Kommentar
Wen soll ich wählen – beim nächsten Mal?
Zeitlebens wählte ich SP. Oder links davon. Aber in den letzten Jahren haben wir uns entfremdet, die SP und ich. Zuerst dachte ich, ich sei halt älter geworden und hätte es nicht mehr so mit den linken Anliegen. Aber inzwischen habe ich den Eindruck, die SP habe es selber nicht mehr so mit den linken Anliegen.
Nehmen wir die jüngsten Wahlen im Kanton Bern. Am Wochenende trat die SP mit zwei Listen an: «SP Frauen und Queer» hiess die eine Liste, «SP Männer und Queer» die andere. Die Aufteilung in eine Männer- und in eine Frauen-Liste ist für mich ein bisschen überholt. Immerhin holen die Frauen seit Jahren schon rund zwei Drittel der SP-Sitze.
Die Fixierung aufs Geschlecht
Aus diesem Grund irritiert mich seit ein paar Jahren diese Fixierung aufs Geschlecht. Ich wähle Politiker und Politikerinnen ja nicht aufgrund ihres Geschlechts, sondern weil sie sich für Anliegen stark machen, die ich wichtig finde, und weil sie auf eine Art politisieren, die mir erfolgversprechend scheint.
Noch mehr irritiert mich allerdings der Zusatz «Queer» in der Bezeichnung der Männer- und der Frauen-Liste der SP. Noch weniger als das Geschlecht interessiert mich nämlich, als was sich ein Politiker oder eine Politikerin fühlt. Und erst recht will ich nicht wissen, wer mit wem ins Bett steigt.
Oder gar kein Pronomen
Aber genau dies scheint in linken Kreisen das dominante Thema zu sein. In den Wahlprospekten der Juso, des Grünen Bündnisses, der Jungen Alternative und der Alternativen Linken stand unter jedem Namen, als was sich die Kandidaten und Kandidatinnen fühlen beziehungsweise wie sie angesprochen werden möchten: mit «er», mit «sie», mit «they» oder mit gar keinem Pronomen.
Politische Anliegen können da schon mal vergessen gehen. Die SP schrieb in ihrem Wahlprospekt:
«Am 29. März geht es um unsere Zukunft. Lösungen für die heutigen grossen Herausforderungen finden wir nur gemeinsam. Darum ergreifen wir Partei: Wir ergreifen Partei für die Überzeugung, dass Fortschritt und Freiheit für alle möglich sind. Wir ergreifen Partei für eine bessere Gegenwart für uns und eine bessere Zukunft für die, die nach uns kommen.»
Bei der Lektüre gingen mir zwei Sachen durch den Kopf:
- Erstens fragte ich mich, was die SP damit meint. Und ob die Verantwortlichen selber es wissen.
- Zweitens hatte ich den Eindruck, dass diese Zeilen auch von der SVP stammen könnten. Von der FDP. Von der Mitte. Von den Grünen. Von den Grünliberalen. Oder von der EVP. Jede Partei könnte solche Floskeln formulieren.
Denn jede Partei nimmt für sich in Anspruch, gemeinsam «Lösungen für die heutigen grossen Herausforderungen» zu finden, «Freiheit für alle» zu ermöglichen und an «einer besseren Zukunft» zu arbeiten. Nicht nur die SP.
Genug zu tun
Dabei müsste sich die SP nicht in solche Floskeln flüchten. Sie hätte genug anderes zu tun. Sie könnte sich mit gewerkschaftlichen Anliegen beschäftigen, sie könnte sich um die Sorgen von Mietern kümmern, sie könnte sich mit Umweltanliegen befassen. Und auch darüber sprechen.
Aber was ist uns vom letzten SP-Parteitag in Biel BE geblieben? Das Kopftuch. Kolumnistin Kaltërina Latifi schrieb im «Magazin» kürzlich treffend, dass uns die SP das Kopftuch «neuerdings als emanzipatorische Errungenschaft verkaufen will».
«Intersektional»
In ihrer Bieler Resolution bezeichnete die SP den «antimuslimischen Rassismus in der Schweiz» als «eine Form von Rassismus, die wie andere Formen gruppenbezogener Diskriminierung – wie beispielsweise Antisemitismus – strukturell verankert und intersektional wirkt».
Den Satz musste ich zwei Mal lesen. Und das Wort «intersektional» nachschlagen.
Klar ist: So lassen sich keine politischen Erfolge feiern. Und so lassen sich auch keine wirklichen Missstände beseitigen. Deshalb muss die SP auf ihrer Website weit zurückblicken, wenn sie ihre Bedeutung für die Schweizer Politik aufzeigen will. Sie schreibt: «Ohne SP gäbe es keine AHV, keine Mutterschaftsversicherung und kein Frauenstimmrecht.»
Vor 79 Jahren
Die Abstimmungen liegen ein paar Jährchen zurück: Über die Mutterschaftsversicherung haben wir – beziehungsweise unsere Vorfahren – vor 22 Jahren abgestimmt, übers Frauenstimmrecht vor 55 Jahren und über die AHV vor 79 Jahren.
