«Von der Taktik her kann man uns mit Greenpeace vergleichen»
Dies ist der zweite Teil des vierten Kapitels unserer Serie «Sommer, Sonne, Remigration» über die extreme Rechte in der Schweiz und Europa, von den Achtzigerjahren bis heute. Letzte Woche: Kampfsportkeller, Telegram, «Rassenkrieg», die Active Clubs. Diese Woche: Ledersofa, Kamera, Lana Del Rey. Im dritten Teil nächste Woche: «Wer muss gehen?» Manuel Corchia über Remigration.
Ich sitze mit Manuel Corchia, dem wegen Rassendiskriminierung, Sachbeschädigung und Verstössen gegen das Waffengesetz mehrfach vorbestraften Mitgründer der rechtsextremen Jungen Tat, auf der Terrasse einer Bar im Thurgau, unten dümpelt die ziemlich ausgetrocknete Thur vorbei und drinnen wird ein 40. Geburtstag gefeiert. Wir bestellen eine Runde Bier, und als wir mit dem Interview beginnen, spielt die Anlage «Happy Birthday» von Stevie Wonder.
Auf den jungen Mann wartet womöglich bald das Gefängnis: Am 30. Oktober will das Bezirksgericht Zürich sein Urteil gegen Corchia, Tobias Lingg und vier weitere Mitglieder der Jungen Tat eröffnen. Es geht unter anderem um ein Holzkreuz mit der Aufschrift «No Pride Month», das sie während eines Pride-Gottesdienstes in eine Zürcher Kirche schleppten, und darum, dass sie eine Dragqueen-Lesung für Kinder störten. Die Staatsanwaltschaft fordert 15 Monate, davon sechs unbedingt.
«Wir sind wie Greenpeace»
Corchia ist erst 24 Jahre alt und trotzdem mit seinen Videoproduktionen bereits eine der zentralen Figuren der Identitären Bewegung geworden, womöglich sogar, neben dem Filmkunstkollektiv aus Chemnitz, der visuelle Dreh- und Angelpunkt der neuen rechtsextremen Bewegung in Europa. Die Junge Tat, die er 2020 mitgegründet hat, ist heute die prägende rechtsextreme Gruppe in der Schweiz.
Mit der Kamera und dem Handwerk aus einem Grundstudium an der Zürcher Hochschule der Künste inszeniert er bewilligte und unbewilligte Demonstrationen der Identitären Bewegung in Wien, wo Hunderte «Remigration» skandieren, Flashmobs der Jungen Tat in Schweizer Städten, Abseilaktionen an Berghängen, Aktionen auf Baukränen und Hochhausdächern, wo grüne oder rote Rauchfackeln gezündet werden und seine Mitstreiter Transparente herunterrollen, wo es fast immer um dasselbe geht: Remigration. «Wenn man die Junge Tat von den Aktionen her mit jemandem vergleichen kann», sagt er im Gespräch und ohne Ironie, «dann mit Greenpeace.»
Seine Wandervideos – ein Merkmal der Gruppe sind über Telegram organisierte Wanderungen – wirken so sehr, dass inzwischen auch linksextreme Gruppen Wanderungen veranstalten, weil man sich das Wandern nicht von den Rechtsextremen kapern lassen wolle. Nur sind ihre Videos im Vergleich zu denen von Corchia bisher eher amateurhaft, und genau das ist der Punkt: Der Mann bewegt. Einmal brachen ihm Linksradikale bei einem Überfall auf dem Ballenberg einen Finger.
«Die beste Adresse»
Martin Sellner, der Wiener Aktivist und langjährige Sprecher der Identitären Bewegung Österreich, der den Begriff Remigration neu geprägt und aufs Tapet gebracht hat (wir haben seine Pläne hier beschrieben), ist mit Corchia eng verbandelt ist und nennt ihn auf X «die beste Adresse» für aktivistische Videoproduktionen. Auf seiner Website listet Corchia seine Arbeiten auf wie ein Normcore-Werbefilmer: Titel, Auftraggeber, Rolle, Jahr. Identitäre Bewegung. Junge Tat. Remigration Summit. Die von der AfD angeführte Rechtsaussen-Fraktion «Europa der Souveränen Nationen» (ESN) im EU-Parlament. Ein Porträt ihres Schatzmeisters, des AfD-Politikers Alexander Jungbluth (der Eintrag ist inzwischen von Corchias Seite verschwunden – er sagt, weil es keine Einzelarbeit gewesen sei).
