Al-Shifa Hospital

Was vom grössten Spital in Gaza, dem Al-Shifa Hospital, übrig blieb. © WHO

Hemmungslose Militärs greifen Spitäler und ihre Mitarbeiter an

Martina Frei /  Obwohl völkerrechtlich verboten, nehmen Soldaten immer öfter gezielt medizinische Zentren ins Visier.

Schwere Verletzungen, Mühe beim Atmen, wiederholte Episoden von Bewusstlosigkeit, abgemagert – in diesem kritischen Zustand traf der Anwalt des Kinderarztes Hussam Abu Safiya seinen Mandanten Anfang Juli in israelischer Gefangenschaft an. Das berichten mehrere Ärztinnen und Ärzte in der aktuellen Ausgabe von «The Lancet». Die Zeichen deuteten auf Folter und fehlende medizinische Hilfe hin. 

Laut einem «ARD»-Korrespondenten wurde Abu Safiya Anfang Juli in einen Hochsicherheitstrakt des Nizan-Gefängnisses in Ramleh verlegt und sitzt nun dort in Isolationshaft. «Sein Leben ist inzwischen akut gefährdet», warnte Amnesty International. Abu Safiya habe seinem Anwalt gesagt: «Das ist das letzte Mal, dass du mich siehst. Sie haben mich hierhergebracht, um mich zu töten.»

Amnesty International zufolge unterzeichneten über 450 in der Schweiz tätige Gesundheitsfachleute einen offenen Brief, in dem sie insbesondere den Bundesrat und Arzt Ignazio Cassis auffordern, sich unverzüglich für die Freilassung von Hussam Abu Safiya einzusetzen. Auch verschiedene Ärzte und Ärzteorganisationen setzen sich international für ihren Kollegen ein – bisher ohne Erfolg. Andere palästinensische Ärzte sind in israelischer Gefangenschaft bereits ums Leben gekommen, so etwa der frühere Leiter der Abteilung für Orthopädie am Al-Shifa Hospital nach Folter

Bis zu seiner Festnahme leitete Hussam Abu Safiya eines der letzten noch funktionierenden Spitäler im Norden Gazas. Er gab internationalen Journalisten wiederholt Auskunft. Als das israelische Militär die Evakuierung seines Spitals anordnete, habe er sich widersetzt, so das «British Medical Journal». Das israelische Militär tötete dann einen seiner Söhne. Abu Safiya habe ihn begraben und sei danach wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Einen Monat später habe er bei einem israelischen Drohnenangriff auf das Spital Schrapnell-Verletzungen erlitten. Doch der Arzt habe sich weiterhin geweigert, das Spital zu räumen. Schliesslich nahmen ihn israelische Soldaten Ende Dezember 2024 fest. 

Hussam Abu Safiya
So sah Hussam Abu Safiya vor seiner Festnahme aus.

Unbefristete Inhaftierung ist laut israelischem Recht legal

Abu Safiya ist laut Healthcare Workers Watch einer von über 400 Gesundheitsfachleuten, welche die israelischen Behörden seit Oktober 2023 festgenommen haben. 83 davon würden noch immer festgehalten – obwohl die Genfer Konvention das Gesundheitspersonal explizit schützt.

Das israelische Gesetz erlaubt die unbefristete Inhaftierung sogenannter «ungesetzlicher Kombattanten» auch ohne Anklage oder Gerichtsurteil, so wie bei Hussam Abu Safiya. Gemäss der «ARD» «kursiert ein Foto, das ihn in Uniform zeigt. Sein Sohn sagt dem ‹ARD›-Studio Tel Aviv, das Foto zeige ihn als Angestellten der Palästinensischen Autonomiebehörde.» Israels Armee habe die Angriffe auf Spitäler damit begründet, «dass Terrorgruppen wie die Hamas im Gazastreifen aus Krankenhäusern operieren würden. Beweise dafür gab es häufig nicht.» Die Hamas dementierte, dass sie Spitäler als Basis benütze.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International dagegen erachten die Attacken auf Spitäler, Gesundheitszentren und ihre Mitarbeiter als «Teil der umfassenden Zerstörung des Gesundheitssystems». Die Verhaftungen dienten «auch dazu, direkte Zeuginnen und Zeugen schwerer Menschenrechtsverletzungen zum Schweigen zu bringen und deren Dokumentation zu verhindern».

