Deepfake-Werbung missbraucht Ärzte zum Schaden von Patienten
«Sie werden erstaunt sein, dass Sie Diabetes in nur 17 Stunden loswerden können, ohne Ihr Zuhause zu verlassen.» Das sagt anscheinend Eckart von Hirschhausen in einem Werbevideo auf einer Onlineplattform für medizinische Produkte. Doch das hat der prominente Arzt und Wissenschaftsjournalist niemals gesagt. Das wurde ihm mittels KI in den Mund gelegt, mit einer künstlich generierten Stimme, die täuschend echt klingt. Die Software passt sogar von Hirschhausens Lippenbewegungen an, sodass der Betrug niemandem auffallen kann. Im Übrigen ist das Bildmaterial echt, es stammt aus einem Fernsehinterview zu einem ganz anderen Thema.
Dieses perfekte Beispiel für Deepfake dokumentiert der echte Eckart von Hirschhausen in seinem minutiös recherchierten Dokumentarvideo «Hirschhausen und die Deepfake-Mafia» in der ARD. Er zeigt auf, wie nicht nur die Verkäufer der zweifelhaften Präparate viel Geld ergaunern, sondern auch die grossen Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram, X usw.
Der Missbrauch Prominenter per Deepfake nimmt rasant zu
«Ich mache angeblich Werbung für Abnehmpulver, für Schmerzmittel gegen hohen Blutdruck und neuerdings auch für Potenzmittel in Pornos. Es ist ekelhaft und gefährdet natürlich auch die Gesundheit von Menschen, die damit betrogen werden», sagt von Hirschhausen in seinem Film. «Über 2000 medizinische Fakes gibt es aktuell von mir im Netz.» Die KI arbeitet immer präziser, manipuliert Bild und Ton täuschend echt, Original und Fälschung sind immer schwerer zu unterscheiden.
Von Hirschhausen ist nur einer von vielen prominenten Persönlichkeiten, die massenhaft Vertrauensmissbrauch, Rufmord und Identitätsklau durch Deepfake-Videos erleiden. In seinem Film deckt er die Hintergründe und Dimensionen dieser internationalen Betrüger-Mafia auf.
Die Betrüger nutzen gezielt die Schwächen ihrer Opfer
Wer im Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit eines dargestellten Prominenten auf solche Werbeanzeigen klickt, landet auf Verkaufsseiten für Nahrungsergänzungsmittel und Pseudo-Medikamente. Unweigerlich gerät man dadurch in die Fänge der gewieften Online-Betrüger.
Von Hirschhausen trifft in Brasilien einen ehemaligen Call-Agenten, der auspacken will. Über die Firma «Top Call» vertickte er angebliche Mittel gegen Bluthochdruck und gegen Schmerzen oder Wunderkuren zum Abnehmen. Seine einzige Aufgabe war es, Menschen in Deutschland über ein Telefongespräch nutzlose und teils auch gefährliche Pseudopräparate anzudrehen. Vor allem Menschen, die schon chronisch krank sind und nach jedem Strohhalm greifen, wenn Heilung versprochen wird, besonders wenn dieses Versprechen von einem vertrauenswürdigen und renommierten Arzt zu stammen scheint.
Ein Verkaufs-Leitfaden schreibt dem Verkäufer vor, wie er seine Opfer überzeugen soll, wenn sie zögern. Darin steht zum Beispiel: «Betonen Sie, dass Übergewicht im Laufe der Zeit weiter zunimmt.» Es geht darum, Unsicherheit auszunützen. «Dieses Training ist psychologisch extrem perfide», konstatiert von Hirschhausen, «es ist genau auf die Ängste der Menschen ausgerichtet. Man geht gezielt auf Menschen los, die schon verzweifelt sind.»
Mit dieser Masche könne ein guter Verkäufer bis zu 15 Präparate täglich an Menschen in Deutschland loswerden. «Teilweise empfehlen die Betrüger sogar, ärztlich verordnete Medikamente wegzulassen. Hey, das ist lebensgefährlich!», empört sich Eckart von Hirschhausen.
Typischerweise arbeiten die «Call-Agents» isoliert, im Home-Office oder von einem angemieteten Online-Arbeitsplatz aus. Schriftliche Arbeitsverträge gibt es nicht, der Lohn wird per Kryptogeld oder über Paypal ausbezahlt, damit die Herkunft des Geldes nicht zurückverfolgt werden kann.
Der anonyme Zeuge kassierte so in Brasilien 2000 bis 2500 Euro pro Monat, mehr als viele Ärzte dort verdienen.
Die Verkäufer verfügen über detaillierte Profile ihrer Opfer
Von Hirschhausen trifft den irischen Bürgerrechtsaktivisten Johnny Ryan, einen IT-Fachmann, der lange für die Online-Werbebranche gearbeitet hat. Heute hält er sie für gemeingefährlich: «Datenhändler bieten heute alles an: Von den persönlichen Gesundheitsdaten bis hin zu Bewegungsprofilen über Jahre hinweg. Zum Beispiel lässt sich herausfinden, ob jemand wegen einer Geschlechtskrankheit in einer Klinik war.»
