Kommentar

Faktenwidrige Argumente von SP, Grünen und Umweltorganisationen

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

Urs P. Gasche /  Ernährungsinitiative: Noch nie haben die Parteien eine so starke Vorlage mit so schwachen Argumenten so einmütig abgelehnt.

In der Schlussabstimmung des Parlaments über die Agrarinitiative haben die Parlamentarierinnen und Parlamentarier das Volksbegehren oppositionslos abgelehnt. Bei der Trinkwasserinitiative hatte es in der Schlussabstimmung im Nationalrat immerhin 81 befürwortende Stimmen gegeben und im Ständerat deren 9.

Zur Ernährungsinitiative haben alle grossen Parteien die Nein-Parole gefasst, mit Ausnahme der Grünen, welche Stimmfreigabe beschlossen. Keiner der grossen Umweltverbände unterstützt die Initiative. Pro Natura hat sogar die Nein-Parole herausgegeben.

Starke Vorlage

Der Bundesrat unterstützt in seiner Botschaft ausdrücklich die Ziele der Initiative. Er hält sie lediglich «für zu ambitioniert und nicht innerhalb der geforderten Fristen umsetzbar». Allerdings verlangt die Initiative nur, dass der Bund einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent «anstreben» soll (siehe «Bundesrat verheddert sich in Widersprüche»).

Der Bundesrat beschreibt die Vorzüge der Initiative wie folgt:

  • Der Netto-Selbstversorgungsgrad von Lebensmitteln steigt, womit die Schweiz im Krisenfall weniger von importierten Lebensmitteln abhängig ist.
  • Die Umwelt- und Klimaziele des Bundesrates (weniger Nährstoffverluste, Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, weniger Treibhausgas-Emissionen) können früher als vom Bundesrat angestrebt erreicht werden.
  • Das Ernährungssystem verursacht heute hohe volkswirtschaftliche Kosten in den Bereichen Umwelt, Klima und Gesundheit. Mit der Umsetzung der Initiative könnten diese Kosten früher gesenkt werden. 

Es drängt sich die Frage auf, warum die Parteien und Verbände, die sich sonst für eine progressive nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft einsetzen, die Vorlage ablehnen oder lediglich Stimmfreigabe beschlossen. 

Argumente der SP und der Grünen

Die Grünen stört am meisten, «dass die Bauern für einen deutlich höheren Selbstversorgungsgrad mehr düngen und die Biodiversitätsflächen opfern müssten». 

Dieses Argument ist schwer nachvollziehbar, weil die Initiative Rahmenbedingungen für eine Verschiebung von der Tier- zur Pflanzenproduktion fordert. Mit Pflanzen lassen sich auf gleicher Fläche viel mehr Nahrungsmittel produzieren. So wird auf der vorhandenen Fläche ein höherer Selbstversorgungsgrad erreicht.

Die SP wiederum behauptet, «dass sich tiefere Einkommensschichten Fleisch und Milchprodukte nicht mehr leisten könnten, wenn die Politik einen Umschwung zu mehr pflanzlichen Lebensmitteln vorschreiben würde».

Doch das Gegenteil wäre der Fall. Die Initiative enthält keine Vorschriften zum Konsum. Wer – trotz der Empfehlung zu mehr pflanzlicher Ernährung – gleich viel Fleisch konsumieren möchte, kann Fleisch und Milch sogar günstiger kaufen, weil mehr davon importiert werden müsste. Die Fleischpreise sind im angrenzenden Ausland nur etwa halb so hoch. Auch das Bio-Fleisch aus dem Ausland ist günstiger.

Von den günstigeren Fleisch- und Milchpreisen würden gerade die tiefsten Einkommensklassen am meisten profitieren. Denn gemäss Haushaltsbudgeterhebung des BFS (Daten 2020/2021) fallen die Ausgaben für Fleisch, Milch, Käse und Eier bei der tiefsten Einkommensklasse mit 4,6 Prozent rund dreimal so stark ins Gewicht wie bei der höchsten Einkommensklasse mit nur 1,7 Prozent.

Auf ihrer Webseite begründet die SP ihre Ablehnung ähnlich wie der Bundesrat mit zu ambitionierten Zielen. Sie verbreitet dabei wie der Bundesrat auch eindeutige Fehlinformation: «Das ist nicht umsetzbar, ohne dass es zu massiven Einschränkungen und Rationierungen für die Bevölkerung kommt.» 

