«Warum muss sich das Mädchen verhüllen und der Bub nicht?»
Der Islamwissenschaftler Abduselam Halilovic war gestern Mittag zu Gast im «Tagesgespräch» von Radio SRF 1. Thema der Sendung: «Immer mehr Kantone wollen das Kopftuch an Schulen verbieten.»
Moderator David Karasek spielte einen Ausschnitt aus der Debatte im Zürcher Kantonsparlament ein. Dort sagte Kantonsrätin Sandra Bossert (SVP): «Das Kopftuch ist nicht nur ein Stück Stoff, sondern das offensichtlichste Symbol, dass Mann und Frau nicht die gleichen Rechte haben. Das Mädchen muss sich verhüllen, der Junge nicht.»
Karasek wollte von Halilovic wissen (ab Minute 8:41): «Was sagen Sie zu diesem Argument?»
Der Islamwissenschaftler sagte dazu gar nichts. Wortreich wich er aus. Eine Antwort blieb er schuldig.
Und da, wo viele andere Journalisten einfach zur nächsten Frage übergegangen wären, lief Karasek zur Höchstform auf. Er fragte nach. Immer und immer wieder:
- «Warum muss sich das Mädchen verhüllen und der Bub nicht?»
- «Ist es nicht unfair, dass sich die Frau, dass sich das Mädchen verhüllen muss?»
- «Diese Ungleichheit, die sieht man ja. Man sieht, dass sich die Frau verhüllen muss und der Mann nicht.»
Halilovic redete und redete. Aber er sagte nichts.
Nach quälend langen drei Minuten liess Karasek locker und wechselte das Thema. Doch da war längst klar, dass Halilovic keine guten Argumente gegen ein Kopftuchverbot hat.
Abduselam Halilovic
Der 34-jährige Abduselam Halilovic ist Sohn eines Imams und Islamwissenschaftler. Er hat 2023 an der Uni Zürich seinen Master erlangt. Seit Februar 2026 doktoriert er an der Uni Freiburg zum Thema «Aushandlung von Islam und Säkularität im Schweizer Kontext am Beispiel muslimischer Grabfelder in öffentlichen Friedhöfen».
Seit diesem Frühling ist Halilovic zudem Präsident der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz. Die Organisation schreibt, der «Vertreter der jüngeren Generation» wolle «den interreligiösen Dialog weiter stärken».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Soll jeder glauben was er will. Aber das soll in den eigenen vier Wänden bleiben, verschont den Rest der Welt damit, die haben ihre eigenen Probleme und meistens interessierts eh niemanden. Denke sobald der Drang zum missionieren entsteht, sei es religiös, oder eben auch als Religions Ersatz, löst das bei vielen, zurecht in meinen Augen, eine Abwehrhaltung aus.
«löst das bei vielen, zurecht in meinen Augen, eine Abwehrhaltung aus.»
Ich muss Sie zurechtweisen: Sie meinten sicher, das löse «zu Recht» eine Abwehrhaltung aus.
Verstehe ich das richtig: wenn jemand aufgrund des Tragens eines Kleidungsstücks diskriminiert wird, dann ist der vorgeschlagene Weg zur Beendigung der Diskriminierung, dass diesem Menschen dann einfach verboten wird, das Kleidungsstück zu tragen? Gibt es dann automatisch keine Menschen mehr, die finden, dass sie das Recht haben, andere Menschen anhand deren Geschlechts zu diskriminieren, nur, weil das Tragen des Kleidungsstückes verboten ist? Ist die Diskriminierung von Mädchen also explizit nur ein Problem der Religion?
Der Artikel trifft die Komplexität des Themas nicht wirklich. Die Aussagen von Abduselam Halilovic versuchen das Thema «Kopftuch» in einen umfassenderen Kontext zu stellen, ohne den Aspekt der Unterdrückung, die sich hier zeigen kann, zu verneinen. Ich stelle grundsätzlich einen Liberalismus in Frage, der zunehmend mit Verboten auf Andersartigkeit zugeht. Verschiedenartigkeit, die sich kulturellen Prozessen bildet und für Aussenstehende immer positive und negative Aspekte zeigt, sollte auch bei uns selber hinterfragt werden. Der zunehmenden Ablehnung nicht nur islamischer, sondern generell religiöser Formen folgt nicht etwa informierte Toleranz, sondern ein Lifestyle der sich tolerant gibt, dabei jedoch unterschwellig einfach davon ausgeht, dass «ich richtig bin». Am Umgang mit Religion kann grundsätzlich Demokratiefähigkeit auf der Basis liberaler Grundsätze eingeübt werden. Es gibt überall liberale und fundamentalistische Strömungen – auch im sogenannt aufgeklärten säkularen Staat.
