Ultraschalluntersuchung bei einer Frau

Vielen Frauen schätzen die Erfolgsquoten falsch ein. © didesign /Depositphotos

Was Frauen beim «Social Egg Freezing» verschwiegen wird

Martina Frei /  Das Geschäft mit tiefgefrorenen menschlichen Eizellen ist zum Tummelfeld für Investoren geworden. Auch in der Schweiz.

Vorsorge betreiben. Druck rausnehmen. Die biologische Uhr ausbremsen. Zeit gewinnen, um noch einen passenden Partner für gemeinsame Kinder zu finden. Zuerst die Karriere vorantreiben können. Zwänge abbauen. Sich versichern.

Diese Gründe nennen Frauen, die sich fürs «Social Egg Freezing» entscheiden. Sie lassen sich – auf eigene Rechnung – Eizellen entnehmen und einfrieren. Das geht ins Geld: 4000 bis 9000 Franken kostet ein sogenannter Hormonzyklus laut Recherchen von «SRF» in der Schweiz.

Beim «Social Egg Freezing» werden Studien zufolge pro Hormonzyklus im Durchschnitt rund 20 Eizellen gewonnen, wenn die Frau höchstens 30 Jahre alt ist, aber nur 9, wenn sie 40 Jahre ist. Als ideal gelten – je nach Alter – 10 bis 20 Eizellen. Um genügend Eizellen zu gewinnen, ist daher oft ein zweiter Zyklus nötig oder sogar mehrere.

Hinzu kommen jährlich 400 bis 800 Franken für die Lagerung der Eizellen bei minus 196 Grad Celsius, plus optionale Untersuchungen sowie Folgebehandlungen, wenn sich die Frauen später für eine Schwangerschaft entscheiden.

Nur eine kleine Minderheit greift auf die tiefgefrorenen Eizellen zurück

Doch die allermeisten Frauen, die sich fürs «Social Egg Freezing» entscheiden, werfen ihr Geld zum Fenster hinaus. Denn bisher greift nur eine Minderheit auf ihre tiefgefrorenen Eizellen zurück, um schwanger zu werden, zeigen Studien aus den Jahren 1999 bis 2020. Einer Meta-Analyse in «Human Reproduction Update» zufolge liessen nur etwa elf Prozent der Frauen später eine oder mehrere Eizellen auftauen, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

Während diese Frauen viel Geld für nichts ausgeben und dabei sogar noch ein gesundheitliches Risiko eingehen, gewinnen andere: Beim Tieffrieren von Eizellen «spielen Finanzakteure wie Private-Equity-Gesellschaften eine immer einflussreichere Rolle», schrieb Lucy van de Wiel, Dozentin für globale Gesundheit und Sozialmedizin am King’s College in London, kürzlich im «British Medical Journal» (BMJ).

In Zürich etwa eröffnete im September 2024 die «Cada Kinderwunschklinik» an bester Lage im Seefeld. Dahinter steht das Start-up «Cada Fertility». Investoren dieses Start-ups sind in der Schweizer Gesundheitsszene bereits mehrfach aufgefallen. 

Wer nach Alternativen im Ausland sucht, stösst beim Googeln zum Beispiel rasch auf den gesponserten Link zur Clinica Tambre in Alicante und Madrid. Diese 1980 von einem Arzt gegründete Klinik wurde 2017 durch eine Investorengruppe übernommen.

Seit einigen Jahren haben Investoren die Reproduktionsmedizin als lukrativen Markt entdeckt. Sie kaufen entsprechende Zentren auf oder stampfen sie aus dem Boden, pumpen teils hunderte von Millionen an Geld hinein, trimmen die Zentren auf mehr Rendite und verkaufen sie weiter. Seit 2016 sei stark in «Egg Freezing Businesses» investiert worden, so van de Wiel in «New Genetics and Society». Primär von medizinischen Fachkräften geleitete Kliniken würden nun mehr und mehr von Investoren diktiert.

Für diverse, häufig angewandte Zusatzbehandlungen in der Reproduktionsmedizin ist laut einer Meta-Analyse in «The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women’s Health» nicht erwiesen, dass sie die Chance auf ein Baby erhöhen. Verkauft werden sie trotzdem.

