Arzt zieht Patient Geld aus der Tasche

Wo es nur noch um Profit geht, wird den Patienten das Geld aus der Tasche gezogen. © freedomtumz / Depositphotos

Geldhaie im Gesundheitssystem

Martina Frei /  Investoren haben Arztpraxen im Visier. Von ihnen angestellte Ärzte berechnen höhere Honorare. Die Profiteure sitzen in Steueroasen.

«Es ist ein zunehmendes Problem», sagt Christoph Kniestedt, Augenarzt in Zürich und früherer Präsident der Schweizerischen augenärztlichen Vereinigung SOG. Die Rede ist von Investoren, die das Gesundheitswesen als lukrative Einnahmequelle entdeckt haben.

«Die reinen Finanzinvestoren haben keine Ahnung von Medizin. Da geht es nur um Rendite. Das macht die auf den Patienten ausgerichtete Behandlung schwierig», stellt der Augenheilkunde-Professor fest. «Den Ärzten werden Umsatzziele vorgegeben oder auch welche Linsen sie bei einer Operation wegen grauem Star einsetzen sollen. Das ist nicht im Interesse der Patienten.»

Auch der deutsche Berufsverband der Augenärzte warnte letztes Jahr im «Deutschen Ärzteblatt»: «In letzter Zeit ist zu beobachten, dass sogenannte Private Equity Unternehmen zum Teil verstärkt den Fokus auf maximale Rendite und Skalierung des Unternehmenswertes legen.»

Verschachtelte Finanzkonstrukte

Andere investieren in Immobilien, Rohstoffe oder Hedgefonds – diese Private Equity (PE) Gesellschaften hingegen in Arztpraxen. Wie dieses System funktioniert, hat der deutsche Sozialwissenschaftler Christoph Scheuplein recherchiert. Er arbeitet als Berater für die VDI/ VDE Innovation und Technik und hat sich laut einer Studie der Universität Luzern «als einer von wenigen mit der Verbreitung von Private Equity im deutschen Gesundheitssektor befasst».

Als Kapitalbasis diene den Private Equity Investoren ein Fonds, der aus steuerlichen Gründen üblicherweise überwiegend in Steuerparadiesen angesiedelt sei, zum Beispiel den Cayman Inseln, den Kanalinseln oder Luxemburg. «Hier werden niedrige oder gar keine Steuersätze fällig und die Transparenzvorschriften sind gering – was für die Fondsinvestoren wichtig sein kann», schrieb Scheuplein 2023 im «Bayrischen Zahnärzteblatt». Oft werde «eine ganze Kaskade an Zweckgesellschaften aufgebaut, die in unterschiedlichen Steueroasen angemeldet sein können». 

Mit dem Fondsgeld und auch mit Krediten kaufen die Private Equity Gesellschaften Praxen und fügen sie zu einer Kette zusammen. Ein grosser Teil der Gewinne aus diesen Betrieben fliesst über die Steueroase an die Fonds-Investoren. «Diese Finanzkonstruktionen sind komplex und teuer» und «ein wichtiger Hebel, um die Renditen zu erhöhen und Kapital in die Fonds zu ziehen».

Die Fondsanleger würden für diese Leistungen Gebühren bezahlen und ab einer bestimmten Gewinnschwelle auch eine Gewinnbeteiligung. «Typischerweise stellen Private­ Equity­ Fonds ihren Managern ab einer Rendite von acht Prozent eine Beteiligung an den Gewinnen in Aussicht, was als sehr wirksame Motivation dient», schrieb Scheuplein in «Gesundheitswesen aktuell». 

Gelder der Sozialversicherung fliessen in Steueroasen

Der Vorsitzende der bayrischen Landeszahnärztekammer regte sich über dieses Investorentum schon 2023 auf: «Es ist eine unerträgliche Vorstellung, dass Beitragsgelder der sozialen Krankenversicherung in Deutschland mit Hilfe von Finanzakrobaten in Steueroasen fliessen, wo sie der steuerlichen Veranlagung der deutschen Steuerbehörden entzogen sind.» 

Damals waren in Deutschland bereits elf Zahnarztketten mit zusammen 386 Praxisstandorten und rund 12’000 Beschäftigen in den Händen von Private Equity Investoren. Anders als in der Schweiz, bezahlt die obligatorische Krankenversicherung dort gewisse zahnärztliche Behandlungen ganz oder teilweise.

