Kommentar

Drohnen-Vorfall: «SRF» und Tamedia unterschlugen Dementi

Martina Frei © zvg

Martina Frei /  Was Russland zum schweren Vorwurf sagt, war erst einmal kein Thema. Die «NZZ»-Konkurrenz war professioneller und schneller.

Der Feind ist ein Barbar und kämpft mit unlauteren Mitteln. Wer die Berichterstattung über den Feind in Zweifel zieht, ist ein Verräter. Das sind zwei der zehn Prinzipien der Kriegspropaganda, die nicht nur im Osten, sondern auch im Westen betrieben wird.

«Das US-Militär hat seine Propagandaabteilung gewaltig ausgebaut. Nichts wird unversucht gelassen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Laut AP-Recherchen verfügt das Pentagon über 27’000 Personen, die ausschliesslich für die Öffentlichkeitsarbeit (PR, Werbung, Rekrutierung) zuständig sind», berichtete der «Tages-Anzeiger» 2009. Wofür die gewaltigen Ausgaben für die «PR-Maschinerie des Militärs» genau eingesetzt würden, «bleibt meist geheim».

Im März 2023 erfuhr die Öffentlichkeit, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst Honorare an Journalisten zahlt. Wofür genau und warum, blieb ebenfalls geheim. 

Im Oktober 2025 beschrieb «SRF», dass das US-Kriegsministerium Journalisten an die Kandare nehmen will: «Medienschaffende sollen nur noch über Neuigkeiten berichten, die das Pentagon offiziell abgesegnet hat.» Journalisten, die sich nicht daran halten würden, drohe der Entzug der Akkreditierung. Kriegsminister Pete Hegseth «empfinde die Presse als ‹sehr störend für den Weltfrieden und vielleicht für die Sicherheit unserer Nation›», zitierte «SRF» den US-Präsidenten Donald Trump.

Nato und EU werden zitiert, Russland nicht

Diese Woche berichteten Medien nun vom Dohnenangriff auf den Flughafen Leipzig. Was davon ist Propaganda, was stimmt?

«Die Spur führt nach Moskau», schrieben die Tamedia-Zeitungen. Der Vorfall «markiert eine neue Eskalation der hybriden Kriegsführung». Ein schwerer Vorwurf.

Die Tamedia-Journalisten zitierten den Nato-Generalsekretär Mark Rutte, der die Beweislage als «eindeutig» taxierte. Auch EU-Generalsekretärin Ursula von der Leyen kam zu Wort: «Die EU stehe ‹in voller Solidarität› an der deutschen Seite angesichts des russischen Angriffs». 

Was das beschuldigte Russland zu dem Vorwurf sagt, erfuhren die Leser erst einmal nicht. Obwohl Russland laut einem Experten bereits in die «Phase null» des Kriegs gegen die Nato eingetreten sein soll. Russland befinde sich «an der Schwelle zum echten Krieg» mit der Nato, steht in einem Artikel, den die Tamedia von ihrem Partner, der «Süddeutschen Zeitung», übernahm.

Der frühere langjährige Politik-Ressortleiter der «Süddeutschen Zeitung» wechselte per Mai 2025 den Posten: Er wurde sowohl Sprecher der deutschen Bundesregierung als auch Chef des Presse- und Informationsamtes der deutschen Regierung und untersteht nun direkt dem Bundeskanzler. Journalisten, die angesichts der trüben Zukunftsaussichten im Mediengeschäft mit dem Gedanken spielen, ebenfalls die Seite zu wechseln, werden sich mit Blick auf künftige Arbeitgeber überlegen, was sie schreiben und wen sie zitieren.

Tagesschau SRF Flughafen Leipzig
Der Flughafen Leipzig ist ein wichtiger Frachtflughafen, auch für militärische Hilfslieferungen an die Ukraine.

