Kommentar

Die Gründe für die Ebola-Unruhen

Bernd Hontschik © Ute Schendel

Bernd Hontschik /  Die Unruhen im Kongo und in Kenia haben nicht nur mit Ebola zu tun. Ein Grund ist auch eine neue Art von Kolonialismus.

Red. Dies ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Bernd Hontschik, «Die häufigste Krankheit ist die Diagnose. Gesundheit ist keine Ware».

Anfang Juli 2026 haben wütende Bewohner in Bafwabango in der Provinz Ituri im Ostkongo ein Ebola-Behandlungszentrum in Brand gesteckt. Es kam zu erheblichen Ausschreitungen, ein Polizist wurde dabei getötet. Mehrere Infizierte mussten fliehen, mitsamt der medizinischen Besatzung. Zuvor war schon in Mongbwalu ein Behandlungszelt der Organisation «Ärzte ohne Grenzen» niedergebrannt worden, fast gleichzeitig brannte in Rwampara ein Behandlungszentrum.

Auslöser der Ausschreitungen waren Angehörige, die den Leichnam eines Ebola-Opfers abholen wollten, um ihn auf traditionelle Weise zu bestatten, was die Ärzte aber aus Gründen des Infektionsschutzes verweigerten.

Mit der Auseinandersetzung um Beerdigungsrituale ist die ungeheure Wut hinter diesem Gewaltausbruch aber längst nicht erklärt. Im Kongo herrscht Bürgerkrieg. Im Ostkongo gibt es anhaltende Kämpfe der Armee mit der Rebellenmiliz M23 und weiteren bewaffneten Rebellen. Umkämpft sind die grossen Ressourcen an Coltan, Kupfer und Gold. Im Kongo sind sechs Millionen Menschen auf der Flucht.

Allerlei Gerüchte

Inzwischen sind bereits mehr als 3000 Menschen an Ebola gestorben, mehr als 4000 Infektionen sind offiziell bestätigt, und die weitere Ausbreitung ist rasant. Eine Eindämmung der Katastrophe ist nicht in Sicht. Die Krankenhäuser sind überfüllt, ein ziviles Leben ist fast unmöglich. Ein tiefes Misstrauen gegenüber den schlecht funktionierenden Behörden und allen ausländischen Organisationen ist ein Nährboden für Gerüchte und Verschwörungserzählungen: Ebola gebe es gar nicht; Ebola hätten westliche Länder in den Kongo gebracht, um medizinische Experimente durchzuführen; mit Ebola würden Ausländer viel Geld verdienen.

Allein das Gerücht, die Behandlungszentren würden von den USA gebaut, erinnert an Impfkampagnen, welche die USA in der Vergangenheit für ihre Zwecke und für Spionage in Asien und in Afrika missbraucht haben. Dabei spielt die United States Agency for International Development (USAID) eine zentrale Rolle. Im September 1961 von John F. Kennedy gegründet, leistete die USAID im Haushaltsjahr 2024 Hilfe für rund 130 Länder.

Das Ende von USAID

Diese über 60 Jahre alte Behörde hatte bis vor kurzem noch etwa 10’000 Angestellte und ein Budget von knapp 50 Milliarden Dollar. Sie realisierte weltweit die gesamte Entwicklungszusammenarbeit der USA, sollte unter anderem demokratische Entwicklungen stärken, Umweltschutz und landwirtschaftliche Projekte finanzieren und Nothilfe in Katastrophen- und Krisenfällen leisten.

Elon Musk, der US-Schattenpräsident, bezeichnete die USAID als kriminelle Vereinigung, die von «radikalen Verrückten» geführt werde. Die Behörde müsse geschlossen werden. Fast alle USAID-Verträge wurden gekündigt. Die Anzahl der Stellen wurde auf 300 gekürzt.

Unvorstellbare Katastrophe

Für die betroffenen Länder von Indien bis Südafrika, von Afghanistan bis Brasilien war und ist das eine unvorstellbare Katastrophe. Programme zur Krankheitsbekämpfung, Epidemieprävention und Aufbau einer medizinischen Grundversorgung in Lateinamerika, Asien und vielen afrikanischen Ländern brachen in sich zusammen. Tausende von Beschäftigten dort verloren von heute auf morgen ihren Arbeitsplatz.

Fatal daran ist, dass dieser Kahlschlag früher oder später wie ein Bumerang auf die USA und damit auch auf Europa zurückschlagen wird, indem sie von unkontrollierbaren Ausbrüchen alter und neuer Infektionskrankheiten in Afrika und Asien unentrinnbar mit erfasst werden.

Arm der US-Aussenpolitik

Das ist die eine Seite der Medaille dieses Trumpschen Zerstörungswerks. Zwar ist das eine Katastrophe für Millionen Menschen weltweit, die andere Seite der Medaille aber ist, dass USAID niemals nur wie eine Art Caritas agierte. Sie war immer auch ein finanzieller Arm der US-amerikanischen Aussenpolitik und des CIA. Sie war immer auch ein Element der Destabilisierung von linken und progressiven Regierungen, besonders in Lateinamerika. Sie hat Menschenrechtsverletzungen und Diktaturen unterstützt.

Und als die USA dieses Jahr begannen, in der kenianischen Hauptstadt Nairobi ein Ebola-Quarantänezentrum für 13 Millionen US-Dollar zu bauen, in dem exklusiv erkrankte oder infizierte US-Bürger behandelt werden sollten, kam es zu massenhaften Protesten, die brutal niedergeschlagen wurden. Drei Demonstranten wurden getötet.

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Proteste gegen das US-Ebola-Zentrum in Nairobi.

Die Bewegung wurde angeführt von einer kenianischen Bürgerrechtsgruppe, die sich Amka Changamka nennt, ein Ausdruck in der suahelischen Sprache, der übersetzt etwa «wach auf und werde munter» heisst. Die Gruppe kämpft für Transparenz und Bürgerrechte und fordert eine Rechenschaftspflicht bei Polizeigewalt.

Alter Kolonialismus im neuen Mäntelchen

Amka Changamka protestierte besonders gegen die Intransparenz der Pläne der kenianischen Regierung zur Errichtung diese-Quarantänestation für US-Bürger. Diese müssen sich 21 Tage dort aufhalten, bevor sie in die USA zurückreisen dürfen. Amka Changamka protestierte und fragte, wieso die Rückkehr der US-Bürger aus Ebola-Gebieten für die USA zu gefährlich sei und warum in Kenia selber nicht mehr gegen Ebola getan werde. Alter Kolonialismus im neuen Mäntelchen.

Nachtrag: Nach wochenlangen Protesten mit mehreren Toten und einer Strafandrohung des Obersten Gerichts hat die kenianische Regierung die Arbeiten an einem Ebola-Quarantänezentrum für US-Bürger gestoppt. Er habe die Einstellung «aller Vorbereitungen, Bauarbeiten und anderer damit zusammenhängender Tätigkeiten auf dem Luftwaffenstützpunkt Laikipia» angeordnet, erklärte der kenianische Gesundheitsminister Aden Duale. (Deutsches Ärzteblatt, Ausland, News)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Arzt und Autor Bernd Hontschik hat eben das Buch «Die häufigste Krankheit ist die Diagnose. Gesundheit ist keine Ware» veröffentlicht. Das Buch ist für 20.50 Franken erhältlich.
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