Peter Thiels Geheimclub, offen wie ein Scheunentor
Die Luzerner «Hacktivistin» Maia Arson Crimew hat die geheimste Adressliste des Silicon Valley geknackt, wobei das ja so eine Sache ist mit dem Knacken. Crimew – halb Journalistin, halb Aktivistin, 64’000 Follower auf X und Bluesky – ist, wenn ich es richtig verstanden habe, einfach mal wieder irgendwo reinspaziert, quasi in eine offene Tür. Dahinter lag das Mitgliederverzeichnis der Gesellschaft «Dialog», jenes sehr privaten Zirkels, gern mit den Bilderberg-Konferenzen oder dem WEF verglichen, die der Milliardär Peter Thiel 2006 mitgegründet hat.
Crimew stiess im Code der Website auf das Verzeichnis, über einen anonymen Hinweis, wie sie sagt. Die Computerzeitschrift «Wired» verifizierte den Fund und kam, offenbar über eine separate Quelle, an die volle Anmeldeliste der diesjährigen Retraite. So berichtet es «Wired» am 16. Juni ausführlich. Crimew ist jene Hackerin, die schon die «No Fly List» der US-Regierung publik machte und die Überwachungsfirma Verkada knackte, die immer wieder vor allem in US-Medien für Schlagzeilen sorgt und die Schweiz nicht mehr verlassen kann, weil ihr sonst die Auslieferung droht: Die USA werfen ihr Computer- und Betrugsdelikte vor – sie hatte ab 2019 Daten diverser Firmen veröffentlicht, darunter geheime Baupläne des Chip-Konzerns Intel –, es drohen ihr theoretisch über zwanzig Jahre Haft.
Dabei war vieles davon, wie mir damals Hernâni Marques vom Chaos Computer Club Schweiz erklärte, kaum als Hacking zu bezeichnen, so wie beim jetzigen Fall: Die Daten hätten ohnehin offen im Netz oder in Telegram-Chats herumgelegen, frei zugänglich für jeden, der danach suchte, ein Vorgehen also, das «keine kriminelle Energie» erfordere, sondern bloss die Bereitschaft, durch eine offene Tür zu gehen. Crimew habe quasi massive öffentliche Sicherheitsmängel offen gelegt und solle nun dafür bestraft werden.
Peter Thiels «Dialog»-Verzeichnis ist also ein klassischer Crimew-Fall: Zwei Jahrzehnte lang gehütet wie ein Staatsgeheimnis, lag es offenbar, stellt «Wired» trocken fest, im frei einsehbaren Quelltext der Website, den jede Besucherin, jeder Besucher mit wenigen Klicks aufrufen kann. Es handelt sich offensichtlich um eine Gesellschaft, die ihr Vermögen damit gemacht hat, jeden von uns zu durchleuchten, und dabei vergessen hat, die eigene Haustür zuzuziehen.
Der Nato-Oberbefehlshaber, ganz privat
«Dialog» ist, in den Worten des Genres, das Bilderberg der Tech-Klasse: ein jährliches Treffen, «off the record», mit zugewiesenen Sitzplätzen und der Regel, dass hinterher niemand öffentlich sagen darf, wer bei dem Treffen was gesagt hat. Zwei Jahrzehnte lang weigerte sich der Zirkel, seine Mitglieder bekannt zu geben und hat das nun selbst getan. 222 Namen, auf einer Anmeldeliste für die Retraite 2026, die an vier Tagen im kommenden August im Powerscourt Hotel in Dublin stattfindet, einem 200-Zimmer-Herrenhaus mit Privatsee und einem Hallenbad, das von Swarovski-Kristallen beleuchtet wird.
Es ist eine Liste von prominenten Teilnehmenden, die «Wired» vorliegt. General Alexus Grynkewich, der Oberbefehlshaber der Nato für Europa. US-Finanzminister Scott Bessent. US-Senator Ted Cruz. Palantir-Mitgründer Joe Lonsdale. Daniel Driscoll, Staatssekretär des US-Heeres. Randy Kroszner, einst im Führungsgremium der US-Notenbank Fed, heute im Finanzstabilitätsausschuss der Bank of England. Jonathan Greenblatt, Chef der Anti-Defamation League. Der Präsident des libertären Cato Institute, der Direktor der Charles-Koch-Stiftung, ein Nobelpreisträger für Wirtschaft aus Chicago. In Deutschland wird gerade diskutiert, was CDU-Politiker Jens Spahn in der Vergangenheit an diesen Treffen getan hat.
Über die Jahre hatten Journalisten weitere Namen mit «Dialog» in Verbindung gebracht. Elon Musk. Eric Schmidt, lange Chef von Google. Reid Hoffman, Gründer von Linkedin. Jared Kushner, Schwiegersohn von Donald Trump. Tulsi Gabbard, die scheidende US-Geheimdienstdirektorin. Kaja Kallas, Aussenbeauftragte der EU. Der Ökonom Larry Summers. Schachweltmeister Garry Kasparov. Die Schauspieler Josh Brolin und Joseph Gordon-Levitt und der Megapastor Rick Warren.
Interessant an der Liste ist vor allem, welche Rollen sich an diesen Treffen vermischen. Auren Hoffman etwa, «Dialog»-Vorsitzender, hat den Standortdaten-Broker SafeGraph und die Identitätsfirma LiveRamp gegründet und trifft US-Finanzminister Scott Bessent, dessen Ministerium die Regeln für eben solche Finanzdaten schreibt, ebenso Senator Ted Cruz, dessen Ausschuss die Datenschutz-Aufsicht der Handelsbehörde FTC beaufsichtigt. Palantir-Mitgründer Joe Lonsdale, dessen Software das Fallmanagement der Einwanderungsbehörde ICE betreibt, sitzt mit Armee-Staatssekretär Dan Driscoll am selben Tisch. Die Regulierer und die Regulierten, vereint beim Dinner.
