Corona-Angst wurde mit wilden und wirren Zahlen angeheizt
Wie gefährlich ist das neue Virus? Zu Beginn der Corona-Pandemie war diese Frage zentral.
Bei einem Ausbruch müsse man die Sterberaten «mit einem sehr skeptischen Blick betrachten», warnte Amesh Adalja, Fachmann für Pandemie-Vorsorge am Johns Hopkins Center for Health Security in Baltimore gegenüber der Nachrichtenagentur «Reuters» am 5. Februar 2020. Und David Fisman, Epidemiologe an der Universität Toronto, erinnerte an die Schweinegrippe: Als sie 2009 aufkam, sei die Sterblichkeit zunächst auf zehn Prozent geschätzt worden. «Das erwies sich als völlig falsch.»
Die Schwierigkeit war allen Fachleuten bekannt: Die schweren Erkrankungsfälle werden offiziell erfasst, die leichten nicht. Berechnet man den Anteil der Menschen, die an der Infektion sterben, ohne die leichten oder nicht-erkannten Infektionen einzubeziehen, wird die Gefahr überschätzt. Ein Rechenbeispiel: Wenn von 100 Infizierten einer stirbt, ergibt dies eine Sterblichkeitsrate von einem Prozent. Angenommen, es gibt noch weitere 100 infizierte Personen, die aber nicht erfasst wurden, wäre die wahre Sterblichkeitsrate 1 von 200, also 0,5 Prozent. Die Dunkelziffer ist folglich ein entscheidender Faktor.
Am 8. Februar 2020 notierte der US-Präsidentenberater Anthony Fauci in seinen privaten Aufzeichnungen (S. 687) zu Covid: «Die Fallsterblichkeitsrate liegt eher bei 0,2 bis 0,3 Prozent als bei 2 Prozent.» Diese Fallsterblichkeitsrate (case fatality rate, CFR) gibt an, für wie viel Prozent der diagnostizierten Erkrankten die Krankheit zu einem bestimmten Zeitpunkt tödlich endet.
Zum Vergleich: Bei der saisonalen Grippe (Influenza) wird diese Rate mit etwa 0,1 bis 0,2 angegeben (und bis zu 0,9 Prozent, falls nur die symptomatischen Fälle berücksichtigt werden).
Fauci – einer der berühmtesten und damals bestvernetzten zeitgenössischen Wissenschaftler – rechnete zu jenem Zeitpunkt also damit, dass 2 bis 3 von 1000 Menschen, die an Covid erkrankten, an der Infektion sterben würden.
Der Multimilliardär Bill Gates nannte dagegen eine viel höhere Zahl: Etwa 10 von 1000, also rund ein Prozent. Für die Schweiz hätte das über 86’000 Covid-Tote bedeutet.
«Teilweise politisch motiviert»
Drängte sich ein allgemeiner Lockdown auf? Falls ja: Wie lange? Was passiert, wenn man danach schnell wieder öffnet? Ist eine Durchseuchung von Bevölkerungsgruppen, die kein oder nur ein geringes Risiko haben, zu verantworten, wie dies manche Exponenten vorschlugen? Braucht es – bis eine Impfung da ist – strenge Massnahmen für die gesamte Bevölkerung oder nur für vorerkrankte und ältere Menschen?
Bei all diesen Fragen kommt es darauf an, wie viel Prozent derjenigen sterben, die das Virus erwischen. Darunter auch alle, die von der Infektion gar nichts merken oder nur leichte Symptome haben. Fachleute sprechen von der Infektionssterblichkeitsrate (infection fatality rate, IFR). Sie gilt als Mass dafür, wie gefährlich ein Erreger ist. Weil die IFR alle Infizierten berücksichtigt, inklusive derjenigen, die nicht offiziell registriert wurden, fällt sie niedriger aus als die Fallsterblichkeitsrate (CFR). (Einer österreichischen Studie zufolge war die IFR während der Pandemie im Durchschnitt etwa halb so hoch wie die CFR.)