Was solche Jobs wert sein können, zeigt der Fall des Chemnitzer Filmkunstkollektivs, neben Corchia die zweite grosse Bildwerkstatt der Identitären Bewegung (und inzwischen auch jene des AfD-Politikers Ulrich Siegmund), das laut Correctiv von der AfD Sachsen-Anhalt zwischen 5000 und 30’000 Euro pro Projekt erhält. «Schöne Beträge», sagt Corchia lachend, als ich ihn nach solchen Summen frage, will sagen: Bei ihm sei das nicht so. Mitte Oktober referierte der Winterthurer am jährlichen Vernetzungs- und Schulungstreffen von Action Radar Europe in Sachsen-Anhalt. Martin Sellner nannte es in einem Video ein «European Leadership Retreat», zu dem Aktivisten der Identitären Bewegung aus ganz Europa anreisten, um, wie es in der Ankündigung heisst, «unser Fundament zu stärken, um die ethnokulturelle Identität unseres Kontinents zu bewahren». Corchias Thema: «rechte Ästhetik».
Wer sich durch Corchias X-Profil scrollt, scrollt durch das nach aussen gekehrte Innenleben einer Bewegung, die überzeugt ist, das Momentum auf ihrer Seite zu haben, weil ihr und Europa gar nichts anderes übrig blieben: Die Identitäre Bewegung wird gewinnen, oder Europa geht unter. Das ist Glaube und Antrieb. Remigration und Rückeroberung, so die Schlagwörter, oder das Ende der europäischen Kultur – das ist, sehr kurz gefasst, das Programm der Jungen Tat und der Identitären Bewegung.
Wenn sein Kollege Sellner in der Schweiz auftreten will, belegt ihn das Bundesamt für Polizei mit einer Einreisesperre, weil sie durch seine Anwesenheit die innere Sicherheit gefährdet sehen. Einmal, in Kreuzlingen, wurde der Remigrationsmann auf dem Weg zu einer Lesung wegen illegaler Einreise verhaftet und ausgeschafft (im Dezember 2025 hob das Bundesverwaltungsgericht die Einreisesperre auf, sie komme einem Redeverbot gleich), und darin wiederum sieht Corchia das Potenzial seiner Bewegung, denn wer heute rebellieren wolle, der müsse automatisch rechts sein, denn als Rebell wolle man ja nicht Teil der Eliten sein, und die «vermeintlichen Eliten», wie er sie bezeichnet, die seien «neoliberal und links».
«Sorry, Onkel»
In Rom dreht Corchia im Februar 2026 gemeinsam mit Eva Vlaardingerbroek, einer neurechten Aktivistin und Influencerin mit 1,2 Millionen Followern und Mitinitiantin des «Save Europe Act», einer Unterschriftenkampagne, die nach eigenen Worten «den Bevölkerungsaustausch durch Massenmigration» stoppen will und Remigration auf europäischer Ebene fordert. Unterschrieben haben unter anderem Viktor Orbán, Björn Höcke, der Vox-Chef Santiago Abascal und der französische Rechtsaussen-Politiker Éric Zemmour, der bereits 2022 ein «Ministerium für Remigration» forderte, und das zeigt, wie einflussreich dieses Vorfeld geworden ist, mal ganz abgesehen davon, dass heute sogar das Weisse Haus den Begriff Remigration ganz offiziell propagiert.
Die EU-Kommission hat die Initiative im Juli als diskriminierend abgelehnt. Sie ist damit keine offizielle Bürgerinitiative und rechtlich wirkungslos. Gesammelt wird trotzdem weiter. Man hat die halbe Million Unterschriften überschritten und steuert auf eine Million zu.
Die Junge Tat mag in der Schweiz nach wie vor eher als aktivistischer Wandergruppen-Flashmob betrachtet werden, aber im europäischen rechtsextremen Vorfeld, jenem Netz aus Aktivisten, Verlagen und Influencern, ist der Einfluss der Jungen Tat beträchtlich.
Im Gespräch schwärmt Corchia davon, wie sehr sich die Welt seit 2020 verändert habe. Wandern, boxen, Ernst Jünger lesen – die rechte Ästhetik sei auf dem Vormarsch. «Du bist zu alt, sorry, Onkel», sagt er, als ich einwerfe, dass ich niemanden kenne, der Ernst Jünger lese. Sein junges Alter erklärt zumindest vermutlich zum Teil auch, wie Corchia auftritt: Auf eine einfache Frage folgt ein zehnminütiger Monolog über die Frankfurter Schule, spannend finde er vor allem Marcuse, denn der sei der «abartigste» von allen, «in der Urform entartet» sei dieser, «ohne durch das Wort komische Parallelen aufzustellen», wie er nachschiebt.
