Trump, Carney, Merz

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (rechts) im Gefolge von US-Präsident Donald Trump, hier im Juli 2026 am G7-Gipfel in Evian-les-Bains. © Yoan Valat / EPAimages

Europa braucht eine eigenständige Aussenpolitik

Manfred Böhm /  Der Politologe Glenn Diesen kritisiert die europäische Politik scharf. Sie taumle sehenden Auges auf einen Grosskrieg zu.

Während europäische Regierungen und Medien die transatlantische Geschlossenheit betonen, warnt eine wachsende Zahl von Realpolitikern vor einem historischen Fehlkurs. Zu ihnen gehört der norwegische Politikwissenschaftler Prof. Dr. Glenn Diesen. In seinem aktuellen «Youtube»-Video The USA is destroying Europe from within sowie auf Facebook zeichnet er ein deutliches Bild: Der Kontinent opfert seine wirtschaftliche Basis und Sicherheit für die Interessen der USA und manövriert sich direkt in die Handlungsunfähigkeit. Am Beispiel von Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert er eine brandgefährliche Eskalationsspirale ohne Exit-Strategie, die Europa zur handlungsunfähigen Last der USA degradiert.

Glenn Diesen lehrt nach Stationen in Amsterdam, Australien und Moskau als Professor an der Universität Südost-Norwegen. Seine Schwerpunkte sind russische Aussenpolitik und Geopolitik. Mit elf veröffentlichten Fachbüchern ist Diesen ein produktiver Analyst, der den Wandel globaler Machtstrukturen untersucht. Kritiker werfen ihm russische Propaganda vor, der russische Sender «RT» zitiert Glenn Diesen immer wieder.

Diesen zufolge verschiebe sich die geopolitische Landkarte rasant, und Europa drohe dabei einer der grössten Verlierer zu werden. Glenn Diesens zentrale These ist so einfach wie provokant: Europa begeht geopolitischen Suizid. Angetrieben von einer Elite, die jeglichen Sinn für Realpolitik verloren habe, opfere der Kontinent seine eigene Zukunft auf dem Altar der US-Hegemonie. Diesen kritisiert vor allem vier Punkte:

1. Der wirtschaftliche Kahlschlag – teure Abhängigkeit statt Souveränität

Europas – und insbesondere Deutschlands – wirtschaftlicher Wohlstand basierte jahrzehntelang auf einer einfachen Formel: Hochentwickelte Technologie kombiniert mit billigen, verlässlichen Rohstoffen aus Russland. Mit dem radikalen Bruch dieser Beziehungen habe sich Europa sein eigenes Fundament entzogen.

Glenn Diesen betont, dass Europa die Abhängigkeit nicht beendet, sondern lediglich getauscht habe. Anstelle von russischem Pipeline-Gas importiert der Kontinent nun um ein Vielfaches teureres amerikanisches Flüssiggas (LNG). Die Folge? Eine schleichende Deindustrialisierung. Während europäische Unternehmen schliessen oder wegen massiver US-Subventionsprogramme nach Übersee abwandern, profitiere die US-Wirtschaft von der Schwächung ihres nominalen Verbündeten.

2. Das Versagen der Sicherheitsarchitektur

Aus Sicht des geopolitischen Realismus erfordert dauerhafter Frieden die Einbindung aller Grossmächte einer Region. Die historische Chance nach dem Kalten Krieg, ein «Gemeinsames Europäisches Haus» unter Einbeziehung Russlands aufzubauen, wurde laut Diesen durch die kompromisslose Expansion der Nato leichtfertig verspielt.

Die Nato dient in dieser Analyse primär nicht der Verteidigung Europas, sondern der Aufrechterhaltung der amerikanischen Dominanz auf dem eurasischen Kontinent. Die künstliche Trennungslinie, die quer durch Europa gezogen wurde, sorge für permanente Instabilität. Westliche Politiker agierten zunehmend in einem moralisierenden «Gut-gegen-Böse»-Narrativ, das rationale Verhandlungen und die Anerkennung legitimer Sicherheitsinteressen der Gegenseite unmöglich mache.

