Versalzung: Der leise Bote der Klimakrise
Vor 30, 40 Jahren, erinnert sich Ebrima Nyan, habe sein Heimatdorf Bantang Killing in Gambia den Reis weitgehend selbst angebaut. Heute sei das nicht mehr möglich. Seit Anfang der 2020er-Jahre versalzen die Felder rund um das Dorf am Gambia-Fluss, vor fünf Jahren gab die Gemeinde ihr Gemüsefeld endgültig auf.
Bantang Killing ist kein Einzelfall, sondern ein weltweites Problem. Anfang der 1990er-Jahre lag die Grenze, an der das Süsswasser des Gambia-Flusses auf das Salzwasser des Atlantiks trifft, noch etwa 150 Kilometer vor der Flussmündung. Inzwischen dringe das Salz rund 300 Kilometer landeinwärts vor, sagt Ebrima S. Njie, Dozent an der Landwirtschaftsfakultät der Universität von Gambia, gegenüber «Inside Climate News» (ICN).
Ein Land verliert seinen Reis
In Gambia wird seit Jahrtausenden Reis angebaut. Von hier aus gelangte die Pflanze in die Neue Welt. Der Erzählung nach trug eine Frau, die als Sklavin nach Südamerika verschifft wurde, die Samen in ihrem Haar mit sich.
Reis ist eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel im Land. Traditionell wird er in der Regenzeit angebaut, weil er viel Wasser braucht. Noch vor wenigen Jahren strebte die Regierung an, bis 2030 weitgehend unabhängig vom Import des Grundnahrungsmittels zu werden. Dieses Ziel ist heute ausser Reichweite: Gambia muss rund 80 Prozent seines Reisbedarfs importieren.
Zwischen 2009 und 2023 sei die Reisanbaufläche des Landes um 42 Prozent zurückgegangen, schätzt eine von der Regierung beauftragte Studie, die von mehreren Medien zitiert wird, aber online nicht mehr verfügbar ist. Bis 2033 könnte ein weiterer Rückgang um 33 Prozent folgen. Die Regenzeit beginne nun einen Monat später als noch Anfang der 1990er, erklärt Dozent Njie.
Wenn es Salzränder gibt, ist es meist zu spät
Versalzung beginnt schleichend. Das Salz kriecht zunächst unbemerkt ins Wasser. Die Pflanzen wachsen nicht mehr so gut, die Erträge sinken. Irgendwann werden die Pflanzen auch nicht mehr reif. Wenn sich auf den Feldern salzige Streifen bilden, ist es meist schon zu spät.
Dass Böden versalzen, hat viele verschiedene Gründe. Die Klimakrise verschlimmert sie alle. Zu viel oder falsche Bewässerung mit zu salzhaltigem Wasser, das aus der Tiefe gepumpt wird. Exzessiver Düngereinsatz, der langfristig zu viele Salze im Boden hinterlässt. Extremwetterereignisse, Dürren, die den Süsswasserverbrauch steigern. Hitze.
Das weltweit grösste Problem ist vordringendes Brackwasser an Küsten. Vor allem dort, wo es grosse Flussdeltas gibt, die landwirtschaftlich intensiv genutzt werden. Das Salz bedroht die Ernten an so unterschiedlichen Orten wie der US-Ostküste, Thailand, Vietnam, Bangladesch und den Niederlanden.
Am Ende steht eine feuchte Wüste
Die Hauptgründe: Der Meeresspiegel steigt. Gleichzeitig führen die ins Meer mündenden Flüsse weniger Wasser. Sei es, weil immer mehr Süsswasser zum Trinken und Bewässern entnommen wird oder weil es immer weniger regnet. Man kann sich das als ein System von Druck und Gegendruck vorstellen. Der Grundwasserspiegel fällt, Salzwasser dringt ein. Es ist heiss und regnet wenig, der Grundwasserspiegel fällt weiter. Und so weiter.
Wenn Mangrovenwälder durch den steigenden Wasserspiegel absterben oder abgeholzt werden, verschlimmert sich die Lage. Mangroven halten die Brackwasserzone stabil und können mit Salz umgehen. Andere menschliche Eingriffe wie die Vertiefung von Flüssen sind ebenfalls nicht hilfreich, weil Süsswasser dadurch schneller abfliesst.
