Corona: «Seriöse Wissenschaftler waren völlig unterlegen»
Red. – Das folgende Interview wurde per E-Mail geführt.
Infosperber: Der Titel Ihres bekanntesten Fachartikels lautet «Why Most Published Research Findings Are False», warum die meisten veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind. Gilt das auch für die Studien, die während der Pandemie veröffentlicht wurden?
John P.A. Ioannidis: Zu Covid-19 wurden letztlich eine Million Artikel veröffentlicht. Nur sehr wenige davon waren wirklich starke, nützliche Beiträge.
Was waren aus Ihrer Sicht die grössten Fehler, die Wissenschaftler, Politiker und Medien während der Pandemie begangen haben?
Die Pandemie war eine wahre Enzyklopädie von Fehlern. Ich spreche lieber über meine eigenen.
Also: Welche Fehler haben Sie selbst begangen?
Obwohl ich sehr schnell erkannte, dass die vorherrschende «Null-Covid»-Theorie [dass es keine Sars-CoV-2-Infektionen geben darf und das Virus ausgerottet werden muss – Red.] für ein Virus wie Sars-CoV-2 völlig unmöglich war und Lockdown-Massnahmen daher völlig absurd waren, habe ich nicht früh und entschlossen genug reagiert und es nicht geschafft, die Leute davon zu überzeugen, dieser Absurdität nicht länger nachzujagen. Ich dachte auch, das Maskentragen in der Öffentlichkeit wäre in gewissem Masse wirksam, aber randomisierte Studien deuten darauf hin, dass dies nicht der Fall war. Ich habe mich auch frühzeitig für intensives Testen eingesetzt, damit wir die Virusausbreitung im Blick behalten konnten, aber ich hege den Verdacht, dass all dieses extreme Testen, insbesondere da es jahrelang andauerte, letztlich grösstenteils eine weitere riesige Verschwendung war. Obwohl ich die internationale Meta-Analyse zu Hydroxychloroquin leitete und wir feststellten, dass es die Sterblichkeit eher erhöhte als senkte, gelang es mir nicht, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, die Verwendung dieses Mittels sowie anderer unwirksamer Behandlungen, zum Beispiel Ivermectin, einzustellen. Und vieles mehr.
Zur Person

John P. A. Ioannidis (60 J.) ist ein griechisch-US-amerikanischer Wissenschaftler und Statistiker. Der vielfach ausgezeichnete Professor für Medizin, für Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit sowie für Datenwissenschaft an der Stanford University School of Medicine zählt zu den weltweit bekanntesten Wissenschaftlern. Er machte sich unter anderem durch seine Kritik an der Qualität und Integrität der Wissenschaftler einen Namen.
2015 legte er sich mit der Firma Theranos an, deren Wert damals auf neun Milliarden Dollar geschätzt wurde. Seine Recherche gab den Anstoss, dass einer der grössten Skandale in der Medizin aufflog: Theranos bot angeblich revolutionäre Bluttests an, die Firmengründerin wurde damit zur Milliardärin – doch es handelte sich um Betrug. Ioannidis hat fast 1200 wissenschaftliche Artikel verfasst oder mitverfasst und gehört zu den wichtigen Befürwortern der evidenz-basierten Medizin.
Während der Corona-Pandemie geriet er in die Kritik, weil er das Risiko, das von Sars-CoV-2 ausging, tiefer einschätzte als andere Wissenschaftler, und darauf drängte, auch die Schäden durch die Gegenmassnahmen zu berücksichtigen. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte sich Ioannidis im Gespräch mit einem Journalisten eklatant verschätzt. Unter dem Titel «Das Bekenntnis eines Narren» gestand er seinen Fehler im Frühjahr 2022 ein.
Kürzlich ist der Film «Der Hype – 2020 Revisited» von Mike Wyniger erschienen (Infosperber berichtete). Sie kommen in diesem Film zu Wort. Glauben Sie, dass die Pandemie im Jahr 2020 übertrieben dargestellt wurde?
Ich denke, dass die Pandemie eindeutig gehypt wurde und viele Beteiligte sie aus verschiedenen Gründen weiterhin hochspielen. Manche mögen dabei gute Absichten haben, zum Beispiel, wenn sie sich dafür einsetzen, die Pandemievorsorge zu verbessern. Doch Hype oder regelrechte Lügen werden uns nicht guttun, selbst wenn sie ansonsten guten Zwecken dienen.
Im Film sagen Sie: «Wir dürfen die Wissenschaft nicht an Politiker, Influencer und Zirkusleute abgeben.» Ist das während der Pandemie wirklich passiert?