Handwerkliche Fehler

Als die Meldung, Deutschland bezichtige Russland, am Dienstag die Runde machte, wurden auch die Hörerinnen und Hörer von Radio «SRF» zunächst nicht informiert, ob Russland zu den Vorwürfen (zustimmend) schweigt oder diese dementiert. In der «Tagesschau» erwähnte der Osteuropa-Korrespondent David Nauer immerhin ganz kurz, dass Russland die Urheberschaft leugne. «10 vor 10» berichtete am gleichen Abend sechs Minuten lang ausgiebig über den Leipziger Drohnen-Vorfall – ohne auf das Dementi Russlands hinzuweisen.

Dabei hatte die russische Botschaft, kurz nachdem ihr Botschafter am Dienstag vom deutschen Aussenministerium einbestellt worden war, online eine Stellungnahme veröffentlicht.

«Unbelegt, absurd und dem gesunden Menschenverstand widersprechend», nannte der russische Botschafter in Berlin den Vorwurf der deutschen Regierung. Aus seiner Sicht handle es sich bei dem Vorfall in Leipzig um eine «hastig zusammengezimmerte Provokation», die «ausschliesslich den Interessen des Kiewer Regimes, des militaristischen Flügels der europäischen politischen Klasse sowie der Grossunternehmen des militärisch-industriellen Komplexes dient, die an einer weiteren Anheizung des Ukraine-Konflikts interessiert sind».

Eine der Regeln des Presserats lautet: «Werden schwere Vorwürfe erhoben, ist es […] Pflicht, den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, Stellung zu nehmen.» Der Presserat erlaubt Ausnahmen, etwa «wenn schwere Vorwürfe sich auf öffentlich zugängliche amtliche Quellen (z.B. Gerichtsurteile) stützen». Doch in diesem Fall ist bisher nichts amtlich bewiesen, sondern es wird vermutet. In einer Situation wie jetzt ist von beiden Seiten Propaganda zu erwarten. Tamedia und «SRF» hätten sich mindestens bemühen müssen, eine Stellungnahme der russischen Seite einzuholen.

Leser und Zuschauer müssen sich bei der Konkurrenz informieren

Es kann auch nicht im Interesse der Tamedia-Zeitungen und von «SRF» sein, dass Hörerinnen, Zuschauer und Leserschaft dazu selbst recherchieren müssen – zum Beispiel bei der Konkurrenz «NZZ» oder auf der Website der russischen Botschaft. Die «SDA» und «nzz.ch» informierten am Dienstagabend, dass Russland den Vorwurf bestreitet, die Print-Ausgabe der «NZZ» am Mittwochmorgen.

Die Leserschaft von «Tagesanzeiger.ch» dagegen erfuhr erst am Donnerstag, dass der russische Präsident den Vorwurf der deutschen Regierung schon am Dienstag «als ‹völlig aus der Luft gegriffen› abgetan» hatte; die Leser der gedruckten «Tagi»-Ausgabe konnten dies schliesslich am Freitag lesen. Weiteres aus der russischen Stellungnahme wurde ihnen nicht mitgeteilt.

Das Beispiel Nordstream

Das Ganze erinnert an den Anschlag auf die Nordstream-Erdgas-Pipelines im September 2022. Damals war für verschiedene Politiker und Medien glasklar, dass nur Russland dahinter stecken könne. 

Ein solcher Sabotageakt diene «der Abschreckung und Bedrohung», zitierte beispielsweise «SRF» damals den deutschen CDU-Politiker Roderich Kiesewetter. Der deutschen FDP-Politikerin Strack Zimmermann bot der öffentliche Sender ebenfalls eine Plattform, um ihren Verdacht zu streuen, Russland habe die Sprengung veranlasst. Und auch die Ukraine kam im besagten «SRF»-Artikel zu Wort: «Die Ukraine macht Russland für die Lecks verantwortlich, Präsidenten-Berater Mychajlo Podoljak spricht auf Twitter von einem ‹von Russland geplanten Terrorakt gegen die EU›.» 

Dass Russland diese Vorwürfe stets dementierte und als «dumm und absurd» bezeichnete, erwähnte «SRF» an gleicher Stelle hingegen nicht.

