Das Feldherren-Spiel: Eine Sportart in Deutschland

Helmut Scheben /  Die Verteidigungsministerin sagte, Deutschlands Sicherheit sei am Hindukusch verteidigt worden. Klingt irgendwie bekannt.

Die meisten Länder haben eine Armee. Die eigene oder eine andere. Das offizielle Afghanistan hatte in den letzten zwanzig Jahren beides: eine eigene und eine andere, die Nato heisst. Deutschland gleicht Afghanistan insofern, als es ebenfalls zwei Armeen hat: eine eigene, die sich Bundeswehr nennt, und eine andere, die United States Armed Forces heisst. Letztgenannte muss in Deutschland Stützpunkte haben, um von diesen aus Kriege zu führen. Zum Beispiel von Ramstein aus den Drohnenkrieg in Afghanistan. 

Als die United States Armed Forces 2001 zum Kreuzzug aufbrachen, «Global War on Terror», wie der Präsident in Washington es nannte, musste Deutschlands eigene Armee mitmachen. Das nannte man Nato-Bündnisfall. Der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck begründete dies damals mit dem Satz: «Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt.»

Nachdem nun zwanzig Jahre lang in Afghanistan die deutsche Sicherheit verteidigt wurde, konnten sich die Verteidiger der Sicherheit diesen Sommer erleichtert zurückziehen. Berlin konnte aufatmen, die Stadt war nicht von den Taliban niedergebrannt worden, Berliner Girls dürfen weiterhin ohne Burka die Schule besuchen. 

Der letzte Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan vollzog sich in Kabul, wo deutsche Fallschirmjäger halfen, Flüchtende zu evakuieren. Dafür wurden am Mittwoch einige Soldaten der Einheit mit Medaillen ausgezeichnet. 

Die Fernsehbilder der ARD-«Tageschau» sagten mehr als alle Worte. Die Dekoration war perfekt. Ein Maschinengewehr war äusserst kamerawirksam im Vordergrund platziert worden. Die deutsche Kanzlerin und ihre Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer standen zusammen mit den Fallschirmjägern stramm, bevor es zur Medaillenverleihung ging. Die Inszenierung erinnerte die einen wohl freundlich, die andern schmerzlich an deutsche Generäle, denen in Zeiten, die man für vergangen hielt, Orden für siegreiche Feldzüge an die Brust geheftet wurden.

Karrenbauer Ehrung
Die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ehrt Bundeswehrsoldaten für den Einsatz in Afghanistan.

Der Aussagewunsch des politischen Bühnenstücks war scharfe Munition. Er lautete: Afghanistan war ein tapferer Kampf und ein bisschen auch ein Sieg. Zum Beweis wurden Orden verliehen. Kramp-Karrenbauer sagte das zwar nicht so, aber sie sagte: «Der frühere Verteidigungsminister Peter Struck hatte recht: Unsere Sicherheit ist auch am Hindukusch verteidigt worden.» 

Ob Kramp-Karrenbauer sich je die Frage gestellt hat, welche Sicherheit da eigentlich verteidigt wurde? Die Sicherheit der Menschen im gesellschaftlichen Miteinander oder die Sicherheit, dass der Rüstungsetat jährlich weiterwächst ins Unendliche? Die Rüstungsindustrien brauchen Krieg, Konflikte und Spannungsgebiete, um ihre Existenz zu rechtfertigen und weiter Gewinne zu machen.

Kramp-Karrenbauer zog aus zwanzig Jahren Afghanistankrieg unter anderem die Lehre, man müsse aufrüsten. Sie forderte «eine bessere Ausrüstung für die Streitkräfte». Für das nächste Mal sozusagen. Ob Frau Kramp-Karrenbauer je auf die Idee kommen wird, dass Bomben und Raketen das Letzte sind, was Länder wie Afghanistan zur Friedensstiftung brauchen?