3. Europa als «Strategic Liability» (Strategische Last)

Ein fataler Fehler der europäischen Eliten sei die Verleugnung der langfristigen US-Strategie, so Diesen. Für Washington sei nicht Russland der Hauptgegner, sondern China. Der Fokus der USA verschiebe sich unaufhaltsam in den asiatisch-pazifischen Raum (Pivot to Asia).

Die USA würden den Ukraine-Konflikt benützen, um Russland zu schwächen und Europa enger an sich zu binden. Doch während die USA flexibel agieren könnten, verbleibe Europa in einer Schockstarre. Militärisch entblösst und wirtschaftlich angeschlagen werde der Kontinent von einer potenziell starken Kraft zu einer strategischen Last (Strategic Liability), die völlig handlungsunfähig sei, sobald Washington seine Prioritäten endgültig verlagere.

4. Transatlantische Unterordnung statt echte Souveränität: Der Fall Merz 

Besonders deutlich zeige sich dieses Dilemma laut Diesen am Handeln von Bundeskanzler Friedrich Merz. Merz verkörpere das tragische Paradoxon der modernen europäischen Führung: Er erkenne zwar formal, dass Europa eigenständiger werden muss, reagiere darauf jedoch nicht mit souveräner Diplomatie, sondern mit einer noch aggressiveren Fortführung der alten Politik:

  • Neokonservative Rhetorik: Diesen wirft in seinem Videobeitrag auf Facebook Merz vor, eins zu eins die veraltete Rhetorik der US-Neokonservativen aus der George-W.-Bush-Ära zu kopieren. Wer argumentiere, Russland agiere rein aus «Hass auf die westliche Freiheit», blende harte geopolitische Realitäten wie die Nato-Osterweiterung aus und verbaue jeden diplomatischen Ausweg.
  • Symbolpolitik in Kiew: Der jüngste Kanzlerbesuch von Merz in Kiew inmitten schwerer russischer Luftangriffe demonstriert für Diesen vor allem die europäische Ohnmacht. Merz verspricht weitere Waffen und Milliardenhilfen, während Moskau zeitgleich militärisch die Bedingungen diktiert. Eine gefährliche Symbolpolitik, die Deutschland ohne Exit-Strategie tiefer in den Konflikt ziehe.
  • Warnungen vor Hybrid-Angriffen: Bei der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises hielt Merz die Laudatio auf das Nato-Bündnis (Infosperber berichtete). Diesen kritisiert, dass das Schüren von Ängsten vor russischen Cyber- und Hybridangriffen bei solchen Anlässen primär als Herrschaftsinstrument diene, um die massive Aufrüstung sowie die wirtschaftlichen Einbussen vor der eigenen Bevölkerung politisch zu rechtfertigen.
  • Der Weg in den Grosskrieg: Die Forderungen nach massiver Aufrüstung, weitreichenden Waffensystemen und Debatten über europäische nukleare Abschreckung würden nicht zu Stabilität führen, sondern den Kontinent sehenden Auges in einen potenziell katastrophalen Krieg mit einer Atommacht treiben.

Schlusswort: Das Versagen der europäischen Führung 

Die Zerstörung Europas von innen heraus ist laut Glenn Diesen kein rein amerikanisches Komplott. Realistisch betrachtet, tun die USA lediglich das, was Grossmächte immer tun: Sie verfolgen rücksichtslos ihre eigenen nationalen Interessen.

Die eigentliche Verantwortung liege bei den europäischen Eliten, für die Friedrich Merz stellvertretend stehe. Indem sie auf eine eigenständige Aussenpolitik verzichteten, geografische Realitäten ignorierten und sich ideologisch unter transatlantische Vorgaben unterordneten, hätten sie die Interessen ihrer eigenen Bürgerinnen und Bürger verraten. Das Resultat sei ein deindustrialisiertes, tief gespaltenes und geopolitisch irrelevantes Europa, das durch den vollständigen Abbruch diplomatischer Kanäle und eine ungebremste Eskalationsspirale sehenden Auges in die akute Gefahr eines verheerenden kontinentalen Grosskriegs steuere.

