ENDURING FREEDOM

US-Marines in der Region Khowst, Afghanistan im August 2004 © US National Archives

Wer vom Afghanistan-Krieg profitierte

Daniela Gschweng /  Die USA haben Milliarden in Afghanistan verlocht, geht die Erzählung. Das ist nur die halbe Wahrheit.

20 Jahre nach nach 9/11 sind die USA raus aus Afghanistan. Ob der «Krieg gegen den Terror» dort ein halber Erfolg war oder eine komplette Niederlage, darüber streiten sich Experten. Einig sind sie sich aber in der Regel in einem Punkt: der Krieg in Afghanistan hat die USA sehr, sehr viel Geld gekostet.

Seit dem 18. September 2001 haben die Vereinigten Staaten insgesamt 2,26 Billionen (2260 Milliarden) Dollar für den Afghanistan-Krieg ausgegeben, 300 Millionen Dollar pro Tag. Das sind 40‘000 Dollar für jeden Einwohner Afghanistans, rechnet «Forbes» nach Zahlen des Projekts «Costs of War» der Brown University Rhode Island vor. Die Kosten der Evakuierungsaktion sind darin noch nicht eingeschlossen.

40‘000 Dollar für jeden Einwohner Afghanistans

«Costs of War» rechnet mit noch höheren Summen, wenn Folgekosten wie die Versorgung von Veteranen oder Zinszahlungen dazugezählt werden. 800 Milliarden Dollar flossen in die direkte Kriegsführung in Afghanistan und 85 Milliarden Dollar in die Ausbildung der afghanischen Armee.

Aus dieser Perspektive war der Afghanistan-Krieg ein finanzielles Desaster. Wechselt man die Sichtweise, war er ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen.

Die Wirtschaft eines Landes besteht nicht aus der Staatskasse allein. Dass Kriege die Wirtschaft ankurbeln, ist eine alte Weisheit. Der US-Börsenindex «Standard and Poor’s 500», kurz S&P 500, zu dem 500 grosse US-Unternehmen gehören, hat sich seit dem 18. September 2001, dem Tag der Ermächtigung durch US-Präsident George W. Bush, etwa versechsfacht. Wer damals 1000 Dollar in den Index investiert hätte, besässe im August 2021 vor Steuern 6100 Dollar, führt der «Intercept» aus.

Profitiert haben die grossen Waffenschmieden

Die grossen Waffenschmieden sind Teil des S&P 500 und hatten einen besonders guten Lauf. Der Wert von Northrop Grumman und des weltweit grössten Waffenherstellers Lockheed Martin hat sich verzwölffacht, der von Boeing verzehnfacht, die Aktie von General Dynamics war im August immerhin sechsmal so viel wert wie vor 20 Jahren. Ausser Boeing erhalten diese Unternehmen den grössten Teil ihres Einkommens von der US-Regierung.

Vergleich-BA-LMT-mit-Index-sp500
Entwicklung der Kurse von Lockheed Martin (LMT), blau; Boeing (BA), grün; Northrop Grumman (NOC), orange; General Dynamics (GD) violett, und dem S&P 500-Index (schwarz) seit Q4/2001 im Vergleich. Erstellt mit barchart.com.

Zeitweise befanden sich dreimal mehr nicht-militärische Angestellte als Soldaten für die USA in Afghanistan. Neben Soldaten und Kriegsmaterial braucht eine Armee eben auch Techniker, Übersetzer, Köche, Fahrer, Treibstoff, Verpflegung und so weiter. Zum nicht-militärischen Personal zählen auch «militärische Sicherheitsdienstleister», zu Deutsch: Moderne Söldner. Angestellte etwa des berüchtigten Unternehmens Blackwater, das inzwischen Academi heisst, oder der russischen Wagner-Gruppe spielen in vielen Kriegen eine Rolle, worüber Regierungen aber ungern sprechen.

Private Sicherheitsdienste kassierten, Exxon lieferte den Sprit

Profitiert haben daher auch Unternehmen wie der Sicherheitsdienstleister DynCorp International, der 2,5 Milliarden Dollar dafür bekam, afghanische Polizeikräfte auszubilden, der texanische Anlagenbauer Fluor und der Flughafenbetreiber KBR.

DynCorp, das der Kapitalgesellschaft Cerberus Capital Management gehört, finanziert sich laut dem US-Magazin «Daily Beast» fast ausschliesslich durch US-Staatsgelder. Das Unternehmen nahm in Afghanistan auch andere Aufgaben wahr, es stellte beispielsweise die Bodyguards für den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und managte Bauprojekte. Es kam bei DynCorp mehrmals zu Unregelmässigkeiten, von denen einige nicht vollständig aufgeklärt wurden.

