Kommentar

Bauprofile überall – warum die Schweiz sozial kaputt geht

Werner Vontobel © zvg

Werner Vontobel /  Rein wirtschaftlich blüht die Schweiz auf, aber sozial verdorrt sie. Die allgegenwärtigen Bauprofile sind das Symbol für beides.

Nehmen wir die «Vita-Siedlung» in Langnau am Albis: Viel Grünfläche, Platz zum Quatschen und bezahlbare Mieten – und das gar nicht weit weg von Zürich. Für Familien und Menschen, die Gemeinschaft suchen, war das ein absoluter Traum. Wenn ich dort an einem lauen Sommerabend mit dem Velo vorbeigefahren bin, war die Siedlung voller Leben: Kinderlachen, Musik und der Duft von Grillkohle lagen in der Luft.

Und heute? Wenn man vorbeikommt, stechen einem sofort die Bauprofile ins Auge. Sie ragen weit über die dreistöckigen Häuser hinaus, stehen mitten zwischen den Bäumen und auf den Wiesen. Die meisten Fenster sind dunkel und leer, ohne Vorhänge. Nur hinter ein paar wenigen brennt noch Licht. Auf dem Rasen gammelt ein altes Sofa vor sich hin, das beim Umzug vergessen wurde. Ein Schulmädchen – nennen wir sie Lea – huscht in einen Hauseingang. Aber sie kommt nicht wirklich «nach Hause». Hier ist niemand mehr daheim, die Nachbarschaft existiert nicht mehr. Ihre Freunde und Spielkameraden sind alle nach und nach weggezogen.

Hätte ich so aufwachsen wollen?

Im Frühling 2025 bekamen hier alle 284 Mietparteien die Kündigung auf den Tisch gelegt. Sie müssen Platz machen für 570 neue Wohnungen. Mittlerweile wohnen dort zwar einige Zwischenmieter – sie zahlen 1740 Franken für 76 Quadratmeter. Für viele ist das finanziell gerade noch machbar, aber das Glück ist nur von kurzer Dauer. Am 30. September 2027 ist auch für sie endgültig Schluss.

Das Ganze ist leider kein Einzelfall: Nur ein paar hundert Meter weiter, auf der anderen Seite der Sihl in Adliswil, bietet sich genau das gleiche Bild. Bauprofile, so weit das Auge reicht. Das Herzstück des Projekts ist ein über 40 Meter hohes Hochhaus. 136 alte Wohnungen müssen hier Platz für 296 Neubauten machen. Doch auch hier tickt die Uhr für die Zwischenmieter: Am 30. September 2027 müssen sie raus. Aber wohin? Eine neu vermietete, familientaugliche Wohnung in Langnau kostet heute locker 3300 Franken. Wohin sollen die Leute also ziehen? Selbst im zwölf Autokilometer entfernten Mettmenstetten findet man kaum etwas unter 2600 Franken. Und 24 Kilometer weiter weg in Muri im Aargau gibt es mit viel Glück noch vereinzelte Angebote für rund 1900 Franken für 90 Quadratmeter.

Bauprofile

Bauprofile überall. Auf dem Weg zu meinem vier Kilometer entfernten Lieblingskaffee in Wollishofen sehe ich sie seit Jahren an jeder Ecke. Mal hier, mal dort. Und selbst wenn sie noch nicht physisch dastehen, kündigen sie sich schon von Weitem an: durch bröckelnde Fassaden, tote Fenster und vergilbte Storen. Das Ganze schlägt auch den verbliebenen Nachbarn aufs Gemüt. Sie müssen sich nicht nur von guten Freunden und langjährigen Bekannten verabschieden, sondern sich auch auf mindestens ein Jahr brutalem Baulärm einstellen.

Die Regisseurin und Autorin Katja Früh schrieb kürzlich in ihrer Kolumne im «Tagesanzeiger-Magazin», wie dankbar sie sei, dass sie ihre schöne und bezahlbare Wohnung noch habe. Betonung auf noch. Genau dieses permanente Gefühl der Unsicherheit teilen im Moment extrem viele Menschen. Laut einer Umfrage befürchten 84 Prozent der Mieterinnen und Mieter im Kanton Zürich, dass sie nach einer Leerkündigung ihr gewohntes Zuhause komplett verlieren.