Allein die Collosseum Dental Group hat laut eigenen Angaben über 620 Standorte und 50 Labore «in elf europäischen Märkten», darunter 45 Zahnarztpraxen in der Schweiz. Sie strebt die europaweite Marktführerschaft an. Derzeit erwirtschafte die Gruppe laut Eigenangaben einen Jahresumsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro und behandle über 6 Millionen Patienten. Über 12’500 Zahnärztinnen und Zahnärzte arbeiten für diese Kette, deren Mehrheitseigentümerin die Jacobs Holding AG ist, «Teil von Jacobs Capital – einer globalen Investmentfirma mit Sitz in Zürich und London».

PE geführte Arztpraxisketten in Deutschland
Anzahl der von Private Equity Investoren geführten Praxisketten in Deutschland nach fachlichen Sparten.

Neuerdings auch Hausarztpraxen im Visier

Nebst der Zahnmedizin und der Augenheilkunde haben es Investoren zum Beispiel auch auf Dermatologie-, Radiologie- und Urologiepraxen abgesehen. In der Schweiz etwa kaufte die belgische Investmentgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert letztes Jahr die urologischen Praxen der Uroviva-Gruppe. Neuerdings haben die Private Equity Investoren auch die Hausarztpraxen im Visier. Dies könnte angesichts der bevorstehenden Pensionierungswelle in der Hausärzteschaft ein Vorteil für die Patienten sein, um deren Versorgung sicherzustellen, führte jüngst eine Schweizer Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit als Argument an. Zudem könnten Investoren mit starker Kapitalbasis Innovationen im Gesundheitswesen vorantreiben. Dies kann die anderen Praxen unter Druck setzen, nachzuziehen.

«Das Umfeld für Einzelpraxen wird immer schwieriger. Freischaffende Ärzte sind nicht mehr so frei wie früher. Die Mieten, die Gerätekosten, die Inflation – alles wird teurer. Aber unsere Honorare werden seit Jahren nur gekürzt. Junge Kollegen, die eine Praxis übernehmen wollen, bekommen keine Bankkredite und können aus eigenen Mitteln keine Praxis finanzieren. Da verkauft man die Praxis lieber und arbeitet angestellt», sagt Augenarzt Christoph Kniestedt. «Die Investoren sind eine Folge der fehlgeleiteten Gesundheitspolitik.»

Die Verkaufspreise für Praxen seien «in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch die Aktivitäten der Investoren ‹teils exorbitant gestiegen›», sagte ein Hautarzt dem «Deutschen Ärzteblatt». PE Investoren können dank ihrer Finanzkraft die jüngeren Ärzte überbieten. Ausserdem zahlen sie den angestellten Ärztinnen und Ärzten gute Löhne und ermöglichen Teilzeitarbeit, was insbesondere jüngere schätzen. 

Scheuplein zufolge arbeiten in Deutschland bereits etwa 41’000 Ärzte und andere Medizinfachkräfte in schätzungsweise fast 2500 Praxen von Private Equity Investoren. Angesichts von fast 98’000 Praxen in Deutschland ist dies ein Anteil von bloss etwa 2,5 Prozent. Sorgen macht Scheuplein jedoch die Dynamik, mit der die PE-geführten Praxisketten wachsen würden.

PE-Spitzenreiter, gemessen an der Anzahl der Standorte, sei in Deutschland die Augenheilkunde: 567 von Private Equity Investoren gekaufte Praxen zählte Scheuplein (Stand Juni 2026), gefolgt von Zahnpraxen (504).

Private-Equity-geführte Praxisketten der ambulanten Versorgung in Deutschland, Stand Dezember 2024
Von Private Equity Investoren geführte Praxisketten in Deutschland (Stand Dezember 2024). Für eine grössere Auflösung bitte hier klicken.

Grosses Interesse auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz strecken Investoren ihre Fühler im Gesundheitswesen aus: «In gewissen medizinischen Fachrichtungen wie der Dermatologie, der Orthopädie oder der Urologie ist ihr Interesse derart gross, dass vor allem Ärzte, die kurz vor der Pensionierung stehen, massenhaft Kaufangebote erhalten», berichtete die «NZZ» letztes Jahr. Einer Zürcher Hausärztin zufolge seien einige Kollegen geradezu «bestürmt worden» von Investoren. «Ganze Hausärzteketten werden von Investoren gekauft», sagt auch Kniestedt. 

