Nicht alle Operations-Teams haben gleiche Übung und arbeiten gleich gut, aber niemand weiss, wie gut © Army Medicine/Flickr/CC

«Mehr Wettbewerb kann uns gesünder machen»

Red. / 02. Okt 2013 - Eine Einheitskasse à la Suva macht unser Gesundheitssystem nicht besser. «Im Gegenteil», sagt Urs P. Gasche in einem Interview.

Red. Folgendes Interview hat die Krankenkasse Visana mit Urs P. Gasche geführt. Es erscheint auch in deren Zeitschrift «Forum».

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Wie beurteilen Sie unser Gesundheitswesen aus Versicherten- und Patientensicht?

Urs P. Gasche: Die Schweiz hat eines der besten und umfassendsten Gesundheitsangebote mit der wohl grössten Ärztedichte der Welt. Aber wir wissen nicht, ob die Bevölkerung damit so gut versorgt ist.

Wie bitte?

Es werden bei uns kaum Daten veröffentlicht, ob ein Spital qualitativ gut ist oder nicht. Wenn ich für eine Behandlung in ein Spital muss, weiss ich nicht, in welchem ich grössere Risiken eingehe. Vergleiche fehlen.

Haben wir schlechte Spitäler?

Ja. Wir haben Spitäler, die bestimmte Behandlungen zu selten ausführen und damit gar nicht gut sein können. Es ist erwiesen, dass Spitäler, die eine bestimmte Operation häufig durchführen, qualitativ meistens besser sind.

Die Häufigkeit ist doch nur eines von vielen Kriterien?

Richtig. Wir brauchen auch Transparenz darüber, wie häufig nach einer Operation Komplikationen auftreten, zu wie vielen Spitalinfektionen es kommt, die Zahl unvorhergesehener Nachbehandlungen und über vieles mehr. Diese Angaben fehlen, werden nicht systematisch erfasst oder sind nicht publik.

Warum nicht?

Obschon der Bund seit 1996 per Gesetz verpflichtet ist, die Qualität der medizinischen Versorgung zu überprüfen und die nötigen Daten dazu einzufordern, tat er das nicht. Hätte er es getan, wüssten wir heute, welche Behandlungen unzweckmässig sind und mehr Schaden als Nutzen bringen. Wahrscheinlich haben die Behörden Angst, dass die medizinische Qualität in der Schweiz doch nicht so hoch ist, und dass viele Behandlungen falsch oder überflüssig sind.

Zum Beispiel?

Im Kanton Waadt werden Untersuchungen mit Herzkatheter rund 80 Prozent häufiger vorgenommen als im Kanton St. Gallen. Aber es gibt keine Resultate darüber, ob dies zum Vor- oder Nachteil der Waadtländer ist.

Dafür leiden sie weniger unter Herzkrankheiten?

Auf den Beweis dafür warte ich schon lange. Die Ärzte haben die grossen Behandlungsunterschiede bisher nie medizinisch begründet. Die Waadtländer werden einfach häufiger mit einem Katheter diagnostiziert, weil es dort mehr Herzspezialisten gibt als anderswo. Doch jede Untersuchung birgt ein Risiko, und das tragen allein die Patienten.

Also viele unnötige Behandlungen?

Wahrscheinlich schon. Um dies herauszufinden, sollte man die Behandlungsergebnisse erfassen. Doch man will lieber selber verdienen, als Geld für solche Messungen ausgeben. Von Qualitätsmessungen würden vor allem die besten Ärzte sowie die Patienten profitieren.

Die Konsequenz wäre doch der «gläserne Patient»?

Mit dem gläsernen Patienten verbreiten viele Ärzte Angst, um den gläsernen Arzt zu verhindern. Denn für Vergleiche von Behandlungsergebnissen kann man die Patientendaten anonym auswerten. Im Ausland, wo es solche Vergleiche gibt, sind bis heute keine Probleme mit dem Schutz von Patientendaten entstanden. Um Wirkung zu haben, müssen die Ergebnisse öffentlich sein, mit Namen von Spitälern und Chirurgen. Erst die Veröffentlichung führt zum nötigen Druck und zu einer merklich höheren Qualität.

Würde eine Einheitskasse diese Probleme nicht einfacher lösen?

Ich fürchte nein. Eine Einheitskasse, verwaltet von allen Interessensgruppen, hätte keine Anreize, um Transparenz in die Qualität zu bringen, gegen unnötige Behandlungen vorzugehen und damit auch die Kosten im Rahmen zu halten. Der Bund hat seit 1996 seine Kompetenzen nicht wahrgenommen, um Transparenz in die Qualität zu schaffen. Konkurrenz um die beste Qualität – nicht um die günstigsten Patienten – würde den nötigen Druck schaffen.

Was ist der richtige Weg?

Besser wäre es, dem Beispiel Holland zu folgen. Dort werden Behandlungsresultate erfasst. Das ist die Voraussetzung, um auch im Gesundheitswesen einen kontrollierten Wettbewerb einzuführen. Dann können die Kassen mit Spitälern, Ärzten und der Pharmaindustrie Vieles selbst aushandeln.

Das Resultat lässt sich sehen: Vergleichbare soziale Schichten erfreuen sich mindestens der gleichen Gesundheit wie die Schweizer, doch Prämien und Steuergelder zahlen sie dafür viel weniger. Sie liegen weniger im Spital, werden weniger operiert und schlucken weniger Medikamente.

Wir müssen den Wettbewerb wie in Holland stärken. Der sogenannte Vertragszwang – also die Verpflichtung der Krankenversicherer, einfach alle Leistungen von allen Ärzten und allen Spitälern zu zahlen – muss aufgehoben werden. Erst dann entsteht Wettbewerb unter den Krankenversicherern. Dann sind sie daran interessiert, auf Ärzte und Spitäler Druck auszuüben, um für ihre Milliarden die beste Versorgung zu bekommen. Aber wie gesagt: Das setzt voraus, das Behandlungsresultate erfasst und verglichen werden können.

Wäre die Suva ein Vorbild?

Tatsächlich verfügt die Suva über eine Vertragsfreiheit. Aber als Monopolbetrieb, mit vielen Interessensgruppen im Verwaltungsrat, kann die Suva ihre Freiheit nicht ausnützen. Dafür braucht es den Wettbewerb unter den Krankenversicherungen – und zuallererst eine unabhängige Qualitätskontrolle der Spitäler und Spezialisten.

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Siehe auch

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Urs P. Gasche ist Mitglied der Redaktionsleitung von Infosperber. In der Eidgenössischen Arzneimittelkommission vertritt er Patienten und Prämienzahlende.

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