Paddy – der Therapeut
Auf RTS umschalten? Oder noch besser auf RSI? Diese Fragen müssen sich Sportinteressierte stellen, die heute Abend am Fernsehen das Leichtathletik-Meeting Athletissima aus Lausanne verfolgen möchten. Denn SRF macht es einem schwer. So etwa letzte Woche anlässlich der Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham. SRF unterbrach die Übertragungen ständig mit Interviews. Diese lieferten keinerlei Erkenntnisgewinn. Ausser vielleicht, dass Interviewer Paddy Kälin kein Journalist ist, sondern Fan. Oder väterlicher Ratgeber. Vielleicht sogar Therapeut. Aber eben: nicht Journalist.
«Wie kommt das bei Ihnen an?»
Das zeigt sich an seinen Fragen:
- Von 800-Meter-Läuferin Valentina Rosamilia wollte er wissen: «Noch nie standen drei Athletinnen und Athleten aus der Schweiz in einem EM-Final. Wenn Sie das sacken lassen: Wie kommt das bei Ihnen an?»
- Deren Kollegin Veronica Vancardo fragte er: «Dieses Erlebnis, vor vollem Stadion in einem EM-Final zu stehen – was haben Sie überhaupt mitbekommen bei aller Konzentration, Nervosität et cetera?»
- Er liess auch nach der Antwort nicht locker: «Diese Momente – wenn man die Atmosphäre spürt – speichern Sie die ab und holen sie wieder hervor, wenn sie ganz hart dafür arbeiten und trainieren müssen?»
Paddy Kälin ist zwar Sportwissenschaftler. Aber er macht den Eindruck, als wäre er von leichtathletischem Fachwissen relativ unbefleckt. Etwa wenn er wissen will, ob die drei Schweizer 800-Meter-Läuferinnen eine Teamtaktik ausgeheckt hätten. Haben sie natürlich nicht. Erstens ist der 800-Meter-Lauf eine Einzeldisziplin. Zweitens wollten Rosamilia und Vancardo ihre eigene Chance wahrnehmen, wenn sie es schon in den Final geschafft hatten. Und drittens haben sie nicht das Niveau, um Audrey Werro zu unterstützen.
Seltsam mutete auch die Frage an, bei wem in einer Staffel die Verantwortung für die Stabübergabe liege: beim übergebenden oder beim übernehmenden Läufer? Natürlich liegt sie bei beiden. Die Übergabe funktioniert nur, wenn beide sich richtig verhalten.
Der «Zugang zum Stolz»
In seinen Interviews verlegt sich Paddy Kälin ohnehin mehr aufs Therapeutische. Kein Wunder, arbeitet er doch nebenbei als Mentalcoach.
So gibt er denn auch gerne in den Interviews den Mentaltrainer:
- Zum Beispiel gegenüber der Siebenkämpferin Annik Kälin: «Ich freue mich, dass ich Sie jetzt quasi schon wieder ein bisschen strahlen sehe. Weil sie nach dem Speerwurf verständlicherweise wirklich geknickt waren.»
- Und dann auch noch: «Diese Wertschätzung haben Sie definitiv verdient.»
- Oder im Interview mit der Speerwerferin Leonie Hügli nach deren missglücktem Final-Wettkampf: «Die Staffel-Mitglieder haben Sie getröstet. Kommt das im Moment überhaupt an? Oder sind sie wie ein bisschen in einem Tunnel?»
- Und: «Verständlich, dass jetzt die Enttäuschung dominiert. Aber ich hoffe, dass Sie möglichst schnell den Zugang zum Stolz finden.»
- Dem Sprinter William Reais wünschte er: «Ganz viel Schlaf. Einen guten, tiefen, gesunden Schlaf.»
