NAZA Interview YY

Einer der Zeugen sagt auf einem Dach in Tel Aviv aus. © The Guardian

«Es war wie ein Videospiel. Deine Hormone drehen durch»

upg. /  Eine KI analysierte Handy-Daten und definierte «Terroristen». Diese wurden nachts samt Familien und Nachbarn von Drohnen getötet.

Die KI heisst «Lavender». Sie kann Telefonverbindungen und -gespräche sämtlicher Handy-Besitzerinnen und -Besitzer in Gaza auswerten und mit einem Algorithmus ausspucken, wer zu den Terroristen gehört. Weil Israels Armee die Wahrscheinlichkeit für gross hält, dass sich die Zielpersonen nachts in ihren privaten Wohnungen aufhalten, wurden deren Wohnungen oder Wohnblocks nachts auf Knopfdruck mit Drohnen bombardiert und zerstört. Als «Kollateralschaden» wurden auch deren Frauen, Kinder und Nachbarn mit in den Tod gerissen.

Das belegen anonymisierte Aussagen von 24 israelischen Militär- und Geheimdienstangehörigern, die Yuval Abraham und Rachel Szor für ihren Dokumentarfilm «NAZA» interviewt haben. «NAZA» ist ein hebräisches Militärkürzel für Nezek Agavi (נזק אגבי), auf Deutsch Kollateralschaden. Gemeint sind Schäden an Zivilpersonen oder zivilen Objekten, die bei einem Angriff auf ein militärisches Ziel entstehen.

«NAZA» wurde in der Schweiz zuerst Ende September am Zürcher Filmfestival gezeigt. Gegenwärtig läuft der Film in grösseren Schweizer Städten.

Vor Kriegsbeginn im Oktober 2023 hatte die Hamas in Gaza nach einer von Reuters veröffentlichten US-Schätzung 20’000 bis 25’000 bewaffnete Kämpfer. Um einen von ihnen zu töten, nahm Israels Armee – je nach vermutetem Rang des Zielobjekts – mindestens in der ersten Phase des Krieges ein Dutzend bis über hundert zivile Tote als Kollateralschaden in Kauf.

Das bezeugten nicht nur die Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter im Dokumentarfilm, sondern das hatten vor zweieinhalb Jahren bereits Zeugen gegenüber dem israelischen Magazin «+972-Magazin» ausgesagt.


Anonymisierte Zitate aus dem Film «NAZA»

«Ich kann auf ein Haus klicken und sehen, wie viele Menschen Schaden nehmen, wenn ich es bombardiere. […] Man sieht es so: Wohnung 6, 5. Stock, Ahmad und seine Familie werden sterben.» 

«Wir wussten nicht einmal, wer die Zielpersonen sind», sagt ein Interviewter, der vom Computer aus Bombenabwürfe auslöste. Eines seiner Ziele habe sich als eine 80-jährige Frau herausgestellt.

«Es ist wie ein Videospiel, das haben alle gesagt. […] Deine Hormone drehen durch. […] wir waren da alle richtig drin. […] Ein verrückter Spass.» 

«Ich bin nur ein kleines Rädchen. Wenn es nicht ich gewesen wäre, hätte es jemand anders getan. Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir die Mission erfüllt haben. Meine Rolle war rein technisch und hat mit moralischen Fragen nichts zu tun.»

«Ich hatte mich immer gefragt, wie die Deutschen damit leben konnten, was sie in sich hatten. Heute verstehe ich es. Aber was macht das dann aus mir? […] Ich habe an einem Genozid teilgenommen.» 

Israels Armee dementiert: «NAZA enthält fundamentale Irrtümer»

Am 29. September warfen die israelischen Streitkräfte (IDF) den Filmemachern vor, die Zahl der zivilen Opfer falsch darzustellen, die Regeln für Kampfeinsätze und den Einsatz der KI falsch darzustellen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nannte den Film «schockierend» und sagte: «Wir bekämpfen weltweit antisemitische Hetze, aber wenn sie aus unseren eigenen Reihen kommt, ist das unerträglich.»

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