Was also tun – beim nächsten Mal? Rechts der SP wählen? Eher nicht. Weiterhin SP wählen? Vielleicht. Gar nicht mehr wählen, wie es zwei Drittel der Berner und Bernerinnen am Wochenende getan haben? Das wäre dann die allerletzte Möglichkeit.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Ich finde die Einschätzung von Marco Diener sehr zutreffend. Besonders dass die Floskeln für alle Parteien gelten könnten. Was Queer betrifft, teile ich seine Meinung ebenfalls. Mit ganz ganz wenigen Ausnahmen gibt es bei Mensch und Tier nur zwei Geschlechter und selbst diese haben für die Eignung für ein politisches Amt nur zweitrangige Bedeutung.
Was wähle ich bloss beim nächsten Mal ?
Bravo Marco, bin 100 Prozent einverstanden. Mit verschrobener Gender-Politik und schöngeredetem Islamismus verschreckt die Partei inmer mehr vernünftige Menschen, welche bisher soziale Anliegen noch unterstützten.
Frage mich auch, wohin das führt, wenn geschlechtliche Ausrichtung wichtiger wird als Frieden, Kritik an der militärischen Hochrüstung, Zerstörung der Umwelt auf immer schlimmere Art und Weise wie neuesten Bitcoin und Vielfliegerei etc., Zerstörung der Häuser und Lebensgrundlagen friedliebender Menschen. Diese Liste lässt sich noch um sooo Vieles erweitern.
Aber – wie haben alles im Griff auf dem sinkenden Schiff…
PS. Das heisst nicht, dass ich mich über die Errungenschaften im Bezug auf die Geschlechtliche Ausrichtung nicht freue. Wie dieses Thema unseren Alltag inzwischen belastet, statt dass es einfach Normalität ist, das stört mich.
Seit einigen Jahren geht es mir auch so. Angefangen hatte es mir der absolut unkritischen Haltung der SP und der Grünen in der Corona-Geschichte und später mit dem Ukraine-Krieg.
Es sind Exponenten aus früheren Zeiten wie Rudolf Strahm und Wolf Linder, die immer noch überzeugen, aber die machen leider nicht die SP aus. – Wahlen sind schwierig geworden.
Im Gegensatz zu Herr Diener habe ich mich bei der Wahl gar nicht schwer getan. Womit auch? Das Abstimmungscouvert war relativ schnell im Altpapier. Auch bei der nächsten Wahl wird es wohl keine Probleme geben. Oder es würde tatsächlich noch eine Partei mit Verstand an Stelle von Ideologie auf den Plan treten.
Marco Diener spricht mir aus dem Herzen ! … Seit jeher der SP verbunden, fürchte ich nunmehr zunehmend, meine politische Heimat zu verlieren. Fühle mich immer weniger imstande, die von tonangebenden SP-Kreisen (vorab der JUSO) mit Hingabe betriebene Identitätspolitik mit meinem Wahlverhalten mitzutragen, bekunde mit dem in jenen Kreisen vertretenen, naiven Kulturrelativismus (Stichwort islamisches Kopftuch) grösste Mühe und kann mit dem die Grenzen zum politischen Sektierertum streifenden, bei der Linken grassierenden Wokismus und der Cancel «Culture» sowie den anmassenden, bevormundenden Gender-Gaga-Sprachregelungen rein gar nichts anfangen.
Mir geht es genau gleich wie Marco Diener. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass die SP zu einer Pubertätspartei wird. Bei geopolitischen Fragen sehr unkritisch, bei CH-Politik sehr unreif. Die grossen Fragen, wie Neutralität, Sinn und Unsinn von Sanktionen, politisches Verhalten in internationalen Fragen, Liebäugeln mit EU und Nato usw., alles Fragen, die ohne Tiefgang und fundiertem Wissen behandelt werden. Auch Lösungen zur Kriminalität und Einwanderung werden nicht seriös behandelt. Kein Wunder, dass die SVP Auftrieb hat!
Ich habe mich inzwischen zur POP-PT gewendet, eine Partei, die es im Kanton Bern leider nicht gibt. Deshalb stimme ich nicht mehr für eine Partei, sondern für einige SP-Personen, die noch akzeptabel sind.
Mir geht es genauso. Habe 30 Jahre stramm links gewählt,dann kam die Pandemie und den meisten Linken wurde erfolgreich eingeredet, dass Massnahmenkritiker rechte Antisemiten seien und somit hat praktisch die gesamte Linke,die Künstler und die Unis jede vermeindliche Corona Maßnahme kritiklos befürwortet, denn es ging ja eigentlich um den Kampf gegen Rechts….
Auch finde ich die Kriegsgeilheit der Linken im Ukraine Krieg sehr befremdlich. Wenn Waffenlieferungen wichtiger sind als Diplomatie, dann sind es definitiv nicht mehr meine Werte.
Auch richtig, der ganze woke Gugus,oder auch Identitäts Politik genannt, stehe ich kritisch gegenüber. Wenn Rasse,Geschlecht und sexuelle Ausrichtung plötzlich wichtig sein soll,denke ich, dass Sexismus und Rassismus in linken Kreisen weit verbreitet sind.
Deshalb stand ich vor dem gleichen Dilemma wie der Autor. Links kann ich nicht mehr wählen, Rechts möchte ich (noch) nicht. Da hab ich die Liste der Piraten eingeworfen und den König gewählt;)