Gaza-Appell

Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss unterstützt am 19. Juni auf RTS in der Sendung «Forum» den Gaza-Appell an den Bundesrat. © RTS

Das laute Schweigen der Deutschschweizer Medien

Gabriela Neuhaus /  Ein Appell an den Bundesrat, in Israel wegen der humanitären Versorgung in Gaza zu intervenieren, findet fast kein Echo.

Rund 600 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik haben Mitte Mai 2026 einen Appell an den Bundesrat gerichtet, unter ihnen auch die ehemaligen Bundesrätinnen Ruth Dreifuss und Micheline Calmy-Rey, zusammen mit Ex-Bundesrat Joseph Deiss. Sie verlangen von der amtierenden Schweizer Regierung eine klare Verurteilung der von Israel begangenen Verstösse gegen das Völkerrecht und die Durchsetzung von Sanktionen, falls Israel seine menschenverachtende Politik nicht ändert. Die Schweiz soll zudem für schwer verletzte Menschen aus den von Israel bombardierten Gebieten medizinische Behandlung in Schweizer Kliniken ermöglichen.

Gaza-Appell
Die drei ehemaligen Mitglieder des Bundesrats – Micheline Calmy-Rey, Joseph Deiss und Ruth Dreifuss – stellen sich hinter den Gaza-Appell an den Bundesrat.

Weil man im Bundeshaus bis heute nicht auf das Schreiben reagiert hat, haben die Initiant:innen des Aufrufs um den Tessiner Arzt Pietro Majno-Hurst beschlossen, ihre Anliegen öffentlich zu machen. Für die Medienkonferenz am 18. Juni in Bern sind fünf Referent:innen aus Zürich, Genf und Brissago angereist.

Unter ihnen die junge Ärztin Zoe Sangalli, Vorstandsmitglied des Vereins Swiss Healthcare Workers Against Genocide (SHWAG). Sie wies auf die prekäre Situation des Gesundheitswesens hin. Die Hälfte der einst 36 Krankenhäuser sind von Israel dem Erdboden gleichgemacht worden. Von den restlichen, die noch versuchen einen Betrieb aufrecht zu erhalten, ist keines mehr voll funktionsfähig, weil Israel die Einfuhr von Medikamenten und Hilfsgütern bis heute andauernd verzögert und verhindert. Dies nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland.

«Medizinische Evakuationen allein lösen die Probleme nicht, sind aber dringend», fasste Zoe Sangalli zusammen: «Über 18’500 Patientinnen und Patienten müssten wegen fehlender Möglichkeiten vor Ort ausserhalb von Gaza behandelt werden, darunter 4000 Kinder.»

Die Genfer Medizin-Professorin Johanna Sommer erinnerte daran, dass die Verweigerung und Behinderung von Humanitärer Hilfe niemals als Druckmittel eingesetzt werden dürfe, und kritisierte die «übertriebene Zurückhaltung der Schweiz angesichts der Missachtung von grundlegenden Regeln in Bezug auf Gesundheit und Schutz von Menschenleben» durch Israel, was die Grundsätze und Glaubwürdigkeit unseres Landes untergrabe.

Auch Marco Sassòli, Professor für Völkerrecht, stellte klar, dass die Forderungen des Appells auf dem internationalem Recht basierten, dem sowohl Israel wie auch die Schweiz verpflichtet sind. Es gebe keinen Zweifel daran, dass Israel humanitäres Völkerrecht verletze – und die Schweiz deshalb alles in ihrer Macht stehende unternehmen müsse, um diese Verletzungen zu beenden.

Zum Schluss begründete Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss, weshalb sie von den Schweizer Behörden verlangt, auf die Regierung des langjährigen Partnerlandes Israel spürbaren politischen Druck auszuüben. Israel habe zwar, wie jeder andere Staat, das Recht, sich selbst zu verteidigen, «aber kein Staat hat das Recht, unverhältnismässige Vergeltungsmassnahmen zu ergreifen, geschweige denn, sich wahllos an der gesamten Bevölkerung zu rächen. Leider ist genau das derzeit zu beobachten. Nicht nur in Gaza, sondern auch in den besetzten Gebieten des Westjordanlands.»

