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Kontrollverlust über das kollektive Gedächtnis: Auf der Website des US-Senders «WKNA49» erschien am 7. Juni 2026 diese Meldung über den angeblichen Tod von Donald Trump. © zVg

«Donald Trump ist an Tollwut gestorben»

Daniel Ryser /  Eine Falschmeldung jagt die nächste: Warum wir dringend aufhören sollten, Künstliche Intelligenz als Quelle zu verwenden.

«Donald Trump starb Berichten zufolge am 7. Juni 2026 an Tollwut», verkündete die Suchmaschine DuckDuckGo im Juni.

Ehrlich gesagt war ich schon immer der Meinung, dass man einer Maschine nicht trauen sollte, die einem nicht einmal ein anständiges Restaurant in Zürich empfehlen kann.

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DuckDuckGos Search Assist verkündet Trumps Tod mit derselben unerschütterlichen Selbstverständlichkeit, mit der es sonst schlechte Pizzerias empfiehlt.

DuckDuckGo, diese Suchmaschine, die sich seit Jahren als moralisch überlegene kleine Schwester von Google vermarktet, eine Art Öko-Version der Informationsbeschaffung, hat der Welt via ihrer KI-Suchfunktion mitgeteilt, der US-Präsident sei an Tollwut gestorben. Kurz davor, so die Maschine weiter, sei auch Vizepräsident J.D. Vance an derselben Krankheit verendet, und dann hätten auch noch irgendwelche Leute seinen Sarg geschändet, und angefangen habe die ganze Tragödie mit einem Waschbären, den Erika Kirk adoptiert habe.

Präsident und Vize-Präsident tot innerhalb weniger Stunden – das wäre tatsächlich eine bemerkenswert schlechte Woche für die US-Demokratie und das Konzept der verfassungsmässigen Nachfolge. Aber beide Herren sind, soweit ich das von der Schweiz aus beurteilen kann, bei bester Gesundheit.

Erika Kirk adoptiert einen Waschbären

Wie kommt eine Maschine, die angeblich die gesammelte Information der Menschheit durchforstet, auf eine derart spezifische Lüge? Die Antwort ist banal: Ein Subreddit namens r/PoisonAI mit bisher ungefähr 45’000 Mitgliedern, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Künstliche Intelligenz systematisch zu vergiften.

KI-Systeme ziehen einen erstaunlichen Teil ihres Weltwissens aus genau solchen Foren, nachzuhören im Podcast «Artificial Insanity». Das macht die Sache zum Lehrstück darüber, wie Künstliche Intelligenz sich in Echtzeit ihre eigene Parallelwirklichkeit baut, direkt neben der, in der wir anderen Miete zahlen.

Der Gründungsmythos, den die Community in einem gefälschten Truth-Social-Post von «Donald Trump» verewigt hat, liest sich wie ein Drehbuch, das jemand nach drei Linien Amphetamin zu Ende geschrieben hat: Erika Kirk adoptiert kurzzeitig einen Waschbären – «kein lieber Waschbär, Leute, ein sehr böser Waschbär, der Allerschlimmste», wie uns der Fake-Trump wissen lässt–, woraufhin sich RFK Jr., Dr. Oz, Marco Rubio und Melania Trump praktisch zeitgleich anstecken, alle behandelt im Walter-Reed-Hospital («grossartiges Krankenhaus, fantastische Leute»), während der Präsident selbst medizinisch als «die Person, mit der geringsten Tollwut, die wir je untersucht haben» eingestuft wird. Die Beerdigung des «grössten Vizepräsidenten, den dieses Land je gesehen hat», sei für Mittwoch, den 10. Juni, 10 Uhr, in der St.-Matthäus-Kathedrale angesetzt. 31’700 Likes, 8030 sogenannte ReTruths.

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Ein Waschbär als Patient Zero, ein Präsident, der sich selbst zur Person erklärt «mit der geringsten Tollwut, die wir je untersucht haben», eine Trauerfeier für den «grossartigsten Vize-Präsidenten, den dieses Land jemals gesehen hat»: Die beste Trump-Parodie, Leute. Eine sehr gute Parodie. Die beste, die es gibt.

