Kommentar
kontertext: Last des Alters, Lasten des Alterns
Wenn man ins Rentenalter gerutscht oder gestolpert ist, wird man mit verharmlosenden Sprüchen und aufmunternden Halbwahrheiten eingedeckt, im Privatkreis wie in der Literatur. Abschreckendes Beispiel ist Elke Heidenreichs Buch «Altern», das von der später vorzustellenden Schriftstellerin Natascha Wodin, ohne Heidenreich beim Namen zu nennen, dennoch unschwer erkennbar, treffend so beschrieben wird: «Wieder einmal eines dieser Lügenmärchen, in denen man nachlesen kann, wie schön das Alter ist. Keine Schmerzen, keine Armut, keine Einsamkeit, keine Todesangst. Nur Dankbarkeit und Freude darüber, dass man noch lebt, natürlich topfit und gesund, optimal vernetzt, beschenkt mit Altersweisheit.» Angeblich kann man nun, befreit von Hektik und Berufs-Stress, eine neue Freiheit geniessen.
Dass das Alter eher ein Massaker all jener Fähigkeiten ist, auf die man vor gut 20, 30 Jahren noch stolz war, können alternde Menschen wie der Autor dieser Zeilen in drei vor Kurzem erschienenen Büchern nachlesen. Und das ist gewissermassen beruhigend, denn jetzt mit 75 finde ich in ihnen meine nahe Zukunft, auch wenn die Aussichten alles andere als erfreulich sind. Die Bücher offenbaren ungeschminkt den Altersverlauf.
Unheilbar ungesund, aber am Leben
Geradezu symbolisch ist eine Episode, die der inzwischen 80-jährige englische Schriftsteller Julian Barnes in «Abschied(e)», seinen autobiografischen Erinnerungen, beschreibt: «Ich fuhr zu Freunden aufs Land. Die anderen Gäste waren alle etwa in meinem Alter, und beim Frühstück holten einige ihre Pillenboxen hervor und bedienten sich daraus. Manche Boxen waren grösser als andere, aber sie alle erschienen zwergenhaft, als sich ein wahrer Alphamann zu uns setzte. Seine Pillenbox sah aus wie das Architekturmodell eines Wohnsilos aus den sechziger Jahren.»
Das Bild ist treffend: Gesundheit im Alter ist eine absolute Ausnahme. Julian Barnes, der mit 79 das Buch letztes Jahr abschloss, sieht es als sein letztes an. Er findet, dass er noch Glück hat, denn die erst im Alter bei ihm diagnostizierte, sehr seltene Leukämieform lässt sich durch eine tägliche Chemo in Tablettenform kontrollieren. «Unheilbar, aber beherrschbar – das klingt doch wie das Leben selbst, nicht wahr.»
Es ist dieser, mal sarkastische, mal halb wissenschaftlich-sachliche, aber den Leser immer um Aufmerksamkeit bittende Erzählton, der das ganze Buch durchzieht. Barnes amüsiert sich sogar mit seiner zunehmenden Taubheit, indem er uns, seine Leser, direkt anspricht: «Ich kann Ihre Antworten nur selten verstehen – Sie sitzen leider auf meiner tauben Seite.»
Und anlässlich der Corona-Pandemie räsoniert er, dass man ihm, wäre er ins Krankenhaus gekommen, einen Zettel angeheftet hätte: Booker Preisträger, also überlebenswert und wichtig.
Barnes zitiert gerne und wiederholt, wie andere Schriftsteller, selten Schriftstellerinnen, mit dem drohenden Ende umgegangen sind. Das klingt manchmal etwas angeberisch: seht her, wie klug ich bin. Und irritierend sind die ausführlichen Kapitel über ein verstorbenes Bekanntenpaar, deren Beziehung er falsch eingeschätzt hatte. Beiden hatte er eigentlich versprochen, nie darüber zu schreiben, um es jetzt in grosser Ausführlichkeit doch zu tun. Dafür gibt es eigentlich nur eine Erklärung: seine Lust am Erzählen.
Wenigstens nicht allein
«Departure(s)» ist ein Abschied vom Leben, von der Schriftstellerei, von Freundinnen und Freunden sowie von Vertrauten und geschätzten Berufspartnerinnen. Die Erinnerungen an sie verblassen langsam, was er furchtbar findet. Erstaunlicherweise erwähnt er nur selten seine zweite, 18 Jahre jüngere Frau Rachel. Von ihr zitiert er, und das ist wieder typisch für ihn und seine Biographie: «Du darfst ruhig alt sein, aber du darfst dich nicht benehmen wie ein alter Mensch.»
Julian Barnes‘ Abrechnung mit dem Altern kann allen, die sein Alter erreicht haben, etwas Mut machen, denn sie erfahren, dass sie nicht allein stehen mit all ihren Malaisen.