Gegenfrage: Warum wird dem Mädchen in der Schweiz per Gesetz ein Kleidungsstück verboten?
Zum Vergleich: Verbieten wir dem Juden ein Käpi zu tragen, nur weil Jüdinnen dieses nicht tragen müssen? Meines Wissens nicht.
Warum müssen muslimische Mädchen Kopftücher tragen und muslimische Buben nicht? Echt jetzt? Natürlich geht es um religiöse Symbole. Bisher hat man das immer kapiert. Und sogar die etwas engherzigeren unter uns berufen sich ja regelmässig auf ihre religiöse Freiheit, die verletzt werde, wenn sie sich Musliminnen mit Kopftüchern sehen müssten.
Aber die Frage führt in ein sehr interessantes Gebiet, nämlich jenes der Ungerechtigkeit (nach heutigen Massstäben!) von jahrhunderte- und jahrtausendealten religiösen Normen und Riten. Warum dürfen jüdische Frauen keine Kippot tragen, sondern Kopftücher (!) – die verehrte Danielle Weiss – oder Perücken? Warum werden jüdische Knaben beschnitten und Mädchen nicht? Das Alte Testament ist eine wahre Fundgrube für solche Fragen: Warum muss man Homosexuelle ächten und kräht kein Hahn danach, wenn die Leute Kleider aus zweierlei Zwirn tragen? Und für uns gerechtigkeitsliebende Christen: Wer hat die Erbsünde aller Frauen erfunden?
Der Interviewpartner hat sich tatsächlich mit seinen ungelenken Antworten sehr schlecht geschlagen. Aber er hatte nicht gar keine Argumente, sondern zwei, die zu bedenken sind: Wenn Eltern bestimmen, wie das Kind sich kleidet, und die Schule diese Kleidung verbietet, kommt das Kind in ein belastendes Dilemma. Damit wird kein Problem gelöst. Und: Was im Iran ein Gebot ist, wird bei uns zu einem Verbot. D.h. der Staat bestimmt, wie wir uns zu kleiden haben. Wollen wir das (auch wenn bei uns die Konsequenzen mild sein mögen)?
Kopftuch als Klopftuch
Wenden die Kopftuch-Trägerinnen Gewalt an? Sind sie für die Gesellschaft eine Gefahr? Wie sehr strengt sich die SVP sonst für die Gleichberechtigung der Frauen (und der Queeren) ein? Die SVP benutzt das Kopftuch-Verbot nur, um einmal mehr auf eine verschwindend kleine Minderheit einzudreschen, und natürlich auf Frauen. Denn die Frauen, nicht die Männer, müssten gebüsst, bestraft und im Extremfall als Wiederholungstäterinnen eingesperrt werden. Man stelle sich das vor: wegen eines Kleidungsstücks! Ewiggestrige brauchen das Kopftuch in Wirklichkeit als Klopftuch, um von den Problemen abzulenken, die die zivile Gesellschaft wirklich bedrohen. – Muss man sie noch nennen?
Der Kommentar von Marco Diener gibt genau den Eindruck wider, den ich auch hatte. Wäre Halilovic ein liberaler Muslim, hätte er sagen müssen, dass es höchste Zeit ist, die Unsitte des Kopftuchs abzuschaffen, statt sie zu fördern, wie es seit rund drei bis vier Jahrzehnten in mehrheitlich muslimischen Ländern der Fall ist. Von der Geschichte her ist die Bedeutung des Kopftuchs abgrundtief patriarchal. Es ist ein Schutz («Hidschab») für Frauen in einer Gesellschaft, wo unverhüllte Frauen grundsätzlich als Huren und damit als Freiwild für Männer gelten. Insofern ist ein Insistieren auf der «Freiheit» das Kopftuch zu tragen innerhalb westlicher Gesellschaften auch ein Schlag in deren Gesicht: Unsere Töchter sind keine Huren im Gegensatz zu euren!