Während der Corona-Pandemie machten aber selbst Wissenschaftler nicht immer klar, ob sie nun die Sterberate der Erkrankten, der «Fälle» oder aller Virusträger meinten. Zur Verwirrung trug die WHO bei. Denn ihr zufolge musste jemand auch dann als «Krankheitsfall» gezählt werden, wenn er bloss positiv getestet wurde – Krankheitssymptome waren per WHO-Definition nicht nötig.
Kurz nachdem Fauci seinen Tagebucheintrag verfasst hatte, schlug «einer der weltweit führenden Experten für Coronavirus-Epidemien», der WHO-Berater Gabriel Leung, Alarm: Das neue Virus könne etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung infizieren, falls die Epidemie nicht unter Kontrolle gebracht werde, sagte er dem «Guardian». Dieser Zeitung zufolge arbeitete Leung «eng mit anderen führenden Wissenschaftlern zusammen», etwa mit denen am Imperial College London. Selbst wenn von allen Infizierten nur ein Prozent sterben würde (IFR), wäre die Zahl der zu erwartenden Todesopfer enorm.
Für die Schweiz wären dies über 55’000 Personen gewesen, die an Covid gestorben wären.
Die «NZZ» rechnete vor: «Bei einer derzeit geschätzten Sterblichkeit von einem Prozent könnte das [weltweit – Red.] 50 Millionen Todesfälle bedeuten. Das wären hundert Mal mehr als während der letzten Grippepandemie von 2009.» Die Zeitung stufte Leungs «gewagte Extrapolation» als «teilweise politisch motiviert» ein, um die Länder aufzurütteln.
Die WHO verbreitete am 19. Februar 2020 in ihrem Lagebericht: «Gegenwärtige Schätzungen der IFR reichen von 0,3 bis 1 Prozent.» Das waren deutlich mehr, als Fauci erwartete.
«Nicht ausgeschlossen»
In der Schweiz malte der Berner Wissenschaftler Christian Althaus den Teufel an die Wand: «Die meisten Fachleute gehen wie ich davon aus, dass die Sterblichkeit bei rund einem Prozent liegt», sagte er am 25. Februar 2020 zur «NZZ» online. «Vielleicht 30, 40 Prozent oder mehr der Leute» könnten sich anstecken. Das hätte für die Schweiz etwa 26’000 bis 34’000 oder noch mehr Tote im Verlauf weniger Monate bedeutet. Der «Tagesanzeiger» nannte kurz danach eine von Althaus berechnete, noch höhere Sterberate von 1,6 Prozent.
Althaus bezog sich auf die Sterblichkeit aller Infizierten, auch der ohne oder mit nur leichten Symptomen (IFR). Die Journalisten der «NZZ» fragten nach: «Bei einer Sterblichkeit von einem Prozent sprechen wir von 30 000 Toten.» Und Althaus antwortete: «Ja. Ein solches Worst-Case-Szenario ist nicht ausgeschlossen.»
Gleichentags schrieben Althaus, zwei Kollegen und eine Kollegin einen Warnbrief an den Bundesrat: Man müsse davon ausgehen, «dass die Sterblichkeit bei Covid-19 um mindestens den Faktor 10 höher ist» als bei einer typischen saisonalen Grippe.

Bill Gates versus Anthony Fauci
Drei Tage nach Althaus‘ Aussage in der «NZZ» erschien im «New England Journal of Medicine» online ein von Anthony Fauci und dem damaligen Leiter der US-Gesundheitsbehörde CDC, Robert Redfield, gemeinsam verfasster Artikel. Nicht erfasste Sars-CoV-2-Infektionen ohne oder mit nur leichten Symptomen könnten «vielfach» öfter vorkommen als die gemeldeten Fälle, gaben sie zu bedenken. Berücksichtige man auch diese Infizierten «so könnte die Fallsterblichkeitsrate deutlich unter ein Prozent liegen. Dies deutet darauf hin, dass die […] Gesamtauswirkungen von Covid-19 letztlich eher denen einer schweren saisonalen Influenza […] oder einer pandemischen Influenza (ähnlich der von 1957 und 1968) ähneln könnten […]»
Dieser Artikel in der Fachzeitschrift «New England Journal of Medicine» fand in den Schweizer Medien praktisch keine Beachtung. Er passte auch nicht zur Vorbereitung eines Lockdowns.