Es ist nicht nachvollziehbar, wie die SP zu dieser Aussage kommt. Die SP begründet nicht, weshalb es zu Rationierungen kommen soll.

Ausführlicher begründet die Aargauer SP-Grossrätin Colette Basler das SP-Nein. Sie ist Vizepräsidentin des Aargauer Bauernverbands. Auch sie argumentiert auf der Webseite der SP Aargau mit höheren Preisen. Sie zitiert SP-Ständerätin Franziska Roth: «Eine nachhaltige Ernährung darf nicht zum Privileg für Gutverdienende werden.» Höhere Produktionskosten und zusätzliche Regulierungen könnten zu steigenden Lebensmittelpreisen führen, verbreitet die SP Aargau. Besonders betroffen würden Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen. 

Weiter zitiert die SP Aargau Nationalrätin Christine Badertscher von den Grünen: «Ohne unsere grasfressenden Kühe, Schafe oder Ziegen können wir mehr als zwei Drittel unserer Landwirtschaftsflächen nicht für die menschliche Ernährung nutzen.»

Die offizielle Statistik zeigt etwas anderes. Die Schweizer Landwirtschaft produziert auf zwei Dritteln des besten Ackerlandes Tierfutter.

Weiter bestehe die «Gefahr von mehr Einkaufstourismus und einer Verlagerung von Wertschöpfung ins Ausland». 

Die SP Aargau argumentiert mit geringeren Umsätzen der Schweizer Fleischbranche. Dann kann die SP jedoch nicht gleichzeitig mit höheren Fleischpreisen Angst verbreiten. Denn mehr Fleisch aus dem Ausland wäre deutlich günstiger.

Die Grünliberalen argumentieren auf ihrer Webseite ähnlich unsachlich: Die Initiative setze «auf weitreichende staatliche Eingriffe und schränkt die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten übermässig ein. Für die GLP steht eine nachhaltige Ernährungspolitik im Einklang mit liberalen Grundwerten. Statt den Menschen vorzuschreiben, was auf ihrem Teller landen soll, setzt die GLP auf Eigenverantwortung, Innovation, transparente Informationen und wirksame Anreize.»

Kathrin Bertschy spricht sogar von Bevormundung: «Nachhaltigkeit erreicht man nicht mit Bevormundung. Die GLP setzt auf Eigenverantwortung, Innovation und Wahlfreiheit statt auf Verbote». 

Auch diese Argumente sind schwer nachvollziehbar. Die Ernährungsinitiative verlangt nicht mehr staatliche Eingriffe, als sie in der heutigen Agrarpolitik zuhauf existieren. Sie will lediglich die heutigen Instrumente der Agrarpolitik stärker auf die offiziellen Ziele des Bundes ausrichten. Von Bevormundung kann keine Rede sein und ebenso wenig von eingeschränkter Wahlfreiheit für Konsumenten.

Argumente der Umweltorganisationen

Die grossen Umweltverbände rechtfertigen ihre Parolen vor allem mit taktischen Überlegungen. Pro Natura gibt als einzige grosse Umweltorganisation sogar die Nein-Parole heraus. Die Organisation argumentiert gemäss «Tages-Anzeiger», dass die Chancen der Initiative zu gering seien. Zudem sei die Zusammenarbeit mit der Initiantin Franziska Herren schwierig. Belege für diesen verunglimpfenden Vorwurf liefert Pro Natura nicht.

Was die Organisationen übersehen: Die Parolen der Verbände beeinflussen das Abstimmungsresultat. Eine höhere Zustimmung würde den Druck auf das Parlament erhöhen. So war es bei der Trinkwasserinitiative, die den politischen Prozess im Bereich Pestizide beeinflusste und im Bereich Nährstoffe wohl bis heute beeinflusst (Parlamentarische Initiative). 

Laut Greenpeace gefährdet ein hoher Nein-Anteil zur Ernährungsinitiative die Agrarpolitik 2030+. Trotzdem will Greenpeace die Initiative, für die sie Unterschriften sammelte, nicht mehr unterstützen. Ein Haltung, die Werten und Interessen von Greenpeace widerspricht, setzt die Glaubwürdigkeit dieser Organisation aufs Spiel. Gleiches gilt für Pro Natura.