Es sind Wortschwälle, wie man sie sonst von marxistischen Geschichtsstudenten kennt. Bei Corchia enden sie in der Unversöhnlichkeit, im Kulturkampf, im Ethnopluralismus. Dazwischen schnippt er aus dem Handgelenk Steine in den Fluss.
«Das entscheidende Wort ist Hierarchie»
Und mit einem engagierten radikalisierten Geschichtsstudenten, der auf alles eine Antwort parat hat, ist es natürlich gar nicht so einfach, ein Interview zu führen. Corchia wirkt berauscht von seiner permanenten Lektüre über den Niedergang des Abendlandes, von Ernst Jünger, der den Krieg als inneres Erlebnis feierte, von der Frankfurter Schule, die er für die Zersetzung und den Zerfall von all dem verantwortlich macht, was ihm heilig ist, und von Armin Mohler, dem Schweizer, der mit seiner «Konservativen Revolution» zum Vordenker der Neuen Rechten wurde und einen Essay über den «faschistischen Stil» schrieb.
«Würdest du mir widersprechen, wenn ich sage, du bist der Bildproduzent der Idenitären Bewegung?», frage ich.
Corchia antwortet: «In den letzten 30, 40 Jahren hat sich fundamental einiges verändert, schon allein durch die technologische Entwicklung. Die Linke hat diesbezüglich ein fundamentales Problem. Im Sinne von Adorno lehnt sie die Ästhetik ganz grundsätzlich ab, Schönheit als das, was sie als Anfang von Totalitarismus oder Faschismus sieht. Daraus resultiert ein sich ständig selbst zerstörender Zyklus: Wer kann die noch hässlichere, nicht patriarchalere, nicht rassistischere, nicht kolonialistischere Kunst anfertigen? Das ist die Antithese zu Ästhetik, wie wir sie als Rechte verstehen: als etwas Wahres, Erhabenes, Schönes. Und vor allem, das ist der entscheidende Satz, als etwas Hierarchisches. Das entscheidende Wort ist Hierarchie.»
Ich frage, wie er lebt, wie er sich bewegt, immerhin sei ein T-Shirt der Jungen Tat zumindest in den Städten eine riesige Provokation, und Corchia sagt: «Im Grossteil der Schweiz kann ich relativ problemlos mit einem Junge-Tat-Shirt herumlaufen. In den urbanen Zentren ist das Herrschaftsverhältnis anders, wegen Universitäten, Gewerkschaften und so weiter.» Dann wieder ein Sprung: «Aber was uns prägt, ist unser Bewusstsein für Ästhetik und Stil. Ein Charakter äussert sich im Stil. Den Stil, den wir täglich leben, haben wir auch in unserer politischen Arbeit manifestiert, bis hin zur Videoarbeit. Eine viel gelesene Linie über uns ist ja: Die machen Propaganda von einem Idealbild. Ich würde behaupten, was wir leben, versuchen wir durch die Medien nach aussen zu tragen. Der Stil drückt unsere Politik aus. Er ist nicht entkoppelt von ihr.»
«Ein liberaler Choleriker»
Ich sage, wenn ich auf X in die rechten Bubble eintauche und durch Profile doomscrolle wie jenes des rechtsextremen englischen Anti-Islam-Aktivisten Tommy Robinson, der katalanischen MAGA-Aktivistin Ada Lluch oder Martin Sellners, dazu anonyme Accounts mit sechsstelligen Followerzahlen wie jenen einer Aktivistin namens Alix , dann begegne mir fast pausenlos eine apokalyptische Hölle. Horden von Islamisten, die Europa überfallen, Tod, Gewalt, Vernichtung. Die Welt, sage ich, habe in diesem Milieu all ihre Schönheit verloren, sei psychotisch dunkel und brutal. «Wir beide sitzen hier im beschaulichen Thurgau, und das hat irgendwie so gar nichts mit dieser düsteren Welt zu tun, in der wir permanent auf den Untergang zurasen», sage ich.
