Neuer Blick auf Bankengold-Bunker
Die Schweiz gilt als einer der weltweit wichtigsten Umschlagplätze und Tresorstandorte für Gold. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Gold in grossem Stil über die Schweiz transferiert und teilweise versteckt. Doch wie konnte es am sichersten gelagert werden? In den Stollen der Jungfraubahn? In den Alpenfestungen der Armee? Oder vielleicht gar auf dem Grund des Thunersees? Die Armee und die Schweizerische Nationalbank (SNB) tüftelten an diversen Ideen – und wählten schliesslich die naheliegendste: bestehende Stollen und Festungen. Neuste Forschungen zeigen, wie bedeutungsvoll die Schweizer Alpen für die Banken waren und bis heute sind.
Andere Geschichte des Bankengolds
Ludo Groen, Dozent am Departement Architektur der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich, wirft einen neuen Blick auf die Geschichte des Goldes in der Schweiz. «Ich wollte als Architekt die Geschichte des Bankengolds anders untersuchen, als das bisher gemacht wurde – nicht nur über Zahlen, sondern über Räume, Gebäude, Landschaften», sagt Groen in einem Interview mit der ETH-Kommunikationsstelle. In seinem englischsprachigen Buch mit dem Titel «Mountains of Gold» (bibliografische Angaben am Schluss des Artikels) zeigt der Autor «erstmals, dass die Banken auch tief in den Alpen verankert sind.»
Verzweigte Sicherheitslogistik
Ludo Groen untersucht, wie sich in den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts allmählich eine kritische Infrastruktur des Bankenwesens im alpinen Raum und damit ausserhalb der Zentren im Mittelland herausbildete. Das Buch enthüllt eine verzweigte Sicherheitslogistik, ein Transport- und Bunkernetzwerk tief in den Alpen. Mitte der 30er-Jahre, als Nazi-Deutschland und das faschistische Italien immer näher zusammenrückten und die Luftkriegsführung immer wichtiger wurde, war klar, dass die dicken Mauern der Banken in den Städten keinen ausreichenden Schutz mehr boten. So steckten Vertreter der Nationalbank und des Generalstabs der Schweizer Armee die Köpfe zusammen und suchten Lösungen, um die nationalen Goldreserven in Sicherheit zu bringen.
Golddepots im Herzen des Reduits
Auch die Tourismusindustrie dachte mit. So stellten etwa die Jungfraubahnen ihre Kavernen bei der Station Eismeer zur Verfügung; ein Angebot, das aus Kostengründen nicht realisiert wurde. Eines der ersten Golddepots wurde im Herzstück des militärischen Reduits errichtet – direkt über dem Gotthard-Bahntunnel.

Kurz nach Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 zeigte sich General Henri Guisan allerdings unzufrieden mit nur einem einzigen Depot für das Nationalbank-Gold. Fündig wurde man in Interlaken, und so entstand das zweite Goldlager etwas ausserhalb des Bahnhofs Interlaken-West direkt an der Bahnlinie und der Strasse Richtung Spiez. Es handelte sich ursprünglich um eine befestigte Anlage für schwere Infanteriewaffen und Munition und behielt auch für die zusätzliche Funktion als Goldlager den Codenamen JMM2 (Interlaken Munitions-Magazin 2).
Konkrete Abläufe sichtbar machen
Der Schatzmeister der Nationalbank, Erich Blumer, pendelte zwischen der Hauptkasse in Bern und Interlaken – regelmässig ein- bis zweimal pro Monat. Ludo Groen sagt: «Seine Spesenabrechnungen enthalten erstaunlich genaue Details: Benzinkosten, Mittagessen inklusive Trinkgeld, das Datum jeder Reise. Auch schrieb er darüber, wie die Männer, die für den Transport zuständig waren, mit Most versetzten Wein tranken, um sich während der Reise warm zu halten. Diese scheinbar banalen Dokumente sind für mich entscheidend, weil sie konkrete Abläufe sichtbar machen.»
