Palantir: Die unheimliche Firma geht in die Offensive
Palantir ist seit ein paar Jahren weltweit im Gespräch. Es ist wohl die meistkritisierte IT-Firma. Der Philosoph Mark Coeckelbergh bezeichnet das 22-Punkte-Manifest, das Palantir am 18. April auf X veröffentlicht hat, als «Beweis für einen aufkommenden KI-Techno-Faschismus». Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis charakterisiert das Manifest als eine unverhüllte Deklaration des «Techno-Feudalismus». Autoritäre Apologeten hingegen bewundern das Manifest. So bezeichnete Jamie Dimon (CEO von JP Morgan Chase) das Buch «The Technological Republic – Hard Power, Soft Belief and the Future oft he West» des Palantir-Gründers Alex Karp als «Geschenk für jeden Amerikaner».
Die Firma Palantir, gegründet 2003, blieb lange unter dem Radar. Nur Insidern war sie bekannt. (siehe Kasten «Aus dem Dunkeln»). Sie wird hauptsächlich von den beiden deutschstämmigen Peter Thiel und Alex Karp geführt.
Wer ist Palantir?
Peter Thiel (Verwaltungsratspräsident), Alex Karp (Geschäftsführer), Stephen Cohen, Joe Lonsdale und Nathan Gettings gründeten 2003 die Firma. Sie erzielte 2025 einen Umsatz von 3,8 Milliarden Euro und weist im April 2026 einen Börsenwert von 300 Milliarden auf. Zum Vergleich: Bei Novartis betrug der Umsatz im letzten Jahr 47 Milliarden Euro, der Börsenwert liegt gegenwärtig bei 255 Milliarden.
Das Kerngeschäft von Palantir ist sehr speziell: Die Firma kann Daten aus ganz unterschiedlichen Datenbanken und dem Internet zusammenbringen und auswerten, ohne eine neue riesige Datenbank zu erstellen. Dies macht Palantir für ganz viele staatliche Stellen und private Firmen so interessant und unverzichtbar.
Ursprung am 11. September 2001
Eigentlich hatten die vier Gründer das Ziel, eine Software zu entwickeln, die den USA seinerzeit gefehlt hatte, um die Terror-Anschläge vom 11. September 2001 zu verhindern. Das Grundproblem: Daten sind in vielen ganz verschiedenen Datenbanken erfasst, aber es war schlicht nicht möglich diese zusammenzuführen und auszuwerten.
Die «Semantic Web Technology» die in den 2000er Jahren entwickelt wurde, ermöglicht es, Informationen und Zusammenhänge aus Dutzenden nichtkompatiblen Datenbanken in Echtzeit zu suchen, zu analysieren und darstellbar zu machen. So können nun auch KI-Modelle mit diesen Informationen arbeiten, obwohl die Daten dazu in ganz verschiedenen, nichtkompatiblen Datenbanken abgelegt sind. Palantir wurde so zur absolut unverzichtbaren «denkenden Infrastruktur».
Noch keine Aufträge in der Schweiz
Der Fokus von Thiel und Karp lag von Anfang an bei den Geheimdiensten und beim Militär. Ihr Einsatz für Israel in Gaza bei der Jagd auf «Terroristen» wurde von Palantir mehrfach werbewirksam kommuniziert. Ihre Verantwortung für den Tomahawk-Angriff auf die Mädchenschule im Iran liess sich in den letzten Wochen nicht mehr verheimlichen. Ihre Versuche, auch in der Schweiz bei Bund und Kantonen Aufträge zu erhalten, scheiterten bisher aber alle. Die «Republik» hat das minutiös recherchiert.
Palantir ist heute ein zentraler «Datenbeschaffer» für KI. Und die Firma ist der wichtigste Partner für alle amerikanischen Departemente, fürs Militär, für Strafverfolgungsbehörden und für Geheimdienste. Palantir ist in Europa gegenwärtig für Grossbritannien, Deutschland, die Ukraine, Frankreich, Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Griechenland, Polen und für Europol tätig.
In der Schweiz ansässig
Die amerikanische Softwarefirma erregte in der Schweiz schon 2021 ein gewisses Aufsehen, als sie sich hier niederliess. Heute beschäftigt sie in Zürich rund 60 Personen. Im vergangenen Jahr ist Alex Karp mit einem firmeneigenen Werbe-Video aufgetreten, in dem er den Kunden versprach, wenn nötig für sie ihre Gegner auch zu töten: «Palantir ist hier um zu disruptieren und die Institutionen, mit denen wir zusammenarbeiten, zu den besten der Welt zu machen und wenn es nötig ist die Feinde einzuschüchtern und gelegentlich auch zu töten.» Zu finden sind sie hier und hier.
Verschiedene Podcaster fragen sich, warum Palantir gerade jetzt das Buch «The Technological Republic», das eigentlich im Februar 2025 erschienen war, nun nochmals zusammen mit dem 22 Punkte-Manifest lanciert hat. Das Buch trägt den Untertitel «Das Silicon Valley hat seinen Weg verloren». Eine ganze Generation von Talenten, heisst es darin, sei in die Irre geführt worden. Und für den Westen sei nun der Moment der Abrechnung gekommen.
In Deutschland unvorstellbar
Das ist kein Buch über die Bedeutung der Technologien, die Palantir vorantreiben will, das ist ein gesellschaftspolitisches und geopolitisches Programm – es zeigt wie Firmen weite Teile der politischen Macht übernehmen wollen.
