Die lange Reihe der kranken US-Präsidenten
«Glauben Sie, dass Barry Goldwater psychisch geeignet ist, um als US-Präsident zu amtieren?» Diese Frage stellte das US-Magazin «Fact» 1964 über 12’000 Psychiatern in den USA. Von den 2417, die antworteten, hielten 1189 den Präsidentschaftsanwärter für psychisch nicht fit genug. Die Antworten kommen einem seltsam bekannt vor.
«Ein grössenwahnsinniges, grandioses Allmachtsempfinden» scheine den Anwärter fürs Präsidentenamt zu durchdringen, konstatierte einer der Psychiater. Ein anderer schrieb: «Ich glaube, dass Goldwater an einer chronischen Psychose leidet.»
«Aus seinen veröffentlichten Äusserungen gewinne ich den Eindruck, dass Goldwater im Grunde ein paranoider Schizophrener ist, der von Zeit zu Zeit dekompensiert. … Er gleicht Mao Tse-Tung», behauptete ein dritter, während ein vierter überzeugt war: «Goldwater weist dieselbe pathologische Veranlagung auf wie Hitler, Castro, Stalin und andere bekannte schizophrene Führungspersönlichkeiten.»
Keiner dieser Psychiater hatte den republikanischen Senator und Präsidentschaftsanwärter Goldwater je persönlich untersucht.
Aus medizinethischen Gründen die Stimme erheben – oder eben deshalb schweigen?
«Fact» veröffentlichte die Umfrageergebnisse gegen den Widerstand der US-Psychiatervereinigung APA. Worauf Goldwater die Zeitschrift verklagte und gewann.
Die APA erliess daraufhin 1973 die «Goldwater-Regel». Diese besagt, dass es «unethisch ist, wenn ein Psychiater eine fachliche Meinung abgibt, ohne zuvor eine Untersuchung durchgeführt zu haben und ermächtigt zu sein, eine Stellungnahme abzugeben».
Dessen ungeachtet, fühlen sich mittlerweile landauf, landab Psychotherapeuten, Psychiater und andere berufen, sich öffentlich zum Gesundheitszustand des aktuellen US-Präsidenten zu äussern. Im Mai 2026 erklärten 30 US-Psychiater und andere Ärzte in einer Stellungnahme, sie hielten Donald Trump für psychisch unfähig, die Nation weiterhin zu führen. Trump stelle eine zunehmende Gefahr für die ganze Welt dar und müsse aus dem Amt entfernt werden, forderten sie.
Müssen Fachleute angesichts der behaupteten Gefahr – Trump hat die Hoheit über das US-Atomwaffenarsenal – aus ethischen Gründen ihre Stimme erheben? Oder sollten sie besser schweigen, weil es völlig unprofessionell ist, Ferndiagnosen abzugeben? Darüber wird, beispielsweise im «British Medical Journal» (BMJ), seit Monaten diskutiert.
Das erfundene «Hybris-Syndrom»
Ein früherer Neurologe und britischer Aussenminister sowie ein Universitätsprofessor wollen bei Trump das «Hybris-Syndrom» erkannt haben, eine Diagnose, die es offiziell nicht gibt.
«Menschen mit ausgeprägter Hybris haben ein übersteigertes Selbstbild; sie sind übermässig selbstsicher, arrogant und stolz; sie begegnen dem Rat und der Kritik anderer mit Verachtung; sie überschätzen die Wahrscheinlichkeit positiver Ergebnisse ihrer Entscheidungen und Handlungen und unterschätzen die Wahrscheinlichkeit negativer Folgen», schrieben diese beiden Autoren eines Editorials im «BMJ» – und zitierten sich dabei bezeichnenderweise ausgiebig selbst.
Donald Trump sei nur das jüngste Beispiel einer langen Reihe von politischen Oberhäuptern, die der berauschenden Wirkung von Macht und Erfolg erlegen seien, behaupteten die zwei. George W. Bush, Margaret Thatcher, Tony Blair und Boris Johnson seien weitere Beispiele.
Die lange Reihe der kranken US-Präsidenten
Schon 2017 hatte eine Fachgruppe um den Psychologen John Gartner bei Donald Trump «paranoide und wahnhafte» Züge und einen «bösartigen Narzissmus» ferndiagnostiziert. Im April 2026 behauptete Gartner nun, er habe bei Trump Zeichen einer Demenz erkannt.
Selbst wenn es so sein sollte, befände sich Trump damit in grosser Gesellschaft: Von den 37 US-Präsidenten zwischen 1776 und 1974 zeigten 18 irgendwann in ihrem Leben Anzeichen einer psychischen Erkrankung. So lautete das Fazit von drei Psychiatern 2006 im «Journal of Nervous and Mental Disease».
Bei zehn US-Präsidenten (Adams, Pierce, Lincoln, Roosevelt, Taft, Wilson, Coolidge, Hoover, Johnson und Nixon) habe sich die psychische Erkrankung während der Amtszeit bemerkbar gemacht, wobei die Symptome bei neun dieser US-Präsidenten «die Effektivität oder Leistungsfähigkeit beeinträchtigten». Von 1908 bis 1928 seien die USA von sechs Präsidenten in Folge regiert worden, die allesamt mit psychischen Problemen kämpften; bei vier habe dies die Amtsführung beeinträchtigt. Die drei Psychiater stellten ihre Diagnosen rückblickend anhand von Biographien, Büchern, Aussagen von Zeitzeugen und weiteren Quellen.
