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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Wo sich Tote mausern, droht ihnen der Hammer

Daniel Goldstein /  Praktisch, aber gefährlich: Textbausteine erleichtern das Schreiben, sorgen jedoch im Geschriebenen nicht selten für Misstöne.

Versatzstücke sind etwas Praktisches: Vorgefertigt stehen sie bereit, um an passender oder unpassender Stelle eingesetzt zu werden. Der Begriff kommt aus dem Theaterfach: Versatzstücke können rasch in ein Bühnenbild eingefügt oder dort verschoben werden. In derlei Kulissen landen die Dinger wohl meistens an einem durchaus angemessenen Platz. Darauf kann man sich in der Sprache von Zeitungen oder anderen Publikationen weniger gut verlassen.

So ist oft bei bildhaften Ausdrücken zwar der übertragene Sinn klar, aber der wörtliche gibt Anlass zum Schmunzeln oder zum Stirnrunzeln. Bei einer Versteigerung fallen Hammerschläge, die den Tisch treffen, nicht das verkaufte gute Stück – und doch sagt man, dieses sei «unter den Hammer gekommen». Weil der symbolhafte Ausdruck so bildstark ist, sollte man sich überlegen, ob die Preziose hammerfest ist. Jüngst setzten Schweizer Gazetten allerhand Kostbarkeiten Hammerschlägen aus: Papierwerke von Marc Chagall, Diamant-Armbänder von Marie Antoinette, Lady Dianas Drahtesel, das geschredderte Banksy-Bild (als hätte es nicht schon genug gelitten).

Wer mausert sich denn da?

Wenn sich jemand zu etwas mausert, braucht er ja nicht gerade sein Federkleid zu wechseln, sonst könnte man das Bild kaum je verwenden. Aber eine feststellbare Veränderung sollte die Person, Ortschaft oder Institution schon selber durchmachen, damit der Ausdruck passt. «Vincent van Gogh mausert sich zum meistverfilmten Künstler aller Zeiten» – selbst wenn es schon zu Lebzeiten geschehen wäre, hätte er es nicht mit Selbstporträts darstellen können, und sähen sie noch so gefiedert aus: Nicht er hat sich «gemausert», sondern die Rangliste der Filmbranche.

Überhaupt ist die sportliche Betrachtungsweise, wie sie hinter Ranglisten aller Art steckt, oft fehl am Platz, weil längst nicht in allen Lebensfeldern Rennen oder Rekordjagden stattfinden. Sicher nicht hier: «Die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen hat die 10 000er-Marke geknackt». Ja, toll, die Zahl hat sich aber auch redlich Mühe gegeben. Selbst wenn man nicht der Zahl, sondern dem Virus auf die Schulter klopfen will: Dazu ist, wenn schon keine Schulter da ist, wenigstens so etwas wie Persönlichkeit nötig. Die hat das Virus nicht, darum brauchen wir auch nicht zu rätseln, «was es uns sagen will». Hingegen ist es durchaus «in aller Munde», obwohl man die Redensart hier geschmacklos finden kann.

Abgeräumtes Renommee

Wo wirklich Wettbewerbe stattfinden, musste jemand früher in mehreren Kategorien obenaus schwingen (auch ohne Sägemehl), damit man sagen konnte, er habe Preise abgeräumt. In letzter Zeit reicht dafür seltsamerweise ein Einzelsieg: Da hat etwa «der Walliser [Zauberer Lionel] in der Show die Siegestrophäe abgeräumt». Vermutlich hat ihm das ordentlich Geld «in die Kasse gespült» – ein durchaus sinnfälliges Bild, das aber durch allzu häufige Verwendung viel Spülkraft eingebüsst hat.

Ebenso abgenutzt ist «renommiert» für jedwede zitierte Kapazität. Da war die Einstufung «mittelberühmte Hochschule von Schwäbisch Gmünd» origineller, wenn auch vielleicht ungerecht. Wird jemand hervorgehoben, indem er «niemand Geringerer als XY» sein darf, so hat auch das seine Tücken: «Im Verwaltungsrat sitzt niemand Geringerer als der ehemalige deutsche Vizekanzler Philipp Rösler.» Das war wohl nicht so gemeint, wie es eine logische Überlegung ergibt, nämlich: Rösler ist der Geringste im Verwaltungsrat, eventuell auf geteiltem letztem Platz.

Ob dort oder weiter oben auch eine Frau anzutreffen ist, weiss ich nicht. Aber die Chancen dazu steigen: «Frauen holen sich ihren Freiraum, wenn auch so manche Barrieren Stolpersteine darstellen.» Oder umgekehrt, jedenfalls sind aufgetürmte Bilder keine Hilfe. Falls nun jemand findet, ich solle um die Versatz­stücke nicht so ein Theater machen, dann hätte ich keine Freude, aber das Bild fände ich gelungen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war Redaktor beim «Sprachspiegel» und zuvor beim Berner «Bund». Dort schreibt er die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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