Auch im Iran: Dutzende von Angriffen

Der palästinensische Chirurg Ghassan Abu Sitta hatte laut dem «British Medical Journal» schon im Oktober 2023 vor dem Al-Shifa-Krankenhaus gewarnt, dass die Angriffe auf Spitäler im Gazastreifen einen besorgniserregenden weltweiten Präzedenzfall schaffen würden. Wenn die Welt dies schweigend hinnehme, werde dies jeden Staat dazu ermutigen, Gesundheitseinrichtungen anzugreifen – nicht nur im Gazastreifen.

Seine Prognose scheint eingetroffen zu sein: «Dutzende von Angriffen im Iran seit Ende Februar 2026 haben zu Todesfällen bei medizinischem Personal, Schäden an Spitälern und Beeinträchtigungen der Gesundheitsversorgung geführt; dies deutet auf einen zunehmenden Trend hin, bei dem die Gesundheitsinfrastruktur während bewaffneter Konflikte gezielt angegriffen wird», stellte ein Medizinprofessor der Universität Münster im «British Medical Journal» (BMJ) fest.

Laut der «Safeguarding Health in Conflict Coalition» nahmen die Angriffe auf das Gesundheitswesen in Konfliktgebieten weltweit im Jahr 2023 um 25 Prozent zu, verglichen mit dem Vorjahr. 2024 gab es einen weiteren Anstieg um 15 Prozent – «womit der höchste jemals von der Koalition dokumentierte Stand erreicht wurde. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der getöteten Gesundheitskräfte nahezu verdoppelt», so das «BMJ».

Im Jahr 2025 gingen die Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen laut der «Safeguarding Health in Conflict Coalition» weltweit unerbittlich weiter – obwohl der UN-Sicherheitsrat zehn Jahre zuvor in einer Resolution einstimmig den Schutz von Verwundeten und Kranken, medizinischem Personal sowie humanitären Helfern in bewaffneten Konflikten bekräftigte. In 26 Ländern sei diese Resolution 2025 verletzt worden, vor allem durch staatliches Militär. «Die überwiegende Mehrheit derartiger Vorfälle im Iran, im Libanon, in den besetzten palästinensischen Gebieten, in Syrien und im Jemen wurde den israelischen Streitkräften zugeschrieben sowie in der Ukraine den russischen Streitkräften. […] Gewalt gegen das Gesundheitswesen ist zu einem Merkmal moderner Konflikte geworden», schreibt die Organisation in ihrem Jahresbericht 2025. 455 Gesundheitsfachleute seien getötet worden, 790-mal seien Spitäler oder andere medizinische Zentren beschädigt oder zerstört worden.

Auch im Libanon wurden allein im Zeitraum von 28. Februar bis 12. März 2026 insgesamt 79 Spitäler sowie Gesundheitszentren angegriffen oder gezwungen, zu schliessen, berichtete das «British Medical Journal» – und erinnerte daran, dass das internationale humanitäre Völkerrecht derartiges verbiete.

Erschütternde Zahlen

Die Vereinten Nationen stellen die Lage in Gaza auf einer Website dar. Hier nur einige Zahlen:

  • Mehr als 58’000 Kinder in Gaza haben einen oder beide Elternteile verloren (Stand Dezember 2025). Laut dem palästinensischen Ministerium für soziale Entwicklung waren es im April 2026 bereits über 64’000 Waisen im Gazastreifen , wobei mehr als 55’000 beide Elternteile oder den Hauptverdiener der Familie verloren hätten.
  • Über 1700 Mitarbeitende im Gesundheitswesen wurden getötet (Stand Oktober 2025).
  • Einer von fünf palästinensischen «Haushalten» hat pro Tag nur eine Mahlzeit. Im Durchschnitt gibt es 1,9 Mahlzeiten (Stand April 2026).
  • 77 Prozent der Wohnungen sind zerstört oder beschädigt (Stand April 2026).
  • 93 Prozent der Schulgebäude sind zerstört oder massiv beschädigt. Rund 637’000 Kinder im Schulalter haben keinen Präsenzunterricht (Stand Oktober 2025).

