Nach Zähnen, Haaren, Augen: Das Geschäft mit dem Kinderwunsch
Im Dezember 2023 eröffnete in Zürich die Cada-Praxis für Fruchtbarkeitsabklärungen. Im September 2024 folgte die Eröffnung der «Cada Kinderwunschklinik» an nobler Adresse «zwischen Schönheitskliniken, Family-Offices und Privatbanken» im Zürcher Seefeld. «Das hochmoderne diagnostische Labor von Cada befindet sich direkt neben dem Operationssaal hinter einer Milchglasscheibe. Auf Knopfdruck können Kundinnen die Embryologen bei der Arbeit beobachten», beschrieb es ein Artikel im «Tages-Anzeiger», der beste Werbung für die Klinik war. «In dieser Klinik hilft die KI beim Kinderkriegen», die Kinderwunschklinik «platze aus allen Nähten» und baue aus, erfuhren die Leserinnen und Leser.
Was dort nicht stand: Hinter der «Cada Kinderwunschklinik» in Zürich steht das Start-up «Cada Fertility». Zwei der Investoren sind laut dem «Startupticker.ch» Philip Magoulas, einer der ersten Mitarbeiter von Zalando, sowie der «Schweizer Serienunternehmer» Ertan Wittwer. Beide haben in der Schweizer Gesundheitsszene bereits als Investoren von sich reden gemacht.
Die Käuferin Migros fühlte sich übers Ohr gehauen
2018 waren Magoulas und Wittwer an der Gründung von Bestsmile beteiligt, einer Kette von 36 chicen Zahnarztpraxen zur Zahnkorrektur, die 2021 einen Umsatz von angeblich 50 Millionen Franken machte. 2022 kaufte die Migros Bestsmile für mutmasslich 80 bis 100 Millionen Franken. Investor Wittwer habe sich daraufhin einen 1600-PS-Bugatti für rund vier Millionen Franken geleistet, schrieb «Inside Paradeplatz».
Die Migros dagegen machte bei Bestsmile bereits 2023 einen Abschreiber von 60 Millionen Franken, so die «NZZ». Anfang 2024 schloss die Migros zunächst neun Bestsmile-Standorte. Im Herbst 2024 gab sie bekannt, dass sie alle restlichen 27 Standorte schliessen werde. Danach reichte die Migros eine Klage gegen die Bestsmile-Verkäufer ein wegen mutmasslich geschönter Bilanzen. Diese wehrten sich mit einer Gegenklage wegen Rufschädigung.
Konkursverfahren bei Hair & Skin
Auch bei Hair & Skin war Ertan Wittwer 2020 als Mitgründer dabei. Das Unternehmen wurde rasch zum «grössten Player am Schweizer Markt», schrieb «Watson» und berichtete von fragwürdigen Geschäftspraktiken. Kundinnen seien beispielsweise mit der Prophezeiung, sie würden bald eine Glatze bekommen, unter Druck gesetzt worden, einen Vertrag mit Hair & Skin zu unterschreiben. Die Firma bestritt die Vorwürfe.
Im August 2024 kam das Aus. Damals «eröffnete das Obergericht Zürich den Konkurs über die Klinik-Kette Hair & Skin Medical AG», so «Watson». Sowohl das mit über 13 Millionen Franken verschuldete Hair & Skin als auch Bestsmile «machten Schlagzeilen mit ihren Geschäftspraktiken. Der Tenor lautete teils: Kunden würden Behandlungen aufgedrängt und die Ergebnisse seien nicht optimal.»
«Ertan Wittwer hatte eine einzige Idee: Gross und grösser machen, dann teuer losschlagen. […] Aufblasen, dann verkaufen: Wittwer beherrschte die Technik meisterhaft. Nicht nur bei Bestsmile», lästerte «Inside Paradeplatz». «Hair & Skin war ein weiteres luftiges Vorhaben […] Auch bei diesem stampften Wittwer und seine stets gleichen Helfer eine eindrückliche Gruppe aus dem Boden. Die Bewertung ging rasch durch die Decke, bevor sie Richtung Zero rauschte – alles zerschellte: Firma weg, Jobs weg.»
