Kommentar

Früher fehlte Personal, heute fehlen Fachkräfte

Marco Diener © zvg

Marco Diener /  Aus dem einstigen «Personalmangel» ist ein «Fachkräftemangel» geworden. Blosse Aufschneiderei? Oder steckt mehr dahinter?

Kleine Frage: Was ist eine Fachkraft? Eine Chirurgin? Natürlich. Ein Schuhmacher? Ebenfalls. Eine Hausfrau? Ganz bestimmt. Ein Putzmann? Sicher. Ein Handlanger? Auch er ist eine Fachkraft, wenn er seine Arbeit gut macht.

Das heisst letztlich: Wir sind alle Fachkräfte – auf einem bestimmten Gebiet.

Warum ich darüber schreibe? Weil wir in letzter Zeit keine Zeitung mehr aufschlagen können, kein Radio mehr andrehen, keinen Fernseher mehr einschalten, ohne dass wir auf den Fachkräftemangel hingewiesen werden. Dabei findet das Wort erst seit kurzem breite Anwendung. Das zeigt der Blick auf die Häufigkeit der beiden Ausdrücke in der Schweizer Medien-Datenbank (SMD).

FachkräftemangelPersonalmangel
202586033081
202021781937
20151420434
2010223444
200510206
200054495

Aus der Tabelle lässt sich herauslesen: Vor 20, 25 Jahren war das Wort «Fachkräftemangel» noch kaum geläufig. Damals war – wenn schon – von einem «Personalmangel» die Rede. Inzwischen ist es umgekehrt: Das Wort «Fachkräftemangel» hat den «Personalmangel» überholt und abgehängt.

Natürlich: Die Sprache wandelt sich.

Aber warum wandelt sie sich eigentlich? Warum ersetzen wir ein Wort mit einem anderen, obwohl das neue keinerlei Mehrwert bietet? Auch wenn von einem Fachkräftemangel die Rede ist, wissen wir ja nicht, wer fehlt: Schreiner? Maler? Ärzte?

Spendenbalken blau

Seit Monaten rätsle ich, warum wir auf einmal alle von einem Fachkräftemangel sprechen. Oder besser gesagt: warum Wirtschaftsführer und Politiker ohne Unterlass davon sprechen. Ich weiss es nicht. Aber ich habe Vermutungen.

Vielleicht ist es der Zeitgeist: Wir leben in Zeiten, in denen wir gerne alles ein bisschen komplizierter machen, als es eigentlich ist. Ein Drechsler ist nicht mehr ein Drechsler, sondern ein Holzhandwerker EFZ Fachrichtung Drechslerei. Ein Bankangestellter ist ein Kaufmann EFZ Bank. Und ein Krippenangestellter ist ein Fachmann Betreuung EFZ Fachrichtung Kinder. In diesen Zeiten also ist es nur logisch, dass wir Berufsleute, die etwas können, als Fachkräfte bezeichnen.

Vielleicht geht es um Verunsicherung: Wenn ständig von Fachkräftemangel die Rede ist, dann verunsichert das alle Arbeitslosen und alle, die um ihre Stelle fürchten. Denn sie bekommen das Gefühl, dass sie keine Fachkräfte seien.

Vielleicht ist das Ziel ein bisschen Drama: Es kann auch sein, dass Politiker und Wirtschaftsführer mit dem Begriff «Fachkräftemangel» gerne auch ein bisschen dramatisieren. «Fachkräftemangel» klingt jedenfalls bedrohlicher als «Personalmangel». Ein Fachkräftemangel lässt sich – so könnte man meinen – nicht so leicht beheben wie ein Personalmangel.

Vielleicht geht es auch um Politik: Möglich ist natürlich auch, dass es mit dem ständigen Gerede vom Fachkräftemangel auch um Politik geht. Darum, dass wir den Fachkräftemangel nur beheben können, indem wir die Fachkräfte im Ausland rekrutieren. Letztlich um Stimmung gegen die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz».

