Trump geht in die Offensive gegen europäischen Antifaschismus
Am 26. August 2026 veröffentlichte das U.S. Department of State eine Mitteilung, in der es das italienische Hosting-Kollektiv Autistici/Inventati (A/I) zur «Specially Designated Global Terrorist» (SDGT) Organisation erklärte. Innerhalb eines Monats müssen US-Entitäten und -Bürger:innen sämtliche Beziehungen zum Kollektiv abbrechen, wenn sie sich nicht strafbar machen wollen. Zudem erwirkte das Department einen Takedown der von A/I bereitgestellten Dienste mittels DNS-Blockade – einer technischen Sperre, die dafür sorgt, dass die entsprechenden Internetadressen nicht mehr wie gewohnt erreichbar sind.
Zwei Tage später gelang es einer unbekannten Partei, auf die Blog-Server des Kollektivs zuzugreifen, eine Webseite zu übernehmen und sich Zugriff auf dessen Mastodon-Account zu verschaffen. A/I kann nicht ausschliessen, dass die Eindringlinge auch Zugriff auf die Nutzer:innen-Datenbank der Blog-Plattform hatten und so sämtliche E-Mail-Adressen und Passwort-Hashes der Blog-Administrator:innen einsehen konnten. IP-Adressen speichert A/I nach eigenen Angaben nicht, weshalb solche Daten auch nicht erbeutet werden konnten. Ein Zusammenhang zwischen den beiden Vorfällen kann nicht ausgeschlossen werden.
Infrastruktur für die radikale Linke
Autistici/Inventati ist ein von Freiwilligen geführtes Kollektiv, das neben E-Mail-Infrastruktur – über 20’000 E-Mail-Konten sowie mehr als 1’000 Newsletters und Mailinglisten – auch digitale Publikationswerkzeuge für über 10’000 Webseiten und Blogs bereitstellt. Die Dienste sind kostenlos und richten sich an Menschen und Gruppen, die sich politisch den Zielen des Vereins zuordnen: Antifaschismus, Antirassismus und Antikapitalismus. Sämtliche Arbeiten werden ehrenamtlich geleistet, die anfallenden Kosten durch Spenden gedeckt.
Von US-Behörden kontaktiert wurde das Kollektiv nach eigenen Angaben nie. Von seiner Einstufung erfuhr es durch einen Post auf X von US-Aussenminister Marco Rubio. Die Designation als SDGT-Organisation hatte unmittelbare Folgen: PayPal, über das A/I seine Spenden abwickelte, sperrte das Konto des Kollektivs und damit seine einzige Einnahmequelle.
Während die Trump-Administration Verbindungen zur Hizbollah behauptet, indem sie A/I vorwirft, Infrastruktur für die Verbreitung von deren Mitteilungen und Aufrufen bereitzustellen, das Kollektiv für verschiedene «terroristische» Anschläge verantwortlich macht und vor den Gefahren gewaltbereiter linksextremer Aktivist:innen warnt, weist A/I in einem Blogpost sämtliche Anschuldigungen zurück: «Antifaschismus und Antikapitalismus sind kein Terrorismus. Protest ist nicht Terrorismus. Und jede:r hat das Recht, die eigene Meinung zu sagen und für Menschlichkeit zu kämpfen.»
Ein Präzedenzfall
Der Angriff der Trump-Regierung markiert einen neuen Höhepunkt ihrer Offensive gegen ideologische Gegner. Was zunächst wie eine notwendige Aktion gegen eine fragwürdige Gruppe erscheinen mag, ist zugleich ein effektiver Schlag gegen eine wesentliche digitale Infrastruktur linker Aktivist:innen aus unterschiedlichsten Bewegungen.
Digitale Infrastruktur ist in den vergangenen Jahren derart stark monopolisiert worden, dass selbst bei kleinen, lokalen Anbieter:innen nicht selbstverständlich davon ausgegangen werden kann, dass sie ausserhalb der Einflusssphäre der USA operieren. Selbst wenn E-Mails nicht direkt von Google oder Microsoft gehostet werden, betreiben die Cloud-Sparten von Amazon, Google und Microsoft einen erheblichen Teil der weltweiten IT-Infrastruktur. Hinzu kommen Zahlungsdienstleister, Domain-Registrare und andere Unternehmen, ohne die sich digitale Angebote kaum betreiben lassen.
Vom unmittelbaren technischen Schaden dürfte sich das Kollektiv vergleichsweise leicht erholen können: Sobald eine neue Domain eingerichtet ist, kann auch die E-Mail-Infrastruktur wieder aufgeschaltet werden. Schwieriger abzuschätzen sind die politischen und rechtlichen Folgen. Ob Europa beziehungsweise Italien der Trump-Administration folgt, Autistici/Inventati ebenfalls als Terrororganisation einstuft oder weitere rechtliche Schritte einleitet, bleibt offen. In jedem Fall handelt es sich um einen Präzedenzfall.
Die Folgen über die Szene hinaus
Der Ruf des Kollektivs dürfte in der eigenen Szene kaum Schaden nehmen. Offiziell zu den Feinden Trumps zu gehören, stärkt dort eher das antifaschistische Image. Von einem effektiven Schutz digitaler Infrastruktur gegen sogenannte «state-level actors» – also Angreifer, die über die technischen und finanziellen Mittel eines Staates oder seiner Geheimdienste verfügen – konnte ohnehin nie ausgegangen werden.
Bedeutsamer könnte sein, wie die Einstufung ausserhalb dieser Szene wahrgenommen wird. Dass sie die gesellschaftliche Mitte weiter polarisiert und die Anschuldigungen als Grundlage einer kommenden ideologischen Hetzjagd dienen könnten, ist zumindest möglich. Der Vorgang lässt sich deshalb nicht nur als Angriff auf militante oder anderweitig radikale politische Gruppierungen der Linken verstehen, sondern auch als Zensurversuch gegen eine Infrastruktur, auf der zahlreiche unkommerzielle Medien und Publikationsprojekte beruhen.
«Was wir tun, ist legitim und wichtig», lässt sich ein Mitglied des Kollektivs in La Repubblica zitieren. «Wir vertreten die Idee des Internets als eines offenen und freien Orts der Kommunikation, wo Gedanken frei von der Kontrolle von Staaten und privaten Gesellschaften ausgedrückt werden können. Dies zu verbieten ist nicht nur ein Problem für ein kleines Kollektiv wie unseres, sondern ein vielschichtigeres Problem, da es Plattformen und Infrastrukturen trifft, die demokratisch sind, allen zur Verfügung stehen und nicht in Privatbesitz sein sollten.»
Belege für die zahlreichen angeblichen Verbindungen des Kollektivs zu anerkannten Terrororganisationen führt das Department of State nicht auf.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Unter dem Pseudonym G. Schwarzschild schreibt ein:e IT-Expert:in und Entwickler:in freier Software. Das Pseudonym dient sowohl dazu, ehrlich und klar Kritik zu äussern, als auch frei von den Interessen der Arbeits- und Auftraggebenden Tatsachen und Meinungen wiederzugeben. Die Person ist der Redaktion bekannt.
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