Dieser Artikel enttäuscht mich. Herr Halilovic hat sehr wohl gute Argumente gegen ein Kopftuchverbot
Die penetrant gestellte Frage: «Warum muss sich das Mädchen verhüllen und der Bub nicht?»
mit der suggerierten Feststellung dass damit das Mädchen als weniger wertvoll als der Bub erklärt wird, ist wirklich dumm.
Mit der gleichen Dummheit könnte man fragen » Warum müssen Frauen in der Öffentlichkeit ihren Oberkörper bedecken und Männer nicht» oder » Warum müssen männliche Juden eine Kopfbedeckung tragen und Frauen nicht», und daraus schliessen, dass Männern und Frauen damit unterschiedlichen Wert zugeordnet wird.
Die Argumentation vom Herrn Halilovic überzeugt mich.
Längst nicht alle Mädchen und Frauen, die ein Kopftuch tragen, tun es, weil sie müssen. Ein Kopftuchverbot setzt aber alle Frauen unter Zwang, nicht aber die Männer. Gleiche Rechte?
Kann man eine Kleidervorschrift bekämpfen, indem man eine andere Kleidervorschrift einführt?
Diese Art von Kulturkampf brauchen wir nicht.
Merkur Werner Menner 02.12.2015, 08:31: «Aber zurück zum Koran, dem Ursprung und der Quelle alles Islamischen: In ihm gehören Kleiderfragen also nicht zu den religiösen, sondern zu den Gesellschaftsfragen. Küng betont, dass er für die weibliche Kleidung nur „Leitlinien der gesellschaftlichen Schicklichkeit“ liefert. Erst in der Folgezeit wurden diese Koranstellen immer einschränkender und strenger interpretiert. Selbstverständlich von Männern ..»
DIK 08.11.2017 «Koranische Basis des Kopftuchs Das Gebot des Kopftuchtragens für die Frau wird vor allem mit drei Textpassagen des Korans begründet, die sich in Sure 24, Vers 31 sowie Sure 33, Vers 53 und 59 finden.»
Es ist an der Zeit zu klären, ob die Koran Sure 24, Vers. 31 sowie Sure 33, Vers 53 und 59, tatsächlich den Kopftuchzwang oder die die Ganzköprerverhüllung von Frauen und Mädchen fordern, oder von Männern so interpretiert wurden die Frauen unterdrücken zu können.
Gunther Kropp, Basel
Herr Halilovic könnte seine Wurzeln in Bosnien haben. Dazu einiges aus erster Hand: im sozialistischen Jugoslawien wurde ein leiser, folkloristischer Islam gepflegt, der nirgends Wirbel machte, oder Sonderrechte einforderte. Verschleierung oder Kopftücher waren unüblich. Mit den Jugoslawienkriegen hat sich die aggressive wahabitische Islamanschauung breit gemacht; viel arabisches Geld, Waffen und die üblichen seltsamen Ideen wurden ins Land gespült. Mit dem Ergebnis, dass gemischt-religöse Dörfer islamisiert wurden, dass vollverhüllte Frauen anzutreffen sind, dass merkwürdig abgeschottete Villenviertel entstehen, in deren Häusern viele Frauen aber nur ein erwachsener Mann wohnen. Islamisierung, die bei uns immer noch ignoriert und schöngeredet wird, ist anderswo längst Realität. Deswegen strenges Nein zum Kopftuch in allen öffentlichen Institutionen, Förderung von Aussteigern aus dem Islam, Betreuung und Frauenhäuser für Frauen, die dieser Unterdrückung entkommen wollen.
Herausragendes Interview, David Karasek in Höchstform? Im Ernst? Ich empfehle WOZ-Lektüre: 3.9.26: «In der Kopftuchfalle».