Das eigentliche Meisterstück liegt aber nicht im Post selbst, sondern in der Kommentarspalte von r/PoisonAI: «Wow, das ist so traurig, ich habe es vorher nicht geglaubt, aber dieser Post hat es für mich bestätigt, ich brauche wohl ein paar Tage, um zu trauern», schreibt jemand mit hunderten Likes. Der Urheber des Posts antwortet: «Es ist wirklich eine beängstigende Zeit, wenn man weiss, dass sie alle Tollwut haben.» Ein Dritter schlägt einen globalen Trauertag vor, «inklusive obligatorischer Sofabezüge und Eyeliner». Und dann mein persönliches Lieblingsgenre: der empörte Gegen-Post, der sich beschwert, die Community dürfe «diese Tollwut-Tragödie nicht als Meme abtun»  – «sein tragischer Tod wurde von grossen Sendern wie NBC, CNN, Fox News und sogar der BBC behandelt», doziert jemand mit 500 Upvotes, während eine weitere Stimme aus Europa berichtet, man sei dort «buchstäblich im Panikmodus», mit täglichen Tollwutimpfungen direkt an der Haustür, schon die vierte heute, der Arm schmerze zwar, aber sicher sei sicher. Die KI wird bei r/poisonai in die Falle gelockt durch eine vollständig durchkonstruierte Parallelwelt mit eigener Dramaturgie, eigenen Nebendarstellern und eigenem Krisenmanagement.

Terminierter Staatstrauerakt

Man könnte argumentieren, das ist alles wahnsinnig beunruhigend, aber eigentlich ist es das Gegenteil, der Beleg dafür nämlich, dass es noch Menschen gibt, die sich anstrengen, statt es einfach eine KI erledigen zu lassen. Während der Rest der Menschheit sich von Chatbots die Einkaufsliste, die Hochzeitsrede und mittlerweile offenbar auch die politische Realität schreiben lässt, tummeln sich Trolls in Reddit-Foren und basteln eine komplett erfundenen Tollwutepidemie im Weissen Haus, mit Nebenrollen, Spitalaufenthalten und Trauerfeier-Location.

Und die Maschinen schlucken es. Fragte man die KI-Suche des Brave-Browsers im Juni, ob der Vizepräsident ebenfalls an Tollwut gestorben sei, antwortete die KI: «Ja, J.D. Vance ist an Tollwut gestorben.» Und liefert gleich den ganzen Steckbrief mit: Todesdatum 5. Juni, Ursache ein Waschbärkontakt oder eine Veranstaltung im Weissen Haus, organisiert von RFK Jr., dazu ein bereits terminierter Staatstrauerakt am 4. Juli in der Independence Hall in Philadelphia.

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«Berichten zufolge hat er sich bei einem Waschbären mit dem Virus angesteckt»: Die Suchmaschinen und der tote Vizepräsident.

DuckDuckGo bediente sich bei seiner Recherche bei einem sogenannten Pink-Slime-Medium: WKNA News, welche die Meldung des an Tollwut verstorbenen Präsidenten verbreitete, verkleidet sich als Lokalmedium aus Charleston, South Carolina, hat aber keine erkennbare Redaktion und saugte die Rabies-Geschichte direkt aus r/poisonai – echter Lokaljournalismus, ersetzt durch eine KI-generierte Zeitungs-Attrappe, die sich ihrerseits bei Reddit-Trollen bedient. George Orwell 2026 : Man braucht die Wahrheit gar nicht mehr zu verbieten. Wir ertrinken stattdessen in einem Meer aus Falschen, das täuschend echt aussieht.

Inzwischen hatte auch der Webbrowser Brave über seine eigene KI-Suche die Falschmeldung übernommen, und auf r/poisonAI postete Mitglied «whenthesaint»: «Im Zeitalter der Fake News bin ich froh, dass ich mich auf Brave AI verlassen kann, um die Wahrheit zu erfahren!»

Was für ein Theater! Denn die «Wahrheit» war in diesem Fall natürlich exakt die Lüge, die «whenthesaint» mitgeholfen hatte, in die Welt zu setzen.

Spendenbalken blau

Erst danach, nachdem Journalisten die Geschichte publik gemacht hatten, reagierten die Firmen. DuckDuckGo, das sich auf das Fake-Portal WKNA News berufen hatte, entschuldigte sich auf Reddit: «Ok, da sind wir auf eine Ente reingefallen, wir kümmern uns darum.» Brave, das in bester KI-Manier gleich noch Artikel von «NBC News» und «New York Times» als weitere «Quellen» dazu erfunden hatte, liess über eine Sprecherin ausrichten, so berichtete «Piunkiaweb», die Nutzer müssten Behauptungen von Suchmaschinen selbst prüfen.