Eigeninteressen und «fremde» Initiative

Über weitere Gründe für die fehlende Unterstützung, welche die Vertreter der Organisationen kaum öffentlich äussern würden, lässt sich nur spekulieren. Wie sich schon bei der Trinkwasserinitiative gezeigt hat, profitieren Biosuisse und linke und grüne bäuerliche Kreise von der heutigen Agrarpolitik, dank der mit nachhaltigen Lebensmitteln sehr gut verdient werden kann. 

Die Umweltverbände wiederum könnten wenig daran interessiert sein, dass eine «fremde» Initiative ein besseres Ergebnis erzielt als ihre Biodiversitätsinitiative vor zwei Jahren mit einem Ja-Anteil von 37 Prozent. 

Und für alle diejenigen, die sich der EU und der Nato annähern möchten, dürfte die nationale Ernährungssicherheit gar keine Priorität haben. 

Fazit: Wohl noch nie haben Schweizer Politiker eine so starke Vorlage mit so schwachen Argumenten so einmütig abgelehnt. 

Weiterführende Informationen


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Keine
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Landwirtschaft

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11 Meinungen

  • 7.08.2026 at 11:39
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    Könnte jemand eine Neue Partei gründen? Denn sonst muss ich aus der SP (von der ich eh wegen ihrem PRO EU- und U(SA)kraine-Enthusiasmus, KONTRA Russland, frustriert bin) austreten ohne Alternative, das heisst, ich müsste mich von der Politik abwenden. Denn «eine Initiative nach der anderen» stemmen (ich bewundere dafür Franziska Herren, Hut ab, wie schafft sie das bloss) oder selbst eine Neue Partei gründen, kann ich aus gesundheitlichen Gründen leider nicht. PS: Apropos Gesundheit: Da die SPS gegen die Ernährungsinitiative ist, weil diese angeblich «Fleisch und Milchprodukte» für Arme zu teuer mache (und andere Irrtümer), möchte ich daran erinnern, dass die unendlich höchsten Kosten via Krankenwesen entstehen – etwa, wenn unser Trinkwasser noch schlechter wird.
    Werden Sie Mitglied: Verein «Sauberes Wasser für alle». Stimmen Sie JA Ernährungsinitiative.

  • 7.08.2026 at 11:56
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    Bei der Ernährungs-Initiative ist nicht die Stossrichtung das Problem, sondern die politische Strategie. Mehrmals haben kleine Grüppchen in den letzten zehn Jahren mit ambitionierten Zielen versucht, auf die Agrarpolitik Einfluss zu nehmen: Massentierhaltungs-, Pestizid-, Trinkwasser- und jetzt Ernährungs-Initiative. Immer mit dem gleichen Resultat: Der gegnerische Bauernverband obsiegte in den Volksabstimmungen klar. Und es war vorhersehbar, so wie jetzt! Nicht die Initianten und Campainer, die mit den Unterschriften Adressen sammeln, trugen die Konsequenzen, sondern Biosuisse, Kleinbauernvereinigung und Umweltorganisationen verloren mit jeder Niederlage an Einfluss im Parlament und bei der Bevölkerung. Die einst dem Bauernverband ebenbürtige Agrarallianz der Konsumenten und umweltfreundlichen Bäuerinnen und Bauern wurde in aussichtslosen Abstimmungskämpfen verschliessen! Das Nein zur Ernährungs-Initiative von Links und Grün ist ein Neustart für reale Reformen an der Landwirtschaft.

    • 8.08.2026 at 11:33
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      @Herbert Karch – Ist von Ihren behaupteten «Realen Reformen» von «Linken/Grünen» und Umweltverbänden nicht schon ewig die Rede? Kommen am Sankt-Nimmerleins-Tag?
      Chronologie aus «Schilda»:
      ►Bauernverband 18.1.2018 titelt: «Ja zu sauberem Trinkwasser, nein zur Trinkwasser-Initiative»
      ►20min 21.6.2023 – «Schweiz: Jeder zweite Haushalt hat schädliches Trinkwasser»
      ►20min 19.8.2025 – Nationalräte wollen umstrittene Pestizide zulassen, Umweltschützer sind entsetzt.
      ►SRF 8.3.2026 – Das Anliegen von Mitte-Nationalrat Bregy ist bei den Bürgerlichen im Ständerat auf offene Ohren gestossen und wurde am Donnerstag mit 31 zu 12 Stimmen angenommen – zur Bestürzung von SP, Grünen und GLP. Umweltverbände und Wasserversorger hatten davor gewarnt.
      ►20min 9.7.2026 – Auch in der Schweiz sorgen Hitze und ausbleibender Regen zunehmend für Wasserknappheit. Was passiert, wenn das Wasser tatsächlich knapp wird – und wer bekommt dann noch welches?