Drastisch geschildert sind die Malaisen des Alters auch im Roman der inzwischen 80-jährigen, vielfach mit Preisen ausgezeichneten Schriftstellerin Natascha Wodin: «Die späten Tage». Im Unterschied zu Barnes unterlässt sie jegliche philosophische und theoretische Untermauerung ihrer zunehmenden Hinfälligkeit. Dafür erfreut sie sich an Gedichten sehr unterschiedlicher Autoren, die sie immer wieder in ihren Text einbaut. Wie Barnes liebt sie literarische Verweise, zitiert gerne aus Romanen und Erzählungen, insbesondere russischen, zum Tod und zum Sterben. Es scheint für sie wie eine Art Trost.
Anderen geht’s noch schlechter
Mit geradezu schockierender Ehrlichkeit schildert Wodin detailliert und fast schon körperlich nachfühlbar, wie die Kräfte sie verlassen und die Schmerzen zunehmen, bis sie kaum mehr erträglich sind. Das kann man nachempfinden und ist dann manchmal froh, dass es einem selbst noch besser geht, und manchmal voller Angst, dass es einem bald ebenso ergehen könnte wie ihr.
Man begleitet Natascha Wodin auf ihren Erkundungen ihrer jeweiligen Umwelt, ob Grossstadt wie Berlin, Kleinstadt wie Lübeck oder Dorfleben. Zum Schreiben braucht sie die Stille des Landlebens, der Natur und der Nacht. Die letzten Seiten der Erinnerungen schreibt sie in ihrem Haus im Norden Mecklenburg-Vorpommerns an einem See, der einst die Grenze zwischen West- und Ostdeutschland markierte. Sie nimmt uns dort mit in die prächtige Natur ihrer grünen Umwelt und malt mit Worten ein buntes Bild der Wald- und Seelandschaft. Ihr ist klar, dass dies wohl ihr letztes Domizil ist. Während sie noch vor zehn Jahren alte oder neue Gegenden stundenlang zu Fuss erkundete, zwingen sie die zunehmenden Knieschmerzen heute zu immer kürzeren Ausflügen, bis sie es schliesslich kaum mehr aus ihrem am See gelegenen Haus auf die Bank vor ihm schafft.
Bündnis gegen Einsamkeit und Tod
Ihr Buch ist dennoch kein Klagegesang und das ist einer Besonderheit ihres Lebens geschuldet. Nach mehreren gescheiterten Ehen – eine verband sie mit dem machohaften Schriftsteller «Jacob», der unschwer als der verstorbene Wolfgang Hilbig zu entschlüsseln ist – verliebt sich Natascha Wodin im Alter in den sieben Jahre älteren Friedrich, der ihre Liebe erwidert: «Wir wussten, dass uns die gemeinsame Basis fehlte, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen, uns noch einmal zu zweit in der Welt einzurichten, uns gegen Einsamkeit und Tod zu verbünden und schliesslich so etwas wie Philemon und Baucis zu werden. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.»
Immer wieder streiten die beiden heftig, weil sie so unterschiedliche Auffassungen vom Zusammenleben haben und trennen sich für ein paar Tage, um dann doch wieder zueinander zu finden, weil sie es ohne einander nicht aushalten. Dass sie schliesslich ganz zusammenbleiben, ist nicht zuletzt ein Ergebnis ihres zunehmenden Siechtums. Am Beginn der neuen Liebe geschieht ein kleines Wunder. Sie ist plötzlich schmerzfrei, wenn sie an Friedrichs Hand durch die Gegend streift. Lässt sie ihn los, kehren die Schmerzen wieder zurück. Und Jahre später sind sie dann ständig da, da hilft auch keine Berührung mehr.
Ausflüge in fremde Welten
Nataschas und Friedrichs Lebens- und Leidensgeschichte wird erträglicher, weil sie unterbrochen ist von Erzählungen aus einer fremden Welt. Natascha Wodin ist nämlich die Tochter eines russischen Emigrantenpaars, das im zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter in einem deutschen Arbeitslager knapp überlebte, um dann als displaced persons wieder in einem Lager zu landen. Ein prügelnder Ehemann und zwei kleine Kinder schienen die Mutter allerdings so zu belasten, dass sie ins Wasser ging.
So kam Natascha mit sieben Jahren in ein katholisches Internat, dort ein ausgestossenes und vielfach gehänseltes Kind. Später, zur Zeit der Ostverträge, wird sie zur gefragten Dolmetscherin, da nur wenige in Westdeutschland das Russische so gut wie sie beherrschen. Ihr erster Besuch in Moskau wird zur kopfschüttelnd-amüsiert wahrgenommenen Erfahrung der Sowjetunion.