Und das ist keine paranoide Einbildung, sondern harte, betriebswirtschaftliche Realität. Schauen wir uns die neusten Zahlen der Stadt Zürich an: Dort kostet eine Wohnung, die elf Jahre oder älter ist, im Schnitt noch angenehme 1800 Franken für 90 Quadratmeter. Neue Wohnungen kommen im Schnitt aber für stolze 3500 Franken auf den Markt. Das sind weit über 40 Prozent des mittleren, steuerbaren Familieneinkommens.

Die Angst aufzuwachen und ein Bauprofil steht vor dem Fenster

Wenn die Politik dann auch noch – wie in Langnau oder in der Sihlmatte – erlaubt, deutlich dichter und höher zu bauen, wird der Abriss und Neubau aus Sicht der Immobilienkonzerne und Pensionskassen ein Muss. Das sind sie ihren Aktionären schuldig.

Die Angst, morgens aufzuwachen und ein Bauprofil vor dem eigenen Fenster stehen zu sehen, ist real.

Aber nicht nur die Menschen mit kleinerem Portemonnaie müssen packen. Auch die Reichen werden zur Mobilität gedrängt – wenn auch freiwillig. Im benachbarten Kilchberg ist der Steuerfuss mit 74 Prozent zum Beispiel deutlich tiefer als in Adliswil. Also zieht, wer Geld hat, dorthin. Die Folge? Das Durchschnittseinkommen in Kilchberg ist mehr als doppelt so hoch wie nebenan. Die Zeiten, in denen die Arbeiter der Schokoladenfabrik Lindt noch vor Ort in Kilchberg wohnen konnten, sind lange vorbei. Wer heute in Bern wohnt und 300’000 Franken verdient, spart mit einem Umzug nach Kilchberg 35’000 Franken Steuern – jedes Jahr.

Dieser Steuerwettbewerb reisst aber nicht nur Arm und Reich auseinander, sondern auch Jung und Alt. Und unser System der 2. Säule hilft kräftig mit. Die Pensionskasse ist immer mehr zum Steuersparmodell für Gutverdiener mutiert, weil man dort riesige Summen steuerfrei einzahlen kann. Inzwischen schüttet die 2. Säule fast so viel Kapital aus wie Renten. Im Jahr 2024 waren das 17,1 Milliarden Franken.

Die schöne Aussicht in Flims mit Baukränen verstellt

Wer sich in Zürich eine Million Franken Pensionskassen-Kapital bar auszahlen lässt, muss 111’600 Franken an den Fiskus abgeben Das Bündner Bergdorf Flims gibt sich mit knapp der Hälfte zufrieden – vorausgesetzt, man verlegt seinen Hauptwohnsitz dorthin. Viele andere schicke, sonnige Gemeinden machen bei dieser Jagd auf reiche Rentner eifrig mit. Die Wohnung in Zürich wird dann kurzerhand zur Zweitresidenz degradiert, während in Flims die schöne Bergaussicht mit Baukränen verstellt wird.

Am anderen Ende der Skala werden auch die weniger wohlhabenden Rentner vom System zum Auswandern animiert. Mit 2500 Franken AHV-Rente kommt man in der Schweiz nicht weit. Wer sich aber statt einer kleinen BVG-Monatsrente von 300 Franken lieber 70’000 Franken bar auf die Hand geben lässt, kann sich in Süditalien, Galizien oder Anatolien ein kleines Häuschen finanzieren. Da geht die Rechnung plötzlich auf.

Die Folge von all dem? Je mehr Menschen umherziehen, desto länger werden die Wege zur Arbeit, zum Einkauf oder für den Besuch bei den alten Nachbarn. Und desto dichter wird der Stau. Wo man vor ein paar Jahren noch freie Bahn hatte, steckt man heute im Stop-and-Go. Auch die Züge und Busse platzen aus allen Nähten. Selbst wer an der Endstation einsteigt, hat keinen Sitzplatz mehr auf sicher.

Der Steuerwettbewerb und das Steuersparmodell Pensionskasse zwingen uns Schweizer zu immer mehr Mobilität. Das kurbelt zwar die Wirtschaft an, schafft Jobs und lässt das BIP steigen. Am Ende ist es aber eine gigantische Verschwendung: Die Heere von Immobilienmaklern, die Suchportale, die unzähligen unbezahlten Stunden für die Wohnungssuche, die Umzugskosten und die verlorene Lebenszeit im Stau. All das frisst Kapazitäten, die wir an anderer Stelle viel dringender bräuchten – in unseren Schulen, in der Pflege oder in der Forschung.

