Kommentar
Früher fehlte Personal, heute fehlen Fachkräfte
Kleine Frage: Was ist eine Fachkraft? Eine Chirurgin? Natürlich. Ein Schuhmacher? Ebenfalls. Eine Hausfrau? Ganz bestimmt. Ein Putzmann? Sicher. Ein Handlanger? Auch er ist eine Fachkraft, wenn er seine Arbeit gut macht.
Das heisst letztlich: Wir sind alle Fachkräfte – auf einem bestimmten Gebiet.
Warum ich darüber schreibe? Weil wir in letzter Zeit keine Zeitung mehr aufschlagen können, kein Radio mehr andrehen, keinen Fernseher mehr einschalten, ohne dass wir auf den Fachkräftemangel hingewiesen werden. Dabei findet das Wort erst seit kurzem breite Anwendung. Das zeigt der Blick auf die Häufigkeit der beiden Ausdrücke in der Schweizer Medien-Datenbank (SMD).
| Fachkräftemangel | Personalmangel | |
| 2025 | 8603 | 3081 |
| 2020 | 2178 | 1937 |
| 2015 | 1420 | 434 |
| 2010 | 223 | 444 |
| 2005 | 10 | 206 |
| 2000 | 54 | 495 |
Aus der Tabelle lässt sich herauslesen: Vor 20, 25 Jahren war das Wort «Fachkräftemangel» noch kaum geläufig. Damals war – wenn schon – von einem «Personalmangel» die Rede. Inzwischen ist es umgekehrt: Das Wort «Fachkräftemangel» hat den «Personalmangel» überholt und abgehängt.
Natürlich: Die Sprache wandelt sich.
Aber warum wandelt sie sich eigentlich? Warum ersetzen wir ein Wort mit einem anderen, obwohl das neue keinerlei Mehrwert bietet? Auch wenn von einem Fachkräftemangel die Rede ist, wissen wir ja nicht, wer fehlt: Schreiner? Maler? Ärzte?

Seit Monaten rätsle ich, warum wir auf einmal alle von einem Fachkräftemangel sprechen. Oder besser gesagt: warum Wirtschaftsführer und Politiker ohne Unterlass davon sprechen. Ich weiss es nicht. Aber ich habe Vermutungen.
Vielleicht ist es der Zeitgeist: Wir leben in Zeiten, in denen wir gerne alles ein bisschen komplizierter machen, als es eigentlich ist. Ein Drechsler ist nicht mehr ein Drechsler, sondern ein Holzhandwerker EFZ Fachrichtung Drechslerei. Ein Bankangestellter ist ein Kaufmann EFZ Bank. Und ein Krippenangestellter ist ein Fachmann Betreuung EFZ Fachrichtung Kinder. In diesen Zeiten also ist es nur logisch, dass wir Berufsleute, die etwas können, als Fachkräfte bezeichnen.
Vielleicht geht es um Verunsicherung: Wenn ständig von Fachkräftemangel die Rede ist, dann verunsichert das alle Arbeitslosen und alle, die um ihre Stelle fürchten. Denn sie bekommen das Gefühl, dass sie keine Fachkräfte seien.
Vielleicht ist das Ziel ein bisschen Drama: Es kann auch sein, dass Politiker und Wirtschaftsführer mit dem Begriff «Fachkräftemangel» gerne auch ein bisschen dramatisieren. «Fachkräftemangel» klingt jedenfalls bedrohlicher als «Personalmangel». Ein Fachkräftemangel lässt sich – so könnte man meinen – nicht so leicht beheben wie ein Personalmangel.
Vielleicht geht es auch um Politik: Möglich ist natürlich auch, dass es mit dem ständigen Gerede vom Fachkräftemangel auch um Politik geht. Darum, dass wir den Fachkräftemangel nur beheben können, indem wir die Fachkräfte im Ausland rekrutieren. Letztlich um Stimmung gegen die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz».
Worum es wohl nicht geht: um die Lösung eines Problems. Denn dann wäre nicht ständig unspezifisch von einem Fachkräftemangel die Rede. Dann würde man uns sagen, wo genau Arbeitskräfte fehlen und wo es genug hat.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...