An die Fluor Corporation bezahlte das US-Verteidigungsministerium 3,8 Milliarden Dollar, den grössten Teil davon für Logistikaufgaben, die das Unternehmen für das US-Militär auch in anderen Ländern wahrnimmt. Eine innovative Anlage, die am Stützpunkt Bagram Speiseöl in Biodiesel verwandelte, um die Müllverbrennung zu betreiben, war vermutlich keine echte Einschränkung für ExxonMobil, das den Treibstoff für die Afghanistan-Mission lieferte und dabei wohl auch gut verdiente.

Gebracht hat der Krieg auch Drohnen- und Überwachungstechnologie

Auch andere Gewinne meist privatwirtschaftlicher Firmen bleiben wahrscheinlich unbeziffert: diejenigen im technologischen Bereich zum Beispiel. Die e-Technologie hat sich während des 20-jährigen Antiterrorkriegs substanziell weiterentwickelt, man denke etwa an den Drohnenkrieg einschliesslich der Tötung aus der Ferne, die oftmals die Falschen traf. Drohnen sind inzwischen weit verbreitet, auch Terrororganisationen experimentieren damit. Den Drohnenkrieg will die US-Regierung so schnell auch nicht beenden, weder in Afghanistan noch anderswo.

Dazu kommt Know-how aus der Entwicklung von (halb)autonomen Waffen und Überwachungstechnologien, letztere auch im US-Inland. Zahlreiche US-Unternehmen haben daran mitgewirkt, zum Beispiel Google mit dem AI-Projekt «Maven», in dem künstliche Intelligenz Satellitenbilder für den Einsatz in militärischen Drohnen analysieren sollte (nach Protesten von Angestellten gab Google «Maven» 2019 an ein anderes Unternehmen ab).


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

afghanistan

Der Nato-Krieg in Afghanistan

Seit 2001 führt die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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8 Meinungen

  • am 15.09.2021 um 12:01 Uhr
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    Danke für diesen Beitrag- mit sehr viel neuem Wissen für mich.
    Trotzdem ich nur -im Detail- dazulernen konnte, wieviel STEUER-Gelder in die «Kriegs-Industrien» der Amerikaner geflossen sind.

    NICHT erwähnt wurde -leider- ob Amerika
    – oder irgendein anderes westliches Land- tatsächlich —unterm Strich— aus diesem üblem Krieg irgendwelchen teil-rechtfertigenden Nutzen hatte – oder für die Zukunft erwarten könnte ?!!

    Das immense Wachstum der Kriegs-Industrien heisst aber auch, dass «wo anders» , beispielsweise bezüglich sozialer Dienste, in Amerika gespart werden musste. —

    ODER haben gar viele andere Länder -mit neuen Darlehen für Amerika- diesen nun wohl wahnsinns-sinnlos aussehenden Krieg mit-finanziert ?!

    DANN stellt sich aber die Frage, ob/wann es Amerika überhaupt irgendwann mal einfallen könnte, seine Billione-Auslands-Schulden zu tilgen –
    UND OB DIES Amerika überhaupt möglich sein könnte-
    ODER ob Amerika «eigentlich» schon längst bankrott ist.

    Es sind noch sehr, sehr viele Fragen «im Zusammenhang mit Amerika und Kriegen» offen-
    wie wärs, liebe Autorin ?!

    Wolfgang Gerlach
    scheinbar.org

    1
  • am 15.09.2021 um 12:02 Uhr
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    Ich lasse mir kein X für ein U vormachen: für eine Welt, die alle und alles umfassend eine gute Welt ist, braucht es ganz andere Wege als sie die Mehrheit seit Hunderten von Jahren geht, und immer noch weiter gehen will. Die Erde wird so oder so – mit oder ohne Menschen – ihre Zukunft haben. Will auch die Menschheit selber eine Zukunft haben, müssen wir im Kleinen wie im Grossen ganz andere Wege gehen. «Wir» bedeutet, dass es nur gemeinsam zu schaffen ist. Es ist noch ein langer Weg. Jede und jeder von uns kann im täglichen Leben der friedvoll kokreativen Zusammenarbeit den Vorrang vor der Konkurrenz geben. Tut das eine immer grösser werdende Zahl von Menschen auf dieser Erde, dann wird mit der Zeit eine kritische Masse erreicht, die zu den dringenden Änderungen führt. Ersetzen wir baldmöglichst und radikal die auf Konkurrenz und Krieg getrimmten Systeme und Machthaber*innen, die auf Konkurrenz und auf Gewalt setzen, damit nicht weiter solche Schäden wie beispielsweise in Afghanistan angerichtet werden.

    0
  • am 15.09.2021 um 13:55 Uhr
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    Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass die ehemalige afghanische Regierung und ihre Schergen aberwitzige Summen von diesen Geldern in die eigene Tasche geleitet haben.