Inzwischen ist der deutsche Generalbundesanwalt überzeugt, dass eine ukrainische Sabotagegruppe für die Sprengung von Nordstream 1 und 2 verantwortlich sein soll. Die deutsche Staatsanwaltschaft hat zwei Ukrainer festgenommen und angeklagt.

Deutsche Regierung hat keine Beweise vorgelegt

Die Beweise, welche die deutsche Regierung für ihre jetzigen Anschuldigungen hat, dass Russland hinter dem Drohnen-Vorfall am Leipziger Flughafen steckt, bleiben vage. Der «SRF»-Fachredaktor urteilte, Deutschland liefere «keine hieb- und stichfesten Beweise». Auch «10 vor 10» erwähnte zu Beginn kurz, dass die deutschen Regierungsvertreter «keine konkrete Beweiskette» vorgelegt hätten, tat dann aber so, als sei bereits alles bewiesen.

«Der Anschlag füge sich ins bekannte Muster russischer hybrider Operationen ein», erfuhren die Tamedia-Leserinnen und Leser. Drohnenkonfiguration, Bauteile, Sprengstoff und Zündtechnik seien aus früheren Anschlägen bekannt. Allerdings: Der gefundene Sprengstoff Semtex wird laut der «NZZ» bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt und wurde während des Kalten Kriegs von Terroristen für Anschläge benützt. Das tönt nicht nach einem Russland-spezifischen Sprengstoff.

Laut verschiedenen Medien sollen deutsche Ermittler aufgrund von DNA-Spuren zwei Personen verdächtigen. Gemäss Recherchen von «NDR», «WDR» und «Süddeutscher Zeitung» handle es sich um einen Belarussen mit russischem Pass und um einen gebürtigen Russen mit lettischem Pass. DNA-Spuren würden nach Litauen, Finnland und Polen führen.

«Die Technologie zeuge von hoher Expertise, der Anschlag sei professionell geplant worden», schrieben die Tamedia-Zeitungen – und erwähnten im gleichen Atemzug, dass ein Busfahrer am Flughafen Leipzig die tief fliegende Drohne mit blosser Hand aus der Luft geschnappt habe und dass der Zünder defekt gewesen sei. Die Sprengladung lag dem «Spiegel» zufolge ein paar Meter weiter. Dass nicht mehr passiert sei, habe wohl daran gelegen, «dass nicht nur Profis des russischen Geheimdienstes eingebunden waren, sondern offenbar auch sogenannte Wegwerfagenten, für kleines Geld angeheuerte Handlanger».

Ist das professionelle Planung und hohe technologische Expertise? 

Spekulationen über die Motive

Russland wolle die deutsche Bevölkerung verunsichern, sie spalten, Angst säen, damit Deutschland die Ukraine nicht mehr unterstütze. Das seien die wahren Motive für den Drohnenangriff, heisst es.

Über Motive, welche die deutsche, die ukrainische oder die US-amerikanische Regierung haben könnten, spekulieren grosse Medien hingegen nicht: Die deutsche Regierung beispielsweise ist innenpolitisch unter Druck. Sie muss begründen, warum sie Abermilliarden Neuverschuldung für Kriegsmaterial in Kauf nimmt. Und die regierende CDU will am kommenden Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt eine Niederlage abwenden. Der ukrainischen Regierung käme es gelegen, wenn ihr die Nato im Krieg gegen Russland mehr helfen würde, als sie es jetzt tut. Die US-Regierung (und all die Waffenhersteller im Westen) möchten ihre Waffenverkäufe weiter ankurbeln.  

Noch gibt es keine eindeutigen Indizien, geschweige denn Beweise, wer die Leipziger Drohne geschickt hat. Es kann durchaus sein, dass der russische Staat die Fäden zog. Vielleicht kommt irgendwann später aber auch heraus, dass es anders war.

Die ungeschriebene elfte Regel der Kriegspropaganda lautet: Botschaften, die dem eigenen Ziel dienen, ständig wiederholen. Und die zwölfte Regel: Widersprüche ausblenden. Unabhängige Medien sollten sich dafür nicht einspannen lassen.

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