Jede Suchanfrage, jeder Online-Kauf, jede Social-Media-Aktivität hinterlässt digitale Spuren, eindeutig verknüpft mit dem Handy, der E-Mail-Adresse oder dem User-Profil. «Ob du gerade nach Schmerzmitteln suchst, dich für Wodka interessierst oder versuchst, abzunehmen. Es ist unfassbar, wie viele Details über User käuflich sind. In 15’000 Kategorien. Gerade wenn Internetseiten umsonst sind, bezahlen wir das mit dem Verlust unserer Privatsphäre», warnt Hirschhausen.
Der IT-Experte Johnny Ryan demonstriert es auf der Plattform eines Datenhändlers, der sich «Intuition» nennt: Der gezielte Zugang zu 1000 Betroffenen einer bestimmten Kategorie kostet 1,75 US-Dollar.
Wer die intimsten Schwächen der Menschen kennt, kann sie mit passgenauen Werbeinseraten leicht ködern und manipulieren. Auf Nachrichtenseiten, in Shopping-Portalen, in beliebigen Apps: Überall ploppen kleine Fenster auf mit Anzeigen. Diese Pop-up-Banner sind ein Milliardengeschäft. Und jedes Mal fliessen dabei private Daten in ein globales Netzwerk von Firmen ab. Johnny Ryan weiss: «Die Daten einer einzigen Anzeige gehen an tausende Datenhändler. Und es gibt keine technische Möglichkeit, die Nutzung dieser Daten zu begrenzen.»
Und wenn dabei noch ungestraft Deepfake-Videos eingesetzt werden, dann drohe der totale Kontrollverlust in der Online-Welt. Für den IT-Fachmann Johnny Ryan beschränkt sich das Problem nicht auf die kommerziellen Betrügereien. Er sieht die Gesellschaft als Ganzes in höchster Gefahr: «Wenn wir jetzt nicht handeln, bedeutet das für die liberale Demokratie das Aus.»
Tech-Riesen wie Meta und Google kassieren mit beim Betrug
Bei Meta weiss man genau um die vielen Fake-Inserate. Mit jedem Klick auf Facebook und Instagram verdient der Tech-Multi daran, deshalb hat er kein Interesse, die Betrügereien zu verhindern, im Gegenteil. Ein Insider aus der Konzernleitung hat ein entlarvendes Dokument an die Presse weitergeleitet. Demnach machte Meta nach eigenen Schätzungen allein im Jahr 2024 16 Milliarden Dollar, ganze 10 Prozent des Gesamtumsatzes, wissentlich über betrügerische Werbung. «Man stelle sich vor, eine Apotheke oder ein Supermarkt würden 10 Prozent ihres Umsatzes mit illegalen Produkten verdienen», kritisiert Hirschhausen.
Die Justiz erweist sich als zahnlos im Kampf gegen Deepfake
Seit vier Jahren kämpft Eckart von Hirschhausen vor Gericht gegen die Deepfake-Mafia. Er verklagte Meta, die Firma hinter Facebook, WhatsApp und Instagram. Er musste in Irland über zwei Instanzen mit Anwälten streiten, «die sich doof stellen». Das Oberlandesgericht Frankfurt gab Hirschhausen schliesslich Recht, Meta muss die angezeigten Fakes aktiv suchen und löschen. Doch es geschieht praktisch nichts. «Der Betrug geht weiter und weiter. Mich erreichen täglich hunderte E-Mails von Menschen, die mit meinem Gesicht, meiner Stimme betrogen werden», klagt Hirschhausen.
Die EU kuscht vor den USA unter Trump
Alexandra Geese kämpft als EU-Abgeordnete seit Jahren gegen Desinformation im Netz und für eine bessere Regulierung der grossen Social-Media-Plattformen.
Der «Digital Services Act» der EU regelt europaweit, dass die Plattformen betrügerische Anzeigen löschen und offenlegen müssen, wer hinter den Anzeigen steht. Die Gesetze gibt es, doch kaum einer hält sich dran. «Warum greift die EU nicht durch, gegen eine Handvoll Tech-Bosse?», fragt Hirschhausen. Die EU-Abgeordnete antwortet: «Weil die Europäische Kommission Angst vor den USA hat. Wir haben die aktuelle Situation, dass die Trump-Regierung sehr eng mit diesen Tech-Konzernen zusammenarbeitet und die Regierung enormen Druck auf die Europäische Kommission ausübt. Die Europäische Kommission könnte sofort eine Untersuchung anstellen, könnte sofort Auflagen erteilen, um diesen Betrug abzustellen.»
Allein im Bereich der Gesundheitsprodukte hätten «irreführende medizinische Werbeanzeigen in den letzten sechs Jahren circa 900 Millionen Google- und Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer in Europa» erreicht, beziffert Hirschhausen das Ausmass dieser Online-Betrügereien.