Die Pandemie hat deutlich gezeigt, dass in wissenschaftlichen Fragen seriöse Wissenschaftler Politikern, Influencern und verschiedenen Autoren und Aktivisten krass unterlegen waren. Diese litten entweder unter moralischer Panik oder verfolgten offenkundig widersprüchliche Absichten. Es gibt zu viele Beispiele, um den einen oder anderen Fall herauszugreifen.
Sie plädieren im Film dafür, die Unabhängigkeit der Wissenschaft zu stärken, «ohne Einmischung durch Medien, Lobbyisten, Politiker, Interessengruppen, Big Tech» oder Leuten, welche die Wissenschaft «für ihre Zwecke nutzen wollen».
Wir müssen die Freiheit der Forschung, des Denkens und der Meinungsäusserung für Wissenschaftler schützen, die sich diesen mächtigen Strukturen nicht unterwerfen wollen.
Die Tamedia-Zeitungen kritisierten den Film scharf: «Vorwiegend die altbekannten Protagonisten» – dazu zählen auch Sie –würden «die ewig gleichen Themen und Argumente» vorbringen, «die während der Pandemie eingehend durchgekaut wurden»: widersprüchliche Maskenempfehlungen, falschpositive PCR-Tests, nicht eingetroffene Prognosen, Falschaussagen einzelner Akteure. Alle diese Punkte würden im Film «verkürzt und tendenziös dargestellt». Zudem würden «anerkannte Epidemiologen wie Christian Althaus und Richard Neher sogar regelrecht diffamiert.»
Ich denke, dass ein Film keine vollständige wissenschaftliche Dokumentation liefern kann, wie es eine Forschungsarbeit tun würde. Aber im Grossen und Ganzen halte ich das Dargestellte für fair. Christian Althaus und Richard Neher sind sehr gute Wissenschaftler, aber Ersterer hat eine Ausbildung in theoretischer Biologie und letzterer in Physik. Als Epidemiologe begrüsse ich es, wenn sich Personen, die keine Ausbildung im Kernbereich der Epidemiologie absolviert haben, sondern in verwandten Feldern wie der mathematischen Modellierung, verstärkt der Epidemiologie zuwenden möchten, weil sie das Fachgebiet gelegentlich bereichern können. Vorsicht ist jedoch geboten, wenn jeder behauptet, Epidemiologe zu sein, und wenn die Epidemiologie von anderen Fachgebieten vereinnahmt wird, denen das Verständnis für grundlegende epidemiologische Prinzipien sowie für die Beschaffenheit, Verzerrungen und Nuancen epidemiologischer Daten – über die reine Modellierung hinaus – fehlt.
Die Arbeit der beiden fand vor der Pandemie in der Fachliteratur offenkundig nur sehr begrenzte wissenschaftliche Resonanz. Sie waren weitgehend unbekannt. Beide verzeichneten aufgrund von Covid-19 einen Anstieg der Zitierungen um mehr als das Zwanzigfache sowie einen astronomischen Zuwachs an öffentlicher Sichtbarkeit und Einfluss. Doch selbst mit diesem Schub gehören sie noch immer nicht zu den meistzitierten Schweizer Wissenschaftlern.
Der Tamedia-Artikel kritisierte den Film auch wegen des darin geäusserten Verdachts, die Coronaexperten seien während der Pandemie «mediengeil» gewesen seien und hätten sich in einem Machtrausch befunden. Was sagen Sie dazu?
Ich meine, das ist kein Verdacht: Es ist für jeden offensichtlich, der sich die Daten ansieht. Personen mit begrenzter wissenschaftlicher Laufbahn und ohne öffentliche Präsenz wurden plötzlich zu den sichtbarsten Personen in ihrem Land.
Sie haben untersucht, wie oft Wissenschaftler am Anfang der Pandemie in den Medien zitiert wurden – und wie oft ihre wissenschaftlichen Arbeiten von anderen Wissenschaftlern zitiert wurden. Was kam dabei heraus?
In dieser Arbeit haben wir die in den Nachrichten in den USA, der Schweiz, Dänemark und Griechenland am häufigsten sichtbaren Experten analysiert. Nur wenige von ihnen waren Wissenschaftler, deren Arbeiten andere Wissenschaftler häufig zitierten. In jedem Land gab es weitaus mehr hochzitierte Wissenschaftler, nicht nur hinsichtlich ihres allgemeinen Impacts, sondern auch bezüglich ihrer wissenschaftlichen Arbeit im Zusammenhang mit Covid-19. Die Pandemie schuf eine Klasse mächtiger Influencer-Wissenschaftler, von denen die meisten bestenfalls schwache oder bescheidene wissenschaftliche Qualifikationen vorweisen konnten.
