Christian Althaus bei TeleZüri

Rund 1400-mal wurde der Berner Wissenschaftler Christian Althaus im Jahr 2020 in Schweizer Medien erwähnt. Hier 2020 bei «TeleZüri». © «TeleZüri», TalkTäglich 19.10.2020

«Im schlimmsten Fall 30’000 Corona-Tote»

Martina Frei /  Der Wissenschaftler Christian Althaus schlug schweizweit Alarm. Noch heute verteidigt er seine damalige Aussage über die Risiken.

Sterben von allen Coronavirus-Infizierten 1,2 Prozent, 1 Prozent, 0,75, 0,68, … 0,15? Verschiedene Wissenschaftler kamen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen – und stritten teils erbittert, wer Recht hatte und wem die Politik folgen sollte. In dieser Ungewissheit mussten Politiker entscheiden. 

Der Stanford-Epidemiologe John Ioannidis vermutete die Infektionssterblichkeitsrate (IFR) von Sars-CoV-2 Mitte März 2020 – bei noch «extrem dünner» Datenbasis – zwischen 0,025 und 0,625 Prozent. Die IFR gibt an, welcher Anteil aller mit dem Virus angesteckten Menschen (auch die vielen mit wenig Symptomen oder ohne Symptome) an der Infektion stirbt.

Später, als mehr bekannt war, schätzte Ionannidis die IFR weltweit auf 0,23 Prozent. Und für Europa mit einer überwiegend älteren Bevölkerung auf 0,3 bis 0,4 Prozent.

Die mathematische Modellierung des Berner Wissenschaftlers Christian Althaus dagegen lag anfangs deutlich höher: Rund ein Prozent aller Virusträger könnten sterben, sagte er zu Beginn der Pandemie zur «NZZ» und zur «Sonntagszeitung». «Vielleicht 30, 40 Prozent oder mehr der Leute» könnten sich anstecken, vermutete er am 25. Februar 2020.

Die «NZZ»-Journalisten fragten nach: «Es könnte also drei Millionen Infizierte in der Schweiz geben. Bei einer Sterblichkeit von einem Prozent sprechen wir von 30’000 Toten.»

Und Althaus antwortete: «Ja. Ein solches Worst-Case-Szenario ist nicht ausgeschlossen.»

«Ausschliessen» kann man bekanntlich kaum etwas. Diese Aussage des Wissenschaftlers war wenig hilfreich. 

«Typischer Vorgang» beim Risikomanagement

Aus Althaus‘ Interview machte «20 Minuten» eine Schlagzeile, die Angst auslöste: «Im schlimmsten Fall gibt es bei uns 30’000 Tote.»

Heute sagt der Berner Wissenschaftler dazu: «Das war keine Vorhersage, dass genau diese Zahl eintreten werde, sondern eine Risikobeurteilung unter grosser Unsicherheit zu Beginn einer Pandemie. Die Formulierung eines Worst-Case-Szenarios ist ein typischer Vorgang im Bereich des Risikomanagements. Das Risiko wird dabei in der schlimmstmöglichen aber noch realistischen Ausprägung dargestellt.»

Falsch gelegen – oder nicht?

Der Berner Wissenschaftler Christian Althaus, ehemaliges Mitglied der Science Taskforce, «lag offensichtlich falsch». Das sagte John Ioannidis, Professor für Medizin, Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit sowie für Datenwissenschaft an der Stanford University, kürzlich im Interview mit Infosperber

Christian Althaus widerspricht dem. Er bleibt auch jetzt dabei, dass er mit seiner anfänglichen Schätzung von einem Prozent Infektionssterblichkeitsrate zum damaligen Zeitpunkt Ende Februar 2020 richtig lag. Infosperber geht in einer fünfteiligen Serie der Frage nach, wer richtig lag.

Die Argumente von Althaus

Althaus bleibt dabei, dass seine anfängliche Vermutung von einem Prozent Infektionssterblichkeitsrate richtig war: «Diese Aussage bezog sich auf den damaligen Stand der internationalen Literatur und Einschätzungen, nicht auf eine von mir allein erstellte Schätzung. Die damals diskutierten Werte bezogen sich auf die Infektionssterblichkeit (IFR). Zu diesem Zeitpunkt lagen die detailliertesten Schätzwerte der Infektionssterblichkeit bei 0,5 bis 0,8 Prozent bzw. 1,0 Prozent

Wie im ersten Teil dieser Artikelserie dargelegt, gab es damals allerdings auch namhafte Stimmen, welche die IFR zu Beginn der Pandemie deutlich niedriger schätzten, zum Beispiel der US-Wissenschaftler Anthony Fauci.

Althaus argumentiert, dass bis Ende 2023 in der Schweiz über 14’000 laborbestätigte Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 registriert worden seien.

Kurze Rechnung: Das ergäbe eine Infektionssterblichkeitsrate von circa 0,16 Prozent. Selbst wenn man davon ausgehen würde, wie Althaus und seine Kollegen es später in «Nature Communications» postulierten, dass die Anzahl der Covid-Todesfälle in der Schweiz um mehrere Tausend unterschätzt wurde, läge die IFR bei rund 0,2 Prozent. Und da sich viele mehrmals infizierten, wäre sie noch tiefer.

Weiter argumentiert Althaus, dass das Bundesamt für Statistik für 2020 bis 2022 rund 19’000 Todesfälle mehr ausweise, als erwartet worden seien. «Vor diesem Hintergrund war die Aussage, dass ein Worst-Case-Szenario mit 30’000 Todesfällen nicht ausgeschlossen werden könne, aus damaliger Sicht fachlich begründet.» 

Allerdings: Gemäss dem Bundesamt für Statistik kann die Übersterblichkeit ab Ende 2021«nicht mehr vollständig mit der Anzahl der berichteten Covid-19-Todesfälle erklärt werden».

Die Angaben der Taskforce

Kurz nach seinem Interview in der «NZZ», als Althaus von einer IFR von rund einem Prozent ausging, stufte er seine anfängliche Schätzung auf 0,5 Prozent herab. Das geht aus einer Modellierung hervor, die er zusammen mit Kollegen und Kolleginnen im März 2022 bei der Fachzeitschrift «Plos Medicine» einreichte. Zum gleichen Schluss kamen damals beispielsweise auch französische Modellrechner.

Von Infosperber angefragt, verweist Althaus auf eine Stellungnahme der Schweizer Science Taskforce vom September 2020, der er damals angehörte. «Die IFR für die allgemeine Bevölkerung in der Schweiz wurde konsistent auf 0,5 bis 1 Prozent geschätzt», schrieb die Taskforce und führte fünf Belege an:

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➞ Lesen Sie demnächst Teil 5: Ein genauerer Blick auf diese Studien. Weil die Impfung einen Einfluss hatte, wird sich der folgende Teil auf das Jahr 2020 konzentrieren, also vor dem Impfbeginn.

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