Alp dil Plaun

Die Bündner Alp dil Plaun hoch über Rhäzüns ist einer von 14 Standorten in fünf Kantonen der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» von Agroscope. © Jürg Vollmer

Forschung auf der Alp soll Alpenrosen eindämmen

Jürg Vollmer /  Klimawandel, Problempflanzen, Grossraubtiere – die Schweizer Alpwirtschaft und Berglandwirtschaft sind unter Druck.

Der Klimawandel, Problempflanzen und Grossraubtiere wie Wölfe und Bären erschweren in der heutigen Zeit das Leben und Arbeiten in der Schweizer Alpwirtschaft und Berglandwirtschaft. Mit der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» unterstützt Agroscope langfristig Bauernfamilien, die im doppelten Sinne des Wortes «am Berg» sind.

Und das sind nicht wenige: Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, zählt 20’000 Schweizer Landwirtschaftsbetriebe in den Berggebieten. Diese bewirtschaften über 400’000 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche.

«Diese Landwirtschaftsbetriebe erfüllen für die Schweiz wichtige Funktionen», betont die Biologin Corinne Boss, Mitglied der Agroscope-Geschäftsleitung. Die Alpwirtschaft und Berglandwirtschaft:

  • schafft in der Urproduktion und den vorgelagerten sowie nachgelagerten Branchen Arbeitsplätze in den Berggebieten
  • liefert authentische und hochwertige Lebensmittel
  • steigert die Attraktivät für den Tourismus und schafft damit weitere Arbeitsplätze in den Berggebieten
  • erhält einzigartige Ökosysteme

Agroscope startete deshalb im Juni 2021 die «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft». Das tönt so trocken wie eine Alp im Hitzesommer 2026, ist tatsächlich aber eines der spannendsten Forschungsprojekte im gesamten Alpenraum.

Milchkühe auf der Bündner Alp dil Plaun
Die Milchkühe auf der Bündner Alp dil Plaun sind während fünf Jahren Forschungsobjekte der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» von Agroscope.

Agroscope testet innovative Technologien auf 14 Alpen in fünf Bergkantonen

Für die «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» hat Agroscope 14 Alpen in den Bergkantonen Graubünden, Bern, Uri, Wallis und Tessin ausgesucht.

Am Agroscope-Projekt beteiligt sind diese fünf Bergkantone und die Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL als Forschungspartnerin. Den späteren Wissenstransfer in die Praxis übernimmt die landwirtschaftliche Beratungszentrale Agridea.

Bis es soweit ist, bilden die 14 Alpen zusammen die virtuelle «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft». Virtuell, weil es so viele Standorte braucht, um die strukturellen, organisatorischen, ökonomischen und klimatischen Unterschiede der Regionen abzubilden. Agroscope kann aber nicht auf jeder dieser 14 Alpen Forschende platzieren.

Die vier Schwerpunkte der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft»

Erste Resultate präsentierte Agroscope auf der Bündner Alp dil Plaun (rätoromanisch für Bodenalp), die hoch über Rhäzüns im Domleschg liegt.

Die Fahrt dorthin ist eine luftige Sache: Zuerst vom Talboden (666 M ü. M.) mit der kleinen Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis und der Sesselbahn zur Bergstation Mutta (1974 m ü. M.), dann eine halbe Stunde zu Fuss auf die Sömmerungsalp.

Auf der Alp dil Plaun wirtschaften seit 2010 die Südtiroler Nadia und Günther Kneissl mit je einer Herde Milchkühen und Mutterkühen von Bauern aus der Region. Ihre Alpkäse werden seit Jahren immer wieder mit Medaillen ausgezeichnet – und der Buchweizen-Kuchen in ihrem Alpbeizli auf der Alp dil Plaun ist unter Wanderern legendär.

Der ideale Platz für Agroscope, um die vier Schwerpunkte der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» zu präsentieren:

  • Dem Klimawandel standortangepasste Bewirtschaftung
  • Milchtechnologie
  • Ökonomik des nachhaltigen Alpmanagements
  • Ackerbau in den Berggebieten

Die Auswirkungen des Klimawandels auf Wasser und Gras im Berggebiet

Der Klimawandel wirkt sich auch auf die Alpweiden aus: Auf diesen vertrocknet im Alpsommer das Gras und die Quellen versiegen. Eine Milchkuh muss aber für jeden Liter Milch, den sie gibt, vier Liter Wasser trinken.