Auf den Feldern breiten sich feuchte Stellen aus, auf denen nichts mehr wächst, umgeben von einer harten, salzigen Kruste. «Wir nennen das die feuchte Wüste», sagt Jalamang Camara, Direktor am gambischen National Agricultural Research Institute (NARI).

Gambia ist wegen seiner geografischen Lage besonders betroffen. Das Land besteht grösstenteils aus den erweiterten Ufern des Gambia-Flusses und ist umgeben vom Senegal – ein Erbe kolonialer Aufteilung. Gambia ist tief gelegen und sehr flach. Landwirtschaft spielt eine grosse Rolle.
Die Geschichte von Nurse Senneh
Wie sich die schleichende Versalzung im Leben Einzelner niederschlägt, zeigt die Geschichte von Nurse Senneh aus dem Dorf Sankandi, von der die «BBC» berichtete. Sankandi ist etwas weiter vom Meer entfernt als Bantang Killing. Schon Sennehs Eltern und Grosseltern bauten dort Reis an. «Es war harte Arbeit, aber wir hatten genügend Reis für die ganze Familie», erzählt sie. Als sie 1987 heiratete, übernahm sie selbst ein Feld.
Vor vier Jahren begannen die Erträge zu sinken. Senneh versuchte, das Salzwasser mit einem Deich aus erdgefüllten Säcken abzuhalten. Nach drei gescheiterten Versuchen gab sie auf. Heute baut sie grösstenteils Gemüse an. Auf einem kleinen verbliebenen Stück Land erntet sie noch etwas Reis – etwa ein Drittel dessen, was das ursprüngliche Feld einst hergab. Für ihre Familie reicht das nicht. «Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Reis kaufen müsste», sagt sie.
Für viele in Gambia ist das mehr als eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten: 91 Prozent der Menschen, die in extremer Armut leben, sind Bäuerinnen und Bauern. Reis zu kaufen, statt ihn zu ernten, ist für sie teilweise schlicht unerschwinglich.
Erschwerend kommt hinzu, dass das Problem oft lange unsichtbar bleibt. Weil das Sterben der Pflanzen langsam anfängt und nicht auf den ersten Blick erklärbar ist, kursiert in manchen Gemeinden der Aberglaube, die Felder seien verflucht – ein Umstand, der Aufklärungsarbeit erschwert.
Ein globales, aber unterschätztes Problem
In Gambia ist Versalzung ein alter Bekannter. Das Tempo, in dem das Salz die Felder frisst, hat jedoch stark zugenommen. Nicht nur, dass Meerwasser landeinwärts drückt. Die jährliche Niederschlagsmenge des Landes sei seit den 1970er-Jahren um etwa 30 Prozent zurückgegangen, sagt Sidat Yaffa, Professor für Klimawandel und Agrarwissenschaft an der Universität von Gambia, zur «BBC». Das verlangsamt die Grundwasserneubildung und macht die Böden zusätzlich salziger
Was in Gambia sichtbar wird, ist Teil eines Musters, das entlang tief liegender Küsten und Flussdeltas weltweit auftritt. Die Ursachen seien vielfältig, doch der Klimawandel verschärfte sie alle, erklärt die Agrarökologin Kate Tully von der University of Maryland, die zur Resilienz von Ökosystemen im Klimawandel forscht.
Sichtbarstes Symptom in den USA sind sogenannte «Geisterwälder» entlang der Atlantikküste – Gebiete voller Bäume, die durch zu viel Salz im Boden abgestorben sind. Forschende haben laut «ICN» kürzlich mehr als 10 Millionen tote Bäume gezählt.

In den USA vernichtete das Salz in den küstennahen Staaten Delaware, Maryland und Virginia zwischen 2011 und 2017 etwa 80 Quadratkilometer Ackerland, haben Kate Tully und ihre Kolleg:innen herausgefunden. Ernten im Wert von rund 147 Millionen Dollar gingen verloren. EineStudie von 2025 schätzt, dass mehr als drei Prozent des Ackerlands weltweit von Versalzung betroffen sind. Nach einer Berechnung der Vereinten Nationen von 2014 gehen weltweit täglich 2000 Hektaren Ackerland an das Salz verloren.