«Du bewegst dich auf der Oberfläche», sagt Corchia. «X ist die Plattform für Journalisten, Politiker, Autisten und alles Mögliche an den politischen Rändern. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist extrem stark, es wird überspitzt und polemisiert. Das ist kein Abbild der Neuen Rechten, wie sie existiert, eher ein Ausschnitt, vielleicht auch eher einer Boomer-Liberalen Rechten.» Tommy Robinson, den rechtsextremen britischen Anti-Islam-Aktivisten, will er «vehement» nicht als radikalen Rechten gelten lassen, sondern als «typischen liberalen Choleriker». Eine «gewisse Kritik bezüglich einer Islamisierung» teile man zwar. Aber im Islam die Ursache aller Probleme zu sehen, sei «primitiv» und gehe nicht an den Grund des Problems. «Und die wäre?», frage ich. «Die interkulturelle Differenz, die er nicht nur nicht benennt, sondern sogar schlichtweg verneint.»
Der Einwand gegen Robinson lautet also nicht, dass er zu radikal ist, sondern, dass er das eigentliche Problem nicht erkenne. Für Robinson liegt das Problem in der Religion, während es für Corchia in der «ethnokulturellen Differenz» liegt, die man im Gegensatz zu einem Glauben nicht einfach ablegen könne. «Die gelebte Neue Rechte, die man nicht sofort auf X findet, hat einen sehr visionären, positiven, ästhetischen Output», sagt er. «Wir bringen beides zusammen: einerseits die Achse Remigration, also eine konsequente Problembenennung, das ständige Drängen auf drohende Szenarien, andererseits das Visionäre, Schöne, das vielleicht gar nicht mehr als rechts definiert wird, sondern als lebensbejahend.»
2650 Euro
Woher das meiste Geld stamme für seine Videos, frage ich, und er sagt, über Geld rede er lieber nicht, die Frage habe etwas sehr Flaches und verfehle den Kern der Diskussion. Schliesslich sagt er: «Es ist Arbeit, wie man sie bei jeder linken NGO findet. Nur profitieren wir nicht von Staatstöpfen, sondern von Einzel- und Kleinspenden. Die Junge Tat finanziert sich zu 90 Prozent durch Kleinspenden. Mal kommt ein grösserer Betrag von ein paar tausend Euro, der geht dann gleich wieder für die nächsten Rechtskosten raus.» Und manchmal kommt das Geld, wie Mediapart berichtete, von einer öffentlich finanzierten Stiftung, die ihm 2650 Euro für einen Film über einen Anlass eines rechten Thinktanks im EU-Parlament zahlte.
Die Bilder, sagt er, seien ohnehin nicht das Entscheidende. Was die Junge Tat in Europa auszeichne, sei «eine gelebte Vitalität», eine Art, sich zu organisieren. «Ich kann kein cooles Video schneiden, wenn die Aktion schlecht ist. Dann hilft mir auch die beste ästhetische Ausrichtung nichts.» Diesen Stil schätzten andere Bewegungen, «und da helfen wir dann auch gerne, wie zum Beispiel bei einem Remigration Summit oder einem Save Europe Act».
Der «Remigration Summit» ist das Jahrestreffen der europäischen Neuen Rechten. Sellner organisiert ihn, 2025 fand er bei Mailand statt, im Mai 2026 im portugiesischen Figueira da Foz, mit rund 500 Gästen, AfD-Politikern und dem früheren US-Grenzschutzkommandanten Gregory Bovino als Ehrengast. Corchia, der mitorganisierte, lieferte die Bilder dazu, von der Veranstaltung selber aber auch die Video-Teaser im Vorfeld, zum Beispiel jenen mit der Holländerin Eva Vlaardingerbroek.
Lana Del Rey und der Abschiebeflieger
Alle drei Monate werde er auf den Social-Media-Plattformen wegen seiner Inhalte gesperrt, sagt Corchia, dann komme er mit neuen Accounts zurück, und sofort laufe es wieder gut, das erkenne er an den Klickzahlen und an den Verkäufen im Webshop der Jungen Tat. Dort und in den Telegram-Kanälen der Jungen Tat oder verwandter Gruppen wie der rechtsextremen Frauenorganisation Lukreta präsentiert sich ästhetisch eine andere Welt: Bergseen und Sonnenuntergänge, junge Frauen mit Blumenkranz im Haar und Zopf, Brotbacken und Wandern und Konfitüre einkochen und Picknicken, und immer scheint die Sonne und die Farben sind Pastell in dieser Tradwife– und Cottagecore-Ästhetik. Es ist eine andere Welt als jene ultra-brutale Betonwelt, die wir in dieser Serie vorgestellt haben und noch beschreiben werden: die Welt von Marcel Strebel und seiner Patriotischen Front oder von den rechtsextremen Skinheads der Neunzigerjahre, die Angst und Schrecken verbreiten wollten.