«Keiner der Registrierten, einschliesslich Grynkewich, hat eine E-Mail-Adresse der Regierung verwendet», schreibt «Wired». Damit liege ihre Teilnahme ausserhalb der E-Mail-Systeme, die den Public-Records-Gesetzen unterstehen, also ausserhalb von allem, was je ein Journalist per Akteneinsicht herausverlangen könnte.
Bauen Sie sich eine Sekte
Das Programm der kommenden Klausur, ebenfalls aus dem Leak, liest sich, als hätte jemand ein Davos-Panel mit einem spätrömischen Symposium und einer Folge «Black Mirror» gekreuzt.
«Den Dritten Weltkrieg meistern», heisst eine der «Sessions». «Bringt die Atomkraft zurück», eine weitere. «Technologien fürs Schlachtfeld». «Demokratie unter Überwachung». «Desinformation und Deepfakes». «Drei Prognosen für den Iran». «Konträre Ansichten zur KI». Für die Grübler dann: «Macht Geld eben doch glücklich?». Und natürlich auch: «Wissenschaftlich fundierte Tipps für ein langes Leben». Weil Macht einsam macht: «Wie läuft es in deinem Sexleben?». Von erfreulicher Ehrlichkeit: «Es macht Spass, das Sagen zu haben». Dann «Eine Sekte gründen», geleitet vom Erfinder der christlichen Netzwerkplattform Pray.com, und «Eine Partei gründen», von einem früheren Mann des Nationalen Sicherheitsrats. Und mittendrin, als hätte sich jemand verlaufen, ein «Ulysses-Buchclub», geleitet von Souad Mekhennet, nationaler Sicherheitskorrespondentin der «Washington Post».
Auf dem Anmeldeformular sollen die Teilnehmenden die Zukunft vorhersagen, und sie sind sich dabei erstaunlich einig: KI ordnet in wenigen Jahren alles neu – Arbeit, Krieg, Bildung, Glauben. Die einen sehen Massenarbeitslosigkeit und die Rückkehr der Gewerkschaften kommen, andere eher einen «KI-Winter», wieder andere inländischen Terrorismus gegen Rechenzentren und Angeklagte, die den KI-Anwalt dem Pflichtverteidiger vorziehen, und mit Sicherheit eine grosse religiöse Erweckung als Nebenwirkung. Einer fasst sich kurz: «Der gesellschaftliche Niedergang wird sich weiter beschleunigen.»
Schrei nach Liebe
Mitten im Ernst der Weltlage, zwischen «Dritter Weltkrieg meistern» und Atomkraft-Comeback, wird gekuppelt. «Dialog» spielt Partnervermittlung. Auf dem Anmeldeformular wird gefragt, ob man «auf der Suche nach Liebe» sei, Kategorien «Single Mann», «Single Frau», «Andere», alles für die «zukünftige Partnervermittlung», und eine hauseigene App unter dating.dialog.org verspricht laut «Wired» «sinnvolle Verbindungen für aussergewöhnliche Menschen».
Auf demselben Formular wird auch nach der politischen Gesinnung gefragt und versprochen, hoch und heilig, laut «Wired» im Wortlaut: «Diese Daten werden NIEMALS in der App oder an andere Teilnehmer weitergegeben.» Niemals, in Versalien, mit Schwur. Und dann lag alles offen im Netz, offenbar auch wer sich das Daten wie vorstellt, die Gesinnung, die Partnersuche, alles. Und mehr noch: zu jedem Teilnehmer ein privates Zugangstoken, ein Login-Schlüssel zum Konto, ebenfalls exponiert. «Wired» druckte die Tokens nicht ab und auch nicht die personalisierten Account-Links. Aber offen rumgelegen haben sie. Ziemlich verrückt.
Alles hereinspaziert
Maia Arson Crimew, die Hackerin und Bloggerin aus der Innerschweiz, queer, «be gay, do crime» als Motto, hat einst die 150’000 offen im Netz liegenden Verkada-Kameras blossgestellt – also exakt jene Maschinerie der Selbstüberwachung, die ein Teil der «Dialog»-Gäste verkauft. Verkada, ein Silicon-Valley-Start-up, hatte die Administrator-Zugänge zu einem zentralen Netz von 150’000 Überwachungskameras – Kameras, die Firmen, Spitäler und Behörden zur eigenen Überwachung gemietet hatten – so schlecht geschützt, dass Journalisten nach Crimews Hinweis mit dem Material in Gefängnisse, Spitäler, eine Tesla-Fabrik und fremde Wohnzimmer blicken konnten. Auch wenn der «Dialog»-Fall daneben wie ein Sonntagsspaziergang wirkt, zeigt er: Die Frauen und Männer, die ein technologisches System totaler Sichtbarkeit über die Welt gelegt haben, hielten sich offenbar selbst für unsichtbar – und waren es überhaupt nicht.
Crimew sagte mir vor fünf Jahren im Interview, ihr Ziel sei, den Kapitalismus zu überwinden und bis dahin wenigstens für ein bisschen mehr Transparenz zu sorgen. Was immer man von ihrem politischen Ziel halten mag, die Transparenz zumindest liefert die Schweizer Hackerin zuverlässig.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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