Erst in Immobilien investiert, dann ins Eizell-Business

Van de Wiel nennt das Beispiel «Prelude Fertility», eine Firma, die 2016 mit 200 Millionen Kapital gegründet wurde und bereits im ersten Jahr zur zweitgrössten Fertilitätsfirma in den USA aufgestiegen sei. «Ihr CEO, Martin Varsavsky, ist ein Serienunternehmer, der auf die Bereiche Immobilien und Cloud-Computing spezialisiert ist. FON – nach eigenen Angaben das weltweit grösste WLAN-Netzwerk mit 21 Millionen Hotspots rund um den Globus – war eines seiner Unternehmen; Prelude Fertility ist sein siebtes und sein erster Vorstoss in den Bereich der Fruchtbarkeitsmedizin.»

Das «Social Egg Freezing», also das Einfrieren der Eizellen aus nicht-medizinischen Gründen, ist für die Investoren besonders attraktiv. Denn verglichen mit der künstlichen Befruchtung ist die potenzielle Kundschaft dort viel grösser – theoretisch könnte jede Frau ab Ende 20 mit späterem Kinderwunsch – und genügend Geld – als Kundin in Frage kommen. In einem «SRF»-Chat fragte kürzlich schon eine 23-Jährige: «Ab welchem Alter – wenn man seinen Traummann noch nicht gefunden hat – sollte man überlegen, sicherheitshalber etwas in den Tiefkühler zu werfen?»

Investoren würden das «Social Egg Freezing» als «margenstarke Wahlleistung» einstufen, so van de Wiel. Der Bereich wachse rasch, auch dank späterer Familienplanung, wachsendem Interesse der LGBTQ+-Gruppe und der Bereitschaft, viel Geld für diese «Vorsorge» auszugeben. Zudem seien langfristige Einnahmequellen durch Lagerungsgebühren und Folgebehandlungen gesichert. 

Viermal verkauft worden

Was das in der Praxis bedeutet, beschrieb Andreas Abraham Zadeh, Reproduktionsmediziner und ehemaliger Direktor der Eugin Clinic in Barcelona, letztes Jahr in der Fachzeitschrift «Reproductive Biology and Endocrinology» vor allem mit Blick auf die künstliche Befruchtung. Zadeh hat aus erster Hand vier Eigentümerwechsel miterlebt. Die 1998 gegründete und damals ärztlich geführte Eugin Clinic sei 2010 von einer Private-Equity-Firma gekauft worden. 2015 übernahm sie eine in den Vereinten Arabischen Emiraten domizilierte Firma. 2021 ging sie an die deutsche Fresenius Helios, die sie nach nur zwei Jahren an den nächsten Investor weiterverkaufte. 

Mit jedem Eigentümerwechsel sei die Anzahl der in der Klinik durchgeführten Hormonzyklen gestiegen – nicht aber die Erfolgsrate bei den Schwangerschaften, gibt Zadeh zu bedenken. Er erwähnt den finanziellen Druck, der die ärztliche Unabhängigkeit untergrabe. Das Gewinnstreben werde den Interessen der Patientinnen übergeordnet.

Ärzte geraten in Interessenkonflikte

Dem Gewinn zuliebe würden auch Untersuchungen oder Behandlungen beworben, deren Nutzen medizinisch nicht bewiesen sei und die «medizinisch oft obsolet» sind, so Zadeh. Dies geschehe vor allem auf Druck der Investoren, welche die Frauen «um jeden Preis» an die Klinik binden wollten, notfalls auch, indem ihnen zum Beispiel mehr Hormonzyklen als nötig aufgeschwatzt würden. Die Frauen würden nicht transparent informiert, warnte Zadeh. Aber auch von Seiten der Frauen komme Druck, wenn diese Tests oder Behandlungen verlangen würden, von denen sie irgendwo gelesen oder gehört haben.

