Kommentar

kontertext: Der Sexualverbrecher als Jude

Felix Schneider © zvg

Felix Schneider /  Neuerdings erscheint Jeffrey Epstein als Jude, auch im «Infosperber». Eine Replik auf den Artikel von Urs P. Gasche.

Es war zu erwarten! Es war zu erwarten, dass einer kommt, mit dem Finger auf Epstein deutet und dem Publikum zuruft: Seht her, er war Jude! Mehr braucht er gar nicht zu sagen, die Verbindung zu den pädophilen Verbrechen stellt sich bei der heutigen Nachrichtenlage automatisch ein. 

Der erste, der kam, war Jean-Luc Mélenchon. Er mokierte sich über die amerikanische Aussprache «Epstiin» und sagte: Das ist doch der Epstein. Oder müssen wir jetzt «Frankenstiin» sagen? Auch er musste nichts hinzufügen, die Botschaft war klar: Es geht um einen Juden.

Dass der nächste, der kam, ausgerechnet Urs P. Gasche ist, der Gründer und Doyen des «Infosperber», enttäuscht, weil er beansprucht, ein kritischer Journalist zu sein und in dieser Hinsicht auch viel geleistet hat. Umso dringlicher ist es, ihm zu widersprechen. Es geht um den Ruf des «Infosperber».

Belege, die keine sind

Gasche beruft sich auf Vorwürfe von dritter Seite und behauptet, sie würden durch die Epstein-Files bestätigt. Diese Vorwürfe lauten: «‹Epstein verstand sich als Jude, der Nicht-Juden überlegen ist›» und er habe «auffallend häufig» und «häufig abschätzig» das Wort Goy oder Goyim verwendet. Als Belege führt Gasche vier Beispiele an:

Einmal macht sich Epstein lustig über Goyim, die sich in der realen Welt herumschlügen, während die Juden mit Leerverkäufen Geld machten. Ein anderes Mal spricht Epstein von «brillanten Wasps» (White Anglo-Saxon Protestants). Beim dritten Mal beschimpft er einen Bekannten mit den Worten: «‹Du hast dich genauso verhalten wie die Goyim, die du nicht respektierst›». Und schliesslich spricht Epstein auch gelegentlich von gegnerischen Staatsanwälten als von Goyim, die seine Geschäfte nicht verstünden. 

Keines dieser Beispiele geht über ironische Witzeleien hinaus, die man blöd oder geschmacklos finden kann, die aber zur Ausdrucksweise aller Minderheiten und Communitys gehören. In Berlin witzeln Immigranten und ihre Kinder über «Bio-Deutsche», in Shanghai Chinesen über «Langnasen», in New York PoC über «Crackers». Eine gewisse mässige und ironische Idealisierung der Peergroup bleibt dabei durchaus im Bereich des Harmlosen.  

Erst recht belegen Gasches Beispiele nicht den Hammer-Vorwurf, den Gasche zum Schluss seines Artikels erhebt – wiederum in Form eines Zitats Dritter, diesmal von der Künstlerin Maria Farmer, die die erste Strafanzeige gegen Epstein eingereicht und versucht hatte, ihm das kriminelle Handwerk zu legen. In dem Original-Ton, den Gasche zitiert, beklagt sich Farmer zuerst, dass ihr der Zutritt zu einem jüdischen Country Club verweigert wurde und fährt dann fort: «‹Diese Leute glauben, bei Gott, dass ihre DNA besser ist als die aller anderen›». 

Unterschwelliges

Wer sind «diese Leute», von denen Farmer spricht? Nur Epstein und seine Entourage, wie Gasche an einer Stelle behauptet? Oder eben doch «die» Juden, wie die penetrante Betonung von Epsteins Judentum nahelegt? Das verschwimmt. Warum ist es überhaupt wichtig, bei einem Kriminellen sein Judentum zu betonen? Vielleicht eben doch, weil es als Ursache für Kriminalität in Frage kommt? Keine dieser Fragen wird offen verhandelt. Der Grundcharakter von Gasches Artikel ist der der Insinuation, der Andeutung und Unterstellung. Scheinbar spricht Gasche nur von Epstein, einem Einzelnen. Scheinbar trägt er nur Fakten vor, denn es stimmt ja, Epstein war Jude und hat das Wort Goy ironisch-abschätzig verwendet. Aber Gasches Auswahl, Zusammenstellung und Gewichtung von Fakten und Zitaten setzt immer und immer wieder ein Gleichheitszeichen zwischen dem Verbrecher Epstein und «den» Juden oder dem Judentum, ohne dies offen auszusprechen. 

