Kommentar

kontertext:  Markus Ritters Sommertraum

Silvia Henke ©

Silvia Henke /  Im Radio-«Tagesgespräch» freut sich Markus Ritter über «das bisschen Wärme». Ein Mini-Hörstück über einen träumenden Politiker.

Am 19. Juni konfrontiert Radio SRF den Präsidenten des Bauernverbands mit der provokanten Frage, ob die Landwirtschaft nur an sich selbst denke. Es geht dabei um das Mercosur-Abkommen, gegen welches sich Ritter erfolgreich gestemmt hat; es wurde im Parlament knapp zurückgewiesen. Diese Debatte kennen wir, sie spielte auch in der «Arena», wo es zu Äusserungen kam, die gut in einen Bauernschwank passen würden. Was aber sagte Ritter am Radio?

«Endlich Sommer!»

Am Ende des Gesprächs konfrontiert Moderator Philipp Burkhardt den höchsten Landwirtschaftsvertreter mit aktuellen Schlagzeilen. Die erste lautet: «Die Hitzewelle fordert die Schweizer Landwirte.» Markus Ritter wird aufgefordert, dazu Stellung zu beziehen, und ich horche auf, denn er sagt wörtlich: «Endlich Sommer! Also wir haben Freude, wenn es einmal auch ein wenig wärmer wird im Sommer. Es regnet ‹zwüschedine› – bisher hatten wir ein sehr gutes Jahr und wir freuen uns auch, wenn der Sommer kommt!»

Der Moderator fragt nach: «Aber die Trockenheit könnte doch bald ein Problem werden, oder?» Ritter: «Ja klar, wenn es längere Zeit nicht regnet, dann nehmen die Kulturen Schaden, das ist uns bewusst. Aber jetzt freuen wir uns am Sommer!»

Man geht weiter zu den nächsten Schlagzeilen – zur Finanzierung der 13. AHV-Rente, den drastischen Verlusten der Mitte-Partei in den letzten kantonalen Wahlen sowie zu den Abweichlern der Mitte in den parlamentarischen Beschlussfassungen bezüglich Kündigung des Atomausstiegs. Markus Ritter sieht kein Problem. Nirgends: Dass «man» sich punkto Atomstrom von «der ökologischen Schiene» in der Partei abgrenze, gehöre zur Meinungstoleranz innerhalb der Mitte.

Schwafeln und träumen

Ritter schwafelt weiter: Dass die Dekarbonisierung, die ja bestimmte Abkommen verlangen, nicht mit erneuerbaren Energien geschehen könne, sondern nur mit Atomstrom. Die Speicherfähigkeit von Sommerstrom aus den Photovoltaik-Anlagen sei technisch noch nicht entwickelt. Mir pfeift das alles zusammen in den Ohren. Ich stelle mir vor, was ein Bauernpräsident, der in der Realität lebt, wirklich sagen müsste, statt Bubenträume aufzutischen.

Da er sich ja «bewusst» ist, dass «die Kulturen Schaden nehmen» können, müsste er auf die erste Frage nach den Hitzerekorden sagen: «Ja, wir erleben heuer eine sehr frühe Trockenheit. Sie bereitet den Gemüsebauern grösste Sorgen. Gewisse Gemüsesorten können kaum mehr richtig wachsen. Wir werden also vermehrt auf Importe angewiesen sein und die Konsument:innen müssen sich auf höhere Preise gefasst machen – für Kartoffeln, Bohnen, Tomaten.»

Der Moderator würde ihn fragen, wie er denn die Situation längerfristig sehe, was das Austrocknen von Boden, Seen und Flüssen angehe – und wie die Landwirtschaft reagieren könnte? Im Sensebezirk sei ja jetzt schon Mitte Juni Wassernotstand, und die nationale Trockenheitsplattform verzeichne eine fast totale Trockenheit im Land – ohne Aussicht auf Änderung.

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«Endlich Sommer!», findet Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes.

Herr Ritter müsste dann sagen: «Ich weiss es auch nicht, niemand kann zaubern. Aber wir brauchen bald ein anderes Wassermanagement. Wir werden private Swimmingpools verbieten, wir werden mehr Abwasserleitungen brauchen, damit wir die privaten Gärten nicht mit Trinkwasser giessen müssen. Wir werden wohl überall im Land auf Pflanzen umstellen müssen, die hitzeresistent sind, und aufwendige Blumenzuchten mit Rosen und Hortensien einschränken. Ja, wir müssen uns bewusst sein, dass wir im Klimawandel angekommen sind – und dass das Ende noch lange nicht erreicht ist.»

Einstehen für Wahrheit

Der Moderator würde dann noch auf die Frage nach dem Atomstrom kommen und der Landwirtschaftsboss, der ein anderer Ritter wäre, würde zuversichtlich sagen: «Der Strombedarf ist steigend, solange wir auf den digitalen Wandel und den Ausbau von E-Mobilität setzen, auch in der Landwirtschaft. Deshalb ist das zentral, was viele Landwirte schon machen: nämlich die Produktion von Wind- und Sonnenenergie für den Eigenbedarf und zur Speicherung weiter vorantreiben. Gerade Windenergie kann auch im Winter viel Strom zur Überbrückung des kurzfristigen Winter-Strommangels liefern. Und die Forschung macht grosse Fortschritte bei den Speichermöglichkeiten für Sonnenstrom. Deshalb ist die ‹Mitte› eine Partei, die für dringende Investitionen in diesem Bereich eintritt. Und nicht für neue Atomkraftprojekte, für die jeder Rappen hinausgeschmissenes Geld ist.»

So könnte das Gespräch einmal enden. Es wäre noch keine grossartige Vision von anderem Leben, Hitzeschutz in der Arbeit und anderer Landwirtschaft. Es wäre einfach ein Gespräch auf Augenhöhe mit den «Bürgern», den Landwirten und der Wahrheit.

Aber so wie das «Tagesgespräch» wirklich ablief, ist es ein Beispiel für das öffentliche politische Verbiegen, Verwedeln und Ablenken. Vielleicht glaubt Ritter ja sein Sommermärchen selber, aber das macht noch keine Wahrheit. Es ist Propaganda aus Angst vor der Wahrheit, und wir kennen dieses System genau, seit Amerika einen Präsidenten hat, für den das Ausrufezeichen das einzige Stilmittel ist.

Es lässt sich übertragen auf viele andere Bereiche: Das nächste grosse Krisengebiet wird in der Schweiz wohl die IV sein, der die Mittel bald ausgehen werden, weil die Zahl der Neueintritte vor allem bei jungen Menschen steigt. Als «alarmierend» wird dort bereits wahrgenommen, dass psychische Erkrankungen mit 53 Prozent aller IV-Renten der mit Abstand häufigste Grund sind. Nimmt man nur die krankheitsbedingten IV-Renten, dann liegt der Anteil psychischer Erkrankungen gemäss den Daten des Bundesamts für Sozialversicherungen sogar bei 64 Prozent. Was sich darin für eine Wahrheit verbirgt über den Zustand unserer Wohlstandsgesellschaft, wird bald einmal aufs politische Parkett kommen müssen. Gott sei Dank nicht auf jenes von Herrn Ritter.

Denn dort heisst es weiterhin: «Endlich Sommer!»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst, unter anderem und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst und Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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