Sperberauge

«Jetzt für beide Seiten gesichtswahrend verhandeln»

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  Das fordert Erich Vad, früherer deutscher Brigadegeneral und bis 2013 militärpolitischer Berater von Kanzlerin Angela Merkel.

«Die Ukrainer haben bewiesen, dass sie ihre Hauptstadt Kiew wirksam verteidigt haben und darüber hinaus einen erfolgreichen Abwehrkampf führen gegen einen überlegenen Gegner. Die Russen wiederum haben einige Landgewinne im Osten und an der Schwarzmeerküste erzielt.» Das seien nicht die schlechtesten Voraussetzungen für Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen, sagte Erich Vad laut ZDF.

«Wenn wir den Dritten Weltkrieg nicht wollen, müssen wir früher oder später aus dieser militärischen Eskalationslogik raus und Verhandlungen aufnehmen.» Im Moment herrsche sehr viel Kriegsrhetorik – aus guter gesinnungsethischer Absicht. «Aber der Weg in die Hölle ist bekanntlich immer mit guten Vorsätzen gepflastert. Wir müssen den laufenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine vom Ende her denken», erklärte der frühere Brigadegeneral.

Schwere Waffen ebnen den Weg in den Dritten Weltkrieg

Die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine hält Ex-General Erich Vad aktuell nicht für sinnvoll. Für eine solche Waffenlieferung hatte zum Beispiel Aussenministerin Annalena Baerbock am 11. April geworben. Es gibt auch kaum ein Statement, in dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky seine Forderung nach schweren Waffen unerwähnt lässt. «Wenn wir Flugzeuge und genug schwere gepanzerte Fahrzeuge und die nötige Artillerie hätten, könnten wir es schaffen», sagte er. Erich Vad warnt vor der Lieferung von schweren Waffen, weil sie potenziell «einen Weg in den Dritten Weltkrieg» seien. Davon abgesehen könne man komplexe Waffensysteme wie den Kampfpanzer Leopard oder den Schützenpanzer Marder nur nach jahrelanger Ausbildung systemgerecht bedienen und einsetzen, sagte Vad. Sie nützten den Ukrainern militärisch aktuell und auf absehbare Zeit also gar nichts.

Der russische Angriffskrieg steht in einer Kette vergleichbarer Kriege neueren Datums

Vad warnte davor, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin das Menschsein abzusprechen und ihn zum krankhaften Despoten abzustempeln, mit dem man nicht mehr reden könne. So völkerrechtswidrig und furchtbar der Ukraine-Krieg sei, er stehe doch «in einer Kette vergleichbarer Kriege jüngeren Datums: Irak, Syrien, Libyen, Afghanistan – so neu ist das alles nicht». Selbst die viel zu vielen toten Zivilisten und die Massaker, die sich jetzt im Ukraine-Krieg ereigneten, seien leider nicht aussergewöhnlich: «Im Krieg werden Unschuldige getötet. So ist der Krieg. Das ist leider systemimmanent.»

Der Militäranalyst geht davon aus, dass Putin den ursprünglich von ihm angestrebten Regime-Wechsel in der Ukraine nach dem weitgehenden Abzug aus dem Raum Kiew aufgegeben habe. «Deshalb stehen die Chancen für Verhandlungen eigentlich nicht schlecht», sagte Vad.

Kommentar

Es braucht eine Verhandlungslösung, um diesen Krieg sofort zu stoppen und die meisten Sanktionen aufzuheben

«Der Westen kappt die diplomatischen Beziehungen zu Russland», titelte am 12. April die NZZ. Das ist das Dümmste, was der Westen machen kann. Denn wenn Selensky, die EU und die USA das Töten von Soldaten – viele davon zurückgebliebene Familienväter –, das Töten der Zivilbevölkerung, das Vergewaltigen und das Zerstören von Infrastruktur und von Wohnvierteln sofort beenden wollen, geht es nicht ohne intensive diplomatische Kontakte und ohne eine Verhandlungslösung.

Zu behaupten, Putin wäre sowieso zu keiner solchen bereit, ist ein billiges Argument all derer, nicht zuletzt der Lobby der Rüstungskonzerne, die an der Fortführung dieses Krieges interessiert sind.

Heftigste Kämpfe in der Ostukraine stehen bevor, mit allem Elend, das sie zusätzlich verursachen.

Drohende Ernteausfälle in der Ukraine und wegen der Sanktionen verhinderte Exporte russischen Getreides machen Grundnahrungsmittel bereits jetzt für breite Bevölkerungsschichten in manchen Ländern unerschwinglich. Die wegen der Sanktionen massiv gestiegenen Preise für Benzin, Gas und Heizöl treiben die Inflation zusätzlich in eine gefährliche Höhe. Bereits kommt es zu Unruhen in Nordafrika, Zentralafrika, Indonesien, Peru, Argentinien (Jahresinflation 50 Prozent!) und Brasilien. Das Risiko neuer Bürgerkriege und Kriege nimmt zu. Es ist das Letzte, was unser Planet brauchen kann.

Urs P. Gasche


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

Ukraine_Sprachen

Die Ukraine zwischen Ost und West: Jetzt von Russland angegriffen

Die Ukraine wird Opfer geopolitischer Interessen. Die Nato wollte noch näher an Russland. Russland führt einen rücksichtslosen Angriffskrieg und missachtet das internationale Kriegsrecht.

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2 Meinungen

  • am 14.04.2022 um 17:23 Uhr
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    Ich habe die Nachrichten von China auf meinem PC durchgelesen. Es interessieren mich die Ansichten möglichst vieler Seiten, und es erstaunte mich, als ich auf dem Nachrichtenportal die Qualität sah, ohne Wertung zu Beobachten und geschichtliche Hintergründe mit ein zu beziehen, um Ursache, Wirkung, Fehlentscheidungen und Absichten selber abwägend erkennen zu können. Keine vorverdauten Meinungen, nur Informationen, denken darüber muss man selber. Es war mir, als würde es den Infosperber und Global-Bridge auch in China geben. Der Staat passt vielleicht auf, das keiner verzerrt berichtet? Dort war ähnliches zu lesen wie über die Sichtweise von Erich Vad. Auch war dort zu lesen, dass die Nato die Ukraine mit Waffen beliefert, (Fotos der Lieferung) und dass das Flaggschiff Russlands soeben versenkt worden sei. Gleichermassen wurden womögliche Fehlentscheidungen Russlands wie des US-Westens thematisiert. Waffenstillstand sofort und Verhandlungen ohne faule Kompromisse, unsere einzige Chance.

    2
    • am 15.04.2022 um 13:54 Uhr
      Permalink

      Ich habe die gleiche Erfahrung gemacht. Nachdem ich die wichtigsten westlichen Medien konsultiert und mit TASS, Interfax sowie RT und Anti-Spiegel verglichen habe, kam ich zum Schluss, dass CGTN (China Global Television Network) am neutralsten über den Krieg berichtet. Die mit westlichen Journalisten besetzten Redaktionen in London, Washington und Nairobi berichten, was beide Seiten sagen und Korrespondenten vor Ort berichten auch mit Interviews vom Krieg alles ohne Beschönigung, aber auch ohne Wertung. Ein wohltuender Kontrast zur einseitigen Berichterstattung hier mit Vermutungen, oft auch Hass und Häme.

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