Wie der «Tages-Anzeiger» und die «Sonntags-Zeitung» am 27. und am 29. März 2026 berichteten, vertrat Epstein tatsächlich teils abstruse, teils faschistoide Ideen von der Verbesserung der Gattung Mensch durch eine Reihe von Technologien wie Zuchtmassnahmen, Gen-Manipulationen, KI und Kältetechnik. Im Unterschied zu Gasche vermeidet es aber der Journalist von Tamedia, Epsteins technokratischen Verbesserungs-Wahn in Zusammenhang zum Judentum zu setzen. 

Ich will noch nicht einmal sagen, die religiöse Idee vom auserwählten Volk habe gar nichts zu tun mit dem Rassismus gewisser heutiger, vor allem israelischer Juden. Aber der Weg vom alten Bund mit Gott zu der Überlegenheits-Arroganz, die sich primär gegen Palästinenser richtet, ist doch ein sehr langer und verschlungener. Ihn zu ignorieren und nahezulegen, wer das jiddische Wort Goy verwende, sei ein Suprematist – das ist doch eine schlechte Methode. 


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Duplik von Urs P. Gasche

Felix Schneider unterstellt mir, ich hätte Epstein mit «den Juden» gleichgesetzt, «ohne dies offen auszusprechen». Dieser Vorwurf ist haltlos. Eingangs betone ich ausdrücklich, dass sich Farmers Kritik «nicht auf sämtliche Juden bezog, sondern auf die Einstellung von Epstein und seiner Entourage». 

Schneider bezieht sich auf ein Zitat ganz am Schluss von Maria Farmer, die als erste gegen Epstein geklagt hatte. Schneider fragt zum Zitat: «Wer sind ‹diese Leute›, von denen Farmer spricht? Epstein und seine Entourage? Oder eben doch ‹die› Juden? Das verschwimmt.»

Das verschwimmt nicht. Schneider unterschlägt einen Teil des Zitats, in dem Farmer unmissverständlich sagt, wer diese Leute sind: «Das war bei ihnen ständig ein Thema. Bei Eileen Guggenheim, bei Jeffrey Epstein, bei Ghislaine.» 

Also nicht bei «den» Juden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.

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14 Meinungen

  • am 1.04.2026 um 11:21 Uhr
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    Habe UP. Gasches Text extra nochmals genau gelesen. Für mich scheint F. Schneiders Kritik daran nicht angebracht.
    Gehöre zu den Leute, die gerne wissen, was für eine Herkunft eine Person der Öffentlichkeit vorzuweisen hat, ob sie oder er christlich, islamisch, jüdisch, hinduistisch oder atheistisch etc. sozialisiert worden ist.

  • am 1.04.2026 um 11:32 Uhr
    Permalink

    Wikipedia: «An allem sind die Juden schuld ist ein politisch-satirisches Couplet des deutschen Komponisten Friedrich Hollaender. Es wurde im September 1931..Kabarett Tingel-Tangel-Theater uraufgeführt….:
    An allem sind die Juden schuld!
    Die Juden sind an allem schuld!
    Wieso, warum sind sie dran schuld?
    Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld.
    Und Sie mich auch! Sie sind dran schuld!
    Die Juden sind, sie sind und sind dran schuld!
    Und glaubst du’s nicht, sind sie dran schuld,
    an allem, allem sind die Juden schuld!
    Ach so!

    Höchst begrüssenwerte Aussage von Felix Schneider: «.., ausgerechnet Urs P. Gasche ist, der Gründer und Doyen des «Infosperber», enttäuscht, weil er beansprucht, ein kritischer Journalist zu sein… Umso dringlicher ist es, ihm zu widersprechen. Es geht um den Ruf des «Infosperber».»
    Danke Felix Schneider für Ihr Kontertext, der veröffentlicht wurde.

  • am 1.04.2026 um 11:50 Uhr
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    Ich finde beide Artikel nötig, weil damit verständlicher wird, dass es in der Gruppe Gruppen gibt … Es sind nicht alle schlecht. Jede Person kann einen Unterschied machen!