Schuld ist unser «Sieg» im Standortwettbewerb

Doch wie kann es sein, dass in einem Land mit einer extrem tiefen Geburtenrate von 1,28 so eine krasse Wohnungsnot herrscht? Das verdanken wir unserem «Sieg» im globalen Standort- und Steuerwettbewerb. Dieser verteilt die Einkommen immer ungleicher. Wenn bei einer globalen Wertschöpfungskette 95 Prozent der Arbeit in Tieflohnländern erledigt wird, kann man mit den restlichen 5 Prozent hierzulande Löhne und Gewinne einfahren, die weit über dem liegen, was in der normalen Binnenwirtschaft für uns Einheimische möglich ist.

Dazu kommt ein zweiter Effekt: Dank dem technologischen Fortschritt haben wir riesige Überkapazitäten. Deshalb gilt: Wer den Zugang zum Kunden kontrolliert, der kassiert. Das gilt für Giganten wie Amazon, Google oder Booking. Es gilt aber auch für globale Werbe-Ikonen wie Roger Federer, Kylian Mbappé oder Tiger Woods. Vor ein paar Jahrzehnten wurde man als Spitzensportler im besten Fall reich. Heute wird man superreich oder gleich Milliardär.

Wenn solche Firmen und Megareiche – angelockt von tiefen Steuern und sicherem Eigentum – in Scharen in die Schweiz kommen, treibt das zwar das statistische Durchschnittseinkommen und die Steuereinnahmen nach oben. Unser Land wird auf dem Papier reicher. Aber weil unser Boden nun mal knapp ist, jagt diese enorme Kaufkraft die Immobilienpreise in die Stratosphäre. Und das sorgt dafür, dass der Lohn, der dem Normalverdiener nach Abzug der Miete zum Leben bleibt, drastisch schrumpft.

Vor allem aber zerstören der globale Standort- und der kantonale Steuerwettbewerb das Fundament unserer Gesellschaft. Sie reissen Familien auseinander, zertrennen Nachbarschaften und machen uns am Ende krank. Einsamkeit und chronischer Stress sind heute – noch vor Alkohol und Übergewicht – das grösste Risiko für die Gesundheit. Von der Lebensqualität ganz zu schweigen.

Und das bringt uns zurück zu Lea. Wir kennen sie zwar nicht persönlich, aber wir kennen die Statistik. Sie ist ein Einzelkind und kommt nach der Schule in eine leere Wohnung. Ihre Mutter klappert mal wieder einen Besichtigungstermin ab. In ihrer zunehmenden Verzweiflung besichtigt sie neuerdings auch Zwei-Zimmer-Wohnungen. Leas Eltern leben getrennt. Ihre Ehe hat den finanziellen Dauerdruck und die nervenaufreibende Wohnungssuche nicht überlebt. In ihrem Zimmer angekommen, lässt Lea als Erstes die Rollläden runter. Sie will das Bauprofil vor ihrem Fenster nicht mehr sehen müssen.


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9 Meinungen

  • 18.10.2026 at 16:16
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    Diese Vita Siedlung in Langnau wurde bewusst über Jahre vernachlässigt seitens der Eigentümer.

  • 19.10.2026 at 02:49
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    Lieber Werner Vontobel.
    Sehe es genau so wie Sie. Seit meiner Geburt hat sich die Bevölkerung unseres Landes verdoppelt.
    Die Situation, welche sie beschreiben, steht für diese Entwicklung.
    Der Zug ist jedoch schon lange abgefahren, wo man noch etwas gegen diese Vorgänge hätte unternehmen können.
    Die ganze Situation führt dazu, dass die noch nicht so verschandelten Landschaften nun vom Freizeit-Verkehr überrollt werden.
    Auch die Zunahme des Flugverkehrs hat im Sommer 2026 einen Rekord erreicht. Viele wollen die Ferien im Ausland verbringen. Die Eingewanderten und sogar die Flüchtlinge besuchen ihre alte Heimat oft mehrmals im Jahr. Die Wenigsten benützen den Zug sondern das Flugzeug oder Auto.
    Fast niemand ist gewillt, freiwillig auf etwas zu verzichten.
    Es herrscht eine Stimmung nach dem Motto: «Nach uns die Sintflut»!
    Haben Sie eine Idee, wie eine Trendwende erreicht werden kann?

