Pflegende und Ärzte aus dem Ausland: Nur auf Kosten der Armen
Unabhängig von der 10-Millionen-Initiative ist das Anlocken ausländischer Ärztinnen, Ärzte und von Pflegekräften äusserst fragwürdig. Denn sie fehlen in den Herkunftsländern und verursachen dort eine Unterversorgung mit Krankheits- und Todesfolgen. Darüber schweigen Politiker. Grosse Medien berichten kaum darüber.
Die Solothurner Spitalärztin Katharina Rüther bestätigte gegenüber Infosperber: «Diese Praxis wirft ethische Fragen auf, insbesondere gegenüber Ländern mit angespannten Gesundheitssystemen.» Ausgerechnet diese Ärztin. Denn ihr Bild prangt in der Abstimmungsbroschüre, welche der Gewerkschaftsbund in einer Millionenauflage verteilen liess. «Wir sind auf qualifizierte Fachpersonen aus dem Ausland angewiesen», erklärt Ärztin Rüther unter dem riesigen Titel «Diese Initiative bedroht unser Gesundheitswesen».
Auswanderungs-Kaskade
In Dutzenden Ländern fehlt es wegen Abwerbung und Abwanderung noch weit stärker als in der Schweiz an Gesundheits- und Pflegepersonal. Die Schweiz holt Ärzte und Pflegefachkräfte vorwiegend aus Deutschland. Weil sie dann dort fehlen, holt sie Deutschland aus Polen und dem Balkan. Unter dieser Auswanderungs-Kaskade leiden unterfinanzierte und bereits chronisch überlastete Gesundheitssysteme. In Bosnien kommen auf 1000 Einwohner nur noch 6 Pflegekräfte – in Deutschland sind es auf 1000 Einwohner trotz Pflegenotstand 13 Pflegekräfte, in der Schweiz sogar 17.
Komm dazu, dass ein Kind bis zu seinem 20. Geburtstag der Familie und dem Staat in der Schweiz nach verschiedenen Quellen mindestens 300’000 Franken kostet. Die Ausbildung zur Pflegefachkraft kostet den Kantonen und Spitälern weitere rund 100’000 Franken. Diese Kosten spart die Schweiz auf Kosten ärmerer Länder, auch wenn diese Kosten dort tiefer sind.
Das Argument, zurückkehrende Pflegekräfte würden ihr in Deutschland oder der Schweiz erworbenes Zusatzwissen in ihre Heimatländer transferieren, hat sich bis heute als Illusion herausgestellt.
Zu Infosperber meinte Ärztin Katharina Rüther: «Ich befürworte nicht die Einwanderung als Lösung, sondern benenne sie als Realität der heutigen Situation […] Ohne internationale Rekrutierung konnten wir die Versorgung weder in den vergangenen Jahren noch heute sicherstellen. Gleichzeitig ist klar: Diese Praxis wirft ethische Fragen auf, insbesondere gegenüber Ländern mit angespannten Gesundheitssystemen.»
Rüther ergänzt: «Die Abwanderung aus Ländern mit bereits knappen Ressourcen sehe ich kritisch. Sie verstärkt globale Ungleichheiten.» Es brauche internationale Zusammenarbeit, die auch die Herkunftsländer stärke. Einzelne Initiativen in diesem Bereich würden existieren, sie seien jedoch «noch nicht ausreichend wirksam». Fachpersonen würden «in gewissen Fällen» in ihre Herkunftsländer zurückkehren und ihre hier gewonnenen Erfahrungen dort einbringen. Zahlen nennt Rüther keine.
Mehr Personal dank höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen
In der Schweiz denkt trotz des Pflegekräftemangels fast jede fünfte diplomierte Pflegeperson ans Aufhören – zu geringer Lohn, zu hohe Belastung, zu wenig Planbarkeit, fehlende Karrieremöglichkeiten.
Deshalb wollte Infosperber von Ärztin Rüther wissen, ob es in der Schweiz weiterhin zu wenig Pflegefachkräfte gäbe, falls diese ein Drittel mehr Lohn, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und teilweise mehr Kompetenzen erhielten.
Dazu Rüther: «Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Entwicklungsmöglichkeiten und eine angemessene Vergütung sind zentrale Hebel […] Fortschritte sind erkennbar, etwa im Kontext der Umsetzung der Pflegeinitiative, aber wir sind noch nicht am Ziel.»
Was sie mit einer «angemessenen Vergütung» meint, sagte die Ärztin nicht.
Trotz angeblicher ethischer Bedenken blieb Rüther dabei: «Internationale Fachkräfte sind im Schweizer Gesundheitswesen derzeit ein systemrelevanter Bestandteil zur Sicherung der medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Versorgung.»
Änderungen bitte nicht bei den Löhnen
Trotz Knappheit an Pflegekräften haben sich FDP, SVP und Mitte im Nationalrat kürzlich beharrlich geweigert, die Arbeitsbedingungen für Pflegende merklich zu verbessern. Nach dem marktwirtschaftlichen Lehrbuch müssten die Löhne steigen und die Arbeitsbedingungen verbessert werden, bis sich wieder genügend Menschen für diesen Beruf entscheiden und auch im Beruf bleiben.
Infosperber hatte schon am 3. Mai die Frage gestellt: Warum sollen die Löhne von Pflegenden oder von Handwerkern, die bald ebenfalls fehlen, nicht so lange steigen, bis wieder genügend Menschen diese Berufe wählen? Warum sollen die Löhne etwa von Bankern nicht sinken, wenn es von ihnen zu viele gibt und viele Entlassene eine neue Stelle suchen?
Für FDP, SVP und Mitte ist der Arbeitsmarkt offensichtlich kein «Markt», bei dem die unsichtbare Hand die Lohnschraube dreht. Höhere Pflegegehälter? Unbezahlbar! Realitätsfern!
Dann lieber mehr Pflegefachkräfte, Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland in die Schweiz locken. Diesen Politikern ist es egal, dass etwa im Spitalzentrum Mostar in Bosnien innerhalb von nur zwei Jahren 80 Pflegefachkräfte und etwa 15 Ärzte das Spital verlassen haben. Der Spitalleiter warnte: «Die Menschen, die weggehen, sind die besten Fachkräfte, die wir haben, mit bester Ausbildung und Erfahrung.»
Die Rekrutierung der Schweiz und Deutschlands im Ausland schwächt bedrohlich das eh schon schwache Gesundheitswesen in ärmeren Ländern.
Wenn der Gewerkschaftsbund in der Schweiz eine «akute Gefahr für unsere Gesundheit» an die Wand malt, sind ihm die Menschen in anderthalb Flugstunden Entfernung offensichtlich egal.
Auf dem Buckel von Asylsuchenden
upg. Manchen Exponenten der SVP geht es vor allem um Stimmungsmache und Stimmenfang auf dem Buckel von Asylsuchenden und Wirtschaftsflüchtlingen. Deshalb verlangt die Initiative beim Erreichen von 9,5 Millionen Einwohnern Massnahmen «insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug» und gegen «vorläufig Aufgenommene».
Tatsächlich erreicht der Anteil der Flüchtlinge an den Einwanderern in den letzten Jahren lediglich 13 Prozent (einschliesslich derjenigen aus der Ukraine).
Unabhängig von der SVP-Initiative bleibt die Frage, ob wir eine Schweiz mit 10 Millionen Einwohnern anstreben wollen. Vor fünfzig Jahren waren es noch 6,3 Millionen, heute 9,1 Millionen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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