Die USA, grosser Garant der Sicherheit allüberall auf der Welt und grosser Nato-Bruder der deutschen Bundeswehr, hat nach dem Zweiten Weltkrieg schon viel Freiheit und Sicherheit verteidigen müssen. Unter anderem in Korea, Laos, Vietnam und Kambodscha; in Chile, El Salvador, Nicaragua, Panama; im Libanon, in Jugoslawien, im Irak, in Libyen und in Syrien. Der kleine Nato-Partner Deutschland war anfangs meist nur ideologisch mit von der Partie. In letzter Zeit ist aber nicht mehr zu übersehen, dass Berlin Appetit auf mehr verspürt. Appetit auf «globale Verantwortung», was in unverhülltem Deutsch heisst: militärische Gewaltanwendung zur Durchsetzung von Strategien der Macht.

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer wurde auch schon als «Knarrenbauer» bezeichnet, was eine charmante Untertreibung ist. Denn sie lässt nicht nur Nato-Knarren bauen, sondern nach wie vor auch U-Boote, die an Israel verkauft werden, wo sie mit Nuklearwaffen bestückt werden können. Sie entsendet deutsche Kriegsschiffe in chinesische Gewässer. Die F-18-Kampfjets vom US-Hersteller Boeing, die Kramp-Karrenbauer kaufen will, sollen die Atomwaffen tragen, die der Nato-Amigo USA für Moskau oder Peking bestimmt hat. Diese Atombomben liegen in Büchel in der Eifel, und sie können eingesetzt werden, wann immer die Nato-Spiessgesellen wieder den «Bündnisfall» beschliessen. Die Leute in Deutschland haben über diese sogenannte «nukleare Teilhabe» ebensowenig ein Wort mitzureden wie ihr Parlament. 

Einen vermisste man gestern bei der Medaillenverleihung: den Bundeswehroberst Georg Klein. Er hatte am 4. September 2009 Feuer von US-Kampfjets angefordert, um eine Gruppe von Taliban anzugreifen. Doch es handelte sich in Wahrheit um eine Menschenmenge, die mit Kanistern und Eimern herbeigeeilt war, um Benzin von zwei Tanklastzügen zu nehmen, die die Taliban entführt hatten. Sie waren in einem Flussbett steckengeblieben. Bei dem Luftangriff kamen 150 Zivilisten ums Leben, darunter zahlreiche Kinder. Klein wurde befördert (Vgl. Emran Feroz: Der längste Krieg, S. 85 ff.).

Es gibt Leute, die keine Freude am neuen deutschen Feldherrenwesen haben. Der ehemalige Oberstleutnant Jürgen Rose verweigerte 2007 aus Gewissensgründen seine Beteiligung am Einsatz von deutschen Tornado-Kampfjets in Afghanistan. Rose sagte: «Indem die Bundesregierung den Einsatz von Tornado-Waffensystemen in Afghanistan beschloss, beteiligte sie sich aktiv an einem Kriegseinsatz, der auf der Grundlage einer Militärstrategie geführt wurde, die mit den fundamentalen Grundsätzen der UN-Charta (…) unvereinbar war.» Rose nennt den Afghanistan-Krieg heute: Die Schande des Westens.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

afghanistan

Der Nato-Krieg in Afghanistan

Seit 2001 führt die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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6 Meinungen

  • am 25.09.2021 um 12:36 Uhr
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    «Die Rüstungsindustrien brauchen Krieg, Konflikte und Spannungsgebiete, um ihre Existenz zu rechtfertigen und weiter Gewinne zu machen.»
    Wie wahr! Und das gilt für ALLE Rüstungsindustrien u. Waffenhändler – auch für solche in Staaten mit «humanitären Traditionen.»

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  • am 25.09.2021 um 13:28 Uhr
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    Die EU ist durch die Nato (Nah-Tod) «Spiesgeselle» der befehlshabenden und kriegs-lüsternen USA geworden. Schlimm !

    Die Geschichte lehrt, dass irgendwann die Zeit kommt, wo seither siegreiche Spies-Gesellen selbst auf-gespiest werden.
    Weil auf eimal andere Spies-Gesellen grössere, schärfere Spiesse haben.

    Leider lehrt die Geschichte auch -seit Tausenden Jahren- dass noch «Keiner-Einer» was aus der Geschichte lernte.

    Vielleicht könnte unsere Generation -endlich- mit DEM Lernen beginnen ?!

    Das schwedische Gretelchen und Fridays for Future macht mir auch diesbezüglich ein klein wenig Hoffnung.