Deutliche Worte der Ex-Bundesrätin, die sie – wie bereits ihre Vorredner:innen an der Medienkonferenz – nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch vorgetragen hat. Mit dem Ziel, dass die Medien im ganzen Land möglichst breit über die erschütternde Lage der Menschen in Gaza, im Westjordanland und im Libanon berichten und dem Appell eine breite Öffentlichkeit verschaffen.

Diese Absicht hat nicht zum Ziel geführt: Während die Medien im Tessin und in der Westschweiz prominent und teilweise umfassend über das Thema berichteten, begnügte man sich diesseits des Röstigrabens mit einer SDA-Meldung, die auf einer Zusammenfassung der an die Redaktionen verschickten Medienmitteilung beruhte. Auszüge davon wurden einzig auf den drei Online-Portalen reformiert.ch, watson.ch und nau.ch publiziert, sowie einzig vom unabhängigen Blatt «Der Rheintaler» auf Papier gedruckt.

Gaza-Appell
Am 19. Juni widmet die Zeitung «Der Rheintaler» dem Gaza-Appell auf Seite 24 unten rechts eine Kurzmeldung.

Das war’s. Darüber hinaus keine Zeile, kein Wort in den Deutschschweizer Medien über den breit abgestützten Aufruf zum Handeln für Gaza, noch über dessen Hintergründe oder die Argumente der Fachpersonen, die ihn mitunterschrieben haben. Schliesslich brachte das «Echo der Zeit» auf Radio SRF am Samstag, dem 20. Juni, dann doch noch einen Beitrag mit dem Appell als Aufhänger.

Doch während Ruth Dreifuss noch am Abend der Medienkonferenz in der Sendung «Forum» auf RTS während sieben Minuten über die Situation in Gaza und die Dringlichkeit des Appells fundiert Auskunft geben konnte und auch das Tessiner Fernsehen gleichentags ausführlich im «Telegiornale» berichtete, begnügte man sich bei Radio SRF mit einem einzigen Zitat von Ruth Dreifuss. Gefolgt von einer Stellungnahme des EDA und einem Gespräch mit dessen ehemaligem Chefplaner Politik und heutigen Direktor des ETH-Think-Tanks «Center for Security Studies», Daniel Möckli, der das Schweigen des Bundesrats relativierte und rechtfertigte.

Das grosse Schweigen der Deutschschweizer Medien zum aktuellen Gaza-Appell zeigt einmal mehr, dass der Rösti-Graben langsam aber sicher auch zu einem breiten Gaza-Graben mutiert, wenn es um die Themensetzung und Berichterstattung aus dem Nahen Osten geht. Darauf angesprochen, mutmasste Ruth Dreifuss in der Sendung Forum auf RTS, dass die historisch bedingten deutschen Schuldgefühle gegenüber Israel und die dortige Angst vor notwendiger und berechtigter Kritik an Israels Kriegsverbrechen möglicherweise auf die Haltung in der Deutschschweiz abfärbe.

Das hartnäckige Nicht-Berichten der Deutschschweizer Leitmedien zu Israels fortdauernden Völkerrechtsverletzungen könnte aber auch ganz einfach mit der Angst vor der Antisemitismuskeule zu tun haben, die in Deutschschweizer Landen von der Israel-Lobby gegen missliebige Presseartikel eingesetzt wird.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin hat die erwähnte Medienkonferenz als Moderatorin geleitet. Dieser Text ist eine leicht bearbeitete Fassung der Erstpublikation auf «offroadreports.ch».
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10 Meinungen

  • am 25.06.2026 um 12:22 Uhr
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    Das laute Schweigen der Deutschschweizer Medien beschränkt sich nicht nur auf die ungenügende oder fehlende Berichterstattung über die humanitäre Situation im Gazastreifen. Sie erstreckt sich auch auf die offenkundige Verweigerung, die scheusslichsten Kriegsverbrechen Israels an der palästinensischen Bevölkerung zum Thema zu machen. In den letzten Tagen sind zwei Studien erschienen (die eine von der amerikanischen Brown University Watson School, die andere von einer UN-Kommission), die belegen, dass Israel mit Scharfschützen-Drohnen gezielt auf Kinder und Kleinkinder schiesst. Jedes Dementi Israels ist höchst unglaubhaft, solange die Besatzungsmacht ausländischen Journalisten die Einreise in die besetzten Gebiete verweigert.

