Wie die Organisierte Kriminalität mit Umweltverbrechen verdient
Am Rand einer italienischen Kleinstadt kippt ein Lastwagen nachts tonnenweise Bauschutt in eine stillgelegte Kiesgrube. Nach wenigen Minuten verschwindet er wieder. Spurlos. So oder so ähnlich stellen sich die meisten Menschen Umweltkriminalität vor. Das stimmt aber nur zum Teil. Verbrechen gegen die Umwelt sind längst Teil eines völlig unterschätzten globalen Geschäfts.
Umweltkriminalität gehört zu den profitabelsten illegalen Machenschaften weltweit. Nach Drogen- und Menschenhandel ist sie das drittgrösste kriminelle Geschäftsfeld der Welt. Illegale Rodungen, verbotene Minen, der Schmuggel geschützter Tierarten, falsche CO₂-Zertifikate und viele andere Umweltverbrechen generieren pro Jahr bis zu 281 Milliarden Dollar Gewinn. Das ist eine Schätzung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) und von Interpol aus dem Jahr 2021. Die tatsächlichen Zahlen liegen wahrscheinlich höher. Das Dunkelfeld ist nur wenig erforscht. Der Umfang wächst jedes Jahr um fünf bis sieben Prozent.
Geringes Risiko, hohe Gewinne, wenig Strafen
Umweltverbrechen können so viel Geld abwerfen wie Drogen – zu wesentlich attraktiveren Bedingungen. Das Risiko ist klein, die Gewinne hoch, die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, gering, die Strafen meist ebenfalls.
Die Auswirkungen hingegen nicht. Es geht um Wilderei, radioaktiven Abfall, Sandschmuggel, asbestbelasteten Bauschutt, Elfenbein, falsche CO₂-Zertifikate oder giftige Abwässer. Die Region Kampanien in Italien zum Beispiel ist voller illegaler Mülldeponien, in denen die «Eco-Mafia» giftige Abfälle entsorgt hat. Die Gegend nördlich von Neapel gilt als grösste illegale Abfalldeponie Europas.
Was Giftmüll mit dem Weltfrieden zu tun hat
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Region zahlen den Preis: Die Krebsraten in Kampanien gehören zu den höchsten Italiens. Die medizinische Fachzeitschrift «The Lancet» bezeichnete den Landstrich 2004 als «Dreieck des Todes». Die Mafia profitiert – und investiert die Gewinne auch in andere «Geschäftsfelder» in Italien und anderswo.
Das Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) geht davon aus, dass Umweltkriminalität zur wichtigsten Geldquelle für Milizen und andere bewaffnete Gruppen geworden ist. Umweltkriminalität finanziert Konflikte und gefährdet die internationale Sicherheit. Zugespitzt gesagt: Verbotener Abfall gefährdet den Weltfrieden.
Als wichtigste und profitabelste Umweltverbrechen galten laut einer Unep-Schätzung von 2016:
- forstwirtschaftliche Verbrechen wie illegale Rodungen oder illegaler Holzschlag
- illegaler Rohstoffabbau
- illegale Fischerei
- illegaler Handel mit Wildtieren und -pflanzen
- illegaler Handel mit Abfällen und deren Entsorgung
Das ZDF hat diese und andere Fakten über Umweltkriminalität in einem sehenswerten interaktiven Artikel zusammengefasst.
15 bis 30 Prozent der Abfalltransporte in der EU sind illegal
Das Regionale Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa (Unric) sprach sich kürzlich dafür aus, die illegale Handhabung von Abfällen in der Rangliste höher zu priorisieren – vor allem in Europa. Nach Schätzungen von 2021 seien 15 bis 30 Prozent aller Mülltransporte in der EU illegal, was Einnahmen von etwa 9,5 Milliarden Dollar generiere.
Das hört sich fast so an, als könne man keine zehn Schritte gehen, ohne auf ein Umweltverbrechen zu stossen. Ermittlungserfolge gibt es dennoch selten. Umweltverbrechen werden meist nur aufgedeckt, wenn gezielt nach ihnen gesucht wird. Das liegt unter anderem daran, dass es sich um sogenannte «opferlose» Verbrechen handelt – es gibt keinen Kläger und zunächst auch keinen offensichtlich Geschädigten. Wobei «opferlos» natürlich nicht bedeutet, dass niemand zu Schaden kommt. Die Auswirkungen betreffen alle und können extrem teuer werden.
Wenn doch ermittelt wird, gestalten sich die Ermittlungen oft langwierig, und die Verfahren ziehen sich in die Länge, erklärt «Transparency International» in einem Positionspapier. Oft erwische man ohnehin nur die kleinen Fische, sagte Jürgen Stock, bis Ende 2024 Generalsekretär von Interpol, kürzlich zu «Table Media». Ermittlungserfolge seien häufig eher symbolischer Natur.