  • am 1.04.2026 um 12:11 Uhr
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    Herzlichen Dank, Felix Schneider, für die Freilegung des latenten Antisemitismus im fraglichen Epstein-Artikel. Antisemitismus ist auch in unserer säkularen Gesellschaft tief verankert. Der Hinweis auf Epsteins Glaubenszugehörigkeit und seine Bezeichnung von Nicht-Juden als «Goy» ist im Zusammenhang mit seinen Straftaten völlig irrelevant und entlarvt sich als antisemitisch motiviert. Eine kleine Gegenprobe legt dies offen : Wird die Glaubenszugehörigkeit bei anderen verurteilten Sexual Straftätern journalistisch thematisiert? Definitiv nicht!

    • Favorit Daumen X
      am 1.04.2026 um 17:40 Uhr
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      Der Name wurde – entgegen Ihrer Darstellung – nicht im Zusammenhang mit seinen Straftaten erwähnt. Es ging darum, dass Epstein und seine Entourage sich als Juden verstanden, die Nicht-Juden überlegen sind. Das hatte als erste Maria Farmer berichtet. Die kürzlich veröffentlichten Epstein-Files haben dies bestätigt, wie im Artikel nachzulesen ist. Der Artikel bezog sich ausdrücklich auf Epstein und seine Entourage. Die meisten Juden reden über Nicht-Juden nicht abschätzig und behandeln Nicht-Juden auch nicht als minderwertige Menschen.

    • am 3.04.2026 um 08:23 Uhr
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      Geht es hier nicht auch um die Obsession als Semit, Jude oder Israeli gesehen zu werden, und eben nicht als Goyim? Obwohl nur wenige Begründer Israels Semiten waren, aber der Begriff Antisemitismus ganz für sich alleine beanspruchen und ihre Gastgeber, die Palestinenser, als „Goyim“, echte Semiten übrigens, mit Füssen treten. Alle zucken bei Wort „Jude“ zusammen. War das nicht schon von Anfang an die Obsession, überheblich oder angsteinflössend zu wirken. Nicht einfach nur ein Teil der Welt, sondern die überlegene Spitze der Welt.

  • am 1.04.2026 um 12:14 Uhr
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    Ein interessanter Disput zweier von mir hoch geschätzter Autoren. Schneider wirft Gasches Artikel einen Grundcharakter der Insinuation, Andeutung und Unterstellung vor. Genau diesen Eindruck erhalte ich allerdings von Schneiders Replik. Wird denn hier nicht insinuiert, angedeutet und implizit unterstellt, Gasche bediene den Antisemitismus? Es wäre das heutzutage so wohlfeile Totschlagargument, das jede vernünftige Diskussion verunmöglicht. Gasches sachliche Duplik spricht überzeugend für sich.

  • am 1.04.2026 um 12:28 Uhr
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    zit(«.. die religiöse Idee vom auserwählten Volk …») – Die religiöse Idee vom auserwählten Volk IST die Basis der israelischen Staatsraison. Das könnte uns Goyim ja schnuppe sein – aber die israelischen Schlußfolgerungen daraus sind es eben nicht. Ich weiß nicht mal, ob die Israelis die Palästinenser als minderwertig betrachten – manches Verhalten deutet darauf hin – aber solche kruden Anbsichten gibt es in vieler Hinsicht überall auf der Welt. Absolut entscheidend ist aber nicht diese Hypothese, sondern die TATSACHE, daß Israel LANDANSPRÜCHE aus diesem religiösen Mythos ableitet – und sie mit zunehmender Gewalt gegen die dort ansässigen MENSCHEN durchzusetzen versucht und alle Proteste dagegen mit der absichtlich verschleiernden Verbalkeule «Antisemitismus» diffamiert. Verschleiernd deshalb, weil die Juden zwar ethnisch Semiten sind, aber nicht die einzigen. Damit wird eine berechtigte politische Kritik an ISRAEL zu einer pauschale rassistische Diffamierung einer ganzen Ethnie.