    Wolfgang Gerlach
    scheinbar.org

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  • am 25.09.2021 um 14:49 Uhr
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    Wenn ich die USA – und in deren Schlepptau die mittelgrosse EU und die ganz kleine Schweiz – einer Verschwörungstheorie bezichtige, weil sie behaupten, Krieg zu führen, um der Welt den Frieden zu sichern, blüht mir, ins Offside gestellt zu werden.

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  • am 25.09.2021 um 15:35 Uhr
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    Mir ist es im Allgemeinen völlig gleichgültig, in welchem Land jemand geboren ist, aber im Zusammenhang mit dem ausgezeichneten und wie immer in einem beispielhaften Deutsch verfassten, inhaltlich durchdachten Beitrag von Herr Scheben ist es für mich halt doch wichtig, dass ich einige profilierte und bekannte deutsche Persönlichkeiten kenne, denen ich hundertprozentig vertrauen kann, nachdem Merkel, Kramp-Karrenbauer & Co im blinden Gehorsam dem Befehl der US- und Natogeneräle Folge geleistet und den Namen «Deutschland» in den den Schmutz gezogen haben.
    Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass man den Ausdruck «Amerikaner» nicht mehr verwendet für die Nachfahren der europäischen Eindringlinge und Massen-Mörder der wahren Amerikaner, welche diese Europäer «Indianer» nannten. Dass wenigsten ein General den Mut hatte, das befohlene Morden nicht mitzumachen, ehrt diesen Herr Jürgen Rose. Er ist ein grosser Deutscher wie Willi Brandt.
    Die offizielle Schweiz würde sich mit der gleichen Unterwürfigkeit gegenüber «dem grossen Bruder» verhalten wie Merkel, wenn uns die Verfassung nicht die Teilnahme an einem Krieg verbieten würde. Aber Regierung und Parlament unterstützten bisher jeden US-Angriffskrieg offen oder stillschwei-gend.
    Ich habe nur eine wichtige, kritische Bemerkung zu «Die meisten Länder haben eine Armee, die eigene oder eine fremde.» Da sind Sie, Herr Scheben, offensichtlich den bekannten, blödsinnigen Propagandasprüchen der Militaristen auf den Leim gekrochen.

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  • am 28.09.2021 um 17:43 Uhr
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    Krieg ist nicht nur in Deutschland ein Geschäft. Die Schweiz beteiligte sich mit Waffenexporten an Kriegen und Milliarden-Investitionen in internationale Rüstungskonzerne die sogar verbotene Waffen, wie Atombomben herstellen. In Zürich wird jetzt viel darüber diskutiert, ob es wirklich richtig ist im neuen Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich die Werke der Sammlung Emil Bührle zu zeigen. Emil Bührle stiftete 1958 den Ausstellungssaal des Kunsthauses von 1958.
    Emil Bührle war ein Kriegsgewinnler. Er profitierte vom Zweiten Weltkrieg wie andere Firmen und Banken der Schweiz und des Auslandes auch. Vergessen wir die Gegenwart vor lauter Bührle nicht: Krieg ist auch heute noch ein Geschäft. Deshalb wird auch heute noch von Privaten, der Schweizer Nationalbank, Banken, Versicherungen und Pensionskassen in die Rüstungsindustrie investiert, Milliarden. Laut ICAN, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, investierten schweizerische Geldhäuser 2019 sogar schamlos 8,983 Milliarden US-Dollar in Konzerne die Atomwaffen herstellen. Die Organisation ICAN, Friedensnobelpreisträger 2017 schreibt: «Das Schweizer Banken Geld in die Weiterentwicklung von Massenvernichtungswaffen investieren, ist umso erstaunlicher als dies in der Schweiz verboten ist. Seit der Revision des Kriegsmaterialgesetzes (KMG) vom 1. Januar 2013 gibt es ein gesetzliches Finanzierungsverbot von verbotenen Waffen. Darunter fallen auch Atomwaffen, welche in Art. 7 Abs. 1 lit. a KMG aufgeführt sind».

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    • am 29.09.2021 um 08:55 Uhr
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      Auch In der Schweiz leben Kriegsgewinnler*innen davon, dass die Mehrheit so tut, wie wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde und nur wissen will, was sie wissen will.

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