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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Manfred Böhm ist Publizist und Buchautor. Er hat katholische Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft studiert.
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9 Meinungen

  • 12.10.2026 at 14:08
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    zit.(«..Glenn Diesens zentrale These ist so einfach wie provokant: Europa begeht geopolitischen Suizid. Angetrieben von einer Elite, die jeglichen Sinn für Realpolitik verloren habe, opfere der Kontinent seine eigene Zukunft auf dem Altar der US-Hegemonie…»). Ich halte diese These nicht für PROVOKANT, sondern für REALISTISCH – auch wenn Kiesewetter&Strack-Zimmermann&all noch so oft solche Meinungen als «Putin-Schleimerei» abqualifizieren wollen.Meine Meinung ist das Ergebnis einer zwar laienhaften, aber vorurteilsfreien, stetigen Summation von Beobachtungen, also genau das, worüber der Bürger bei seinen Wahlentscheidungen verfügen kann.

  • 12.10.2026 at 20:19
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    Teile diese Aussagen,möchte einen Aspekt miteinbringen.Eine große Mitschuld trägt, in meinen Augen,auch die heutige Presselandschaft.Leider hocken zuviele Aktivisten denn Journalisten in den Redaktionsräumen vieler Leitmedien.Wer «Haltungsjournalismus» betreibt,ist nicht gross daran interessiert reale Probleme vielschichtig wahrzunehmen,oder zu Papier zu bringen.Man ist versucht alles der eigenen Ideologie unterzuordnen und verfällt schnell in ein infantiles Schwarz/Weiss Schema.Eine solche Presse treibt die Politik richtigehend vor sich her.Ein gutes Beispiel ist der Umgang im Ukraine Krieg. Da wurde alles gnadenlos, was nicht der offiziellen Erzählung entsprach, als russische Fakenews, dargebracht von debilen Putinversteher, gebrandmarkt.Wie willst du überhaupt die Basis schaffen, dass da noch irgend ein Raum für Gespräche und Diplomatie stattfinden könnte.Es gibt keinen Spielraum für Kompromisse, was einer Lösung schwer im Wege steht.Eklatante Sackgasse in welcher wir uns befinden.

  • 12.10.2026 at 22:30
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    Da ist viel Bedenkenswertes drin.
    Klar ist Russland hier der Aggressor, hat ein autokratisches, antidemokratisches und wohl auch imperialistisches Regime. Aber dass sich «Europa» dermassen tollpatschig aufführt, und sich selbst sämtliche diplomatischen Auswege vernagelt, während die USA es fallen lassen, ist schon unbegreiflich und auch gefährlich.
    Das hat wohl auch Alain Berset gespürt, als er vom Kriegsrausch sprach, was ihm dann angekreidet wurde.

    • 13.10.2026 at 11:18
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      Herr Böhm bringt in seinem Artikel die Sache klar und deutlich auf den Punkt.
      Auch die Aussagen meiner drei Vorredner mit ihren Kommentaren gehören dazu.

      Es sind jedoch neben den Medien, Merz und der Rüstungindustrie noch viele andere Leute in der Verantwortung für das ganze Debakel. Auch Macron, Selensky, Frau von der Leyen etc. spielen entscheidende Rollen.
      Wichtige Stimmen wie Klaus von Dohnanyi wurden früh zum Schweigen gebracht.

      Was mir auch eingefahren ist, ist wie der Tag der Deutschen Einheit 2026 gefeiert worden ist. Da waren neben den oben Aufgeführten auch die Spitze der Nato und die Rüstungsindustrie prominent vertreten.

      Was mir im Moment etwas Hoffnung bereitet – dass der Grosskrieg ev. doch vermeidbar ist – ist der Diesel-Deal von Trump mit Putin und die Gedichte von Wolfgang Bittner – diese sind gut fürs Herz.
      Vielleicht schaffen die Medien doch noch die Wende.

