Kalifornien, haben die Stimmbürger neue Rechenzentren per Urnengang dauerhaft verboten, mit 88 Prozent, die erste Abstimmung dieser Art in den USA. Ausgerechnet die Kalifornier haben getan, was das Abstimmungsland Schweiz bisher nicht tat: Sie haben über KI abstimmen lassen. In Chile hat Google nach fünf Jahren Widerstand eingelenkt. In Schaffhausen gab es vorerst nur eine Räumung. Aber die Bewegung hat schon jetzt geleistet, was Bundesberichte und Bewilligungsverfahren versäumten: Sie hat dieser Zukunft die Selbstverständlichkeit genommen. Sie hat sie zu etwas gemacht, worüber sich streiten lässt, und damit zu etwas, worüber sich abstimmen liesse. Sie hat die Frage aufs Tapet gebracht, ob wir diese Zukunft überhaupt wollen.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...