Für den «Spiegel» ist es schlicht unvorstellbar, dass ein deutscher Verwaltungsratspräsident ein politisches Manifest veröffentlichen würde, in dem er schreibt: «Manche Kulturen sind dysfunktional und regressiv, ja schädlich. Pluralismus, also die Akzeptanz unterschiedlicher Weltbilder und Vorstellungen vom guten Leben, ist leer und hohl, eine platte Versuchung.» Oder die «Kastration Deutschlands und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg müsse aufgehoben werden». Warum wird ein solches KI-technofaschistisches Manifest gerade jetzt und in den USA veröffentlicht?
Hat die Demokratie schon verloren?
Das News-Portal «Wired» könnte eine schlüssige Antwort gefunden haben. Aus Interviews mit aktuellen und früheren Palantir-Angestellten weiss «Wired» zu berichten, dass seit der Ermordung von Alex Petty durch die ICE in Minnesota und dem Tomahawk-Angriff der USA auf eine Mädchenschule im Iran mit 120 toten Schulmädchen, heftige interne Diskussionen über die Mitschuld von Palantir entbrannt sind. Es ist offenkundig geworden: Die Sicherheit, die man mit Blick auf den 9. September 2001 versprochen hatte, verwandelt sich nun in einen signifikanten Verlust von Freiheit. Das führt offenbar zu massiven betriebsinternen Störungen. Zur externen Kritik kommt nun auch die interne Krise.
«Wired» fragt sich, ob ein offener Faschismus als Business-Modell nachhaltig sein kann, denn das erfordere, dass Faschismus noch lange die dominierende Ideologie bleiben werde. Oder müssen wir genau umgekehrt denken? Dass die rechtsextremen Tech-Bros sich sehr sicher sind, dass der KI-Technofaschismus praktisch unumkehrbar geworden ist?
KI-Technologie als Staatsräson
Dass eine hoch umstrittene Firma ungeniert ein faschistisches techno-politisches Programm vorlegt, wie das bisher nur rechtsextreme Partei hätten tun können, irritiert sehr. Verschiedene Autoren sehen darin genau das neue Muster: Es sind die Monopolfirmen, die die unverzichtbaren Technologien anbieten, die auch die politische Führung übernehmen wollen. Dass Karp zusammen mit Peter Thiel und J.D. Vance kurz davor stehen, gilt als eine sehr plausible Hypothese.
Ist es auch gutes Marketing?
Ist das Nachdoppeln mit dem 22-Punkte-Manifest eine Vorwärtsstrategie? Will Palantir jetzt damit alle potenziellen Kunden erreichen? Die Betonung der westlichen Überlegenheit ist auch eine gute Ablenkung von den politisch sehr umstrittenen Angeboten von Palantir: der Überwachung von Angestellten, von Soldaten, Bürgern, Immigranten, Kranken et cetera.
Geht es um eine weit sichtbare Positionierung und um die Demonstration, dass man bereits den Status des «unverzichtbaren Daten-Auswertungs-Partners» erreicht hat? Oder geht es vor allem darum, nach Aussen Stärke und Überlegenheit zu mimen, um die interne Krise zu meistern?
Oder ist es Teil der Börsenkurs-Pflege, weil Palantir neben der KI-Industrie keine sehr attraktive Geschichte erzählen kann? Wenn Anthropic den Börsenwert innert vier Monaten von 300 auf 800 Milliarden Euro steigern kann, dann müssten auch für Palantir mehr als 300 Milliarden möglich sein. Ein lohnendes Unterfangen alleweil.
Aus dem Dunkeln
Palantir war an Konferenzen lange der grosse Abwesende. Man wusste, dass die Firma wichtige Aufträge von CIA, NSA et cetera erhielt. Kritische Insider meinten, es sei ein typischer Technologietransfer von den europäischen Universitäten, die mit staatlichen Forschungsgeldern die Grundlagen der Semantic Web-Technology entwickelten, zu den amerikanischen Firmen, die diese Grundlagen dann mit viel US-Regierungsgeld für die US-Verwaltungen umsetzten.
Bis 2011 blieb die geheimnisumwitterte Firma bewusst im Dunkeln. Bei der Jagd nach Bin Laden wurde ihr gerüchteweise eine entscheidende Rolle zugewiesen. Gleichzeitig wurde auch die Verstrickung von Palantir in den sogenannten HB-Gary-Skandal bekannt. CEO Alex Karp musste sich öffentlich entschuldigen. Dies war der Moment, in dem Bürgerrechtler erstmals lautstark vor der Macht eines privaten Unternehmens warnten, das im Auftrag von Regierungen und Grossbanken agiert, unverzichtbar wird und deren Daten für eigene Zwecke missbraucht.
Im zweiten Teil beschreibt und analysiert Infosperber die Inhalte des 22-Punkte-Manifests detailliert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Der Autor ist seit dem Jahr 2000 als Internet-Unternehmer aktiv. Er gründete mit zwei ETH-Physikern die Firma Netbreeze, die ähnliche Semantic Web-Technologien entwickelte wie später auch Palantir. Netbreeze fokussierte sich nur auf die Auswertung von öffentlichen Internet-Daten, verfolgte aber die Entwicklungen ihrer Konkurrenten im gleichen Technologiefeld aufmerksam. Die Firma Netbreeze wurde 2013 an Microsoft verkauft. Seither ist Leo Keller weiterhin als Internet-Unternehmer, Key-Note-Speaker und Autor aktiv.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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