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«Terrorisiere sie, bis sie ihren Glauben überdenken»: Polizeikräfte im Berliner Tiergarten in der Nacht auf den 26. Juli 2026, nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day. © SRF

Lieferwagenterrorismus

Daniel Ryser /  Wie die CIA in Afghanistan die Islamisten in den Taktiken schulte, mit denen sie heute den Christopher Street Day angreifen.

2004, kurz nach der US-amerikanischen Invasion im Irak, veröffentlichte ein Mann namens Abu Bakr Nadschi im Internet «The Management of Savagery», das Drehbuch für die Errichtung eines Kalifats, ein Handbuch des Dschihadismus. Ich habe darüber im Januar 2015 in der «Wochenzeitung» einen Text über Dschihadkultur publiziert, ein paar Tage nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo. Damals recherchierte ich an der Universität Freiburg zum Thema, und Nadschi, ehemaliger Chefstratege von Al-Kaida, war eine zentrale Quelle.

Der Kernsatz von Abu Bakr Nadschis Pamphlet lautete: «Terrorisiere sie so lange, bis sie ihren Glauben überdenken.» Und das wurde zu einer Bedienungsanleitung für die Attentate von Al-Kaida und des Islamischen Staats.

Eugen Sorg schrieb ein paar Wochen später in der «FAZ» über Nadschis Pamphlet: «Auf erschreckend genaue Weise nimmt es das Handeln des IS in Syrien und dem Irak vorweg, aber auch dasjenige anderer Trupps wie Boko Haram in Nigeria oder vieler Einzeltäter wie den Bostoner Bomben-Brüdern, dem Attentäter von Toulouse, den Londoner Schlächtern des Soldaten Lee Rigby, den jüngsten islamistischen Mördern in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Paris und in Kopenhagen … Mit ‹unzähligen kleinen Operationen› soll der Alltag der ‹Ungläubigen› und deren Kollaborateuren unerträglich gemacht werden, und zwar aus dem Schutz glaubenstreuer Milieus in den arabischen, asiatischen und afrikanischen Kernländern heraus, aber auch aus den wachsenden islamischen Parallelgesellschaften in den westlichen Staaten. Keiner soll sich mehr sicher fühlen können.»

Der Lehrmeister aus Langley

Die Strategie dahinter stammt nicht aus dem Koran, sondern von der CIA. Den US-Geheimdienstanalytiker Ray S. Cline, mit dessen Schriften die Dschihadisten während des Kalten Kriegs in Afghanistan vertraut gemacht worden waren, bewunderten sie als «grössten Denker des Kalten Kriegs» und übernahmen von ihm Guerillatechniken, die sie nun gegen die USA einsetzten.

Gemeint waren jene Taktiken, die die CIA in den achtziger Jahren im Rahmen der «Operation Cyclone» den afghanischen Mudschaheddin beibrachte, um die sowjetische Besatzungsarmee zu bekämpfen: kleine, mobile Kommandos statt offener Feldschlacht, Überfall statt Front, Rückzug ins unwegsame Gelände, sobald der Gegner seine überlegene Feuerkraft ausspielt.

Zehn Jahre nach Abu Bakr Nadschis Pamphlet, im September 2014, lieferte der Islamische Staat die verfeinerte Gebrauchsanweisung: «Indeed Your Lord Is Ever Watchful». In jener Rede des damaligen Sprechers der Terrororganisation heisst es: «Such dir einen ungläubigen Amerikaner oder Franzosen aus. Zertrümmere seinen Schädel mit einem Stein, schlachte ihn ab mit einem Messer, überfahre ihn mit einem Auto, wirf ihn von einer erhöhten Stelle hinunter, erwürge oder vergifte ihn.» Das Ziel: «Verbittere ihr Leben, und beschäftige sie mit sich selbst.»

Kein Sprengstoff, keine Ausbildung, kein Kontakt zur Organisation nötig, nur ein Fahrzeug und ein Messer. Nizza, Juli 2016. Berlin, Breitscheidplatz, Dezember 2016. Und nun, 25. Juli 2026, wieder Berlin: ein Lieferwagen im Tiergarten, ein Messer, eine Tote und noch nicht einmal ein Bekennerschreiben.

Der Nachlass

Die Industrie, die für die erste grosse Welle dieser Terrorpropaganda verantwortlich war – ihren ersten Höhepunkt fand sie 2004 in der Enthauptung des Journalisten Nick Berg durch einen Mann namens Abu Musab al-Sarkawi, der später den Islamischen Staat gründete –, existiert heute praktisch nicht mehr. Der IS-Terror hat keinen Staat mehr, und in gewissem Sinne klingt diese Niederlage wie die Konsequenz aus der CIA-Lehre: «Unser grösster Vorteil sind unsere Beweglichkeit und die Schwerfälligkeit der USA, die einen Status quo erhalten wollen. Wir aber operieren aus dem Schatten und können zuschlagen, wo und wann wir wollen.»

Der Islamische Staat ist, als Territorium und als Organisation, so gut wie tot. Aber Nadschis Satz, der auf CIA-Taktiken beruhte, war nie an ihn gebunden. Er funktionierte von Anfang an unabhängig von Plattform und Organisation. Er wirkte in Al-Kaida, die schon immer mehr Idee als Organisation war. Er wirkte im IS. Und am 25. Juli 2026 wirkte er, wie sich zeigt, auch ganz ohne Betriebssystem, durch einen 21-jährigen Berliner mit Vorstrafen und einem geliehenen weissen Lieferwagen.


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