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Bildschirmfoto20120226um12_51_13

Atommacht Israel und ihre Feinde

Teufelskreis: Aggressive Politik auf allen Seiten festigt die Macht der Hardliner bei den jeweiligen Gegnern.

Bildschirmfoto20120807um11_24_46

Menschenrechte

Genügend zu essen. Gut schlafen. Gesundheit. Grundschule. Keine Diskriminierung. Bewegungsfreiheit. Bürgerrechte

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach drei Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

8 Meinungen

  • 5.08.2026 at 12:49
    Permalink

    DF Otto Langels | 14.02.2022: «Am 14. Februar 1942 entschied die britische Militärführung, „ohne Einschränkung“ Bomben über dicht besiedelten deutschen Städten abzuwerfen. Vorbild für die Flächenbombardierungen waren verheerende deutsche Luftangriffe auf Städte wie London und Coventry oder Warschau… Doch die erhoffte Wirkung des sogenannten Moral Bombing blieb aus. ,..»

    Zur Aussage der Hauptzeile: «Hemmungslose Militärs greifen Spitäler und ihre Mitarbeiter an» man könnte wohl davon ausgehen, dass die strategischen Militärköpfe immer noch die Bomben-Denke des 2.Weltkriegs in den Köpfen haben: die Städte zerbomben, ohne rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen, solange bis der Gegner kapituliert. Das könnte wohl heissen, dass alle iranischen Städte in Schutt und Asche versinken könnten. Historische Abläufe scheinen sich immer zu wiederholen.
    Gunther Kropp, Basel

  • 5.08.2026 at 13:09
    Permalink

    Jeder Kontakt, jedes Geschäft mit Israel ist zu underbinden und zu verbieten. Nur humanitäre Aufgaben/Kontakte sind zu erlauben. – Heute unterstützt die Schweiz (indirekt) Verbrecher. Wollen wir das?

    • 6.08.2026 at 07:34
      Permalink

      Die Schweiz hat nichts gelernt und sich nicht geändert. Wir haben schon damals im geheimen das Apartheit Regime in Südafrika unterstützt. Als dann Nelson Mandela befreit wurde, taten wir so als wäre die Schweiz schon immer auf seiner Seite gewesen. Als Präsident besuchte Mandela zuerst Havanna und Moskau die wahren Freunde und Unterstützer der schwarzen Bevölkerung. Oder im spanischen Bürgerkrieg. Die Sowjetunion und Mexiko waren alleine für die demokratisch gewählte, angegriffene spanische Regierung. Der Rest der Welt unterstützte den Faschismus. Es hat sich schon immer gezeigt wer des Kapitalismus Darling ist.

  • 5.08.2026 at 16:19
    Permalink

    Globalbridge 16.7.2026 – «Wenn die Kinder zum Angriffsziel werden»
    Die Konsequenzen einer solchen Erkenntnis reichen weit über Gaza hinaus. Sie werfen grundlegende Fragen über die Zukunft des Völkerrechts selbst auf.
    Schweiz null (!) Sanktionen gegen USA. Beispiel: Palästina; Iran; Völkerrechtsbruch gegen Kuba (und Schweizer dürfen kein Geld überweisen nach Kuba und innerhalb der Schweiz mit Vermerk Kuba). Schweiz sehe ich leider auf dem Weg in EU und NATO (beides Projekte der USA).
    Aber Bundesrat gegen Neutralitäts-Initiative «Kein Krieg» der SVP (27.9.). Und dezidierte Parteilichkeit gegen Russland.
    Sprecherin Maria Sacharowa kritisiert die Schweizer Sanktionen gegen russische Bürgerinnen und Bürger sowie den «Friedensgipfel» auf dem Bürgenstock im Jahr 2024, bei dem die «Konfliktparteien» nicht dabei gewesen seien. «Für einen Vermittler, und gerade die Vermittlung ist die historische Funktion der schweizerischen Neutralität, bedeutet das das Ende seiner beruflichen Glaubwürdigkeit».