Ein Beispiel ist das Bestimmen des sogenannten Anti-Müller-Hormons im Blut, um die Fruchtbarkeit vorauszusagen. Dieser Test erlaube dazu jedoch keine sichere Prognose, warnte das «BMJ» kürzlich. Auch zwei Ärztinnen der Cada Kinderwunschklinik in Zürich wiesen jüngst in der «Schweizerischen Ärztezeitung» auf die «begrenzte Aussagekraft des AMH-Werts» hin. Trotzdem legt die Cada-Website schon seit Oktober 2023 interessierten Frauen die Bestimmung des AMH-Werts (Anti-Müller-Hormon) nahe: «Der AMH-Wert ist ein wichtiger Marker der weiblichen Fruchtbarkeit», heisst es dort. Dass er «nur ein Teil des Gesamtbildes» ist, erfahren Interessierte erst, nachdem sie sich bis ans Ende durchgeklickt haben.

«Die Patientinnen treffen Entscheidungen häufig unter emotionaler Belastung, Zeitdruck und ohne vollen Zugang zu unabhängiger, evidenzbasierter Beratung», stellte Zadeh fest. «Wenn zudem Erfolgsraten, Preise und Behandlungsrisiken aggressiv beworben werden, verschwimmen die Grenzen zwischen einer informierten Entscheidung und strategischer Überzeugungsarbeit.» Das aggressive Marketing einzelner Anbieter setzt zudem die Konkurrenz unter Druck, nachzuziehen.

In nur sechs Jahren solle sich der globale Reproduktionsmarkt schätzungsweise mehr als verdoppeln, von 30 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf 73 Milliarden 2027. «Im Jahr 2022 erreichten die Private-Equity-Investitionen im Bereich der Fertilitätsmedizin mit 41 Übernahmen im Wert von 8,4 Milliarden Dollar einen Höchststand – darunter die bislang grösste Übernahme der Branche […] für über drei Milliarden Dollar.»

Apple, Facebook und das Militär als Vorreiter

Ursprünglich diente das «Egg freezing» als Option für Frauen, die aufgrund einer Erkrankung oder Behandlung, etwa wegen Krebs, unfruchtbar wurden. 2012 ging es in einer Folge der US-Reality-Serie «Keeping up With the Kardashians» um das «Social Egg Freezing» des Medienstars Kim Kardashian. Dies kurbelte die Nachfrage an. Im Jahr 2014 kündigten Facebook und Apple an, ihren Mitarbeiterinnen 20’000 Dollar ans «Egg Freezing» zu bezahlen – auch um sie zu halten und weitere talentierte Frauen anzuziehen. Der Entscheid befeuerte die Medienberichterstattung über das «Social Egg Freezing» weiter. Die Medien hätten den Nutzen betont, die mit dem «Egg Freezing» verbundenen Risiken hingegen ignoriert oder heruntergespielt, stellten die Autoren eines Artikels im «Canadian Medical Association Journal» 2015 fest.

Inzwischen haben viele weitere Firmen wie etwa Netflix, Yahoo, Linkedin, JP Morgan, Microsoft, Uber und Google nachgezogen. Laut einem Bericht beteiligten sich 2024 in den USA bereits 16 Prozent der Firmen an den Kosten für das «Social Egg Freezing» ihrer Mitarbeiterinnen. In der Schweiz bietet laut «SRF» beispielsweise die Pharmafirma Merck seit zwei Jahren einen «Fertility Benefit», rund 60 Mitarbeiterinnen hätten das Angebot bisher genutzt.  

Auch das Militär fördert das «Social Egg Freezing». 2016 initiierte das Pentagon ein fünfjähriges Pilotprogramm: Soldatinnen und Soldaten konnten vor ihrem Einsatz Ei- oder Samenzellen einfrieren lassen. Im August 2026 teilte das Pentagon nun mit, es bezahle jährlich bis zu 10’000 Dollar ans «Egg Freezing» und 500 Dollar für «Sperm Freezing», bevor Mitarbeitende für gefährliche Einsätze abkommandiert werden oder wenn sie ihren Partner oder ihre Partnerin mindestens 180 Tage nicht treffen können. Das Angebot soll ihnen, falls sie im Krieg verletzt werden, Hoffnung geben, später noch leibliche Kinder zu bekommen. Ausserdem sollen Frauen in den 20ern und 30ern so im Dienst gehalten werden und ihre Karriere vorantreiben können.