So hat sich bei den Identitären nicht nur das Aussehen, sondern auch die Sprache gewandelt: Ethnopluralismus wird als Antirassismus verkauft, weil das Pochen auf Differenz als Respekt daherkommt (mehr dazu in der Folge über Renaud Camus). Und die Identitären und die Junge Tat kleben die Städte voll mit Stickern, die einen coolen Lebensstil darstellen wollen, «Sommer, Sonne, Remigration» lautet ein Motiv, Sonnenuntergang und Abschiebeflieger. Sie setzen Hashtags wie #WeisserBubenSommer und unterlegen ihre Videos mit Lana Del Rey oder Beats von Kanye West beziehungsweise Ye, und das sieht dann aus wie ein Werbespot von Schweiz Tourismus, dabei geht es in Wirklichkeit um die grösste Massenabschiebung in Europa seit den Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

«Es gibt nichts Geileres»
Er müsse sich bald verabschieden. In zwei Stunden gehe er live zum Thema «Schweizer Denker, Theorien und Literatur» (wo es dann vor allem um Armin Mohler geht). «Hast du keine Angst, dass während eines Livestreams ein Schlägertrupp ins Studio stürmt?», frage ich. «Sollen sie es versuchen, sollen sie kommen. Ich scheue den Konflikt nicht. Und ich respektiere meinen Gegner stärker als jedes liberale Konstrukt. Was natürlich nicht heisst, dass Niederträchtigkeit und Feigheit damit relativiert werden.»
Er erzählt von verschmierten Fassaden, «das ist noch harmlos.» Und von seiner Verlobten: In Basel, vor vier, fünf Jahren, sei das Haus, in dem sie mit anderen Frauen wohnte, nachts um drei mit Hämmern entglast worden. An ihrer Maturfeier habe es wegen Drohungen eine Hundertschaft Polizei gebraucht, sagt er. «Es ist der Preis, den man bezahlt», sagt er.
«Ist das nicht zermürbend, so zu leben?»
«Es gibt nichts Geileres. Es gibt dem Leben das Vitale zurück. Die Unterscheidung zwischen Freund und Feind: Du weisst, wer Feind ist, du weisst, wer Freund ist. Du weisst genau, was schön ist, weil du das Gegenteil kennst. Du weisst, was friedlich ist, weil du den Kampf kennst. Der Liberale oder Linke versucht den Menschen dahin zu beugen, wo es Konflikt, Krieg, Tod nicht mehr gibt. Damit verkennt er das wahre Leben.»
Und ich sage, dass mich seine Worte an Schlachtrufe erinnerten, «Es lebe der Tod» der spanischen Franquisten, oder «Me ne frego» – «Ich pfeife drauf» – der italienischen Faschisten und er sagt, ich solle mir solche Parallelen bloss aufbauen, da pfeife er tatsächlich drauf. «Armin Mohler, mein Lieblingsschweizer Denker, hat gesagt: Die Linke verallgemeinert Attribute des Faschismus. Der Faschismus stand für Tugendhaftigkeit, Bodenbewusstsein, also muss alles Tugendhafte, Ästhetische faschistisch sein. Das ist natürlich ein kapitaler Fehlschluss. Ich sage, dass man am Kampf wachsen kann. Das macht mich noch lange nicht zum Faschisten. Nicht weil ich mich vor der Bezeichnung fürchte. Wenn ich es vertreten würde, würde ich es sagen.»
Freund und Feind
Bei unserem Vorgespräch zum Interview im thurgauischen Weinfelden hatte ich Pascal L. erwähnt, der aus Weinfelden stammte, in den Neunzigerjahren eine der Führungsfiguren der Schweizer Rechtsextremen, extrem gewaltbereit. Corchia kannte den Namen nicht, was mich erstaunte. «Wo liegen die Trennlinien?», frage ich nun, und er sagt, dass es die nicht grundsätzlich gebe. Und weil es bei ihm praktisch nie ohne grossen Gewährsmann geht, sagt er: «Das neurechte Bild von Politik ist nach Carl Schmitt die Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Volk ist für mich klar definiert. Nicht in absoluten Biologismen, wie das der Nationalsozialismus macht. Und nicht in relativierenden Papierli-Nationalismen, wie das die SVP oder andere Liberale machen. Sondern ethnokulturell. Wer das bejaht und sich dafür einsetzt, mit dem streitet man im positiven Sinn.»