    1
  • am 15.09.2021 um 20:36 Uhr
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    Besten Dank für den Artikel. Das Werk von Smedley Butler «Krieg ist ein Schwindel / War is a racket» geschrieben ca. 1935 ist für Interessierte an dieser Thematik ebenfalls zu empfehlen.

    0
  • am 16.09.2021 um 10:47 Uhr
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    Gerade habe ich entdeckt, dass ich den folgenden Kommentar falsch unter einem anderen Artikel eingefügt habe, deshalb hier noch einmal:
    Mich beschäftigt die ganze Zeit eine Frage:
    Es wurde mehrfach kolportiert, die USA haben Mengen an Kriegsgerät in Afghanistan zurück gelassen – warum, besser gefragt, WOZU???
    Der Beschluss zum Abrücken stand doch seit Monaten fest, von einer «Hals-über-Kopf»-Flucht kann nicht die Rede sein – es gab doch Zeit genug, die Geräte einzusammeln und mitzunehmen.
    Ich habe in den Medien nichts gefunden, das dieser Frage nachgegangen wurde. Weiß jemand im Forum etwas darüber?

    0
    • am 16.09.2021 um 16:59 Uhr
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      Hallo Frau Pferdehirt,
      seit Mitte der 70er-Jahre haben die USA Unmengen an Waffen und Waffensystemen nach Afghanistan geschafft. Zuerst für die Mudschaheddin, dann für die eigenen Soldaten, die afghanische Armee und Polizei. Solche Massen lassen sich weder komplett wieder einsammeln noch zurücktransportieren. Das müsste auf Grund der geografischen Lage alles per Luftbrücke passieren. Dafür fehlen einfach die Kapazitäten. Ein Großteil der Waffen fiel nun den Taliban in die Hände. Hochwertiges Material wie Flugabwehrsysteme oder auch ein großer Teil der Fahrzeuge wurden «entmilitarisiert» – also unbrauchbar gemacht. Ein weiterer Teil kann nicht genutzt werden, weil die Taliban nicht die entsprechende Ausbildung besitzen, Instandhaltungskräfte, Ersatzteile und Munition fehlen. Deshalb versuchen die Taliban auch, die Technik an interessierte Staaten zu verkaufen. Ganz anders sieht es bei den Handfeuerwaffen aus. Allein zwischen 2003 und 2016 sind 600 000 Sturmgewehre und andere Kleinwaffen geliefert worden, dazu MGs, Pistolen, Minen, Mörsergranaten Panzerfäuste, Nachtsichtgeräte usw. (Quelle: Wall Street Journal). Lt. CNN sagte ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums: «Es gibt keine genaue Buchführung darüber, was alles dort geblieben ist.» Es ist also das geschehen, was den Amis immer wieder passiert: Letzten Endes rüsten sie ihre eigenen Feinde aus.

      0
  • am 17.09.2021 um 09:36 Uhr
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    War wagner in afghanistan aktiv? Im auftrag der us-regierung? Ich nehme an, dass nicht nur die usa, russland und frankreich (fremdenlegion) soeldner betreiben. Wenn wagner in afghanistan nicht aktiv war, warum werden dann andere militaerdienstleiser nicht auch erwaehnt?

    0
  • am 17.09.2021 um 15:44 Uhr
    Permalink

    Danke, Herr Schiebert, für Ihre Antworten.
    Ich hatte meine Frage ja auch an anderer Stelle platziert: Es lohnt sich, auch die dortigen Antworten zu lesen.
    https://www.infosperber.ch/politik/welt/__trashed-379/?unapproved=138431&moderation-hash=47afe3fb8f3b09aaf56f22c192f4ba51#comment-138431
    Es scheint also so zu sein, dass meine Frage «WOZU?» gleichzeitig naiv und obsolet ist.
    Und das «Ausrüsten der Feinde» wird den «sonstigen» Kollateralschäden, als bewusst kalkulierte Kosten hinzugerechnet?!?
    Ich muss doch noch sehr an meinem Weltbild basteln. Als erste Lektion habe ich an Ihren Worten: «…was den Amis immer wieder passiert…» gelernt, dass «es» ihnen aus Dummheit, Gleichgültigkeit, gepaart mit Schlampigkeit passiert. Anders herum wäre es ja Kalkül.
    Wenigstens scheinen die Taliban einigen profanen Geschäftssinn zu haben. Das müssen sie auch, nachdem (weltweit?) Konten und Gelder eingefroren wurden.
    Die Lage für die Bevölkerung ist verzweifelt, das weiß ich aus erster Hand. Stelle ich dies der Eingangsfrage «Wer vom Afghanistan-Krieg profitierte?» gegenüber, lautet die Antwort: Niemand. Es sei denn, die Taliban rechnen sich als Profit zu, jetzt die Bestimmer* zu sein, und ach ja, fast vergessen – die Waffenschmieden! Ist das etwa das erwähnte Kalkül???
    * = Kindersprache

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