      Die Hoffnung stirbt zuletzt…

      • 13.10.2026 at 22:38
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        Liebe Frau Hauptlin Schneider
        Ich schätze Ihre Kommentare sehr. Allerdings gehe ich nicht Ihnen einig, dass die Medien die Wende schaffen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen scheinen sie Teil eines grösseren Plans. Betrachtet man die Besitzverhältnisse, z.b. auf swprs.org (Medienkompass) ist eigentlich auch klar warum.

  • 13.10.2026 at 06:14
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    Alles richtig ausser das Europa eine “Last” für die USA sein werden.

    Die USA lassen jeden fallen (ausser Israel) wenn er ihnen nicht mehr nutzt. Sie kennen keine Freunde, nur Standorte und Märkte.
    In diesem speziellen Fall wird Europa als Kanonenfutter gegen Russland eingesetzt weil die USA genau wissen, dass sie nicht an zwei Fronten bestehen können. Die teuerste Hollywood Armee der Welt besteht ja nicht einmal wirklich gegen Länder wie den Iran. Für viel mehr als Venezuela oder Kuba reichts wohl nicht. Die Chinesen werden ihnen, falls es soweit kommen sollte, eine deftige Ohrfeige verpassen. Abgesehen davon hat die USA den eigenen Niedergang längst erkannt. Die Frage ist, ob sie es schaffen werden die gewünschte Hyperinflation auszulösen, damit ihre Schulden sich in Luft auflösen. Sie haben sich mittlerweile auf Pump alles gekauft was sie brauchen.
    In der aktuellen Politiklandschaft, Kehrtwende ausgenommen, wird es keinen Wandel geben. Dazu waren die Lobbys zu erfolgreich.

  • 13.10.2026 at 14:20
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    «Europa braucht eine eigenständige Aussenpolitik» tönt gut. Aber wer ist mit «Europa» gemeint? Vielleicht die EU? Sie hat auf dem Papier eine Gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik (GASP). Diese ist auf Konfliktlösung und internationalen Konsens ausgerichtet. Die Mitgliedstaaten entscheiden einstimmig über die meisten außenpolitischen Angelegenheiten. Das heisst: Bei 27 Ländern gibt es keine «gemeinsame Aussenpolitik».

    • 14.10.2026 at 06:02
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      zit.(„..27 Länder,…Einstimmigkeit,..unmöglich…“) – aus Ihren Worten spricht eine – berechtigte – Skepsis. Das Problem bestand latent schon zu Beginn mit wenigen Mitgliedern, war aber durch den Willen von wenigen Politikern und das gemeinsame Leid der Kernländer überdeckt. Die latenten Spannungen sind dann ,trotz vieler Warnungen, durch die unbedenkliche Aufnahme immer weiterer Staaten, nicht geringer geworden. Im Gegenteil.Der Spaltpilz „nationale Egoismen“ ist einfach ignoriert bzw. durch das „Antibiotikum wirtschaftlicher Konzepte“ bekämpft worden. Eigentlich kein schlechter Gedanke. Die Realität zeigt aber : das Mittel ist nicht ausreichend wirksam.Dennoch geht man diesen Weg immer weiter. Die Absicht, selbst ein solches Poblemland wie die Ukraine zu integrieren, zeigt das. Es fehlt eine, wirklich in den Köpfe und Herzen des Volkes verankerte, Integralfunktion. Das kann nur ein SOZIALER Internationalismus leisten. DER muß schon in den Schulen gelehrt werden.Sonst wird es nichts

    • 14.10.2026 at 21:02
      Permalink

      Das frage ich mich auch: «wer ist mit «Europa» gemeint?» (generell bei Medienberichten, nicht nur in diesem Artikel). Ist es das geografische Europa? Wohl kaum, da gehören ja Teile Russlands auch dazu. Ist es die EU (also ohne GB)? Ist es die alte Nato? Ist es die aktuelle Nato? Ist es die «Koalition der Willigen»? Das kommt der Zielsetzung bezüglich Ukraine wohl am nächsten, aber da hat man 34 «eigenständige» Aussenpolitiken, aber niemals eine gemeinsame…

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