«Also auch mit den Active Clubs?», frage ich. Die Active Clubs sind ein relativ junges, loses Netz neonazistischer Kampfsportgruppen, die sich über Telegram organisieren, in der Schweiz vor allem in der Romandie und im Tessin, aber neuerdings auch im Kanton Zürich.
«Die Active Clubs vertreten meiner Meinung nach einen absolutistischen Biologismus, der eher dem deutschen Nationalsozialismus ähnelt als dem klassischen Faschismus. Das hat ideologisch jetzt per se nichts mit uns zu tun. Das sieht man auch an ihrer Ästhetik.»
Die Grenze verläuft, so verstehe ich ihn, beim Stil und beim Biologismus. Später werde ich ihn fragen, was er mit dem «ethnokulturellen Fundament» der Schweiz eigentlich genau meine. Er wird dann von Genen sprechen und von Steppenreitern aus dem vierten Jahrtausend vor Christus und davon, wer heute noch Europäer ist, und die Grenze zum Biologismus wird dann nicht mehr ganz so klar verlaufen.
Sommer, Sonne, Remigration – die Serie
Diese Serie erzählt von der rechtsextremen Szene in der Schweiz und ihren Akteuren, von den Achtzigerjahren bis heute. Wer die rechtsextreme Gruppe «Junge Tat» für einen Internet-Flashmob hält, unterschätzt die Rolle, die vor allem Manuel Corchia mit seinen Videos in der Identitären Bewegung und damit in der extremen Rechten spielt. Wer seinen österreichischen Kollegen Martin Sellner für einen Spinner am Rand hält, übersieht, dass dieser junge Mann den Begriff Remigration, 2023 in Deutschland zum «Unwort des Jahres» gekürt, aus der Nische geholt hat. Das Weisse Haus benutzt ihn inzwischen. Rechte Parteien in halb Europa benutzen ihn. Auf der Plattform X ist «Remigration» im rechten Diskurs allgegenwärtig.
«Sommer, Sonne, Remigration» fragt, was Sellner tatsächlich will und welche Rolle der Winterthurer Manuel Corchia dabei spielt. Um diese Gegenwart zu verstehen, geht die Serie zurück in die Vergangenheit: zu Jürg Frischknecht, dem Journalisten, dessen Recherchen zum Schweizer Rechtsextremismus bis heute massgebend sind, versammelt in seinem Buch «Schweiz wir kommen», das man heute nicht mehr in der ursprünglichen Art auflegen könnte, weil darin viele Namen stehen, die nicht mehr an die Öffentlichkeit gehören. Unter anderem sein Privatarchiv liefert den historischen Unterbau für verschiedene Kapitel dieser Serie, jeweils in mehreren Teilen erzählt. Sie zeigen, wann die erste Generation der neuen extremen Rechten in der Schweiz auftauchte und was sie vom heutigen rechtsextremen «Vorfeld», wie sich die Szene selber verstanden haben will, unterscheidet. Die Serie erscheint wöchentlich über die kommenden Monate.
Wie gross dieser Unterschied ist, zeigt sich schon im Auftreten: Die Rechtsextremen kamen früher mit Hitlergruss und dem Kofferraum voller Schusswaffen. Sie kamen besoffen am Samstagabend, auf der Suche nach einer Schlägerei im Zürcher Niederdorf. Sie jagten Menschen anderer Hautfarbe durch die Strassen und legten Brände.
Die Generation, die heute kommt, die sich zur Identitären Bewegung zählt, will von alldem – zumindest offiziell – nichts mehr wissen. Sie kommt geschniegelt und betont, Gewalt nur zur Selbstverteidigung anzuwenden. Sie kommt mit Videos auf der Plattform X und auf Telegram, mit Demonstrationen und Kundgebungen und Flashmobs und mit einem sehr klaren politischen Programm und einem Wort, das sie überall wiederholt: Remigration.
Die Recherche stützt sich auf Gerichts- und Polizeiakten, Jahresberichte der Bundespolizei, Material des Schweizerischen Sozialarchivs und weiterer Institutionen, auf zeitgenössische rechtsextreme Schriften und Videos, Interviews, Telegram-Chats. Dieser Text und der folgende stützen sich vor allem auf ein Gespräch mit Manuel Corchia.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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