Die Nato verschleiert ihre atomare Aufrüstung
Dass die Nato nicht nur konventionell, sondern auch nuklear weiter aufrüsten werde, hatte Nato-Generalsekretär Mark Rutte schon am 21./22. April anlässlich des diesjährigen Nato Nuclear Policy Symposiums angedeutet, zu dem rund 150 Experten aus den Mitgliedstaaten in Istanbul zusammengekommen waren. «In Zeiten grosser Instabilität», äusserte Rutte damals, nehme auch «die Bedeutung nuklearer Abschreckung zu»; man müsse deshalb dafür sorgen, dass die Abschreckung «glaubwürdig, sicher und wirksam» bleibe [1]. In diesem Kontext werde man «wichtige Entscheidungen» treffen müssen – «unter anderem darüber, wie sich die nukleare Aufstellung der Nato weiter an das sich verschlechternde Sicherheitsumfeld anpassen muss».
Rutte teilte damals mit, im Rahmen der Modernisierung der Nato werde an nuklearen Fragen bereits gearbeitet; dies sei, insbesondere mit Blick auf das Risiko «einer Eskalation» des Konflikts mit «dem nuklear bewaffneten Russland», durchaus «heikel».
Zwei Monate später, am 18. Juni, bekräftigte die Nuclear Planning Group der Nato nach ihrem regulären Jahrestreffen in Brüssel, man sei mittlerweile dabei, «die nuklearen Fähigkeiten der Nato zu modernisieren» und ihre «nuklearen Planungsfähigkeiten zu stärken [2]. In die benötigten «Fähigkeiten» werde man entsprechend «investieren».
«Taktische» Einsätze
Bei der Modernisierung, die bereits im Gang ist, handelt es sich zum einen um die Ersetzung alter durch neue US-Atombomben, die im Rahmen der «nuklearen Teilhabe» in fünf Ländern Europas lagern. Sie ist, wie aus Äusserungen hochrangiger Militärs hervorgeht – Experten bestätigen dies –, inzwischen abgeschlossen. Konkret sind alte B61-Bomben durch neue vom Typ B61-12 ersetzt worden.
Die B61-12 sind deutlich zielsicherer als ihr Vorgängermodell; sie lassen sich zudem skalieren, also mit unterschiedlicher Sprengwirkung einsetzen. Wie Fachleute bestätigen, können sie somit prinzipiell auch «taktisch» eingesetzt werden, so etwa, um feindliche Kommandozentralen und andere militärische Infrastruktur zu zerstören, aber auch, um Ansammlungen feindlicher Streitkräfte zu vernichten. Sogar Einsätze auf dem Schlachtfeld sind prinzipiell denkbar. Damit sinkt die Hemmschwelle zu ihrer Nutzung – und die Atomkriegsgefahr nimmt zu.
Die fraglichen US-Bomben sind auf Flugplätzen in Büchel in der Eifel, in Kleine Brogel in Belgien, in Volkel in den Niederlanden, in Aviano und Ghedi in Italien sowie in İncirlik in der Türkei stationiert. Insgesamt soll es sich Experten zufolge derzeit um rund 100 jederzeit einsatzfähige Atombomben handeln [3]. Für Büchel wurde bislang die Zahl 20 genannt.
Milliarden für Büchel
Mit der Umrüstung auf die neuen Bomben vom Typ B61-12 sind weitere modernisierende Massnahmen verbunden. Dazu zählt insbesondere die Umstellung auf neue US-Kampfjets des Modells F-35. Alle Streitkräfte, die in die nukleare Teilhabe integriert sind, besitzen bereits F-35-Jets oder sind dabei, sie zu erwerben – auch die deutsche Bundeswehr, die für zehn Milliarden Euro 35 F-35-Jets erwirbt [4].
Für den Betrieb der F-35 wiederum muss der Fliegerhorst Büchel umfassend umgebaut werden. Unter anderem benötigt er eine völlig neue Infrastruktur für die Einsatzsteuerung [5]. Die Umbauten sollen spätestens 2027 abgeschlossen sein. Der starke Zeitdruck sowie spezielle Sicherheitsvorgaben der Vereinigten Staaten – so darf zum Beispiel nicht einmal Stahl aus chinesischer Herstellung genutzt werden – treiben mittlerweile die Kosten rasant in die Höhe. Gingen die Planungen zunächst von Kosten von gut 700 Millionen Euro aus, so war bald schon von 1,1 Milliarden Euro die Rede. Im Juli vergangenen Jahres räumte das Verteidigungsministerium ein, der Endpreis werde wohl sogar auf zwei Milliarden Euro steigen [6].
Im Juni konnten die Tornados, die wegen der Bauarbeiten zwischenzeitlich nach Nörvenich verlegt worden waren, wieder nach Büchel zurückkehren. Mit einem endgültigen Abschluss des Umbaus wird laut Berichten erst 2030 gerechnet.