Pro Tag braucht demnach jede Milchkuh 80 bis 100 Liter Wasser. An Hochsommertagen und auf steilen Berghängen können es sogar 150 Liter Wasser sein. In trockenen Sommern müssen verschiedene Alpen das Wasser mit Helikoptern hochfliegen – oder die Kühe müssen schon in der Hälfte der Alpzeit wieder ins Tal gebracht werden.

Den Klimawandel können die Agroscope-Forscher nicht aufhalten. Und die Quellen bringen sie auch nicht zum Sprudeln.

Ein Teilprojekt der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» kommt deshalb zur Erkenntnis, dass die Referenzwerte für den optimalen Viehbesatz auf der Alp angepasst werden müssen.

Eine Alp kann dann nicht mehr mit zum Beispiel 100 Milchkühen bestossen werden, sondern je nach Wasserhaushalt und Futterangebot nur noch mit 70, 80 oder 90 Milchkühen.

Sarina Danioth (links) und Caren Pauler
Die Agroscope-Mitarbeiterinnen Sarina Danioth (links) und Caren Pauler untersuchen den Ertrag und die Qualität des Futters auf der Alp dil Plaun.

Ein anderes Teilprojekt von Agroscope untersucht den Ertrag und die Qualität des Futters. Die Forschenden markierten dafür auf jeder der 14 Alpen vier Flächen von je einem Quadratmeter. Je eine produktive und eine magere Weide in einem tiefer und einem höher gelegenen Teil der Alp.

Auf diesen Flächen schneidet die Doktorandin Sarina Danioth das Gras regelmässig mit einer Grasschere und legt es auf die Waage. Danach ermittelt sie im Labor den Nährwert der Grasmenge.

Das können bei schlechter Bodenbeschaffenheit und grosser Trockenheit nur 60 Gramm Gras pro Quadratmeter sein. Eine Milchkuh frisst aber täglich 70 bis 140 Kilogramm Gras.

Da kann man sich ausrechnen, dass in einem trockenen Sommer neben dem Wasser auch Futter auf die Alp gefahren oder geflogen werden muss. Die Zufütterung mit Futter aus dem Tal ist aber streng reglementiert. Wenn es kein Futter oder Wasser mehr hat, werden die Tiere ins Tal getrieben.

Um das zu vermeiden, untersucht Agroscope neun neue trockenresistente Wiesen-Mischungen. Das sind Samen-Mischungen mit Pflanzenarten wie Hornklee, Rotschwingel, Spitzwegerich und Rotem Straussgras. Diese brachten selbst unter trockenen Bedingungen bis zu 44 Prozent mehr Futter als die Referenz-Mischungen.

Sarina Danioth
Agroscope-Mitarbeiterin Sarina Danioth hängt einer Milchkuh auf der Alp dil Plaun ein Halsband mit GPS-Empfänger um.

Virtuelle Zäune und Drohnen hüten Schafe und Rinder auf der Alp

Weitere Projekte der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» auf den 14 Sömmerungsalpen untersuchen das Potenzial neuer Technologien für das Herdenmanagement:

  • Mit Kameras und Sensoren ausgerüstete Drohnen zur Überwachung von Herden in steilem Gelände, insbesondere auch für den Herdenschutz gegen den Wolf.
  • Virtuelle Zäune, die ein Gebiet per Satellitennavigation eingrenzen. Die Tiere tragen GPS-Empfänger am Halsband, die zuerst mit Tönen und bei Missachtung mit einem kleinen Stromstoss anzeigen, wo der virtuelle Zaun steht.

«Der Stromstoss ist 25 Mal kleiner als bei einem elektrischen Weidezaun», betont die wissenschaftliche Projektleiterin Caren Pauler, «zudem ist der Hals einer Kuh weniger schmerzempfindlich als ihre Nase, die bei Elektrozäunen einen Stromschlag abbekommt».

Weil die Kühe durch ein ansteigendes Tonsignal gewarnt werden, wenn sie sich dem «Zaun» nähern, kehren sie um, bevor es «fitzt».