In den Niederlanden wurde das Problem lange nicht ernst genommen. «Wenn man einem niederländischen Landwirt vor einigen Jahren gesagt hätte, er müsse sich auf Versalzung vorbereiten, hätte er einem eine auf die Nase gegeben», sagt Bas Bruning, der bei der Amsterdamer Firma Salt Doctors zu Landwirtschaft unter salzhaltigen Bedingungen forscht. Heute nähmen die niederländischen Bauern das eindringende Salz ernst.
«Wir bereiten uns auf die falschen Katastrophen vor»
Robert Young, Küstengeologe
Versalzung wird oft nicht gesehen, bevor sie weit fortgeschritten ist. Die langsame Versalzung von Grundwasser ist wie Klimakrise in Zeitlupe. «Wir konzentrieren uns zu oft auf grosse Ereignisse wie Stürme und schenken langsamer voranschreitenden Veränderungen keine Beachtung» sagt Robert Young, Professor für Küstengeologie an der Western Carolina University. «Wir bereiten uns auf die falschen Katastrophen vor.»
Besonders in den Entwicklungsländern sei Versalzung eine ernstzunehmende Gefahr. Nicht zuletzt, weil ein zu hoher Salzgehalt im Trinkwasser auch Kreislauf und Niere belastet.
Bis zum Jahr 2100 werden fast 77 Prozent der weltweiten Küsten von Versalzung betroffen sein. Ausser in der Antarktis wird Salzwasser bis 2050 auf allen Kontinenten mindestens einen Kilometer in Küstengebiete vordringen.
In den USA kostete das Salz in den küstennahen Staaten Delaware, Maryland und Virginia zwischen 2011 und 2017 um die 80 Quadratkilometer Ackerland, haben Kate Tully und ihre Kolleg:innen herausgefunden. Ernten im Wert von rund 147 Millionen Dollar gingen verloren. Eine Studie von 2025 schätzt laut «ICN», dass mehr als drei Prozent des Ackerlands weltweit von Versalzung betroffen sind. Nach einer Berechnung der Vereinten Nationen von 2014 gehen weltweit täglich 2000 Hektaren Ackerland an das Salz verloren.
Gegenmittel mit begrenzter Wirkung
Weltweit wird an Lösungen gearbeitet, mit unterschiedlichem Erfolg. In Gambia setzen Landwirtschaftsbehörden auf grössere Deiche, die salziges Flusswasser von den Feldern fernhalten sollen, auf salztolerantere Saatgutsorten sowie Massnahmen zur Verbesserung der Bodenchemie.
Helfen könne auch besonders umsichtige, sparsame Bewässerung und der Anbau von Gemüse in Hochbeeten. Das halte die Wurzeln von den salzigsten Bodenschichten fern, erklärt Bruning von Salt Doctors, der die Probleme in Gambia aus einem Entwicklungsprojekt kennt.
Technisch ausgefeilte Lösungen sind teuer – und nicht immer erfolgreich
Technisch aufwendigere Lösungen sind für Entwicklungsländer oftmals nicht umsetzbar. Gezeitenschleusen etwa, die bei Flut schliessen, wie in Florida oder Vietnam. Vietnam gab nach einem durch El Niño verursachten Salzeinbruch vor zehn Jahren mehrere Millionen Dollar aus, um das Mekong-Delta mit Schleusen zu sichern.
Andere Ansätze zielen darauf, behandeltes Abwasser oder Regenwasser gezielt dort einzuleiten, wo es Salzwasser zurückdrängen kann. In Vietnam experimentiert man zusätzlich damit, den Reisanbau anzupassen und das Wasser auf den Feldern weniger hoch stehen zu lassen. Es gibt App-gestützte Kontrollen sowie Sensoren, die den Salzgehalt des Wassers laufend messen.
«Nicht alle Gegenmittel funktionieren überall», resümiert Lizzie Yarina, die an der Northeastern University in den USA zu Klimaanpassung forscht. Es gebe viele Rückschläge. Eine Blaupause für alle Regionen gibt es also nicht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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