An der Grenze zu Russland
Im Rahmen ihrer weiteren nuklearen Aufrüstung zieht die Nato, wie am Freitag berichtet wurde, auch die Einrichtung neuer Stationierungsorte in Betracht. In Grossbritannien wird der Plan Berichten zufolge bereits realisiert. Schon im Sommer vergangenen Jahres hatten Rüstungsgegner mitgeteilt, man verfüge über klare Hinweise darauf, dass auf die Air Base Lakenheath nordöstlich von Cambridge B61-12-Bomben verbracht worden seien [7]. Es wäre das erste Mal seit 2008, dass US-Atomwaffen wieder in Grossbritannien lagern.
Inzwischen gehen Experten allgemein davon aus, dass US-Atombomben in Lakenheath angekommen sind. Die Luftwaffenbasis war 2021 die erste in Europa, auf der US-Kampfjets vom Typ F-35 stationiert wurde. Mit den neuen B61-12 ist das Vereinigte Königreich das sechste Land in Europa, in dem US-Atombomben lagern. Weitere könnten, wie Nato-Generalsekretär Rutte in einem Gespräch mit der Deutschen Depeschenagentur explizit nicht ausschloss, folgen. Genannt werden mögliche Standorte in Finnland, Litauen und Polen, alle an oder nahe der Grenze zu Russland.
Litauen hat erst kürzlich angekündigt, das Verbot der Stationierung von Atomwaffen aus seiner Verfassung zu entfernen. Es gehe darum, «alle Möglichkeiten der nuklearen Abschreckung zu nutzen», teilte Präsident Gitanas Nausėda Anfang Juli in Berlin mit [8]. Bundeskanzler Friedrich Merz liess Zustimmung erkennen.
Das Ende der Rüstungskontrolle
Experten urteilen, insgesamt könnten 100 bis 150 Atombomben vom Typ B61-12 zusätzlich in Europa stationiert werden. Parallel hat auch Frankreich angekündigt, seine Bestände an Kernwaffen aufzustocken [9]. Über die genaue Zahl will Paris keine Informationen veröffentlichen – mit dem erklärten Ziel, den Gegner, also Russland, im Unklaren zu lassen. Auch bei der Nato wird Berichten zufolge darüber nachgedacht, keine Details über die in Aussicht stehende nukleare Aufrüstung vorzulegen. Als Grund wird gleichfalls das Vorhaben genannt, in Moskau Ungewissheit zu schüren [10].
Während dies als strategischer Vorteil angepriesen wird, erhöht es faktisch die Unsicherheit in Europa noch mehr, zumal stark davon auszugehen ist, dass Russland reziprok reagiert, seinerseits Atomwaffen in grösserer Nähe zu Westeuropa stationiert und den Westen auch im Unklaren lässt.
Dies geschieht, nachdem die Vereinigten Staaten systematisch die nukleare Rüstungskontrolle ruiniert haben, indem sie alle einschlägigen Abkommen auslaufen liessen, zuletzt New Start, das am 5. Februar dieses Jahres formal ungültig wurde. Alistair Burnett von der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN) konstatiert: «Kein einziges der Abkommen über atomare Rüstungskontrolle gilt mehr.» [11]
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[1] Opening address by NATO Secretary General Mark Rutte to the NATO Nuclear Policy Symposium. nato.int 21.04.2026.
[2] 2026 Nuclear Planning Group Statement. nato.int 18.06.2026.
[3] Hans M. Kristensen, Matt Korda, Eliana Johns, Mackenzie Knight-Boyle: United States nuclear weapons, 2026. thebulletin.org 12.03.2026.
[4] Einführung des F-35: mehr als «nur» ein neues Kampfflugzeug. bundeswehr.de.
[5] Matthias Gebauer: Umbaukosten am Luftwaffenstandort Büchel laufen aus dem Ruder. spiegel.de 02.072.2025.
[6] 600 Millionen Euro mehr für Fliegerhorst Büchel. faz.net 25.07.2026.
[7] RAF Lakenheath: Have US nuclear weapons returned to Britain? cnduk.org.
[8] Litauen will Atomwaffen stationieren – Merz respektiert das. spiegel.de 03.07.2026.
[9] S. dazu Im Zeitalter der Atomwaffen.
[10] Nato arbeitet an Plänen für Ausbau der atomaren Abschreckung. handelsblatt.com 31.07.2026.
[11] Fredy Gsteiger: «Die Ära der nuklearen Abrüstung ist zu Ende». srf.ch 29.03.2026.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Online-Plattform «german-foreign-policy.com». Diese «Informationen zur Deutschen Aussenpolitik» werden von einer Gruppe unabhängiger Publizisten und Wissenschaftler zusammengestellt, die das Wiedererstarken deutscher Grossmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachten. Titel und Vorspann von der Redaktion.
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