Die Interview-Fragen sind – vor allem bei erfolgreichen Athleten und Athletinnen – vorhersehbar. So an den Hürdenspringer Jason Joseph nach dessen Titelgewinn: «Eine Frage: Wie festen Sie diese Goldmedaille?» Oder an Léonie Pointet nach Silber mit der Staffel: «Jetzt ist natürlich die grosse Frage: Grosses Team, grosser Erfolg gleich grosses Fest?» Es gibt wohl kaum eine Frage, welche Leichtathletik-Interessierte weniger beschäftigt. Auch Pointet und Joseph beschäftigt die Frage nicht. Denn sie antworteten beide, dass sie nicht feiern würden.
«Was hat das mit Ihnen gemacht?»
Manchmal bekommt man als Zuschauer fast Mitleid mit den Sportlern. Man fragt sich: Was sollen sie denn antworten? Zum Beispiel wenn Paddy Kälin fragt: «Gestern war es megaheiss, brütende Hitze, heute eher frisch. Was hat das mit Ihnen gemacht?» Sprinter William Reais liess sich auf die gespürige Frage gar nicht ein, sondern antwortete sachlich: «Ob es regnet, ob es hagelt, ob es warm ist – alle haben die gleichen Bedingungen.»
Schwierig war auch die Frage an Sprinterin Géraldine Di Tizio-Frey nach dem Gewinn der Silbermedaille mit der 4×100-Meter-Staffel: «Ganz ehrlich: Wie viel – wie soll ich sagen? – Überzeugung und Mut hat es gebraucht, um immer weiter daran zu glauben?»
Oft sind es ja auch gar keine Fragen. Zum Beispiel wenn er zu den Mitgliedern der 4x-100-Meter-Frauenstaffel sagt: «Ihr habt ja schon so viel erlebt. Auch immer mal wieder Enttäuschungen weggesteckt. Knapp dran vorbei. Man leidet zusammen. Aber jetzt dafür auch zusammen zu feiern, das muss ja Wahnsinn sein.»
«Ich habe feuchte Augen»
Häufig gebärdet sich Paddy Kälin wie ein Fan:
- Nachdem Audrey Werro Gold über 800 Meter gewonnen hatte: «Was ist das für eine Geschichte! Ich habe schon feuchte Augen. Wie geht es Ihnen?» Ihre passende Antwort: «Es geht gut.»
- Zum 10’000-Meter-Silbermedaillen-Gewinner Dominic Lobalu: «Es war einmal mehr eine ganz, ganz starke Leistung. Wie schon in Rom auch hier wieder. Die Medaille ist der verdiente Lohn.»
- Zu den Frauen, die über 4×100 Meter die Silbermedaille gewonnen haben: «Wir haben mitgefiebert über all die Jahre. Auch heute Abend wieder. Umso schöner ist es, endlich einmal so strahlende Gesichter zu sehen.»
«Der Bonus ist der verdiente Lohn»
Man stelle sich vor: UBS-Chef Sergio Ermotti würde einen Rekordgewinn präsentieren, und ein SRF-Journalist würde zu ihm sagen: «Was für eine Geschichte! Ich habe schon feuchte Augen. Geniessen sie alles.» Sogar Ermotti würde wohl ein bisschen verlegen. Und dann ginge es weiter: «Es war einmal mehr eine ganz, ganz starke Leistung. Der Bonus ist der verdiente Lohn!» Die Zuschauer würden ihren Ohren nicht trauen. Und der Journalist bekäme bestimmt Mikrofon-Verbot.
Für heute Abend, wenn das Leichtathletik-Meeting aus Lausanne im Fernsehen ausgestrahlt wird, gibt es drei Lösungen: Eine heisst RSI. Eine andere RTS. Und die dritte «Ton aus». Ohne Ton wirkt das ganz vielleicht etwas steril. Wer französisch versteht, ist bei RTS gut aufgehoben, denn die Westschweizer stellen die klügeren Fragen. Und am besten sind die Übertragungen von RSI. Die Tessiner verzichten weitgehend auf Interviews. Dafür verstehen sie etwas von Leichtathletik und kommentieren das Geschehen kompetent.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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