Der Wissenschaftler Christian Althaus «wurde binnen kurzer Zeit zu einem der gefragtesten Experten in der Corona-Krise», schrieb die Universität Bern. Zu Beginn der Pandemie sagte er, dass «die Sterblichkeit bei rund einem Prozent liegt». Ein Worst-Case-Szenario mit rund 30’000 Covid-19-Todesfällen sei in der Schweiz nicht auszuschliessen. Von 2020 bis 2022 starben laut dem Bundesamt für Statistik in der Schweiz 19’365 Menschen an Covid. Demzufolge hatten wir letztlich etwa 10’000 Todesfälle weniger, als Althaus es anfangs prognostizierte.
Er lag offensichtlich falsch. Selbst die Zahl von 19’365 ist höchst irreführend, da die Mehrheit dieser Menschen auch ohne die Pandemie innerhalb weniger Monate gestorben wäre. Und die überwiegende Mehrheit starb an einer Konstellation vieler anderer Faktoren.
Aber es wurden eben Gegenmassnahmen ergriffen: die Lockdowns, das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit usw. Vielleicht wäre Herr Althaus ohne diese richtig gelegen?
Strenge Lockdown-Massnahmen führten mit Sicherheit zu einem Anstieg der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mangelnden Zugang zur Gesundheitsversorgung, Todesfällen aus Verzweiflung und in weniger entwickelten Ländern sogar zu Todesfällen durch Hunger und viele andere Ursachen. Besonders vulnerable Länder verzeichneten den grössten Anstieg an zusätzlichen Todesfällen durch Lockdowns, und benachteiligte Bevölkerungsgruppen waren stärker betroffen. Die Schweiz ist ein wohlhabendes Land mit einem guten Sozialsystem. Doch selbst in solchen Ländern haben die Lockdowns möglicherweise eine Zunahme an Todesfällen verursacht, beispielsweise durch verzögerte Krebsbehandlungen. Weltweit betrachtet überstiegen die Todesfälle durch exzessive Lockdown-Massnahmen wahrscheinlich die Todesfälle durch Covid-19 selbst.
Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb im April 2021: «John Ioannidis galt als Ikone für Qualitätsforschung. In der Pandemie gibt er den Verharmloser und provoziert mit Machtspielen.» Der Artikel kritisierte Ihre Meta-Analyse zur Infektionssterblichkeit. Für Schottland hätten Sie diese mit 0,06 Prozent angegeben – doch zu diesem Zeitpunkt seien bereits 0,13 Prozent der schottischen Bevölkerung an Covid gestorben. Haben Sie Sars-CoV-2 unterschätzt?
Ich danke dem Journalisten für seine Aufmerksamkeit und Kritik, aber ich fürchte, er ist ein Beispiel für eine hoffentlich gut-meinende Person, die keine Ahnung von Epidemiologie hatte. Soweit ich weiss, hat er Biologie studiert und ist dann Journalist geworden. Wenn man Daten aus mehreren Studien sammelt, sind einige eindeutig zu niedrig und andere eindeutig zu hoch angesetzt. Deshalb führt man eine Meta-Analyse durch, um der Wahrheit näher zu kommen, indem man die Gesamtheit der Daten betrachtet. Nach dem, was wir heute wissen, habe ich die Schwere von Covid-19 bei meinen frühen Versuchen, die infektionsbezogene Sterblichkeitsrate zu berechnen, im Durchschnitt wahrscheinlich eher überschätzt als unterschätzt, zum Beispiel in der Meta-Analyse, die ich 2020 im Bulletin der WHO veröffentlicht habe.
Während der Pandemie veröffentlichten Wissenschaftler die Great Barrington Declaration, und andere als Antwort darauf das John Snow Memorandum. Erstere sprach sich gegen Lockdowns und für einen gezielten Schutz der Risikogruppen aus. Das Zweitgenannte warnte davor, das Virus unter Nicht-Risikogruppen unkontrolliert zirkulieren zu lassen. Warum hatten Sie weder die eine noch die andere Erklärung unterzeichnet?
Ich habe meine Gründe im «British Medical Journal» erläutert. Ich denke nicht, dass Wissenschaft durch das Sammeln von Unterschriften unter dogmatischen Briefen, Memoranden und Erklärungen entschieden werden sollte. Sie sollte differenziert, selbstkorrigierend und kritisch sein.
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➞ Lesen Sie demnächst: Die Stellungnahme von Christian Althaus.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Das Interview wurde schriftlich geführt. Übersetzung mit Unterstützung von deepl.com und Google.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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