Groen hat diese Belege mit anderen Quellen abgeglichen – etwa mit dem Bergier-Bericht oder wirtschaftshistorischen Studien. Dabei zeigte sich: Die Transporte fallen zeitlich mit bekannten Goldlieferungen zusammen. So entsteht ein Muster: Gold kam in der Schweiz an und wurde kurz darauf in die Alpen weitertransportiert – etwa nach Interlaken. Das passt auch zur damaligen Reduit-Strategie der Landesverteidigung mit militärischen Rückzugs- und Verteidigungsanlagen in den Bergen.
Suche nach unkonventionellen Lösungen
General Guisan drängte auf eine weitere Diversifikation der Goldverstecke. Bei der Suche wurden auch unkonventionelle Lösungen in Betracht gezogen. So dachte man etwa daran, Goldbarren im Thunersee zu versenken. Als Vorbild diente Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Er entwickelte bereits 1938 die Idee, Lebensmittel und Treibstoffe in grossen versiegelten Behältern auf dem Grund von Seen zu lagern. 1939 wurde ein Stahltank mit rund 230 Tonnen Getreide im Thunersee versenkt. Technisch war das Experiment erfolgreich, es wurde aber wegen praktischen und politischen Vorbehalten und fehlender Unterstützung durch den Bund nicht weiterverfolgt. Das Projekt, Goldbarren zu versenken, wurde bald fallengelassen, da es allein wegen des Gewichts technisch nicht realisierbar gewesen wäre.
Nicht nur die Nationalbank, auch Geschäftsbanken wie die Schweizerische Kreditanstalt (Credit Suisse) und die Schweizerische Bankgesellschaft (heute UBS) planten, ihre Banknoten und Wertpapiere sowie Gold in die Alpen zu verlegen. Ludo Groen: «Leere Grandhotels in Interlaken oder Gstaad sollten als Ausweichstandorte dienen. Diese Belle-Époque-Hotels waren perfekt: gross, gut erreichbar und wegen der ausbleibenden Touristinnen und Touristen leer. Es wurden Pläne zur Sanierung der in die Jahre gekommenen Hotels und zum Einbau von Tresorräumen im Keller vorbereitet, aber nie vollständig umgesetzt.»
Bunker im Keller des Schlosses Spiez
Die SNB zog nicht allein militärische Infrastruktur in Betracht: In Spiez etwa renovierte die Nationalbank während der Kriegsjahre das Schloss und baute im Keller Bunker ein. Diese existieren heute noch und werden vom Schlossmuseum als Archiv genutzt. «Von all dem weiss bei der Nationalbank heute niemand mehr», sagt Groen im Interview. Im Buch schildert der Autor, wie in den Tiefen des Schlosses Spiez eine Heizung installiert, Telefonkabel eingezogen und gepanzerte Türen eingebaut wurden.
Doch nach der Niederlage Frankreichs und dem Waffenstillstand stoppte die SNB plötzlich die laufenden Renovationsarbeiten: «Dies fiel zeitlich mit einem radikalen Wandel der Strategie von Bundesrat und Armee zusammen: Der Fokus bewegte sich weg von militärischer Verteidigung gegen Nazi-Deutschland hin zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Was auch bedeutete, dass die Nationalbank, anstatt sich in die Alpen zurückzuziehen, ihre Büros in Bern und Zürich offenhalten musste.»
Funktionswandel der Golddepots
Gleichzeitig stieg im Laufe des Krieges der Bedarf an Lagerraum, und der Zweck der Golddepots änderte sich, wie Groen in seinem Buch festhält: «Anstatt Teil einer militärischen Verteidigungsstrategie zu sein, die verhindern sollte, dass Nazi-Deutschland die Goldreserven der Schweiz beschlagnahmte, ermöglichten die Golddepots durch den Handel mit geraubtem Gold eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Nazis. Die Golddepots in Interlaken und am Gotthard waren nicht länger Evakuierungsorte, die vor ausländischen Bombern kunstvoll getarnt werden mussten; stattdessen wurden sie zu effizienten logistischen Drehkreuzen – gut geölte Rädchen im Getriebe eines Plans, der die Kriegswirtschaft Nazi-Deutschlands effektiv finanzierte.»