  • am 25.06.2026 um 15:01 Uhr
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    Unsere Gesellschaft gleicht oft einem tadellos gepflegten Vorgarten – ordentlich, aber biologisch tot. Wenig Raum für Wildwuchs, anderer Meinungen, Offenheit oder «echter» Diversität.
    Der Einfluss der Deutschen in der Schweiz ist gross. Es ist auffällig, dass in meinem Umfeld besonders die Studierten keine Kritik zulassen. Sie sind gewohnt, dass es Vorschriften gibt was gesagt werden darf und was nicht. Jeder zweite, der vom SRF interviewt wird ist ein Deutscher. Oft ohne Kenntnisse der Schweizer Kultur, Eigenheiten und grosser Abneigung der deutschen Dialekten gegenüber. Schwyzerdütsch ist für die, nur niedlich und nett. Wir brauchen Handwerker in Kultur und Politik. Sonst wars dass mit unserer Demokratie, meiner Meinung nach.
    Ich erwähne es immer wieder gerne, an der Wannseekonferenz, am 20. Januar 1942, hatten elf von fünfzehn Teilnehmer einen Doktortitel oder waren auf dem Weg zu einem. Es hat sie nicht gehindert den industriellen Genozid an den Juden zu beschliessen.

  • am 25.06.2026 um 16:03 Uhr
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    Ist das noch unsere «Henry Dunant-Schweiz»?
    Medienhaus SOMEDIA in Chur verweigerte Abdruck meines kurzen Leserbriefes 16.6.2026:
    «Ratten greifen Menschen an – Medizinexperte in Gaza schlägt Alarm» titelt bluewin.ch 16.6.2026.
    Mein Vorschlag: Ich gebe 200 Franken (und hoffentlich erhöhen viele weitere Spender den Betrag) unserem Aussenminister Cassis. Er soll das (Eier/Hühner, Frische Früchte, Medizinmaterial) «mit Erlaubnis seiner Freunde in Israel» den geplagten Palästinensern bringen (lassen). Unser Staatssender SRF sendet die Übergabe live.
    SRF.ch 14.6.2026 – Trotz Waffenruhe ist die Krise in Gaza gravierend, berichtet ein NGO-Mitarbeiter vor Ort – vor allem für die Kinder.
    In den sieben Monaten Waffenruhe wurde nichts getan, um den Menschen zu helfen.
    Youtube: «Warum lässt Israel keine medizinischen Hilfsgüter nach Gaza?» Dr. Michael Lüders interviewt Dr. med. Jan-Peter Warnke (EU-Parlamentarier für Bündnis Sahra Wagenknecht BSW).

  • am 25.06.2026 um 17:16 Uhr
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    Juden, Christen und Muslime sind Menschen, die Mitglied einer Religionsgemeinschaft sind. Der Krieg im Nahen Osten ist letztlich ein Krieg zwischen diesen Religionsgemeinschaften. Nicht nur der Bundesrat schweigt zu diesem Völkermord, sondern auch alle Führer dieser Religionen, in der Schweiz inkl. Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund. Völkermord haben die Muslime gegenüber den Juden begannen. Diese, resp. deren Regierung habendie Muslime jedoch noch übertrumpft. Ca. 80% der Israelis sind Juden und ca. 20% Araber, wovon ca. 18% Muslime. In Israel leben ca. 21’000 Israelisch-schweizerische Doppelbürger, wovon sich 500 in der israelischen Armee am Völkermord beteiligen. Weshalb wird diesen Armeeangehörigen nicht das Schweizer Bürgerrecht entzogen? Für Schweizer sind 3 Staatsbürgerschaften akzeptiert. Israel akzeptiert bei Einbürgerungen keine Doppelbürgerschaft. Ich wünsche mir, dass die Vorsitzenden all dieser Religionsgemeinschaften gemeinsam den Frieden im Nahen Osten erwirken.