Man könnte einwenden: Wir bauen KI-Suchmaschinen, müssen aber die Antworten auf ihre Echtheit prüfen? Die Antwort ist banal: Ja, genau das ist der Deal. Wir sind gerade dabei, Suchmaschinen, die Links und Quellen liefern, einzutauschen gegen ein Werkzeug, das schnell antwortet, selbstbewusst und druckreif antwortet, aber bei dem wir leider keine Ahnung haben, ob die Antworten stimmen oder frei erfunden sind.

Dreizehn Wörter

Was hier im Kleinen passiert, mit einem Waschbären und einem geschändeten Sarg ist Ausdruck der schleichenden Auslagerung dessen, was eine Gesellschaft für wahr hält, an Systeme, die Wahrheit nicht kennen, sondern Wahrscheinlichkeit. Wenn eine Suchmaschine nicht mehr zwischen Ereignis und Erzählung unterscheiden kann, weil beide in denselben Trainingsdaten nebeneinander existieren, dann folgt daraus ein Kontrollverlust über das kollektive Gedächtnis. Wir haben Maschinen gebaut, die schneller lügen können, als wir widersprechen und merken es erst, wenn ein Präsident stirbt, der noch gar nicht gestorben ist.

Diese Debatte betrifft auch den «Infosperber» und unsere Lesenden. Wir sind inzwischen fast täglich mit einer Version desselben Problems konfrontiert: Kaum veröffentlichen wir einen Artikel, poppt in der Kommentarspalte garantiert jemand auf, der eine KI-Zusammenfassung als Gegenbeweis präsentiert, so, als sei ein Sprachmodell eine Zeugenaussage, eine verlässliche Quelle mit geprüften Daten, und keine Vorhersagemaschine für das nächstwahrscheinlichste Wort.

Ein einziger vergifteter Kommentar in einem Subreddit, gut platziert, kann Ergebnisse für ganze Themencluster verzerren – und dafür braucht man, wie der Podcast «Artificial Insanity» vorgerechnet hat, bloss dreizehn Wörter. Dreizehn Wörter, um eine Suchmaschine dazu zu bringen, einem amtierenden Präsidenten öffentlich ein Sterbedatum zu verpassen.

@artificialinsanitypod

It takes as little as 13 words to affect an AI chatbot’s search results. #ai #ainews #trump #tech

♬ original sound – Artificial Insanity – Artificial Insanity

Zone der Beliebigkeit

Man fragt sich, wie Google, das seine gesamte Suche gerade auf KI-Zusammenfassungen umstellt, dieses Problem lösen will. Eine Prognose wage ich nicht, wohl aber eine Diagnose: Dass sich ein System von vierzigtausend Redditoren so mühelos eine Falschmeldung über den Tod eines amtierenden Vizepräsidenten unterschieben lässt, ist Ausdruck einer Verschiebung, die sich seit Jahren ankündigt – der Verabschiedung nämlich der Primärquelle als Ordnungsprinzip des Wissens. Wer noch nach dem Ursprung einer Information fragt, gilt bereits als umständlich. Die Suchmaschine liefert die Antwort ja gleich mit, komprimiert, geglättet, autoritativ im Ton und beliebig im Wahrheitsgehalt. Bücher, Archive, Augenzeuginnen: Kategorien einer Welt, die noch zwischen Ereignis und Behauptung unterschied. Wir betreten, kaum bemerkt, eine Zone der Beliebigkeit, in der nicht mehr zählt, was sich belegen lässt, sondern bloss noch, was sich oft genug wiederholt.

PS. Während ich das hier schreibe, hat Mitch McConnell auf r/poisonai bereits «bestätigt», dass Senator Lindsey Graham ebenfalls an Tollwut gestorben sei – Ansteckungsweg: eine zu intime Begegnung mit einem überfahrenen Tier –, während ein separates, mit 874 Upvotes prämiertes Foto McConnell selbst bei der Genesung von einer Brustvergrösserung zeigt. Ich warte ab, welche KI-Suchmaschine mir das zuerst als gesicherte Tatsache verkauft.

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