Entwicklung Affidea Schweiz 2007 bis 2026
Die Grafik zeichnet die Entwicklung der Firma Affidea nach, die letztes Jahr die Uroviva-Praxen in der Schweiz kaufte. Für eine grössere Auflösung bitte hier klicken (zum Anhang des Berichts scrollen).

Verkaufte Praxen müssen Kreditzinsen, Kaufpreis und höhe Löhne mit-erwirtschaften

Da die Laufzeit der Fonds zeitlich begrenzt ist, sei «ein Wiederverkauf der Praxisketten in wenigen Jahren absehbar», so Scheuplein im «KVB Forum». «Der lukrative Wiederverkauf der Unternehmen (Exit) ist das zentrale Geschäfts­ziel der Finanzinvestoren und ein wichtigerer Renditehebel als die laufenden Einnahmen aus der Geschäftstätigkeit. Daher bereiten die Private Equity­ Gesell­schaften den Exit mit besonderer Sorgfalt vor, um einen maximalen Verkaufs­preis zu erzielen», schilderte er das Vorgehen in «Gesundheitswesen aktuell». 

Scheuplein weist auch auf den finanziellen Druck hin, der auf den verkauften Unternehmen laste. Das Medizinpersonal muss nicht nur den Lohn für das nicht-medizinisch tätige Personal mit-erwirtschaften – laut der «NZZ» verdient ein solcher Geschäftsführer «gut und gerne 250’000 Franken – sondern auch Kreditzinsen für den Kauf, der häufig mit hohem Einsatz an Fremdkapital erfolge. Indem diese Zinsen auf die gekauften Praxen überwälzt würden, könne «auch das Management der übernommenen Unternehmen diszipliniert werden». 

Eigentümerwechsel der Private-Equity-geführten Ketten mit Bezug zur ambulanten Versorgung in Deutschland, Stand Dezember 2024
Von 63 Praxisketten in Deutschland im Besitz von PE Investoren wurden 15 bereits einmal an einen anderen Finanzinvestor weiterverkauft und 3 schon zweimal. Es kam auch zu Fusionen, zum Rückkauf durch den früheren Praxisinhaber oder zum Konkurs (Stand Dezember 2024). Für eine grössere Auflösung bitte hier klicken:

Zwölf Prozent mehr Darmspiegelungen

Wohin das führen kann, zeigt sich mittlerweile in den USA, wo diese Entwicklung schon Anfang der 2000er Jahre begann. «Regional sind für etwa ein Drittel der geografischen Regionen der USA Marktanteile der Private Equity geführten Arztpraxen von mindestens 30 Prozent erreicht. Bislang vorliegende Studien zeigen überwiegend eine Steigerung der Kosten für die Patientinnen und Patienten beziehungsweise der Ausgaben im Gesundheitssystem nach einer Übernahme durch Private Equity», so Christoph Scheuplein.

Beispielhaft illustriert das eine Studie an US-Praxen für Magen-Darm-Behandlungen, die letztes Jahr in «Jama Health Forum» erschien. In Praxen, die von Private Equity Investoren übernommen wurden, stiegen die Zahl der Patienten pro Arzt um 11 Prozent, die Darmspiegelungen um 12 Prozent, und der Preis für eine solche Untersuchung um 4,5 Prozent, verglichen mit den unabhängig arbeitenden Praxen. 

Acht Prozent mehr Honorar zulasten der Krankenversicherung abgerechnet

In Bayern zeichnet sich Ähnliches ab. Dort arbeitet bereits mindestens jeder fünfte Augenarzt für Private Equity Investoren. Von den Hausärztinnen und -ärzten, die in sogenannten Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) organisiert sind, ist es jeder zehnte. In solchen Zentren arbeiten mehrere Ärztinnen und Ärzte angestellt unter einem Dach.

Eine Analyse im Auftrag der Bayrischen Kassenärztlichen Vereinigung nahm die MVZ unter die Lupe. Seit 2020 habe sich der Anteil der MVZ im Besitz von Private Equity Gesellschaften in Bayern mehr als verdoppelt und liege nun bei 19 Prozent. Bei weiteren 18 Prozent seien andere Investoren, oft private Krankenhausträger, beteiligt, berichtete das «Deutsche Ärzteblatt» letztes Jahr und zitierte den Patientenbeauftragten der deutschen Regierung: «Es ist problematisch, dass gezielt Spieler auf dem Markt auftauchen, die Geld aus unserem Gesundheitssystem abschöpfen, das für Patientinnen und Patienten gedacht ist und nicht dafür, dass irgendwelche Investorenmodelle Gewinne machen.»