  • 5.08.2026 at 16:47
    Permalink

    Keine Armee der Welt geht mit vergleichbarer Brutalität gegen eine im Wesentlichen schutzlose Bevölkerung vor. Nebst der totalen Umzingelung des Gazastreifens ohne jede Schutz- oder Fluchtmöglichkeit, dient die systematische Zerstörung des Gesundheitswesens durch die israelische Armee dazu, das Leben auf dem kleinen Flecken Erde unmöglich zu machen. Dazu kommt die gezielte Ermordung von Spitalpersonal und Rettungskräften und die Absichtliche Erzeugung von Unterernährung. Dass das Ziel des Ganzen die Verwirklichung von Grossisrael sei, haben Vertreter des Besatzungsregimes mehrfach ausgedrückt. Dem tatenlos zuzuschauen – was in anderen Konflikten ja nicht üblich ist – macht unsere Regierung und besonders Leute wie Aussenminister Cassis zu Mitschuldigen.

  • 5.08.2026 at 23:05
    Permalink

    Agent Orange nachhaltiges Kriegsverbrechen der USA. 20min 27.4.2023 – «Behindert und ans Bett gebunden – so leben Kinder von Agent-Orange-Opfern»
    Israel 2026:
    Israel sprüht Glyphosat in Grenzregionen Syriens und Libanons «Süddeutsche Zeitung» 2.8.26 – Bauer Hayel Alabdallah aus dem Dorf Samdaniah schildert, Anfang des Jahres wiederholt Flugzeuge aus Richtung der von Israel kontrollierten Golanhöhen beobachtet zu haben, die über seinen Feldern eine Flüssigkeit versprühten. «Ich wusste sofort, dass es gefährlich wird, das Vieh ist sofort weggelaufen».
    Seine Familie lebt seit Generationen vom Weizenanbau auf 30 Hektar. Doch «seit die Flugzeuge kamen, wächst nichts mehr auf unseren Feldern“. Hilfe bekomme niemand. «Wovon sollen wir leben? Die Regierung hilft uns nicht, niemand hilft uns.»
    Libanons Präsident Joseph Aoun sprach von einem «Umwelt- und Gesundheitsverbrechen». Mehrere NGOs werfen Bayer vor, mit Glyphosat und weißem Phosphor eine «Politik der verbrannten Erde» zu unterstützen.

  • 6.08.2026 at 01:05
    Permalink

    Heute habe ich im Palestine Chronicle gelesen, dass Hussam Abu Safiya in der Einzelhaft mehrere Rippen gebrochen wurden. Er leidet an einer Herzkrankheit, Bluthochdruck, Unterernährung und Depression. Aber medizinische Hilfe wurde ihm verweigert. Israel will ja die palästinensische Bevölkerung ausrotten, deshalb werden Spitäler, Schulen, besonders Kinder und Frauen umgebracht. Palästinenser sollen sich nicht vermehren. Im Iran sehen wir dieselbe Taktik: die zweite Bombe traf eine Mädchenschule in Minab, 168 tote Schülerinnen! Dann folgten weitere Schulen und Spitäler. Wie es Trump immer wiederholt: den Iran muss man zu Schutt und Asche bombardieren. Skandalös ist auch die Bombardierung der ältesten Synagoge von Teheran. Offenbar, weil iranische Juden keine Zionisten sind und zum Iran stehen.

  • 6.08.2026 at 14:28
    Permalink

    Einmal ist es der Holocaust, oder dann ist es der Antisemitismus, der herhalten muss, um Kritik an Israel von aussen auffahren zu lassen..!

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...