Deutsches Gold für Devisen
Die SNB kaufte gemäss der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (Bergier-Bericht) während des Krieges Gold im Wert von rund 1,2 Milliarden Franken (nach damaligem Kurs) von der deutschen Reichsbank, wovon ein erheblicher Teil Raubgold war. Dabei handelte es sich um Gold aus Zentralbankreserven besetzter Länder sowie um sogenanntes «Opfergold» (eingeschmolzener Schmuck, Zahngold von Opfern der Konzentrations- und Vernichtungslager). Die Schweiz diente als Drehscheibe. So konnte Deutschland Gold gegen dringend benötigte Devisen (Schweizer Franken) eintauschen und kriegswichtige Rohstoffe im Ausland kaufen.
Goldbunker sind wieder gefragt
Der vor allem im Zweiten Weltkrieg entstandene Mythos der Schweizer Alpen als Hort von Stabilität und Sicherheit – eben auch für wertvolle Güter – gewinnt offensichtlich heute als Folge der unsicheren politischen Lage wieder an Bedeutung, wie aus einem Bericht von SRF hervorgeht. Noch während des Kalten Krieges verfügte die Schweiz über rund 8000 Festungs- und Bunkeranlagen. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurden rund tausend Bunker an Private verkauft und für verschiedenste Zwecke genutzt: als Käsekeller, Pilzfarmen oder Museen. Oder eben auch als Hochsicherheits-Lagerstätten. SRF berichtet von etwa 40 Bunkern, die sich in privater Hand befinden und zum Teil kommerziell genutzt werden.
Bundesratsbunker wird zum Super-Safe
Eine dieser Firmen ist im ehemaligen Regierungsbunker in Amsteg UR nördlich des Gotthards eingezogen. Der Bundesrat hat den Bunker allerdings nie für sich genutzt, sondern nur für die Lagerung von Gold. Dort wo einst ein zweistöckiges Chalet in den Fels gebaut wurde, um der obersten Landesbehörde notfalls so etwas wie eine zivile Umgebung zu vermitteln, dort wo einst unter anderem 123 Automobile und 13 Lastwagen Platz fanden, ist nun ein Geschäft eingezogen, das ebenso Wert auf Sicherheit legt wie einst die Militärs: Die Firma Swiss Data Safe.

Die Firma wirbt auf ihrer Homepage denn auch mit dem Bundesrat: «Der sicherste Platz auf der Welt, ursprünglich gebaut für die Schweizer Regierung, ist gerade gut genug, um Ihre wertvollsten Güter zu schützen.» Das Angebot für die anspruchsvolle Kundschaft: «Seien es geschäftskritische Systeme, Anwendungen oder Daten, Edelmetalle, Diamanten, Schmuck, Kunst, Oldtimer oder individuelle Objekte von hohem Wert, wir bieten auf Ihre Schutz- und Sicherheitsbedürfnisse zugeschnittene, integrierte Hochsicherheitslösungen.»
Schliessfächer im Gotthardgebiet
Eine weitere Firma führt den Goldstandard bereits im Namen: die Swiss Gold Safe. Das Angebot: «Swiss Gold Safe bietet Ihnen eine bankenunabhängige Wertlagerung. Zur Unterbringung von physischem Gold, Silber und anderen Werten stehen Ihnen individuelle und hochsichere Lagerlösungen zur Verfügung: Hochsicherheitsanlage mit Schliessfächern im Gotthardgebiet. Ihr Schliessfach ausserhalb von grossen Städten und Ballungszentren. Bankenunabhängig und in privatem Besitz durchgehend seit der Gründung 2006. Inhabergeführt und vollständig in Schweizer Hand. Eigene Notstromversorgung. Sicherheitsschliessfächer inklusive Zutrittskontrolle durch Wachpersonal (keine automatische Anlage mit IT-Risiken). Vollversicherung möglich – anonym und ohne Meldung des Fachmieters an die Versicherung. Keine Deklaration der Inhalte – und ohne Meldung an staatliche Stellen. Keine Erfassung des wirtschaftlich Berechtigten.»
Je ungemütlicher und unheimlicher die Welt, desto sicherer scheinen die Bunker tief in den Schweizer Bergen für eine Kundschaft mit dem nötigen Kleingeld zu sein.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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