Am gleichen Tag, als Faucis und Redfields Artikel online ging, bekam im «New England Journal of Medicine» ein prominenter Multimilliardär ebenfalls eine Plattform: Bill Gates. Gates und Fauci kennen sich seit langem, hatten schon mehrmals zusammengearbeitet und Fauci hat auch Texte von Gates redigiert.
Gates, der Milliarden in Impfprogramme steckt, hielt in seinem Artikel dagegen: «Die bisherigen Daten deuten darauf hin, dass das Virus ein Fallsterberisiko von etwa 1 Prozent aufweist; damit wäre das Virus um ein Vielfaches gefährlicher als die typische saisonale Influenza und läge im Bereich zwischen der Influenza-Pandemie von 1957 (0,6 Prozent) und der [ Spanischen Grippe – Red.] von 1918 (2 Prozent)», schrieb er. «Covid-19 hat bereits zehnmal mehr Fälle verursacht als Sars, und das in nur einem Viertel der Zeit.»
Später enthüllte eine Recherche der «Welt am Sonntag» und der Online-Plattform «Politico», wie stark sich die Politik durch die Gates-Lobby beeinflussen liess. «Wir haben uns in der Pandemie enorm auf ihren Rat verlassen. Vor allem in den frühen Tagen», sagte beispielsweise ein Regierungsbeamter aus den USA den Journalisten. Bill Gates habe auch die deutsche Bundesregierung einschliesslich Kanzlerin Angela Merkel persönlich per Telefon und mit Briefen kontaktiert (Infosperber berichtete).
Die Dunkelziffer lächerlich gemacht
Die WHO, zu deren grossen Sponsoren die Gates-Stiftung gehört, postulierte Anfang März 2020, dass 3,4 Prozent aller Corona-«Fälle» sterben (Fallsterblichkeitsrate). Die Medien berichteten intensiv darüber: «Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel rechnet damit, dass sich zwei von drei Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infizieren könnten. Bei der bisherigen Sterblichkeitsrate von 3,4 Prozent würde das eine Opferzahl von gegen zwei Millionen bedeuten», schrieb beispielsweise der «Blick». «Nach Merkels Worten habe im Saal Stille geherrscht.»
Während das deutsche Robert-Koch-Institut von 0,56 Prozent ausging, rechnete das «Schockpapier» – ein internes Strategiepapier des deutschen Bundesinnenministeriums zur Corona-Pandemie –, das im März 2020 erstellt wurde, mit 1,2 Prozent. In dem Papier stellten die Autoren Überlegungen an, wie die Bevölkerung auf Linie gebracht werden könnte, um drastische Massnahmen mitzutragen. Die Autoren mokierten sich: «Seit Anfang des Ausbruchs in Wuhan wurde die Sterblichkeitsrate des Virus immer wieder heruntergespielt mit dem Hinweis auf eine mögliche ‹Dunkelziffer›. Asymptomatische und milde Fälle seien kaum getestet worden und würden daher die tatsächliche Sterblichkeitsrate noch verringern, wenn man diese unbekannten Fälle mit einberechnen würde.»
Tatsächlich war diese Dunkelziffer jedoch erheblich und für die Prognose, wie gefährlich das Virus ist, enorm wichtig: Je nach Studie gab es 5 bis 500-mal mehr Infizierte, als mit den PCR-Tests erfasst wurden. Das kam aber erst im Lauf der nächsten Monate heraus.
Falsch gelegen – oder nicht?
Der Berner Wissenschaftler Christian Althaus, ehemaliges Mitglied der Science Taskforce, «lag offensichtlich falsch». Das sagte John Ioannidis, Professor für Medizin, Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit sowie für Datenwissenschaft an der Stanford University, kürzlich im Interview mit Infosperber.
Christian Althaus widerspricht dem. Er bleibt auch jetzt dabei, dass er mit seiner anfänglichen Schätzung von einem Prozent Infektionssterblichkeitsrate zum damaligen Zeitpunkt richtig lag. Infosperber geht in einer fünfteiligen Serie der Frage nach, wer richtig lag.
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➞ Lesen Sie demnächst Teil 2.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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