Alle Studien zeigen, dass das Tierwohl nicht beeinträchtigt wird. Trotzdem sind die Geräte in der Schweiz ausser für diese Versuche nicht zugelassen. Das erfolgreiche Agroscope-Projekt könnte dies ändern.

Alpenrosen und Heidelbeeren
Alpenrosen und Heidelbeeren sind schön anzusehen und herrlich süss – aber es sind Problempflanzen, welche die Kühe auf der Alp nicht fressen.

Für die Alpwirtschaft sind Alpenrosen und Heidelbeeren ungeliebte Problempflanzen

Die Wanderer kommen im Juli und August nicht nur wegen dem köstlichen Buchweizen-Kuchen oder dem jungen Alpkäse auf die Alp dil Plaun. Sie wollen auch die blühenden Alpenrosen sehen (und fotografieren, Instagram lässt grüssen). Oder sie pflücken die süssen Heidelbeeren auf den Alpweiden.

Für die Sennen gehören die Zwergsträucher Alpenrosen und Heidelbeeren aber zur Gruppe von 24 Problempflanzen. Wenn alles mit Sträuchern zugewachsen ist, gehen Weideland und Biodiversität verloren. Die Heidelbeeren selbst mögen die Kühe dagegen wie wir Menschen auch.

Caren Pauler
Agroscope-Mitarbeiterin Caren Pauler kontrolliert die Ausbreitung der Alpenrosen auf der Alp dil Plaun. Wo Alpenrosen sind, wächst im wörtlichen Sinne kein Gras mehr.

Zusammen mit Fachleuten aus Wissenschaft, Beratung, Naturschutz und Praxis verfassten die Agroscope-Forschenden das Handbuch «Massnahmen zur Regulierung von Problempflanzen im Alpgebiet».

«Ironischerweise sind sowohl Unternutzung wie Übernutzung der Alpweiden ein Problem», stellt Caren Pauler fest:

  • Unternutzung (zu wenig Kühe) führt zu einer Verbuschung der Alpweiden unter anderem mit Alpenrosen und Heidelbeeren 
  • Übernutzung (zu viele Kühe) fördert nährstoffliebende Pflanzen wie die krautigen Blacken (Ampfer)
Manuel Schneider
Manuel Schneider, Agroscope-Teamleiter Bergfutterbau, auf der Alp dil Plaun.

Agroscope will den Ackerbau wieder in die Berggebiete bringen

Ein ganz anderes Teilprojekt der «Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft» von Agroscope untersucht den Ackerbau in den Berggebieten. «Über Jahrhunderte wurden in den Bergen Getreide und Hülsenfrüchte zur Selbstversorgung angebaut, bevor diese dem Grünland weichen mussten», erklärt der Agronom Manuel Schneider, Teamleiter Bergfutterbau bei Agroscope.

Das Teilprojekt «Ackerbau in den Berggebieten» will diese traditionellen Kulturen wieder aufleben lassen und ihre Verarbeitung zu hochwertigen regionalen Spezialitäten fördern. Das Ziel dieses Teilprojektes sind zusätzliche Einkommensmöglichkeiten neben der Fleisch-, Milch- und Käse-Produktion.

Das Teilprojekt «Ackerbau in den Berggebieten» startete im Frühling 2024 im Wallis und in Graubünden und konzentriert sich mit Sortentests auf drei historische Kulturen:

  • Rollgerste (unter anderem für die Bündner Gerstensuppe)
  • Braugerste (für lokale Bierbrauer)
  • Ackerbohnen (für die Entwicklung neuer Brote mit Roggen und Weizen)

Zudem wird als neue Kultur die Lupine hinzugenommen. Mit dieser Hülsenfrucht und der Milch können neue Käsesorten entwickelt werden, die pflanzliche und tierische Rohstoffe kombinieren.

Die Sortenversuche für Gerste und Lupinen werden in Graubünden in Partnerschaft mit dem Plantahof durchgeführt, der landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte des Kantons Graubünden und der Ostschweiz. Weitere Partner sind das Projekt regionale Entwicklung PRE Safiental und Landwirtschafts-Betriebe im Naturpark Beverin.

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Dieser Beitrag erschien im Newsletter «Food Revolution» des Agrarjournalisten Jürg Vollmer. Übernahme mit freundlicher Genehmigung.


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Keine
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