Sturzbetrunkener Oberbefehlshaber
Noch besorgniserregender ist der Befund dreier neuseeländischer Wissenschaftler, die allerdings keine Psychiater sind. Sie wollten wissen, wie es um die Gesundheit von (bereits verstorbenen) Politikern stand, die Atomwaffenstaaten führten. Gar nicht gut, so ihr Befund in «BMC Research Notes».
Acht von 51 Regierungsführern von Atomwaffenstaaten verstarben im Amt an chronischen Erkrankungen, meist an Herzinfarkt oder Schlaganfall. 23 litten an körperlichen oder psychischen Krankheiten, die bei mehreren mindestens dazu beitrugen, dass sie ihr Amt niederlegen mussten. So etwa beim früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin, der unter anderem drei Herzinfarkte und eine Bypass-Operation hatte und übermässig Alkohol trank.
Der alkoholabhängige US-Präsident Richard Nixon sei zeitweise so betrunken gewesen, dass er an entscheidenden Sitzungen nicht habe teilnehmen können, etwa während Krisen im Nahen Osten. «Andere trafen dann die Entscheidung, die Bereitschaft der US-Atomstreitkräfte zu erhöhen.»
Heimlichtuerei ist üblich
Bei mindestens neun US-Präsidenten seien der Öffentlichkeit wichtige Informationen über ihren Gesundheitszustand verheimlicht worden, etwa Ronald Reagans Demenz. Grover Cleveland unterzog sich auf einer Jacht vor New York einer Krebsoperation, damit die Öffentlichkeit nichts erfuhr. Franklin Roosevelt verheimlichte, dass er einen Rollstuhl benützte. Als Dwight Eisenhower einen Herzinfarkt erlitt, der ihn ein halbes Jahr handlungsunfähig machte, gab sein Arzt zunächst vor, es handle sich um «Verdauungsprobleme». Und als Joe Biden 2024 in der Wahlkampfdebatte mit Donald Trump Aussetzer hatte, wurden Jetlag, Müdigkeit oder die Einnahme eines Erkältungsmittels vorgeschützt.
Die Heimlichtuerei betraf auch europäische Politiker wie etwa Winston Churchill, der 1953 einen Schlaganfall erlitt. Der ehemalige französische Präsident François Mitterand erlag kurz nach dem Ende seiner Amtszeit einem Prostatakrebs. Sein Arzt habe 1994 zugegeben, dass Mitterand nicht mehr in der Lage gewesen sei, seinen Amtspflichten nachzukommen.
Für ihre Diagnosen stützten sich die neuseeländischen Wissenschaftler auf Biografien. «Psychische Probleme waren häufig», stellten sie fest. Der schwer depressive israelische Ministerpräsident Menachem Begin beispielsweise habe «sein letztes Jahr als Regierungschef isoliert zu Hause verbracht». Sein indischer Kollege Atal Bihari Vajpayee litt an Gedächtnisverlust und hatte Phasen, wo er verwirrt war und unverständlich faselte.
Blaue Flecke und Müdigkeit
Das eigentliche Problem sei ein grösserer Systemfehler, bemerkte Nick Wilson, Professor für Public Health in Neuseeland. Er ist einer der Autoren dieser Analyse. Einmal im Amt, sei es kaum möglich, solche Politiker ihres Amtes zu entheben, wenn sich herausstelle, dass sie krank seien.
Zweitens sei es ein Problem, wenn ein einzelner Mensch darüber entscheide, ob Atomwaffen gezündet werden sollen. Drittens gebe es keine Vorschriften, die verlangen, dass sich solche Personen regelmässig Gesundheitschecks unterziehen müssen.
Immer mehr Stimmen in den USA fordern nun: Donald Trumps Gesundheitschecks sollten offengelegt werden.
Jüngst stimmte Jonathan Reiner, der einstige Kardiologe des früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney in der «New York Times» in diesen Chor ein. «Trump hat nicht gut ausgesehen, und wir sollten wissen, warum», verlangte Reiner und verwies auf die blauen Flecke an Trumps Händen, dessen geschwollenen Beine und die zuweilen erkennbare Müdigkeit. Der Kardiologe lässt auf X.com keine Gelegenheit aus, um über den Gesundheitszustand des Präsidenten zu sinnieren – und keinen Zweifel daran, dass ihm Trump und dessen Regierung nicht passen.
Eine Glosse im Blog «Sensible Medicine» brachte es auf diesen Punkt: Die Gesundheit des Präsidenten sei nur dann wichtig, wenn die Wahl nicht so ausfalle wie erhofft. «Wenn wir hingegen Wahlen gewinnen und unser Kandidat eindeutig Anzeichen von Demenz zeigt, können dieselben, ach so unparteiischen liberalen Ärzte behaupten, es habe sich lediglich um eine unglückliche Reaktion auf Erkältungsmedikamente gehandelt.»
In den USA kann der Kongress eine medizinische Untersuchung des Präsidenten verlangen, wenn sich abzeichnet, dass er nicht mehr in der Lage ist, die Amtsgeschäfte zu führen und der Vize-Präsident übernehmen soll. Dazu braucht es aber eine Mehrheit.
Ob der Nachfolger gesünder ist, ist jedoch nicht gesagt. Barry Goldwater, dem manche Psychiater eine chronische Psychose oder grössenwahnsinniges, grandioses Allmachtsempfinden attestierten, verlor die Präsidentschaftswahl schliesslich gegen den Demokraten Lyndon B. Johnson – der an einer bipolaren Störung litt, bei der sich manische mit depressiven Phasen abwechseln. So die Diagnose der Psychiater posthum.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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