Die Ärzte in Medizinischen Versorgungszentren, die Private Equity (PE) Investoren gehören, rechneten pro Patient durchschnittlich rund acht Prozent mehr Honorare zulasten der Grundversicherung ab als Ärzte in Einzelpraxen, ergab die Analyse für 2018 und 2019. Bei den Augen- und Frauenärzten waren es sogar etwa 12 Prozent mehr. Die PE-Praxen befinden sich dort fast ausschliesslich in Ballungsgebieten. Auffallend war zudem, dass die PE-Hausärzte kaum Hausbesuche machten, weniger chronisch kranke Patienten behandelten (aber häufiger den «Chroniker-Zuschlag» abrechneten), den Patienten weniger Behandlungskontinuität boten und auf «standardisierbare und gut abrechenbare Leistungen» fokussierten, so Scheuplein. 

Forderung nach mehr Transparenz

Welche Investoren hinter den Firmen stecken, die Arztpraxen kaufen, ist intransparent. Scheuplein recherchierte dies unter anderem über Daten des Bundeskartellamts, Websites von Investoren und Social Media. In Deutschland wird darüber diskutiert, ob ein bundesweites Transparenzregister geschaffen werden soll, das die Verflechtungen offenlegt.

Die bereits erwähnte Studie im Auftrag des Schweizerischen Bundesamts für Gesundheit (BAG) regt ebenfalls ein Monitoring der Eigentümerstrukturen und eine intensivierte Marktbeobachtung an, «da Investitionen privater Akteure häufig durch hohe Margen beeinflusst werden.»

Entwicklung Vista Augenpraxen & Kliniken 1986 bis 2026 in der Schweiz
Ein Beispiel dafür, wie sich eine Augenarztkette in der Schweiz entwickelt hat, sind die Vista Augenpraxen & Kliniken. Für eine schärfere Auflösung bitte hier klicken (zum Anhang des Berichts scrollen).

Schweizer Studie sieht keinen Regulierungsbedarf

Grund zur Sorge sieht diese von Wissenschaftlern der Universität Luzern durchgeführte Bestandsaufnahme jedoch nicht: «Lediglich 4 Prozent der Arztpraxen [in der Schweiz – Red.] erfüllen grundlegende Kriterien für Private-Equity-Beteiligungen.» Es gebe keinen unmittelbaren Regulierungsbedarf bezüglich der Investoren im Schweizer Gesundheitswesen. Und es gebe auch keine Hinweise, dass von Investoren gekaufte Praxen die Leistungsausweitung fördern würden. Harte Daten liefert die Analyse dazu jedoch nicht.

Die Autoren stellen fest, dass sich Investoren vor allem auf Fachbereiche mit höheren Tarifen konzentrieren würden. Einige im Rahmen dieser Studie interviewte Fachpersonen vermuteten gar, dass grosse Investitionen von internationalen Unternehmen ein Hinweis auf zu grosszügige Tarife im jeweiligen Fachbereich sein könnten. 

Dass die Investoren-getriebenen Praxen in der Schweiz kein Problem seien, kann Augenarzt Christoph Kniestedt nicht bestätigen. «Ich höre von Kollegen, die ihre Praxis an Investoren verkauft haben, sich dort anstellen liessen – und dann gekündet haben, weil sie so nicht weiterarbeiten wollten.» Er sei nicht grundsätzlich gegen Investoren im Gesundheitswesen, sagt er. Er sei ja selbst Teilhaber eines Zentrums, das nicht ausschliesslich in ärztlicher Hand liege. Aber Teilhaber zu sein und in der Geschäftsleitung medizinische Entscheide selbst zu fällen oder voll in den Händen von Private Equity Investoren – «das ist ein grosser Unterschied».

Hinweis für Patientinnen und Patienten

Erkundigen Sie sich in der Arztpraxis, ob die Ärzte dort selbständig arbeiten oder ob die Praxis einer kommerziellen Firma gehört. Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit, wenn Sie den Eindruck haben, dass Kommerz über dem Patientenwohl steht.

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