  • am 1.04.2026 um 14:14 Uhr
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    Nein Felix Schneider, so wie hier insinuiert (?) wird, habe auch ich den Artikel von Herrn Gasche nicht gelesen. Man hätte darin vielleicht betonen können, dass es sich beim Fall Epstein in erster Linie um eine Klassenfrage handelt. Epsteins Services haben ja aller Art von High Society gedient. Aber wahr ist auch, dass sich in der US-Amerikanischen Oberschicht zahlreiche Leute tummeln, die sich (nicht von aussen bestimmt sondern selber) ausdrücklich als Juden präsentieren. Und, wer Wörter der Abschätzung vergleichbar mit Goym gegenüber einem Juden äussern würde, der gälte als Antisemit. Nicht vergessen wollte man auch, Epsteins Verwicklung in Israels mörderische Politik.

  • am 1.04.2026 um 17:55 Uhr
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    Als ich in den 70er Jahren in den USA mein Masters Studium absolvierte, staunte ich, wie häufig ich gefragt wurde: «Are you Jewish». Es waren meine jüdischen KollegInnen die fragten.
    Ob diese Frage heute Tabu ist, weiss ich nicht.

  • am 1.04.2026 um 18:59 Uhr
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    Abgesehen davon, dass es nicht der Zensur unterliegen sollte mitzuteilen, wessen Glauben jemand ist, zumal bei Strenggläubigen, finde ich das besonders indiziert bei Epstein, wegen möglicher Verbindung zu Mossad und USA, und um zu verstehen, wozu er sein – pikanterweise schwerreiches: «die Herkunft von Teilen des am Ende auf 600 Millionen geschätzten Epstein-Vermögens blieb auch nach monatelanger Recherche unklar» [watson 8.2.2026] – weltweites «Netz» unterhielt, offenbar für heimliche Video-/Audio-Aufnahmen, um Prominente «gefügig» machen zu können.

  • am 2.04.2026 um 12:57 Uhr
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    Die hohe journalistische Qualität (der «gute Ruf») des Infosperber hat durch Urs P. Gasches Artikel meines Erachtens nicht gelitten – im Gegenteil: Dass Felix Schneiders Replik und die nachfolgenden Kommentare hier Platz und Gehör bekommen, zeigt (schon fast exemplarisch), wie offen, kompetent und sorgfältig die verantwortlichen Menschen beim Infosperber arbeiten.

  • am 3.04.2026 um 11:09 Uhr
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    Ich schätze IS und U.P. Gasche sehr, aber ich habe den Artikel ähnlich gelesen wie F. Schneider. Gerade wenn über Minderheiten geschrieben wird, die Teilen der Bevölkerung (natürlich immer zum Vorteil der herrschenden Klasse) als Sündenböcke dienen, muss extrem aufgepasst werden, diese Narrative nicht zu bedienen. Egal, ob es sich um Muslime oder Juden oder sonstwen handelt.
    Die Frage ist, welchen „Spin“ die Geschichte erhält. Es scheint mir logisch, dass solche Leute ihre Überlegenheit auf jede erdenkliche Art begründen. Hauptsache man ist besser als die anderen. Und schliesslich macht man ja auch Geschäfte mit jedem, der die Macht und die Mittel hat. Angehörige aller Religionen tauchen in den „Files“ auf und wenn Verbindungen zu Israel oder jüdischen Menschen überrepräsentiert sind, dann bestimmt deshalb, weil Epstein diesen Kreisen herkunftsbedingt näher war.
    Aus so vielen möglichen Zusammenhängen den Juden stärker zu betonen als den Reichen scheint mir ziemlich suspekt.

  • am 3.04.2026 um 14:01 Uhr
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    Ich finde es bemerkenswert, wie auch der verabscheuenswürdige Jeffrey Epstein bezüglich seiner Verwendung des Wortes Goj verteidigt und entschuldigt wird. Wenn man mehr über die Bedeutung eines Substantivs erfahren will, so schaut man, wie es adjektivisch verwendet wird. Dann ist der Fall schnell klar: Der gojshe kop hilft uns Gojs weiter: Google AI: Der Begriff «wird in der Regel verwendet, um eine Person zu beschreiben, der es an Scharfsinn, gesundem Menschenverstand oder der Fähigkeit zu komplexem, analytischem Denken mangelt.» Noch Fragen?

    Bei uns Gojs wird oft jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und dann die Antisemitismus-Keule geschwungen. Was jemand sonst noch alles gesagt hat, ist unerheblich. So verhält man sich nicht, wenn man miteinander auf Augenhöhe verkehrt.

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