    • 19.10.2026 at 15:33
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      Liebe Frau Hauptlin Schneider,
      Sie fragen nach einer Idee, wie eine Trendwende erreicht werden könnte. Ein Interview mit der deutschen Autorin und Richterin Juli Zeh in der NZZaS vom 11. Oktober könnte einen Hinweis geben: Mehr «dörfliche Umgebung», «wo es etwas wie ein Gruppengefühl gibt, einen Zusammenhalt, auch die Notwendigkeit, sich immer wieder miteinander ins Benehmen setzen zu müssen, weil man am selbst Ort lebt.» Weniger «urbanen Raum», wo es ein Wir-Gefühl in den meisten Kreisen nicht mehr gibt. Das heisst: Mehr Kompetenzen bei den Gemeinden, weniger beim Bund. Mehr Föderalismus, weniger Zentralismus. Ständemehr statt nur Stimmenmehr. Leider läuft es heute auch in der Schweiz in die falsche Richtung.

  • 19.10.2026 at 11:29
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    Ich kann Lea schon im Übergangsheim einer Hilfsorganisation sehen: selbst, wenn eine Wohnung bezahlbar wäre, wer gibt einer alleinerziehenden Mutter schon eine Wohnung, erst recht nicht eine Zwei-Zimmer-Wohnung – die wäre ja dann schon fast überbelegt. Heutzutage finden die Vermieter ja bereits bei Familien mit zwei Elternteilen, dass sie lieber keine haben im Haus, da wird lieber an Einzelpersonen vermietet. Die sind den ganzen Tag auf der Arbeit und so wird die Wohnung geschont. Und wenn die Mama dann zusammenklappt, weil sie keine Kraft mehr hat, und dadurch den Job verliert, dann landet sie ganz schnell beim Sozialamt.

  • 19.10.2026 at 11:34
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    SL Guido Balmer 05.10.2023: «In den Sanitätsakten der Stadt Basel von 1891 heisst es dazu: «Wir erleben, dass in gewissen Städten ein Überschuss an besseren Wohnungen vorhanden ist und gleichzeitig der äusserste Mangel an Wohnungen für sog. kleine Leute. Die Bauspekulation baut Häuser nicht zum dauernden Vermiethen, sondern zum Verkauf.» Und der Stadtrat von Zürich konstatierte in seinem Geschäftsbericht für 1897, es gebe für 25’000 Haushaltungen mit geringem Einkommen bloss 7785 Mietwohnungen zu einem Preis, der für sie bezahlbar sei…Die schlechten Wohnungsverhältnisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten einen wesentlichen Anteil an der Verhärtung des sozialen Klimas jener Zeit..»

    Wenn es nur noch Wohnungen gibt für diejenigen, die sich eine hohe Miete leisten können, und die mit einem niedrigen Einkommen in Notunterkünften oder auf der Strasse landen, dann werden soziale Unruhen entstehen und die Schweiz geht kaputt: wohl eine Tatsache.
    Gunther Kropp, Basel

  • 19.10.2026 at 12:20
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    In Artikel 2 Absatz 2 der Bundesverfassung steht, der Bund fördere «die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung, den inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes». Von Wohlstand oder «BIP pro Kopf» steht nichts. Die enorme Bevölkerungszunahme seit dem Jahr 2000 von 1,9 Mio. Menschen ist zu 80% auf die Zuwanderung zurückzuführen. Die Bevölkerungszunahme wiederum ist zu 82% für die um rund 100 Mio. Quadratmeter seit dem Jahr 2000 gewachsene Wohnfläche verantwortlich. Fazit: Es ist die extreme Zuwanderung, welche die von Werner Vontobel beschriebene Entwicklung verursacht.

  • 19.10.2026 at 13:27
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    Danke für diesen Artikel! Welche Parteien werden zuverlässig gewählt und setzen sich nur für das Wohl «der Kleinen» ein‘?

  • 19.10.2026 at 13:30
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    Schwarzenbach lag halt doch richtig, wann wird das eingesehen? Es ist leider zu spät!!

  • 19.10.2026 at 14:15
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    Für immer mehr Menschen gibt es existenziell notwendige Sachen, die unbezahlbar werden..
    Anständige Arbeit lohnt sich für die Leistungserbringer immer weniger.
    Das schlägt unweigerlich auf die Gesundheit.(geistig, körperlich)
    Nur ein gesundes Volk ist ein starkes Volk.

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