Worum es wohl nicht geht: um die Lösung eines Problems. Denn dann wäre nicht ständig unspezifisch von einem Fachkräftemangel die Rede. Dann würde man uns sagen, wo genau Arbeitskräfte fehlen und wo es genug hat.

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Eine Fachfrau Betreuung EFZ Fachrichtung Kinder an der Arbeit.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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5 Meinungen

  • am 18.05.2026 um 11:29 Uhr
    Permalink

    Danke für diesen interessanten Hinweis.

  • am 18.05.2026 um 13:52 Uhr
    Permalink

    Fachkräftemangel lässt sich einfach erzeugen: Schreibe 100 Eigenschaften auf die die Fachkraft erfüllen muss und schon hast du Fachkräftemangel. Fachkräftemangel heisst schlechte Arbeitsbeingungen, wenig Anerkennung und nicht adequates Gehalt generieren Fachkräftemangel. Andere Berufe scheinen attraktiver…dabei gibt es nicht wenige, die die Umwelt oder die Mitmenschen schädigen (zb asoziale Medien, Billigkleider, Werbung …) und diese Schäden bezahlt die Allgemeinheit.

  • am 18.05.2026 um 18:37 Uhr
    Permalink

    Es geht wohl auch darum, die Widersprüchlichkeit der Argumentation zu kaschieren.
    Wenn man gleichzeitig von Personalmangel spricht und fordert, wir müssten zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, dann ist das doch ein ziemliche offensichtlicher Blödsinn.
    Wenn man den Personalmangel durch Fachkräftemangel ersetzt, dann tarnt man diesen Blödsinn zumindest notdürftig: Man insinuiert, dass es eben das falsche Personal sei, das beim RAV gemeldet ist.
    Dass das Problem vielleicht auch bei Arbeitgebern liegen könnte, welche einen Superman suchen, welcher zum Mindestlohn arbeiten möchte (etwas übertrieben formuliert), wird verdrängt.

  • am 18.05.2026 um 20:53 Uhr
    Permalink

    Es gibt eine einfache Lösung, wie sie früher im devisenschwachen Ostblock praktiziert wurde: man holt junge Leute aus Entwicklungsländern. Die bekommen eine super Ausbildung, Lehre oder Studium, müssen dafür einige Jahre im Gastland arbeiten und gehen dann als Fachleute mit Arbeitserfahrung und sehr guten Fremdsprachenkenntnissen in ihre Heimatländer zurück. So haben beide Seiten etwas davon. Der «Braindrain» wird begrenzt und es fließt das Wissen zurück. Vertraglich wird eine gewisse Frist vereinbart und Familiennachzug ausgeschlossen. Eine Unterbringung in Wohnheimen und eine teilweise Auszahlung des Lohnes in der Währung des Herkunftslandes kann die Kosten weiter begrenzen.

  • am 19.05.2026 um 09:00 Uhr
    Permalink

    Der Ausdruck „Fachkräftemangel“ ist weder klar definiert, noch ist der Begriff klar umrissen. Fachkräftemangel kann man nach Lust und politischer Laune ausrufen. Schon der Term „Fachkräfte“ ist nur eine semantische Nebelschwade. Was oder wer genau ist eine „Fachkraft“? Gehört dazu ein Lehrabschluss? Wieviel Berufserfahrung darüber hinaus braucht es? Ist dann jemand, der seinen Job tipp topp macht, aber keine Lehre oder Ausbildung gemacht hat, sondern einst als Quereinsteiger begonnen hat, keine Fachkraft? Norbert Häring hat (2024, 07. Januar) darauf aufmerksam gemacht, dass man im Rahmen des Internationalen Migrationspaktes den Term „Fachkraft“ je nach politischer Vorliebe willkürlich definieren kann, so dass aus Armutsflüchtlingen plötzlich Fachkräfte werden. Und wann man von „Mangel“ sprechen will, ist noch viel unklarer. Der Term „Fachkräftemangel“ ist inhaltsleeres Gerede, hat aber einen bedrohlichen Klang, ähnlich wie „Medikamentenmangel» und ist geeignet, Ängste zu schüren.

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