Doch es bleibt nicht bei diesem ersten Besuch. Sie kommt mehrfach wieder, erlebt den Einzug des Kapitalismus mit, fährt auch nach Mariupol in die ukrainische Heimat ihrer Eltern und entdeckt allmählich eine weit verzweigte Familiengeschichte, die unter anderem ein dramatisches Bild der Zwangsumsiedlungen der Stalinära bietet.
Natascha Wodins Buch ist ehrlich, berührend und tief bewegend.
Hoffnung und Verzweiflung
Das gilt auch für das dritte Buch über das Altsein, den Roman des bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinov «Der Gärtner und der Tod», der eine ganz andere Perspektive bietet. Der Autor erzählt nicht über sein eigenes Altern, sondern über den Verfall und den Tod seines Vaters, weswegen er sein Buch als Roman bezeichnet: «‹Mein Vater ist gestorben› und ‹Mein Vater stirbt› sind zwei unterschiedliche Sätze. Der erste ist eine Tatsache, ein Schluss, der zweite – ein Roman. Eine lange Geschichte, in der sich Hoffnung und Verzweiflung abwechseln, sich gegenseitig nähren und anfachen. Der Sauerstoff der einen schürt ununterbrochen das Feuer des anderen.»
Und so erzählt Gospodinov ausführlich, wie sein Vater stirbt, sich allerdings weigert, sich sein allmähliches Verlöschen, seine Hinfälligkeit einzugestehen. Die Fürsorge des Sohnes ist ihm unangenehm. Er will ihm nicht zur Last fallen. So belügt er sich und ihn, in dem er immer wieder sein «halb so wild» ausstösst. Selbst den unheilbaren Krebs will er nicht wahrhaben, obwohl Metastasen im ganzen Körper keine Hoffnung mehr zulassen. So muss er lassen, was ihm das Wichtigste ist – Gospodinov beginnt seine Erzählung mit den Sätzen: «Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.»
Gärtnern und erzählen
Der Vater ist aus der Stadt aufs Land geflüchtet, um in seinen späten Lebensjahren ein begeisterter und hingebungsvoller Gärtner zu werden. Diese Leidenschaft bot in den Zeiten des bulgarischen Sozialismus auch eine Chance auf ein etwas besseres Leben. Obst und Gemüse waren rar und rationiert. Der Garten versorgte die Familie mit Ernteerträgen und erlaubte auch, alles Mögliche einzutauschen.
Die Bedeutung des Gartens unterstreicht Georgi Gospodinov durch kleine Zeichnungen der Samen unterschiedlicher Pflanzen, die immer wieder Kapitelenden schmücken.
Dieses Stück gepflegter Erde bringt den Vater zu immer neuen Geschichten, denn das ist seine andere grosse Leidenschaft: das Geschichtenerzählen. Selbst bei seinen Arztbesuchen entstehen Geschichten: «Vorgeblich begann er mit den Schmerzen im Kreuz, während des Umgrabens – … , aber die Erzählung trieb so in die Rosen, Kirschen und Pflaumen aus, dass das ganze Zimmer aufblühte. Und der Ultraschallkopf in der Hand des Doktors bekam Knospen wie eine Tulpe und würde nicht einmal mehr den Schatten einer Metastase finden. Mein Vater erzählte auf Tod und Leben.»
Der Schriftsteller hat diese Erzählfreudigkeit offenkundig geerbt. Er bewältigt den Tod seines Vaters und die Trauer darüber mit Erzählungen. Wie Wodin und Barnes zitiert auch er gerne Sterbe- oder Todesszenen aus der Literatur, vor allem der russischen.
Erschreckend beobachtet er an sich selbst, wie die Aufzählung der tödlichen Erkrankungen in den mit medizinischen Fachausdrücken verklausulierten Befunden, aus seinem Vater einen todgeweihten Patienten macht – eine unheimliche, ungewollte Metamorphose.
Weil sein Vater nie gelernt hat, seine Gefühle auszudrücken, flüchtet er sich stattdessen in Geschichten. Sie sind im Prinzip das Erbe. Das gibt wiederum dem Erzähler die Chance, den Vater nach den Ereignissen von dessen Kindheit auszufragen, denn mit dem Tod des Vaters stirbt eben auch die Erinnerung. Und es gäbe noch so vieles zu fragen und mit diesen unbeantworteten Fragen endet denn auch der Roman.
Das ist der Unterschied zu uns normal Sterblichen. Von uns wird kein Buch übrigbleiben. Die Erinnerung an uns wird allmählich in den Köpfen unserer Kinder, Freundinnen und Freunden verblassen.
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Julian Barnes: Abschied(e), Kiepenheuer & Witsch, 239 Seiten, ca. 28 Franken
Natascha Wodin: Die Späten Tage, Rowohlt Verlag, 289 Seiten, ca. 29 Franken
Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod, Aufbau Verlag, 240 Seiten, ca. 18 Franken (als Taschenbuch)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Der Autor ist nicht mehr ganz jung.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.
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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.









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