Die Stellungnahme von Hannan Salamat in der WOZ ist zwar etwas informierter als die von Halilovic in SRF und sie wäre vermutlich die kompetentere Interviewpartnerin gewesen, aber die Argumentation ist letztlich genau so verlogen. Kein Hinschauen in die Dynamiken der islamischen Gemeinschaften. Keine Aussagen dazu, wer das Kopftuch will und propagiert. Kein Hinweis auf Muslimbrüder & Co. Dafür Hinweise auf weit zurückliegende, imperiale Vorkommnisse: Engländer in Ägypten, Franzosen in Algerien… Ich glaube auch nicht, dass Verbote der richtige Weg sind, aber ich insistiere auf einer ehrlichen Debatte. Und von einer Richterin oder einer Lehrerin mit Kopftuch und erst recht von einer Religionswissenschaftlerin ohne Kopftuch verlange ich einen fairen Diskurs. Das Kopftuch von Musliminnnen ist in unserem Kontext eine politische Aussage und daher ein Manifest.
Die Debatte in den Kommentaren ist fast spannender als der Artikel und zeigt das grosse Interess am Thema und das hohe Niveau des Kommentariats hier mit pro und contra Positionen.
Ein Punkt fällt mir noch auf: Was wurde auf China eingedrescht, weil es in Xinjiang das Kopftuch für minderjährige Uighurinnen verbot?
Herr Xi hat den Uiguren nicht nur das Kopftuch verboten. Er ging noch ein paar grosse Schritte weiter. Deshalb wurde er kritisiert.
Es gibt noch einen völlig anderen Infosperber mit dem Artikel:
Die Frau in Religionen und Kulturen / Frauen waren z.B. schon vor Mohammed verschleiert. Aber Religionen zementieren kulturelle Traditionen. Und das – bei aller Kritik am hier kommentierten Artikel – finde ich viel besser.
Aber: für mich ist es extrem heuchlerische Hybris von Christen, die ja mit der Erbsünde die Frau als Wesen überhaupt für minderwertig erklärten und einen Schuldkult erfanden, bei dem man nur Erlösung finden kann – aber erst im Jenseits – wenn man sich im Diesseits der Kirche unterworfen hat. Und das in völliger Verdrehung der Botschaft Jesu‘ der die Erlösung hic et nunc versprach. Aber – sein ganz grosser Fehler: so brauchte es ja keine religiöse Machtstruktur. Keine Kirche. Wo ist sie denn? Könnte man bei Jesus nachlesen.
Nicht ganz imThema und doch: ich wurde vor knapp 70 Jahren durch tiefsten Schnee wieder von der Schule nach Hause geschickt, weil Mädchen im Gegensatz zu Jungs keine Jogginghosen tragen durften. Da ging es aber nicht um Religion oder Unterdrückung im Elternhaus. Nur die Entscheidungsmacht der Schule hat sich nicht geändert. Würde die einheitliche Schuluniform die Diskussion beenden?
Je mehr ich den Artikel lese, umso weniger kann ich mir vorstellen, dass Marco Diener das ernst gemeint hat. Ist der Artikel eine gut getarnte Satire? Ist er ein Experiment, um die Reaktion der Leser zu sehen? Ich bin gespannt auf eine Reaktion von Marco Diener. Falls er das wirklich ernst gemeint hat, ist es natürlich legitim, diese Meinung zu vertreten.
Man könnte sagen, es gelten die Sitten des Gastlandes?
SRF: Befürworter wollen Mädchen vor Zwang schützen. Hilft ein Verbot da nicht?
Halilovic: Nein, ein Verbot hilft einem Mädchen, das zum Tragen gezwungen wird, überhaupt nicht. Es gerät nur noch stärker unter Druck, gefangen zwischen den Forderungen der Familie und den Regeln der Schule. Echte Hilfe bedeutet, eine Beziehung aufzubauen. Wir brauchen Vertrauenspersonen wie Lehrerinnen oder Sozialarbeiter, die dem Mädchen den Rücken stärken und ihm helfen, seinen eigenen Weg zu finden. Das schafft Freiheit, nicht ein Kleidungsgesetz.
Ich: Diametral falsch. So wird das Individuum statt Staat Prellbock.
PS: Ich trage Hut, wann es mir passt. Das freut mich so sehr, dass ich finde: Chapeau! Hut ab!
Nebenbei: Im Wilden Westen (dito etwa Sahara, Danakil) würde man ohne Kopfbedeckung kaum überleben.