Die Organisierte Kriminalität ist den Ermittlern weit voraus
Kriminelle Netzwerke sind den Ermittlern oft weit voraus, weil sie etablierte Strukturen und Prozesse nutzen können sowie flexibel und grenzüberschreitend agieren. Routen, auf denen Menschen geschmuggelt werden, dienen beispielsweise auch dem Transport geschützter Tiere. Wer Beamte besticht, tut das nicht nur, um Waffen zu schmuggeln, sondern vielleicht auch, um radioaktiven Müll ausser Landes zu schaffen oder verbotene Kühlgase und Edelhölzer durch den Zoll zu bringen. Wer Pässe fälschen lässt, kann auch Echtheitszertifikate fälschen – und so weiter.
Die Methoden sind durchaus raffiniert. Illegale Ware mit legaler zu vermischen, ist beispielsweise gängige Praxis. Das gilt für illegal gefangenen Fisch, der noch auf hoher See auf Kühlschiffe verladen wird, ebenso wie für illegal geschlagenes Holz, das in Sägemühlen gebracht wird, die gleichzeitig legale Ware verarbeiten. Und hinter legalen Plastikexporten im Container verbirgt sich mitunter ganz hinten der giftige Abfall.
Behörden weltweit müssen sich besser aufstellen
Oft geht es um abgelegene Orte und um Zeugen, die Angst haben oder selbst verwickelt sind. Bei dünner Personal- und Kostendecke ist das eine enorme Herausforderung für die Behörden. Hinzu kommt, dass es häufig kein einheitliches Regelwerk gibt. Die verletzten Gesetze sind über viele Fachbereiche verstreut. Auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit harzt vielerorts noch. Wenig Hoffnung macht zudem die gegenwärtige Weltlage: Kriege, Spannungen und Konflikte weiss die Organisierte Kriminalität zu nutzen, erklären Interpol, Sipri und die Vereinten Nationen unisono.
Derzeit bemühen sich viele Länder, sich besser aufzustellen. Sie richten Stellen ein, die Umweltverbrechen zentral bearbeiten können – die Schweiz etwa hat eine Koordinationsgruppe. Die EU-Länder müssen bis zum 21. Juni die jüngste EU-Richtlinie umsetzen, die Gesetzeslücken schliesst, neue Straftatbestände definiert und höhere Strafen vorsieht. Deutschland beispielsweise plant weitergehende Befugnisse für Ermittlungsbehörden wie Telefonüberwachung.
Neben der «Eco-Mafia», wie auch immer sie jeweils organisiert ist, gibt es selbstverständlich auch Unternehmen, die Umweltgesetze bewusst umgehen – etwa bei Abfall, Abwasser oder Abgasen –, ganz ohne direkte Verbindung zur organisierten Kriminalität. Viele nicht entdeckte und nicht verfolgte Umweltverbrechen stärken jedoch kriminelle Strukturen und bedrohen die Demokratie weltweit.
Wer Umweltverbrechen aufdeckt, lebt gefährlich
Wie in anderen «Geschäftsfeldern» reagierten die betroffenen Netzwerke teilweise mit äusserster Brutalität, wenn sie ihre Gewinne bedroht sehen, berichten Fachleute wie der ehemaliger Interpol-Generalsekretär Jürgen Stock. Das ist nachvollziehbar – wer bereits illegale Minen betreibt, schreckt womöglich auch vor Zwangs- und Kinderarbeit nicht zurück. Vor Geldwäsche, Urkundenfälschung und Korruption ohnehin nicht.
Mitarbeitende von Umweltorganisationen, Anwohnerinnen und Anwohner oder Journalistinnen und Journalisten, die Umweltverbrechen aufdecken, werden bedroht und eingeschüchtert. Jedes Jahr kommen mehrere ums Leben, wie Organisationen wie «Forbidden Stories» immer wieder dokumentieren.
Bleibt die Frage: Warum? Die Psychologin Julia Shaw, die sich intensiv mit Umweltkriminalität beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben hat, hat mehrere Gründe ausgemacht. Meist gehe es um eine oder mehrere der sechs Säulen Bequemlichkeit, Straffreiheit, Gier, Rationalisierung, Konformität und Verzweiflung, sagt sie im Interview mit der «Frankfurter Rundschau». Je nach persönlichen Umständen seien diese unterschiedlich stark ausgeprägt. Für die ganz kleinen Fische spiele möglicherweise das eigene Überleben die grösste Rolle, für andere sei es günstiger, mitzumachen, als sich zu verweigern. Bei Unternehmen wie VW, das systematisch Abgaskontrollen manipulierte, winkte das grosse Geld.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.











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