Risiken werden in den Medien kaum behandelt

Während beim natürlichen Zyklus typischerweise nur ein oder zwei Eizellen reifen, sind es laut einem Artikel im «ABA Journal of Labor & Employment Law» beim künstlich gepushten Hormonzyklus bis zu 45. Damit steige das Risiko, dass sich der Eierstock verdrehe – ein Notfall, der dazu führen kann, dass der Eierstock nicht mehr durchblutet wird und abstirbt. Eine andere Komplikation der Hormonbehandlung ist die Überstimulation. Bei circa fünf von 100 Hormonzyklen komme es dazu, informierte das «BMJ». Dabei handle es sich um eine ernsthafte Erkrankung mit Kopfschmerzen, Übelkeit und weiteren Symptomen, selten komme es sogar zur lebensgefährlichen Embolie. 

Um sachlich zu informieren, hat das «BMJ» im Juli die wichtigsten Informationen zum «Social Egg Freezing» für Hausärzte zusammengestellt. Die zwei wichtigsten Faktoren, ob eine Frau mit Hilfe des «social egg freezings» ein Baby bekomme, seien das Alter, in dem sie sich die Eizellen entnehmen lasse, und die Anzahl der gewonnenen Eizellen.

Der entscheidende Faktor

Bei der Geburt hat eine Frau circa eine Million unreife Eizellen. Mit 37 Jahren sind davon noch rund 25’000 vorhanden und im Alter von 51 Jahren nur noch etwa 1000. Zudem häufen sich bei den Eizellen im Lauf der Jahre Chromosomenschäden, was zu einem höheren Risiko für Fehlgeburten führt. Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe rät Frauen über 40 Jahren «aufgrund schlechter Ergebnisse» nicht mehr zu einer Fertilitätserhaltung.

Von zehn tiefgefrorenen Eizellen überleben im Mittel acht die Prozedur. Für eine Lebendgeburt sind durchschnittlich acht bis 12 Eizellen nötig. Wie stark das Alter bei der Entnahme der Eizellen das Ergebnis beeinflusst, zeigt eine Schätzung, die das «BMJ» veröffentlichte:

Grafik Mason-Apps
Lesebeispiel: Frauen, die im Alter von 39 Jahren (hellgrüne Linie) etwa 10 Eizellen einfrieren lassen (waagrechte Skala), haben später damit eine 50-prozentige Chance auf ein Baby (linke Skala). Zum Vergleich: Bei Eizellspenderinnen (dunkelblaue Linie) beträgt diese Wahrscheinlichkeit bei gleicher Anzahl Eizellen rund 90 Prozent.

Frauen überschätzen die Erfolgsquote

Die meisten Frauen sind laut einer 2017 publizierten Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin bei der Eizell-Entnahme bereits über 35 Jahre alt. «Damit sind Quantität und Qualität der Eizellen eingeschränkt», so die Ethikkommission. Zudem steigt das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft. Das Alter, ab dem die Fruchtbarkeit von Frauen «dramatisch sinkt», werde «gerade von gut ausgebildeten» Frauen überschätzt, ebenso die Erfolgsquoten der Reproduktionsmedizin.

Denjenigen, die mit «Social Egg Freezing» Geld machen wollen, kann das eigentlich nur recht sein.


Kryokonservierung Eizellen oder Ovarialgewebe Schweiz 2019-2024
Anzahl der Frauen in der Schweiz, von denen Eizellen oder Eierstockgewebe vorsorglich konserviert wurden: Im Jahr 2022 liessen 1903 Frauen Eizellen aus nicht-medizinischen Gründen tieffrieren (3), 2024 waren es schon 3337 (1: Eizellen aus medizi­nischen Gründen, 2: Ovarial­gewebe aus medizini­schen Gründen, hellblau: Ovarial­gewebe aus anderen Gründen).

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➞ Lesen Sie demnächst mehr zu den Investoren in der Schweizer Gesundheitsszene

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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