  • Heinrich Frei
    am 25.06.2026 um 20:45 Uhr
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    Das laute Schweigen der Deutschschweizer Medien, hängt vielleicht auch damit zusammen, weil man die Rüstungszusammenarbeit mit Israel nicht gefährden will. Die Schweiz setzt nämlich, trotz Gaza und Irankrieg, die Zusammenarbeit unserer Armee mit Israel fort und es wird immer noch Kriegsmaterial in Israel gekauft. Schweizer Banken, die Nationalbank, Versicherungen und Pensionskassen investieren weiter Milliarden in Rüstungskonzerne, die Israel mit Rüstungsgütern beliefern.
    Die Waffenlieferungen von Nato-Staaten für Israel gehen weiter, am meisten von den USA, Deutschland und Italien, laut dem Friedensforschungsinstitut in Stockholm.
    Auf dem Territorium der wehrlosen Palästinenser konnten Flugzeuge, Drohnen und Munition problemlos getestet werden. Auf den Rüstungsmessen in aller Welt bekommt dieses Kriegsgerät nun die Auszeichnung «kampferprobt». Der Militärisch-Industrielle Komplex in Israel hat eine enorme Stärkung zu verzeichnen, Elbit Systems und Israel Aerospace Industries.

  • am 25.06.2026 um 21:47 Uhr
    Permalink

    Der Standard 23. Jänner 2026, 17:25 : «Inklusive Wolkenkratzer und Luxushotels: Trump stellt Immobilienprojekt für Gazastreifen vor – Er sei «im Herzen» immer noch Immobilienunternehmer und sehe im Gazastreifen «ein großartiges Stück Land» am Meer, so der US-Präsident»

    Zur Aussage im Artikel: «Ein Appell an den Bundesrat, in Israel wegen der humanitären Versorgung in Gaza zu intervenieren, findet fast kein Echo.» Ist eine Antwort: Vielleicht wäre ein Appell an den US-Kongress mit der Bitte, Präsident Trump solle die humanitäre Versorgung sofort in die Wege leiten – sinnvoller und effizierter, weil seine Immobilien-Träumereien eine der Ursachen des Gaza-Desasters sein könnte.
    Gunther Kropp, Basel

  • am 25.06.2026 um 22:30 Uhr
    Permalink

    Es ist schon interessant, wie die politische Schweiz und namhafte Schweizer Medien, Völkermorde thematisieren oder nicht thematisieren. Wenn ich mich nicht komplett täusche, gibt es da schon einige Parallelen zwischen 1942 und heute: wir sehen wenig, wir hören wenig und vor allem sagen wir wenig. So sind wir doch immer fein raus, bis unsere zukünftigen Kinder uns einmal fragen werden: warum habt ihr geschwiegen und so wenig getan?

  • am 26.06.2026 um 10:00 Uhr
    Permalink

    Der letzte Satz bringt es auf den Punkt. Israelkritik wird mit Judenfeindlichkeit gleichgesetzt. Davor haben wies scheint alle Angst. Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten dürften wie ein paar andere Kommentatoren geschrieben haben sicherlich auch dazu beitragen. Die Meinung vieler Menschen mit denen ich spreche gehen aber in eine andere Richtung. Und sie sind sich dessen bewusst, stecken aber in einem Gefühl der Ohnmacht weil sagen darf man nix, machen kann man nix, Rat- und Hilflosigkeit. Umso ehrenwerter und beeindruckender die Taten der ehemaligen Bundesrätetinnen und Ärzte. Mein tiefster Respekt!

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