Augenlaser-Patienten fühlten sich schlecht informiert
Danach folgte Betterview, eine Kette von Augenlaser-Kliniken. «Im November 2021 gegründet, hat sich der Augenlaser-Anbieter mit mittlerweile zehn Standorten in der Schweiz im Rekordtempo zum Marktführer gemausert», berichtete «Watson».
Wieder erfuhr das Onlineportal von unzufriedenen Kundinnen, bei denen es zu Komplikationen oder zu starken Schmerzen gekommen war, obwohl die Betterview-Werbung etwas anderes suggeriert hatte: «In einem Tiktok-Video heisst es: ‹Augenlasern soll schmerzhaft sein? … Nur ein Gerücht.› Oder: ‹Schmerzen haben bei unseren Laserbehandlungen nichts verloren.› Und am Schluss: ‹Sorgen um Schmerzen musst du dir nicht machen.›» Eine der betroffenen Kundinnen bewertete Betterview im Internet schlecht. Danach habe Betterview sie mit mehreren Anrufen, Blumen und einem Rabatt von 4000 Franken gebeten, die schlechte Bewertung zu löschen. Betterview bestritt diese Darstellung.
Im September 2025: «Verkauf an eine deutsche Gruppe, Schliessung eines Drittels der Filialen. Dreimal das gleiche Muster, dreimal ein Trauerspiel, dreimal der gleiche Mann im Fokus: Wittwer», so «Inside Paradeplatz».
«Die Schweiz ist ein attraktiver Markt für uns»
Die Käuferin namens Euroeyes, die ihren Sitz in Hamburg hat, ist an der Börse von Hongkong kotiert. Sie bezahlte rund 12 Millionen Franken für Betterview und erweiterte damit ihre bisherigen Standorte in Deutschland, Dänemark, Grossbritannien, China und Hongkong, berichtete «Medinside». «Die Schweiz ist ein attraktiver Markt für uns», liess sich der Euroeyes-Gründer zitieren. Derzeit betreibt die Käuferin acht Standorte in der Schweiz.
Nun mischen Wittwer und seine Mitgründer den Markt im nächsten Gebiet auf: Nach Haaren, Haut, Augen und Zähnen investierten sie mit Cada Fertility in die Fortpflanzungsmedizin, ein Gebiet, das seit einigen Jahren vermehrt Investoren anlockt (Infosperber berichtete).
Zusatzbehandlungen ohne erwiesenen Nutzen
Das österreichische Institut für Health Technology Assessment AIHTA informierte jüngst: Häufig würden In-vitro-Befruchtungs-Kliniken den Paaren ergänzende Verfahren, Medikamente oder Techniken anbieten, welche die Erfolgschancen auf ein Baby steigern sollen. Doch: «Eine aktuelle […] Metaanalyse deutet darauf hin, dass viele dieser Zusatzbehandlungen die Chance auf ein Kind wahrscheinlich nicht erhöhen.» Viele Paare dürften dafür also vergeblich bezahlen.
Von zehn häufig angewandten Zusatzbehandlungen bei der In-vitro-Befruchtung fanden die Autoren dieser Metaanalyse in «The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women’s Health» nur bei einer Hinweise, dass sie die Lebendgeburtenrate möglicherweise «geringfügig» verbessert. Bei allen anderen gab es entweder zu wenig Daten oder keine Hinweise für diesen Nutzen.
Ein Beispiel ist das «Time-Lapse-System» (TLS). Dabei verfolgt eine Kamera die Entwicklung des Embryos im Labor und eine Software soll helfen, den besten Kandidaten unter den Embryonen zu ermitteln. Andreas Abraham Zadeh, Reproduktionsmediziner und ehemaliger Direktor einer entsprechenden Klinik in Barcelona, schrieb letztes Jahr in der Fachzeitschrift «Reproductive Biology and Endocrinology» dazu: Viele Kliniken hätten das TLS eingeführt, «nicht unbedingt aufgrund überzeugender klinischer Daten, sondern um keine Patientinnen zu verlieren und sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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