Die Gefahr dieser betrügerischen Online-Werbung liegt in ihrer Treffsicherheit. «Man kann das Pseudomedikament oder den Kurs zur Verbesserung der Lebensqualität für viele tausend Euro sehr gezielt an Menschen ausspielen, die depressiv sind, die eine Angststörung haben, die sich besonders unsicher fühlen», sagt Hirschhausen. «Die Liste der ganzen Schundpräparate, die mit Deep-Fakes angepriesen werden, wird länger und länger».
Der Vertrieb der Pseudopräparate ist global organisiert
Juristisch ist gegen die Deepfake-Mafia kaum etwas auszurichten. Ihr Vertriebsnetz ist sehr professionell über die ganze Welt versteckt, die Lieferketten sind undurchschaubar. Der brasilianische Whistleblower berichtet, dass «Top-Call», sein einstiger Arbeitgeber, laufend neue Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen suche, die Arbeit sei zu 100 Prozent ortsunabhängig. Diese Firma hat ihren Hauptsitz in Toa Payoh, Singapur, und koordiniert weltweit die Telefonverkäufer, die dann unter falscher Nummer potenzielle Opfer in Deutschland anrufen. Zwei unabhängige Quellen berichten Hirschhausen von Drahtziehern in der Ukraine. Eine weitere Spur führe zu einem angeblichen EU-Importeur mit Sitz in Tallin, Estland.
Es gibt auch eine Adresse in Berlin, «damit das Ganze seriöser wirkt», doch auch dort trifft Hirschhausen niemanden an. Er kommt an die Täter nicht ran, weil die Techfirmen deren Anonymität schützen.
Am Zoll zeigt sich das Ausmass des illegalen Online-Handels
Hirschhausen sondiert beim Zoll am Flughafen Frankfurt. Dieser beschlagnahmte allein im Jahr 2024 über zwei Millionen illegale Ampullen und Tabletten. Grundsätzlich ist es verboten, Medikamente für den Privatgebrauch aus Nicht-EU-Staaten zu bestellen.
Doch jeden Tag kommen hier vier Millionen Sendungen an. Es sind nur gezielte Stichproben möglich, das Ganze erinnert an die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Hirschhausen zeigt typische Beispiele: Täuschend echt aussehende Potenzmittel aus gefakten Online-Apotheken, angeblich legal und zollfrei. Oder Testoelan, ein Hormonpräparat aus der Brustkrebsbehandlung: «Wer bestellt sich denn so was im Ausland, Wahnsinn.»
«Und das Skrupelloseste, was mir in der Recherche untergekommen ist: Betrüger haben Insulin Pens mit einem falschen Etikett als Abnehmspritze verkauft. Ey, daran kann man sterben!»
Die Abwehr von Online-Betrug gleicht einer Sisyphus-Aufgabe
Hirschhausen schildert den Fall des Angeklagten Lutz D. Dieser hatte containerweise Potenz- und Abnehmpillen, Antibiotika, Medikamente gegen Krebs und HIV in Asien beschafft, dann illegal online verkauft und damit mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag verdient. Jahrelang jagten Europol, der deutsche Zoll und die amerikanische Drogenbehörde DEA den Täter.
2020 gelang seine Festnahme, drei Sportwagen wurden beschlagnahmt. Anklage wurde 2023 erhoben, doch die Verhandlung habe noch nicht einmal begonnen. «Unfassbar, der mutmassliche Haupttäter ist seit sechs Jahren wieder auf freiem Fuss», empört sich Hirschhausen.
Nach zwei Jahren Ermittlungen verhängte die EU im Dezember 2025 erstmals eine Strafe gegen eine Plattform. «X» soll 120 Millionen Euro zahlen, unter anderem, weil nicht konsequent offengelegt wurde, wer hinter den Werbeanzeigen steckt. Eigentümer Elon Musk forderte daraufhin lauthals die Abschaffung der EU. Er erhob Einspruch – und die Deepfakes sind weiter online.
«Uns läuft die Zeit davon», konstatiert Hirschhausen, «das Monopol der Plattformen gefährdet unsere Demokratie und die unabhängige Presse. Die EU- Kommission wird von Trump, Putin und Co erpresst und setzt ihre Waffen gegen die Plattformen nicht ein.»
Deutschland will den Kampf gegen die Deepfake-Mafia verstärken
Das Deutsche Strafgesetzbuch soll nun ergänzt werden. Laut dem Entwurf eines Gesetzes «zum strafrechtlichen Schutz von Persönlichkeitsrechten vor digitaler Fälschung» soll die Veröffentlichung von Deepfakes «mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft» werden. Juristen würden bereits vom Hirschhausen-Paragraphen sprechen, meint der Autor verschmitzt.
Doch, wie Hirschhausen eindrücklich dokumentierte, solche Gesetze können heute kaum durchgesetzt werden.
Die vollständige Sendung der ARD («akzeptieren»):
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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