    • 8.08.2026 at 15:25
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      Vielen Dank, Herbert Karch, für Ihren informierten Kommentar. Franziska Herrens Engagement ist beeindruckend, doch scheint sie nicht zu verstehen, dass ihre Initiativen der Sache nicht helfen, sondern schaden.

      • 9.08.2026 at 03:39
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        @Priska Baur – Erfrischend, wie Franziska Herren die Diskussion belebt, erst erweckt. Wenn ihre Kritiker (von Links/Grün, die bereits zur Nachhaltigkeitsinitiative Nein sagten) ihr bei dieser eh schwer zu stemmenden Aufgabe mit zusätzlicher «Strategie» (etwa, wie man Konsumenten aufzeigen, motivieren könnte, dass eine Lebensstilanpassung langfristig Gesundheit und Wohlbefinden fördert, auch wenn es kurzfristig eine Umstellung erfordert – vergleiche auch: Marshmallow‑Prinzip) positiv beispringen würden, wäre das umso zielführender. Stattdessen sehe ich von Linken/Grünen seit Jahren entweder nichts – oder Kontraproduktives, ich könnte Ihnen eine Liste aufzählen.

  • 7.08.2026 at 12:10
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    Die Nahrung ist zu billig, deshalb wird ein Drittel weggeworfen! Wir subventionieren diese mit mehr wie CHF 3500 Millionen, statt Zölle zu erheben um die subventionierten ausländischen Produkte näher bei den wirklichen Produktionskosten zu positionieren. Dann würde der Konsument nicht mehr nur 7% bis 10% seines Budgets für Nahrung ausgeben, sondern vielleicht 20% und es würde weniger weggeworfen und die Steuern können um 7000 Millionen gesenkt werden!

  • 7.08.2026 at 12:25
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    Als «Urgrüner» bin ich sehr irritiert über die Stimmfreigabe der Grünen.

  • 7.08.2026 at 15:31
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    «Noch nie haben die Parteien eine so starke Vorlage mit so schwachen Argumenten so einmütig abgelehnt.» Ein sehr guter und leider sehr treffender Satz. Danke, Herr Gasche. Die absurdesten Schein-Argumente scheint Pro Natura gefunden zu haben. Es ist himmeltraurig…

  • 7.08.2026 at 15:45
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    Etwas geht bei dieser Ernährungssicherheitdiskussion vergessen. Wenn man seit Jahrzehnten regelmässig mit dem Zug durch die Schweiz reist (und aus den Fenstern schaut, nicht nur auf’s Handy), dann bemerkt man, wie bestes Agrarland nach und nach von einetagigen, flächenfressenden Industriebauten mit zugehörigen Parkplätzen zugepflastert wird. Das kann nur darauf zurückzuführen sein, dass Bauern und Gemeinden sich mit Landverkauf bereichern und Bauherren Boden nutzen der mit billigsten Mitteln überbaut werden kann. Einer Sicherheit in der Nahrungsmittelversorgung des Landes, dient das aber nicht.

  • 8.08.2026 at 00:43
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    Zu W. Reuss: auch ich war jahrzehntelang SP, aber heute erkenne ich mich nicht mehr in dieser Partei. Die Alternative: POP-PT oder Arbeiterpartei! Leider ist sie im Parlament stark untervertreten, in der französischen Schweiz aber kantonal gut vetreten. Lesen Sie einmal «Voix populaire», eine hervorragende Zeitschrift, die sicher auch Ihre Ideale vertritt.

  • 8.08.2026 at 16:25
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    Als Bauer Stimme ich ja.
    Die Lebensmittel Preise werden sowieso viel mehr durch die Paläste und die Prozerei von Coop und Migros bestimmt, als durch die Produktionskosten.
    Ohne Aldi wäre es noch schlimmer.
    Wenn nach Annahme der Initiative die Lebensmittel Preise steigen sollten, empfehle ich ,das einfach bei den Spenden für SP, Grüne und Pro Natura einzusparen.

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